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Die Halbinsel Wustrow. Ein Beitrag zur Flora Mecklenburgs aus dem Jahre 1872
Geschrieben von: Steffen Herbst   
Donnerstag, den 18. Februar 2010 um 08:04 Uhr

Im Jahre 2005 erhielt ich Gelegenheit, einen kurzen, jedoch nachhaltigen Eindruck von der Einzigartigkeit des beschriebenen Ortes zu erlangen, allerdings ohne Vorkenntnis des nachfolgenden Berichtes des Herrn Dr. G. Griewank aus dem Jahr 1872. Die wechselvolle Geschichte der Halbinsel Wustrow hatte deutliche Spuren im Antlitz der Natur hinterlassen. Ihr Bemühen, sie zu tilgen, war überall sichtbar. Wie verschämt hatte sie die Straßen mit bis an den Boden reichenden Zweigen, einem Vorhang gleich, verhängt, Bauruinen mit üppigem Grün überzogen und jedem Zivisilationsgeräusch den Zugang verwehrt. Ein Hase hoppelte vor dem langsam dahingleitentenden PKW, ohne jegliche Eile und Furcht zu zeigen. Bilder, wie ich sie bisher nur aus dem Fernsehen kannte, aus weit entfernten Tier- und Naturparks. Leider wird dieser paradiesische Zustand nur von begrenzter Dauer sein, es sei denn, die Eigentümer sehen in seiner Bewahrung eine Chance und übernehmen damit einen Teil Wiedergutmachung an der Natur.


Die Halbinsel Wustrow ist bisher von den Mecklenburgischen Botanikern noch wenig beachtet und namentlich in neuerer Zeit meines Wissens von keinem derselben besucht worden. Detharding führt in seinem Conspectus plantarum Magniducatuum Megpolitanorum phanerogamarum nur bei 8 Pflanzen Wustrow als Standort auf, und außerdem habe ich, soweit ich mich in der Mecklenburgischen Floren-Literatur umgesehen habe, nur in Boll's Flora von Mecklenburg bei Campanula Rapunculus als einen der Standorte „bei Wustrow (am Salzhaff?)“ auffinden können. Die Lage Wustrow's und die ganze, eigenthümliche Configuration desselben lässt aber schon von vorne herein auf eine höchst interessante und eigentümliche Flora schliesßen und so war es denn schon lange meine Absicht, die Halbinsel einmal zu besuchen, um dieselbe in botanischer Beziehung genauer zu durchforschen und die hier bestehende Lücke in unserer Landesflora auszufüllen. Im Sommer 1871 bot sich mir zuerst die Gelegenheit, diese Absicht auszuführen, und ich durfte das Resultat meiner damaligen Excursionen bereits insofern als ein höchst erfreuliches bezeichnen, als es mir nicht bloß gelang, die sämtlichen von Detharding bereits als auf Wustrow vorkommend namhaft gemachten Pflanzen wieder aufzufinden, sondern noch außerdem eine große Anzahl zum Teil recht seltener Pflanzen zu entdecken. Diese Erfolge spornten zu weiteren Nachforschungen an und ich nahm deshalb im letzten Sommer 1872 noch einmal Veranlassung, längere Zeit in der Nähe von Wustrow mich aufzuhalten und häufiger dort zu botanisiren. Es wurde aufs neue eine Reihe von seltenen Pflanzen, ja sogar eine für Mecklenburg neue Art von mir gefunden und wird durch diese im Verein mit den im Jahre vorher beobachteten Wustrow als einer der reichhaltigsten Standorte unserer ganzen Küstenflora gekennzeichnet. Es erscheinen mir daher die Resultate dieser Forschungen interessant genug, um sie in einer besonderen Arbeit den Botanikern Mecklenburg's vorzulegen.

