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Wenn Sie vielleicht glauben, unter den Juden gäbe es keine Trinker, so muss ich Sie enttäuschen. Zu allen Zeiten gab es auch unter uns Alkoholiker. Nicht so viele wie unter den Russen und den Ukrainern, unter denen ich lebte, aber auch nicht weniger als unter den Deutschen, unter denen ich heute lebe. Doch es gab auf jüdischen Hochzeiten niemals Schlägereien. Dies war auf den Hochzeiten unserer slawischen Brüder häufig anders. Und dennoch erfror mein betrunkener Onkel an einem kalten Winterabend an einem Zaun, als er von einer Hochzeit nach Hause zurückkehren wollte.

Und wenn Sie vielleicht glauben, unter den Juden gäbe es keine Ganoven oder (Gott behüte uns!) keine Banditen, so muss ich Sie ein zweites Mal enttäuschen. In meinem jüdischen Schtetl gab es vor dem Krieg einige Ganoven. Einer durchsuchte in einer Herbstnacht unsere Küche, obwohl er hätte wissen können, dass er dort nur ein halbes Dutzend verrußte Tontöpfe, einen alten Samowar und einige Holzhocker vorfinden würde.

Karl Marx 1813-1883Und auch das kann ich Ihnen nicht ersparen: Es gab unter uns auch einen Mörder. Er hieß Abrascha und diente sich der ukrainischen Polizei im Getto als Helfer an. Er wütete schlimmer als seine Herren. Nachdem das Schtetl 'judenfrei' geworden war, wurde er nutzlos. Seine christlichen 'Kameraden' erschossen ihn.

Über jüdische Banditen kann man in Isaak Babels „Geschichten aus Odessa“ viel erfahren. Das waren gut bewaffnete und erfahrene Banditen, die seit der Zarenzeit ihr Unwesen trieben.

Ein jüdischer Mörder lebte unlängst in Wismar. Er pflegte seine 92-jährige Großmutter, mit der er aus der Ukraine gekommen war. Als er einmal stark betrunken war, ermordete er seine Großmutter.

In meinem Schtetl gab es auch leidenschaftliche Kartenspieler, Schwindler, Schmuggler und Prostituierte. Solche 'Persönlichkeiten' gibt es jetzt auch in Israel. Also, liebe Deutsche, wir sind auf diesem Gebiet nicht besser und nicht schlimmer als andere Völker. Wir haben das Recht, unsere eigenen Lumpen zu haben, damit uns niemand beneiden kann.

Die Nazis nannten die Juden Untermenschen. Zu diesen gehörten, Karl Marx, Heinrich Heine, Felix Mendelsohn Bartholdy, Sigmund Freud, Baruch Spinoza, Albert Einstein, Lion Feuchtwanger, Franz Kafka und Hunderte andere berühmte und weniger bekannte jüdische Philosophen, Gelehrte, Komponisten, Schriftsteller und Dichter, die in den letzten zwei Jahrhunderten in Deutschland und in anderen Ländern gelebt und geschaffen haben. Viele mussten Deutschland verlassen, andere wurden in Gaskammern erstickt und in Asche verwandelt. Wie viele Nobelpreisträger könnten heute in Deutschland Wissenschaft und Kunst mit ihrem Schaffen bereichern, hätte es den Holocaust nicht gegeben.

Anders verlief das Schicksal der Juden in der UdSSR, obwohl auch dort der staatliche Antisemitismus groß war. Nach dem Krieg wurden in der „Prawda“ zweimal im Jahr lange Listen mit den Namen der Staats-, Lenin- und Stalinpreisträger veröffentlicht. Die Hälfte von ihnen hatte einen jüdischen Namen. Hinzu kamen noch etwa 20% Juden, die einen russischen Namen angenommen hatten. Nur etwa 30% der Preisträger gehörten anderen Nationalitäten an. So war es auch in den letzten Jahren vor dem Zusammenbruch der UdSSR, obwohl damals bereits Tausende Juden nach Israel und Kanada emigriert waren. Ich weiß nicht, ob ich erklären muss, warum sich die Juden in allen Ländern, in die sie emigriert sind, durch Lerneifer auszeichnen. Nur ein Beispiel aus eigener Erfahrung in der ehemaligen Sowjetunion. Um die Schule mit einer goldenen Medaille zu beenden und danach an einer Hochschule studieren zu können, mussten jüdische Jugendliche viel mehr lernen als ihre russischen und ukrainischen Freunde. Auch mit einem Hochschulabschluss mussten sie mehr Kenntnisse und Fertigkeiten vorweisen können, um Karriere machen zu können. Vielleicht war es in Deutschland vor der Nazi-Zeit ähnlich.

Ein ZK-Genosse wurde eines Tages wütend. Er hatte erfahren, dass es unter den Beschäftigten in den Kohlegruben kaum Juden gab. Er hielt das für eine große Schande. Doch ganz so war es nicht. Wie einer meiner Verwandten arbeiteten auch Juden in den Kohlegruben – als Ingenieure und Angestellte.

