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Bereits im 19. Jahrhundert war Rostock ein anerkannter und beliebter Austragungsort für Konferenzen nationaler und internationaler Naturwissenschaftler und Ärzte, wie uns der Bericht des Herrn F. E. Koch aus dem Jahr 1871 wissen lässt. Neben der Teilnahme an Fachvorträgen, und dem Austausch von Forschungsergebnissen galt dem persönlichen Kennenlernen der Teilnehmer besonderes Interesse. Größten Zuspruch bei den Kongressteilnehmern fanden die Exkursionen in das Rostocker Umland wie Warnemünde, Doberan und Heiligendamm, die wissenschaftliche Genüsse mit den geselligen verbanden.
Die Tage vom 18. bis 24. September d. J. werden für jeden Freund der Naturwissenschaften in Mecklenburg, der Gelegenheit hatte, dieselben in Rostock mit durchzumachen, eine angenehme Erinnerung für lange Zeit sein. — Es wurde uns die Freude, Männer der Wissenschaft, deren Ruf über die Grenzen des deutschen Vaterlandes weit hinausgeht, in Mecklenburg versammelt zu sehen; wir dürfen daher in unserem der Förderung der Naturwissenschaften gewidmeten Archiv diese Tage nicht mit Stillschweigen übergehen, werden uns aber darauf beschränken müssen, den Tendenzen unseres Vereins entsprechend, nur über den naturwissenschaftlichen Teil der Versammlung ein Referat zu geben, obgleich die Interessen der Ärzte in vorwiegender Weise, ihre Vertretung in Rostock fanden.
Obwohl die gehörten Vorträge allein schon die Teilnahme an der Versammlung im höchsten Grade lohnend machten, so lag dennoch ein höherer Vorteil in der persönlichen Bekanntschaft, die man Gelegenheit hatte zu machen, teils mit Männern, denen man schon durch schriftlichen Verkehr näher getreten war, teils mit Gelehrten, deren Bekanntschaft für die Folge der Förderung unserer Zwecke fruchtbringend zu werden versprach.
Einen nicht zu unterschätzenden Anteil an der Förderung dieser persönlichen Bekanntschaften hatten die geselligen Zusammenkünfte, und müssen wir teils den leitenden Persönlichkeiten unsern Dank aussprechen für die großartigen Arrangements und Dekorationen für diese Zwecke, wie nicht minder die Opferwilligkeit der Rostocker Einwohner nicht genug anzuerkennen ist, die durch reichen Flaggen- und Guirlanden-Schmuck der ganzen Stadt ein Festgewand angelegt hatten, was in so hohem Grade zurückwirkte auf die Feststimmung der Teilnehmer.
Wir empfehlen denjenigen, die sieb spezieller mit dem Gang der Verhandlungen vertraut machen wollen, aus dem reichhaltigen „Tageblatt“, welches in der Leopoldschen Universitäts-Buchhandlung in Rostock für den billigen Preis von 1 Thlr. zu beziehen ist, sich zu instruieren. Dasselbe ist besonders interessant durch die wörtlich abgedruckten stenographierten Reden der Generalversammlungen, von denen wir als vorzugsweise den Interessen unsers Vereins entsprechend hervorheben:
1. Herr Geheimrat, Oberberghauptmann von Dechen Excellenz: über den Gebrauch geologischer Charten. — p. 33 des Tageblattes.
2. Herr Professor Dr. Moebius: über die wissenschaftliche Expedition zur Erforschung der Ostsee. — p. 39 des Tageblattes.
3. Herr Professor Virchow: über die Aufgaben der Naturwissenschaften in dem neuen nationalen Leben Deutschlands. — p 73 des Tageblattes.
Von hohem allgemeinen Interesse waren ferner die Vorträge der Herren: Dr. Neumayer: über den Weltverkehr zur See; Prof. Dr. Goltz: über den Sitz der Seelentätigkeit; Dr. Pansch: über die deutsche Nordpolarfahrt.