Bevor ich jedoch auf die eigentlichen botanischen Verhältnisse näher eingehe und zu einer Aufzählung der sämtlichen auf Wustrow von mir gefundenen Pflanzen schreite, scheint es mir zweckmässig, einige allgemeine Bemerkungen über die Halbinsel selbst vorausgehen zu lassen. Wustrow ist durch das „Salz-Haff“ genannte Binnenwasser vom Festlande getrennt; es erstreckt sich in einer Länge von etwa 7 Kilometern und in einer Breite von 2 bis 3 Kilometern in der Richtung von Nordost nach Südwest ins Meer hinein und hat einen Flächeninhalt von 538 1/2 Hectaren (248,502 Quadrat-Ruthen). Das südwestliche Ende der Halbinsel läuft in zwei langen, durch einen offenen Meerbusen — die Kroy — getrennten Landzungen, den Kieler Ort und die Kirchmess, aus; das nordöstliche ist durch eine schmale niedrige Düne mit dem Festlande verbunden. Diese Düne, welche eine Länge von 650, eine Breite von 112 und eine Höhe von durchschnittlich 2 Metern besitzt, setzt sowohl an der Seite des Festlandes als an der eigentlichen Halbinsel scharf ab und geht auf beiden Seiten unmittelbar in ein hohes Lehmufer über, wodurch es wahrscheinlich wird, dass hier in früherer Zeit bei Gelegenheit einer hohen Fluth die Verbindung durchbrochen und die Durchbruchstelle später durch eine Düne wieder verschlossen wurde: eine Annahme, welche noch dadurch an Wahrscheinlichkeit gewinnt, dass auch gegenwärtig in Folge der Hochwasser von Zeit zu Zeit größere oder kleinere Stücke der Lehmuferwände sich losreißen, allmählich von oben in die Tiefe rücken und schliessßlich von den Wellen fortgespült werden. Nach der Erzählung der Bewohner von Alt-Gaarz soll die Düne bei Gelegenheit der großen Rostocker Fluth 1625 angeschwemmt und zugleich die frühere Verbindung von Wustrow mit dem Festlande, das sogenannte Ellerbruch zwischen der „Reiherort“ genannten Landzunge und der Gegend von Tessmannsdorf durchbrochen sein: eine Angabe, welche jedoch historisch insofern keine Bestätigung findet, als es sicher ist, dass diese Ereignisse schon früher eintraten. Außer dieser Düne besitzt Wustrow an Dünen nur noch den Kieler Ort; diese Landzunge besteht ebenfalls nur aus einer Düne mit geringem, an der Spitze etwas breiterem wiesenartigen Vorlande an der dem Binnenwasser zugewandten Seite, jedoch wenn auch von ziemlicher Breite, nur von mäßiger Höhe. Eine Eigentümlichkeit der Wustrower Dünen ist, dass ihnen trotz ihrer verhältnissmäßigen Breite doch die eigentlichen Dünenkessel, wie sie z. B. die Warnemünder und Fischländer Dünen so characteristisch zeigen, vollständig abgehen und dass daher auch Pflanzen, wie Juncus halticus, Botrychium matricariaefolium und rutaefolium und andere vermisst werden. Die andere am Südwestende der Halbinsel befindliche Landzunge, die Kirchmess, besteht aus Ackerland; sie hat ringsum steil abfallende Ufer von 3 bis 4 Metern Höhe und ist durch eine beim Hochwasser vollständig überschwemmte Wiesenfläche mit der Halbinsel verbunden. Sie bildete den zu der früher auf Wustrow gelegenen Kirche gehörigen Pfarracker.

Wustrow selbst fällt in seiner ganzen Ausdehnung nach dem Meere zu steil ab; stellenweise fast senkrechte und vollständig kahle, stellenweise mehr geneigte und mit üppigem Pflanzeuwuchse bedeckte, bis zu 20 Metern hohe Lehmwände bilden das Ufer nach dem Meere zu und dacht sich das Land von dort aus ganz sanft und allmählich nach dem Binnenwasser hin ab. Hier wird dasselbe, während es im übrigen durchweg aus überaus fruchtbarem Lehmboden besteht und zum Kornbau benutzt wird, größtenteils von mehr oder weniger breiten Salzwiesen eingesäumt. An Ortschaften besitzt Wustrow außer dem etwa in der Mitte der Halbinsel in der Nähe des Binnenwassers gelegenen Hauptgute Gross-Wustrow nur noch die dazu gehörige, am Ende der Halbinsel liegende Meierei Klein-Wustrow mit einem auf der Kirchmess befindlichen Schafstalle, sowie vorne auf dem sogenannten Reiherort drei Käthner.

Eine Eigenthümlichkeit von Wustrow ist, dass es keinen irgendwie nennenswerten Wald besitzt. Der herrschaftliche Park zu Gross-Wustrow weist zwar eine größere Anzahl von Waldbäumen auf, welche daselbst auch vollständig gut gedeihen; derselbe ist aber von zu geringem Umfange, um als Wald bezeichnet zu werden und ohne Zweifel vollständig angepflanzt. Ein kleines Erlengebüsch in der Nähe von Klein-Wustrow, sowie kleine saliceta bei Gross-Wustrow sind ebenfalls erst vor wenigen Jahren angepflanzt; außerdem findet man nur noch die gewöhnlichen Obstbäume in den Gärten, sowie einige Weiden- und Pappelalleen. Alle diese genannten Bäume aber sind sämmtlich angepflanzt.