Heinrich Heine 1797-1856Es gab noch eine 'Schande'. Viele Juden arbeiteten kurz nach dem Krieg als Verkäufer, Angestellte und Verwalter in Magazinen und Geschäften. Mich und viele andere Juden zog es nicht dorthin. Als ich als junger Mann aus dem Krieg zurückkehrte, ging ich sofort zum Raikomitee der KPdSU, um mich anzumelden. Mich empfing der 1. Sekretär. Er schlug mir vor, als Verkäufer in einem Laden zu arbeiten. Wie viele andere dachte er, ein Jude wird ein guter Verkäufer sein. Aber ich lehnte seinen Vorschlag ab. In meiner Familie hat es niemals Geschäftsmänner gegeben. Vor dem Krieg hatte ich als Dorfschullehrer gearbeitet und diesen Beruf wollte ich wieder ausüben. Der 1. Sekretär war ein gütiger Mensch. Er gab mir die Möglichkeit, als Deutschlehrer in einer Stadtschule zu arbeiten.

Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Menschen. Die Juden bilden auch in diesem Zusammenhang keine Ausnahme von der Regel. Unter den Juden, die aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland emigriert sind, waren nur wenige Geschäftsleute. Die meisten haben als Ingenieure, Ärzte, Lehrer, Wissenschaftler und Facharbeiter gearbeitet, einige als Journalisten oder Künstler. Leider haben nur wenige von ihnen in Deutschland eine ihrer Ausbildung entsprechende Beschäftigung gefunden. Nach meiner Überzeugung ist dies nicht nur für diese Menschen ein Nachteil, sondern auch für Deutschland.

Ich möchte noch eine Schande erwähnen, die nicht die Juden, sondern deren ukrainische Mitbürger zu verantworten haben. Nach dem Krieg kamen viele junge Juden von der Front in meine Heimatstadt zurück. Sie hatten als Panzersoldaten, Artilleristen und Infanteristen gekämpft. Viele waren verwundet, darunter einige schwer. Alle waren für ihre Tapferkeit ausgezeichnet worden. Trotzdem konnte man oft hören, die Juden hätten in Taschkent gekämpft (also nur im Hinterland). Und dies obwohl es veröffentlicht worden war, dass über 150 jüdische Soldaten, Offiziere und Generäle mit dem höchsten Kriegsorden geehrt worden waren – Held der Sowjetunion.

Warum schreibe ich Ihnen das? Weil niemand behaupten kann, die Juden seien nicht anders als Deutsche, Franzosen, Russen oder Ukrainer. Das wäre ein absurde Behauptung. Jede Nationalität unterscheidet sich auf vielfältige Weise von den anderen. Jede Nation hat ihre Geschichte, Lebensart, Tradition – und, so glaube ich, ihr Schicksal. Aber im täglichen Leben unterscheiden wir uns wenig von den Menschen, mit denen wir zusammenleben – in jedem Land, das für uns Heimat geworden ist.

So war es auch in Deutschland vor der Nazi-Zeit, wo ebenfalls nur wenige Juden in den Kohlegruben arbeiteten. Die meisten von ihnen waren Ärzte, Anwälte, Geschäftsmänner, Fabrikanten oder Politiker. Viele hatten sich assimiliert. Sie liebten ihre deutsche Heimat und verteidigten sie im 1. Weltkrieg nicht weniger tapfer als ihre nichtjüdischen Landsleute. Dieser für Deutsche und Juden so überaus wichtige Zeitabschnitt ist nach meiner Meinung noch nicht ausreichend erforscht worden. So geschah es auch in Russland, in der Ukraine und in anderen Republiken der Sowjetunion. Auch dort lebten vorwiegend halb- oder vollassimilierte Juden, denen das Judentum fremd geworden war. Ihre Muttersprache war Russisch. Sie fühlten sich der russischen Kultur zugehörig und lebten völlig getrennt von der Religion ihrer Vorfahren. Deshalb besuchen nur wenige der aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommenen Juden die Synagogen. Und diejenigen von ihnen, die eine Synagoge besuchen, verstehen die Gebete des Rabbiners nicht.

Dr. Alber Einstein 1875-1955Wenn Ihnen einmal ein Mann mit Zöpfchen, schwarzem Hut und schwarzem Gehrock begegnet, dann ist er mit ziemlicher Sicherheit ein Jude aus den USA oder aus Israel. Auf keinen Fall kommt er aus einem Land der ehemaligen Sowjetunion. Deshalb bitte ich Sie: Halten Sie uns Juden nicht für ein von Gott auserwähltes Volk. Wir sind wie alle anderen Völker auf diese Erde gekommen und wir haben wie alle anderen Völker gute und schlechte Eigenschaften. Gott hat uns nicht mit Privilegien bedacht und dafür, dass wir den Christen die Mutter Gottes und deren Sohn gegeben haben, mussten wir viel Leid und Erniedrigung erleiden. Doch das ist ein Thema für ein anderes Gespräch.

Das wichtigste Anliegen dieses Artikels ist es, meinen deutschen Mitbürgern zu erklären, dass die meisten Juden aus der ehemaligen Sowjetunion inzwischen am deutschen Leben Anteil nehmen und immer stärker wie Deutsche denken und fühlen. Mir scheint es so, als seien die Juden hier offener als die Deutschen. Wir müssen mehr miteinander sprechen und ohne Vorurteile auf einander zugehen. Auf diesem Gebiet habe ich inzwischen einige Erfahrungen gesammelt, die mich veranlasst haben, diesen Artikel zu schreiben. Zum Nutzen von uns allen.


Wismar, November 2009 Aron Barenboym


 

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