Vorzugsweise wichtig für den Fachmann waren die Verhandlungen und Vorträge in den Sektionen. Referent konnte sich nur bei den geologischen, zoologischen und physikalischen Sektionen beteiligen und hebt aus den Verhandlungen hervor:
Herr Dr. Möhl aus Kassel legte eine reiche Suite von mikroskopischen Präparaten von basaltischen Gesteinen vor, und erläuterte, wie man durch solche Dünnschliffe bei 300- bis 1200facher Vergrößerung im Stande ist, mineralische Beimengungen dieser Gesteine mit Sicherheit zu bestimmen, selbst bei so geringen Quantitäten, dass sie sich der Beobachtung durch die chemische Analyse entziehen würden. — Bei der großen Menge vulkanischer Gesteine, die sich zwischen unsern Diluvialmassen findet, hatte dieser Vortrag ein besonderes Interesse für uns, indem es kein sichereres Mittel gibt, den Ursprung dieser vulkanischen Geschiebe nachzuweisen, als die mikroskopische Untersuchung, und darauf basierte Vergleichung mit den primitiven Fundstätten vulkanischer Bildungen. — Herr Dr. Möhl erklärte sich mit liebenswürdigem Entgegenkommen bereit zur Untersuchung unserer vulkanischen Findlinge, und verhieß sogar die Resultate seiner Untersuchungen uns für die Publikation in unserm Archiv zur Disposition zu stellen ! — Es ergeht daher hiemittelst an alle Sammler die Aufforderung, dem Herrn Dr. Möhl in Cassel kleine Probestücke solcher Findlinge zur Untersuchung zuzustellen, und ist der Unterzeichnete gerne zur Vermittelung solcher Zusendungen bereit, wobei es sich empfehlen würde, die Handstücke, von denen solche Proben abgeschlagen sind, mit entsprechender Bezeichnung in einer der öffentlichen Sammlungen (also etwa der Rostocker Universitätssammlung, oder dem von Maltzanschen Museum in Waren) niederzulegen, um die Resultate solcher Untersuchung festzuhalten.
Herr Dr. A. Gurlt aus Bonn sprach über einige Hebungsphänomene der Diluvial- und jüngeren Zeit im südlichen Norwegen, ein Vortrag, der ein interessantes Licht warf auf die Frage über diese Erscheinungen, deren Feststellungen um so größeres Interesse für uns hat, als man bekanntlich annimmt, dass die Nordküste Deutschlands sich augenblicklich in einer Senkungsperiode befindet. Abgesehen von den längst bekannten glazialen Muschelbänken Norwegens, die, eine typisch arktische Fauna enthaltend, sich bis zu 600 Fuß über dem Niveau des jetzigen Meeres finden, und den postglazialen Muschelbänken, die, bis auf 250 Fuß Meereshöhe sich findend, nur Reste einer noch jetzt in der Nordsee lebenden Fauna einschließen, fand der Vortragende selbst in einer postglazialen Muschelbank im Tale des Drammenflusses, nahe der norwegischen Küste, 12 Fuß hoch über dem Seespiegel in fossilem Zustande in großer Menge eine schöne Koralle, die Oculina prolifera. Diese Koralle lebt jetzt nur in 100 Faden Meerestiefe auf Felsboden in großen Bänken an der Küste Norwegens. Der schöne Erhaltungszustand des fossilen Vorkommens dieser zerbrechlichen Koralle ist Bürge dafür, dass sie auf primitiver Stätte sich befand, und beweist sicher, dass einst die betreffende Stelle mindestens 600 Fuß hoch vom Meer bedeckt war! —
Herr Professor Dr. F. E. Schulze (unser verehrliches Vorstandsmitglied) gibt eine Beschreibung des von ihm entdeckten Verfahrens: Coelenleraten mittelst Osmiumsäure so zu härten, dass sie für verschiedene Zwecke aufbewahrt werden können, und zeigte schöne Präparate von Aurelia aurita, Cyanea capillata, Hydra fusca u. s. w. vor.
Herr Professor Hensen aus Kiel spricht über die Beziehungen des Regenwurms zur Urbarmachung des Bodens.
Herr Dr. Eimer aus Würzburg: über das Ei der Reptilien.
Herr Berghauptmann Dr. Huyssen aus Halle hält einen Vortrag über die Braunkohlenformation der Mark Brandenburg, und kommt dabei auch auf die Braunkohlenlager der Priegnitz und Mecklenburgs. Derselbe wies eine südliche, die älteste, und eine nördliche, die jüngere Gruppe nach, und bemerkte, dass die Lager der Priegnitz und Mecklenburgs getrennt von jenen zu halten sein dürften. Dies Letztere bestätigte der Unterzeichnete unter Hervorheben des Umstandes, dass die Lager der Mark Brandenburg wegen der in naher Verbindung mit ihnen stehenden teils unter- teils mitteloligocäne Petrefacten führenden Sande und dann diesen Formationen zuzuweisen sein dürften, während die Lager der Priegnitz und Mecklenburgs als Hangendes Sand und Sandsteine mit miocänen Petrefacten über sich haben., und daher wahrscheinlich diesem jüngeren Niveau angehören werden. — Die Ansicht des Herrn Redners: dass in Mecklenburg die Braunkohle wahrscheinlich eine größere als die bisher bekannte Verbreitung haben dürfte, möchte sich nach den Beobachtungen des Unterzeichneten kaum bestätigen, indem nachweislich die Mecklenburger Lager bedeutende Zerstörungen und Zerreißungen durch die Diluvial-Catastrophe erlitten haben; bei dieser Gelegenheit werden solche Lager wahrscheinlich verschwemmt sein, und hierin dürfte der Grund zu suchen sein für das vielfache Vorkommen oft großer Stücke Braunkohle in dem Diluvialschutte, wie dies namentlich beim Brunnengraben mehrfach beobachtet worden.