Wustrow besitzt keinen wildwachsenden eigentlichen Baum. Pyrus Malus, Acer campestre, Sambucus nigra kommen nur in strauchartigen Exemplaren vor; dagegen findet sich Mespilus Oxyacantha zahlreich in alten baumartigen Exemplaren.

Anlangend die übrige auf diesen Raum vertheilte Flora, so bietet das Innere der Halbinsel neben vielen überall häufig vorkommenden Pflanzen des Interessanten wenig, namentlich fehlen natürlich alle Waldpflanzen. Auch die eigentlichen Dünen bieten außer den gewöhnlichen Strandgräsern, kaum etwas Eigenthümliches; dagegen bergen einesteils die ziemlich ausgedehnten Salzwiesen, andern teils das dem Meere zugewandte hohe Ufer eine reiche Anzahl seltener Pflanzen und finden sich dieselben hier in einer Masse und Üppigkeit, wie sie sonst in Mecklenburg nicht vorkommen. Juncus maritimus z. B. bedeckt große Flächen, Artemisia maritima findet sich in Tausenden von Exemplaren, Ruppia maritima und rostellata füllen die Salzgräben an, Armeria maritima färbt die Wiesen rot u. s. w. Die Cultur hat hier an diesen teilweise sehr öden und abgelegenen Standorten die ursprüngliche reiche Flora noch nicht zu verdrängen vermocht. Die meiste Ähnlichkeit hat die Flora von Wustrow mit derjenigen der Wismarschen Bucht und Poel, welcher sie freilich auch räumlich am nächsten steht; Pflanzen wie Lepidium rüderale, Artemisia maritima, Armeria maritima, Statice Limonium, Ruppia maritima und rostellata sind beiden Orten gemeinsam, während dagegen die bei Wismar vorkommenden: Cochlearia anglica und danica, Melilotus dentatus Bupleurum tessimum und Lepturus incurvatus, fehlen. Mit Warnemünde gemeinsam sind unter andern: Cramhbe maritma, Trifolium montanum, Ulmaria Filipendula, Libanotis montana, Inula Britanica, Juncus maritimus, Carex extensa. Völlig eigenthümlich: Althaea officinalis, Melandryum noctiflorum, Valerianella Auricula, Anthemis tinctoria, Hieracium echioides, Zannichellia polycarpa, Festuca rubra var. arenaria Osbeck. Auffallend ist endlich noch, dass Erythraea linariifolia, welche sonst in Mecklenburg so leicht auf keiner größeren Salzwiese vermisst wird, auf Wustrow nicht vorkommt, sondern durch die massenhaft auftretende Erythraea pulchella ersetzt wird.

Wenn ich jetzt zu einer Aufzählung der sämmtlichen von mir auf Wustrow gefundenen Pflanzen übergehe, so muss ich vorerst bemerken, dass dieselbe sich in Anbetracht der Jahreszeit sowie der Kürze der Zeit, welche ich dort botanisirte, nur auf die Phanerogamen und gefässführenden Kryptogamen erstrecken kann; auch für diese kann das Verzeichniss jedoch kein vollständiges sein, einmal weil in demselben die meisten eigentlichen Frühlingspflanzen fehlen, sodann aber weil es nicht möglich ist, in 9 bis 10 Excursionen die Flora selbst eines ganz beschränkten Gebietes vollständig zu erschöpfen. Immerhin aber schien es mir von Interesse, die gefundenen Pflanzen sämmtlich aufzuführen, einesteils weil dadurch doch ein ungefähres Bild des Vegetationscharacters der Halbinsel gewonnen wird, andernteils weil auf Wustrow manche Pflanzen selten oder gar nicht vorkommen, welche sonst allgemein häufig sind. Ich bemerke dabei, dass ich alle Pflanzen, welche ich gesehen, aber auch nur solche, aufgenommen habe. In der Anordnung bin ich dem natürlichen System von De Candolle gefolgt, wie dasselbe in den Werken Koch's, Garcke's und Anderer zum Ausdruck gekommen ist. Der Raumersparniss halber habe ich bei den gewöhnlicheren Pflanzen, außer wo gerade ihr Vorkommen auf Wustrow etwas Eigentümliches hat, nur die Namen ohne alle Beisätze aufgeführt, bei den seltneren dagegen nicht bloß die Specialstandorte angegeben, sondern auch wo es mir von Interesse schien, kürzere oder längere diagnostische, geographische und andere Bemerkungen angefügt.

 

 



[Es folgen an dieser Stelle 361 Positionen, auf deren Wiedergabe hier verzichtet wird. Gern sind wir jedoch bereit, dem interessierten Leser auch diesen Teil des Berichtes zugänglich zu machen. In diesem Fall senden sie bitte eine Mail an: steffen.herbst (at) lexikus.de]

 

 

 

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