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„Der kleine Lord“ – „Die Geister die ich rief“ – Filme a ´la „Wir sind alle eine Familie“. Aber nun galoppieren oft noch Spenden-Marathons einher, wobei sich meist Schauspieler an Telefone setzen, Lieschen Müller von ihrer Rente 20 Euro gibt, die Firma XYZ die ethisch glanzvolle Werbung nutzt, um 500 Euro beizusteuern, und dann bei 10 Millionen Zuschauern meist um die 5 Millionen Euro innerhalb von 2-3 gekrampften Stunden zusammen kommen. Wofür? Nun, meist für tatsächlich medial herrlich tränendrüsen-stimulierend aufbereitete Zwecke. Löblich im Grunde.
Kranke Kinder, Dörfer, Krankenhäuser. Klingt alles gut und sieht spitze aus, wenn EU-Vertreter oder Sternchen und Stars in winzigen Dörfern der 4. und 5. Welt erste Spatenstiche machen. Noch ergreifender ist das, wenn sie dabei mit Brillianten behängt sind, von denen sie das halbe Land kaufen könnten. Man muss halt die richtigen Zeichen setzen! Und wenn dann im ZDF z.B. ein Formel 1 - Fahrer zu den von tausenden Spendern erkämpften 5 Millionen Euro noch mal aus dem linken Ärmel 2 Millionen dazukleckert, wird 2 Minuten lang geklatscht, denn immerhin muss er dafür mehrere Tage im Kreis fahren.

Auch für die Show wichtig: Tiere und/oder Kinder als Vertreter der „Geld-Empfänger“ sind immer hilfreich, um sie in den Zeugenstand (die Bühne) zu holen, und somit zu beweisen, dass es die Ziel-Orte der Spenden wirklich gibt und das Geld nicht irgendeinem europäischen oder afrikanischen Stammesfürsten zu einer fünften goldenen Uhr verhilft. Nun gut, jetzt könnte man sagen: Es ist ja gut, dass Lieschen Müller 20 Euro von ihrer Rente gibt. Klar. Fragen wir also: Schaffen wir damit, dass einige arme Menschen nicht dieses Jahr sondern erst in 2-3 Jahren sterben? Vielleicht. Fühlen wir uns persönlich im Ego besser und atmen gleich viel freier? Bestimmt. Spielen wir ein wenig Gott? Eventuell. Gut, wer spenden will, kann das gern tun. Warum nun oben die Behauptung, es sei eine Illusion?
Weil bei diesen Liedern, Filmen und Shows fast nie erwähnt wird, dass viele reiche Länder der Welt z.B. Afrika mit gratis (!) Reis, Milch, Mehl, Wasser und anderen Nahrungsmitteln überschwemmen, so dass die ansässigen Bauern und Händler fast nie eigene Erzeugnisse verkaufen können und dadurch ganze Volkswirtschaften Jahr um Jahr um Jahr am Tropf der EU und anderer Länder hängen bleiben! sollen! Die Abhängigkeitsverhältnisse sollen aufrecht erhalten bleiben, aber das passiert ja eigentlich auch bei Lieschen Müller und ihrer altruistischen Tat, denn sie wünscht sich ja verständlicher Weise auch, dass sie die Jenige bleibt, der es besser geht. Für die Spendentat erwartet sie natürlich zudem keinerlei Anerkennung und Dank, oder? Deswegen erzählt sie es auch jedem in der Volkssolidarität.
Der Flugzeugträger USS Harry S. Truman der US Navy längsseits des Versorgungsschiffs USNS John Lenthal im MittelmeerSicher kann man sagen, das sei zynisch, aber ist es unrealistisch? Stimmt es denn nicht? Wenn man auch nur ansatzweise in Relation setzt, was die wirklich reichen Staaten tun und helfen könnten, dann ist das, was jährlich gespendet wird, leider tatsächlich nur eine medial bewirkte Träne auf den heißen Stein. 5 Millionen € wären circa ein Einhunderttausendstel vom jährlichen US-Militärhaushalt von über 500.000.000.000 $ (Bitte keine Spitzfindigkeiten, geliebte Mathelehrer!). So, man hört dann als Argument, es sei eben unser humanitärer, ja manchmal gar christlicher Auftrag, anderen zu helfen. Deiner und meiner.

