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Das Rätsel um den Europäischen Flussaal
Geschrieben von: Administrator   
Samstag, den 29. Mai 2010 um 16:23 Uhr

Europäischer Flussaal Europäischer Flussaal

Der Lebenszyklus des Europäischen Aales gab den Menschen über viele Jahrhunderte Rätsel auf.

In der Sitzung des naturhistorischen Vereins der preußischen Rheinlande und Westfalens am 14. Februar 1876 informierte der Zoologe Professor Franz Hermann Troschel (1810-1882) von den neuesten Erkenntnissen des französischen Biologen Dr. Camille Dareste (1822-1899) über die Fortpflanzung des europäischen Fluss-Aals:


„Schließlich berichtete Prof. Troschel, dass durch Untersuchungen von Dareste die Kenntnis von der Fortpflanzung der Aale in ein neues Stadium getreten ist. Dareste bestätigt zwar die Angaben von Syrski**), dass die männlichen Aale kleiner seien als die gewöhnlichen Flussaale, hat aber auch unter diesen kleineren Aalen weibliche gefunden. Er ist nun der Ansicht, dass die fortpflanzungsfähigen Aale im Meere bleiben, gar nicht in die Flüsse steigen, dass dagegen die sterilen Exemplare ins süße Wasser gehen und zu einer bedeutenderen Größe gelangen. Diese Theorie gewinnt dadurch an Wahrscheinlichkeit, dass die für die Ökonomie des Menschen günstigere Entwicklung steriler Fische auch bei anderen Arten, z. B. bei den Salmen, bekannt ist, und sie erklärt zugleich den Umstand, dass man bei den in Flüssen gefangenen Aalen nie die Reproduktionsorgane in ausgebildetem Zustande gefunden hat.“

Die Frage der Fortpflanzung des Europäischen Aales war lange Zeit geheimnisvoll und rätselhaft. So war der griechische Philosoph und Wissenschaftler Aristoteles (384 v. Chr. – 322 v. Chr.) noch überzeugt, dass Aale aus Staub oder Schlamm entstünden. Auch wurden Aale immer wieder in Verbindung mit Schlangen gebracht und eine Verpaarung beider Arten galt als bewiesen. Ein Grund dafür, dem Aal [Anguilla] heilende Kräfte zuzuschreiben und ihn in der Volksmedizin zu verwenden. Dem Reisebericht*) des Konsistorialrates Johann F. Zöllner (1753-1804) aus dem Jahre 1795 verdanken wir nicht nur ein faszinierendes Sittenbild der Einwohner Wollins, sondern auch Auskunft über deren Wissen zur Fortpflanzung des Aals:

„Die Fische, die hier am häufigsten gefangen werden, sind Aale, Zander, Hechte, Plötzen, Barsche, Ukeleie, Zährten, Bleie, Gründlinge, Stinte, zuweilen auch Lachse. Die Stinte werden zum Verspeisen allein im Winter gefangen. Im Sommer, wo sie größer und fetter sind, vermutlich gegen die Laichzeit, fischt man sie häufig, um einen weißen Tran daraus zu sieden, welches die Fischer selbst tun. Die Aale werden von der Mitte des März an, den größten Teil des Sommers hindurch gefangen, und teils frisch, teils geräuchert verkauft. Das Räuchern ist eine Beschäftigung der Weiber. Die sogenannten Spickaale werden, wenn sie, wie die gewöhnlichen geräucherten, gehörig eingesalzen sind, in kochendes Wasser getaucht und erst dann, ein Spieß voll neben dem andern, in den Rauch von Sägespänen gehangen. Wenn sie die erste fast bratende Hitze erhalten haben, hängt man sie immer höher und höher in den Rauchfang, bis sie genugsam gedürrt und vom Rauch durchzogen sind. Die kleineren Aale können mit einem sehr starken Rauche in ein paar Stunden völlig gut gemacht werden. Zu den größeren, die bei einem allzuschnellen Räuchern nicht gut zu geraten pflegen, sind einige Tage nötig. Mit den geräucherten Aalen wird, gößtenteils unter dem Namen der Pritter-Aale, ein ansehnlicher Handel nicht nur durch die Provinz, sondern auch nach der Mark, vornehmlich nach Berlin und Frankfurt, und nach Schlesien getrieben.