Der Unterzeichnete erläuterte mit Bezug auf die bevorstehende Exkursion nach dem Heiligen Damm die geognostischen Verhältnisse der Steindämme daselbst, und legte zur weiteren Orientierung einen Separatabdruck aus dem Archiv (Jahrg. 14, p. 405), der diesen Gegenstand behandelt, vor.
Herr Dr. Neumayer aus Hamburg trägt die Resultate seiner Forschungen über Meeresströmungen in den antarktischen Regionen, gesammelt auf seinen mehrfachen Reisen in denselben, vor.
Herr Professor Knoblauch aus Halle hält einen Vortrag über den Durchgang der strahlenden Wärme durch geneigte Diatherman-Platten.
Herr Dr. Dohrn aus Stettin berichtet über sein in der Ausführung begriffenes Projekt: betreffend die Anlage einer zoologischen Versuchsstation, verbunden mit Seewasseraquarien und Laboratorien für physiologische Untersuchungen in Neapel, woselbst schon zu diesem Zweck ein Grundstück unmittelbar an der See erworben ist. Herr Dohrn beabsichtigt auf diese Weise ein Lehrinstitut für junge Zoologen zu gründen, und war im Begriff, wieder nach Neapel zur Förderung der Sache abzureisen. Die Erläuterung dieses völlig aus eigenen Mitteln unternommenen Plans erregte das allgemeine Interesse der Versammlung.
Herr Professor Dr. Moebius aus Kiel referiert zunächst über das von ihm und dem Herrn Dr. A. Meyer verfasste, im Druck befindliche Werk: „Die Fauna der Kieler Bucht“, und teilt mit, dass die in diesem Werke bearbeiteten Mollusken als eine vollständige Fauna der Ostsee angesehen werden können, indem die diesjährige Expedition keine weiteren Arten hinzugebracht habe. Als besonders reich an Tierleben bezeichnet derselbe die Mecklenburgische Küste, indem der Nordseestrom durch die Belte gerade auf diese Küste gerichtet sei. Die Insel Rügen teilt die Ostsee in ein östliches und westliches Becken, von denen das erstere bei einer wesentlich größeren Tiefe, aber geringerem Salzgehalt, arm an Tieren ist, während das westliche Becken gegen 200 Arten wirbelloser Tiere und gegen 30 Arten marine Fische aufweist; freilich immer noch eine arme Fauna im Vergleich zu der der Nordsee, die schon an den Küsten Norwegens über 1200 Arten wirbelloser Tiere und 140 Arten Fische enthält.
Herr Professor Moebius verteilte bei dieser Gelegenheit ein Verzeichnis der bis jetzt bekannten Conchylien der Ostsee, die in dem oben erwähnten Werke beschrieben und abgebildet sind.
Mit Rücksicht auf das Interesse für die Mecklenburgischen Küsten führen wir dieselben nachstehend auf:
1. Gasteropoda.
Chiton marginatus Penn. — Tectura testudinalis Moll. — Littorina littorea Linn. — L. obtusata Linn. — Littorina tenebrosa Mont. — Lacuna divaricata Fab. — L. pallidula da Costa. — Rissoa inconspicua Ald. — R. octona L. — R. striata Ad. — Hydrobia ulvae Penn. — Velutina haliotoidea Fab. — Cerithium reticulatum da Costa. — Triforis perversa Linn. — Buccinum undatum Linn. — Nassa reticulata Linn. — Fusus antiquus Linn. — Pleurotoma turricula Mont. — Odontostoma rissoides Hanl. — Amphisphyra hyalina Part. — Bulla truncata Mont. — Doris repanda Ald. & Hauck.