Aha, Auftrag, wo habe ich das zum letzten Mal gehört? Ach ja, Afghanistan. Noch eine Heuchelei. Genau. Dort sagte neulich wieder einmal einer der Befürworter „unseres“ abstrusen Unterfangens dort, dass es unser „transatlantischer Auftrag“ sei, und den müssten wir zu Ende bringen, trotz vieler Fehler. Auftrag? Was für einen Auftrag? Jetzt wird nach den Rücktritten so ziemlich der wichtigsten Verteidigungs-Politiker und Generäle wieder um den Brei geredet, um einzelne Tage in Jahren des wirren Steckenbleibens im Schlamm und Schnee der 6000er Berge am Hindukusch. Und trotz vieler Fehler weitermachen? Wenn ich bei etwas viele Fehler mache, dann höre ich eventuell auf damit und renne nicht mit dem Kopf weiter Wände ein? Wenn ein Kassierer viele Fehler macht, sagt er dann hinterher, er müsse seinen Auftrag jetzt erst recht weiter führen? Sagt ein Schulbusfahrer, der den Abhang runter rasselt zu den Insassen „Oh, das ist irgendwie anders, als ich hoffte, aber jetzt erst recht“? Warum dürfen Politiker so was? Der Brei, über den wir reden sollten, ist schon kalt geworden, jahrelang. Warum wir nämlich mit ein paar hundert „wirklichen“ deutschen Soldaten überhaupt in Afghanistan sind, was fast doppelt so groß ist wie Deutschland, darüber wird nicht mehr geredet.
Eine Straßenszene in Afghanistan.Das Land ist wie gesagt riesig, knapp 65 % sind Analphabeten, gefühlte 99 % der Straßen, in denen unser Steuergeld und die tonnenschweren Bundeswehr-Fahrzeuge stecken bleiben, sind für Esel ausgelegt, und dennoch glauben viele in Deutschland, wir könnten auch hier eine humanitäre Träne auf den heißen Stein gießen. Glauben Lieschen Müller und viele von uns, dass Burkina Faso oder Afghanistan nach 3000 Jahren nun bis übermorgen 1. Welt-Länder werden? Das interessiert mich. Ja, da kommen gleich die Gegenfragen, ob ich „unsere Truppe“ nicht unterstütze? Es ist nicht meine Truppe, und selbstverständlich wünsche ich keinem Menschen in keinem Land, dass ihm ein Haar gekrümmt wird. Aber sie sollten vor allem gar nicht erst in die Situation kommen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wir hängen uns Wunderbeutel um, warum wohl Nonnen mit großen hölzernen Kreuzen um den Hals in einem moslemischen Land genau wie wir „Präsenz zeigen“, und die Nonnen entführt werden. (Soll ich das mit den 65 % Analphabeten noch mal erwähnen?).
Ich denke, wenn jemand in einen Heuhaufen geschickt wird, um eine Stecknadel zu finden, und der Heuhaufen ist 7000 Meter hoch, über 1000 km breit und brennt auch noch, dann sollte der Jenige im Haufen sagen dürfen: „Ich komme hier nicht weiter, das ist mir zu heiß, ich gehe hier raus, sonst verbrenne ich“. Und alle würden es verstehen. Wenn er es nur sagen dürfte.

Puh, aber zumindest ist ja vor unserer eigenen Haustür alles in Ordnung. Die Autos und Rubel rollen, die Weihnachtskasse klingelt. Aber Moment, da höre ich eine Meldung im Radio:
„Die Proteste tausender Arbeiter haben nichts genützt. Mercedes plant die Verlagerung der Produktion der C-Klasse und würde damit in den nächsten Jahren viele Arbeitsplätze in Frage stellen“.
Moment, zurückspulen. Warum wird überhaupt der erste Satz betont? Die Proteste haben nichts genutzt? Komisch. Genau so gut könnte man betonen: Die Stimme des kleinen Mannes wurde heute mal nicht gehört. Gut, immerhin sind wir nicht mehr in Verhältnissen wie vor gar nicht all zu vielen Jahrzehnten, als Streikende noch beschossen wurden, wie man u.a. bei Howard Zinn liest, aber man sollte das Verhältnis nicht verkehrt darstellen. Wie oft werden denn bitte Proteste gehört? –

Mich beschleicht das Gefühl, irgendetwas stimmt mit der Art, wie viele Dinge öffentlich dargestellt werden, nicht. Ich spende dem Nikolaus mal einen neuen Mantel, so von Christ zu Christ, und frage ihn mal um Rat.

Eine schöne Adventszeit!

 

 

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