Wir besuchten einige Fischerwohnungen in der Wieke, wohin wir über den ehemaligen Wall zwischen lauter Gärten gingen, und fanden die Leute alle sehr freundlich und bereitwillig, uns alles zu zeigen. Unter andern gab uns ein gesprächiger alter Mann umständliche Auskunft über die Verfertigung, das Räuchern und Ausbessern der Netze und über die Lebensweise der Fischer; auch zeigte er uns, wie sie mit der Gliepe (vielleicht Griepe, einem Sacke von Netz, der zu beiden Seiten an zwei langen Stöcken befestigt ist,) die Fische aus dem Tuckerkahne herausgreifen und sie aus dieser mit dem Kescher der hier Kesser gesprochen wird,) holen. Wir fragten ihn, ob der Aal sich durch Gebären lebendiger Jungen, oder durch Eier fortpflanze. „Ja, sagte er, ich bin ein alter Mann, und habe in meinem Leben viel tausend Aale gefangen; aber wenn ich das sagen sollte, müßte ichs lügen. Kleine Aale, wie eine Segelnadel oder eine Gabelspitze habe ich genug gesehen, aber niemals welche im Bauche einer Aalmutter. Eben so wenig habe ich Aaleier gefunden.“


Auch Siegmund Freud (1856-1939) beteiligte sich, dieses Rätsels der Natur zu lösen, als er 1875 ohne Angabe von Gründen das Schwergewicht seines Interesses zwischenzeitlich auf die Zoologie lenkte. In der k. k. Zoologischen Station in Triest untersucht der Arzt und später weltweit bekannte Psychoanalytiker 1876, über nahezu 6 Monate hinweg, die Geschlechtsorgane des Aals. Aus einem Brief an seinen Freund Silberstein erfahren ist darüber zu erfahren:

„Du kennst den Aal. Lange Zeit hindurch war von dieser Bestie nur das Weibchen bekannt, schon Aristoteles wußte nicht, woher die Männchen nehmen, und ließ sie deshalb aus dem Schlamm entstehen. Durchs ganze Mittelalter und die Neuzeit hindurch wurde eine förmlich Hetzjagd auf die Aalmännchen angestellt. In der Zoologie, wo es keine Geburtsscheine gibt ..., weiß man nicht, was Männchen oder Weibchen ist, wenn die Tiere nicht äußere Geschlechtsunterschiede haben. Daß gewisse Merkmale Geschlechtsunterschiede sind, muß auch erst nachgewiesen werden, und das kann nur der Anatom (da Aale keine Tagebücher schreiben, aus deren Orthographie man Schlüsse auf das Geschlecht ziehen kann)...“

Trotz der von Freud untersuchten ca. 400 Aale, des betriebenen Aufwandes und seiner Selbstzufriedenheit mit den Ergebnissen blieb seinem schriftlichen Bericht die wissenschaftliche Anerkennung gänzlich verwehrt. Damit endete Freuds zoologisches Interesse.

Erst im Jahre 1922 gelang es dem dänischen Zoologen Johannes Schmidt in der Sargassosee etwa 5 Millimeter kleine Aallarven zu fangen. Der Ort, an dem der Lebenszyklus des Europäischen Flussaals seinen Anfang nimmt, scheint somit gefunden. Jedoch ist es bist heute niemandem gelungen, den endgültigen Beweis zu liefern.

 


 

*) "Zöllner's Reise durch Pommern nach Rügen und einem Teile des Herzogtums Mecklenburg", im Jahre 1795 in Briefen, Johann F. Zöllner (1753-1804)

**) Syrski, Szymon Prof. (1824-1882) polnischer Naturforscher, war von 1866 bis 1875 Direktor des Museums für Naturgeschichte in Triest und seit 1876 Professor für Zoologie in Lemberg. Im Jahre 1874 hatte eine Abhandlung „Über die Reproduktionsorgane der Aale“ veröffentlicht, in der er über ein bei kleinen und mittelgroßen Aalen gefundenes paariges Organ berichtet, das er für die lange gesuchten Hoden der Aale hielt.

 

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