2. Lamellibranchia.
Mytilus edulis Linn. — Modiolaria discors Linn. — M. nigra Gray. — M. marmorala Forb. — Montacuta bidentata Mont. — Cardium edule Linn. — C. fasciatum Mont. — Cyprina islandica Chemn. — Astarte arctica Gray — A. sulcuta da Costa. — A. compressa Mont. — Tellina baltica Linn — T. tenuis da Costa. - Scrobicularia plana da Costa. — Syndosmya alba Wood. — Solen pellucidus Penn. — Corbula gibba Olivi. — Mya arenaria Linn. — Mya truncata Linn. — Saxicava rugosa Linn. — Pholas crispata Linn. — Pli. candida Linn. — Teredo navulis Linn.
Demnächst hielt Derselbe einen Vortrag über das Verhältnis der Meerestemperatur zur Größe und Verbreitung der Mollusken, und kommt zu dem interessanten Resultate, dass Mollusken, die das ganze Jahr hindurch in ziemlich gleicher Temperatur leben, größere Schalen bilden wie solche, die großen Temperatur-Differenzen ausgesetzt sind. Hierin dürfte der Grund liegen für die Kleinheit der Schalen der Ostsee-Conchylien, indem das Wasser dieses flachen Beckens von 0° bis 9° R , in den oberen Schichten selbst bis etwa 13° u. 14° R. im Winter und Sommer schwankt, während je höher wir in den atlantischen Ocean hinaufgehen desto konstanter die Temperatur wird. Der Vortragende fordert zu weiteren Beobachtungen in dieser Richtung auf
Herr Professor Dr. Huyssen legt menschliche Gebeine vor, die in der Niederung des Ivenacker Sees bei Stavenhagen in ca. 15 Fuß Tiefe im Moor gefunden sind.
Herr Professor Dr. Karsten erörtert die Gründe für den verschiedenen Typus der Strandgeschiebe vom Heiligen Damm und der Insel Sylt unter Vorlage von solchen Geröllsteinen; die erstem sind rund gerollt, die letztern flach auf dem Sande gescheuert.
Ein wichtiges Moment für die Belebung der Gesellschaft boten die Exkursionen, die wissenschaftliche mit geselligen Genüssen verbanden. Die erste derselben wurde nach Warnemünde unternommen in einer Anzahl von Dampfböten. Während nach der Ankunft ein Teil der Gesellschaft mit Interesse die mit dem Rettungs-Apparat vorgenommenen Experimente mit ansah, schloss ein anderer sich einer Exkursion in die See an, bei der unter Leitung des Herrn Professor Moebius Versuche mit den Schleppnetzen, die der Ostseeexpedition gedient hatten, gemacht wurden. Ungeachtet die beschränkte Zeit es nicht gestattete bis auf den sog. Muschelgrund hinauszugehen, hatten wir doch die Freude, vor unseren Augen eine Anzahl Würmer, Krebse und Mollusken fangen zu sehen; unter letztern namentlich einige Astarte borealis und die kleine seltene Cylichna truncata. — Nach der Seefahrt bot die Gastfreundschaft der Stadt Rostock der Gesellschaft Erfrischungen, die die heiterste Stimmung hervorriefen, um so mehr, als die Seeluft nicht wenig dazu beigetragen hatte, den Appetit rege zu machen. — Bei der mit Eintritt der Dunkelheit vorgenommenen Rückfahrt nach Rostock wurden wir durch Leuchtfeuer auf den Ufern der Warnow, und beim Anfahren Rostocks durch feenhaft schöne Erleuchtung der Strandparthie und Illumination der Stadt, Fackelzug u. s. w. auf das Freudigste überrascht.
Die zweite Excursion führte die Gesellschaft in ca. 80 Wagen, ein riesiges Unternehmen, nach Doberan und den Heiligen Damm, wo die Versammlung sich nach den verschiedenen Interessen verteilte, und insbesondere die geologische Sektion mit den Verhältnissen der den sog. Heiligen Damm bildenden Steindämme, und dem durch den Wellenschlag im Abbruch liegenden hohen Ufer beschäftigte, bis die Stunde zu dem opulenten Souper schlug, welches eine Gesellschaft von etwa 700 Personen in den weiten und eleganten Kursälen vereinigte.
Zum Schluss der so reichhaltigen! Tage fand auf die Einladung Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs, der auch die erste Generalversammlung mit Allerhöchst Seinem Besuche beehrt und so gleichsam die Gäste in Mecklenburg willkommen geheißen hatte, eine gemeinschaftliche Fahrt mit der Eisenbahn nach dem schönen Schwerin statt, und hier sah sich die Gesellschaft zum letztenmal bei der glänzenden Festvorstellung im Hoftheater beisammen. — Die Abschiedsstunde halle geschlagen; und man schied mit dem Gruße: auf Wiedersehen im nächsten Jahre in Leipzig!
Güstrow, im November 1871.
F. E. Koch.
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