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Sie lernten sich im Sommer 1923 im Ostseebad Müritz kennen. Dr. Kafka, 40, groß, mager und schwarz gekleidet, hielt sich dort als Ehrengast in der Ferienkolonie des von ihm hoch geschätzten Berliner „Jüdischen Volksheims“ auf. Dora Diamant, 25, nahm in dieser Ferienkolonie verschiedene Aufgaben wahr. Sie verliebte sich in Kafka auf den ersten Blick,  ihre Augen ruhten minutenlang auf ihm wie unter Zwang. „Wie zart die Hände sind, und doch von Blut bedeckt“, so lautete der erste Satz des Vegetariers, der schaudernd zusah, wie Dora in der Küche einen Fisch für die Schabbatmahlzeit ausnahm. Aus der Verbindung wurde schnell eine große Liebe, die nur ein Jahr später mit Kafkas Tod enden sollte. Dass die beiden Gefallen aneinander fanden, ist nur zu verständlich. Kafka war trotz seines Alters immer noch von seinem Vater abhängig, dessen bedrohlichem Besitzanspruch er nur ab und zu für einen kurzen Urlaub zu entfliehen vermochte, ansonsten hatte er seinen Geburtsort Prag noch nie verlassen. Zwar zeigte er Interesse am Judentum, doch war er von einem traditionellen Lebensstil weit entfernt. Auch Dora hatte die Beschränkungen des religiösen Lebensstils, den ihr strenger Vater ihr auferlegte, nicht ertragen können und war ihrem engen Heimatort entflohen. Im liberalen Berlin, dem auch Kafkas Sehnsucht galt, hatte sie Zuflucht gefunden. Kafka bewunderte Dora, ihre einfache „Natürlichkeit“ und das „authentische Leben“, das sie führte. Die in ihrer Persönlichkeit verwurzelte osteuropäische jüdische Tradition interessierte Franz in höchstem Maße, und Dora ihrerseits war fasziniert von den Werten der westlichen Kultur, die Kafka verkörperte. Sie erkannte seinen außergewöhnlichen Charakter auf Anhieb, seinen ausgeprägten Sinn für Humor, seine merkwürdigen Tagträumereien und das unbändige Interesse, das er seiner Umwelt entgegenbrachte. Dora entdeckte an Kafka chassidische Züge, die ihr von Haus aus vertraut waren. “Er fand die Anwesenheit Gottes in den kleinen Gesten des Alltags. Er liebte es, anderen zu helfen und ihnen zu dienen“, erzählt sie. „Wenn er sprach, dann funkelten seine Augen, als wüsste er etwas, was andere nicht wussten.“ Aber es gab noch mehr, das die beiden verband: der ferne Traum, Hebräisch zu lernen und nach Erez Israel auszuwandern. Kafkas Kenntnisse der heiligen Sprache waren sehr beschränkt, und er bemühte sich mit aller Kraft, seine Lesefertigkeit zu verbessern. Doras Wissen entzückte ihn, sie wusste ihre Erzählungen mit chassidischen Geschichten und Begebenheiten und Versen aus dem Tanach zu würzen.

 

Dora DiamantIm Juli 1923 mieteten die beiden eine gemeinsame Wohnung im Berliner Vorort Steglitz. Zum ersten Mal im Leben teilte Kafka sein Intimleben mit einem anderen Menschen. Der rasche und dramatische Wandel, den er durchmachte, war nicht zu übersehen. Die „Geister und Gespenster“, die ihn seinen Worten zufolge bis dahin gejagt hatten, blieben zurück. „Ich bin ihnen entkommen. Der Umzug nach Berlin war wunderbar. Jetzt suchen sie mich und können mich nicht finden – bis heute jedenfalls haben sie mich nicht aufgespürt“, schrieb er bewegt. In den nächsten Wochen verspürte Kafka kreative Energien, las und schrieb und studierte den Talmud an der „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums“.


„Die Loslösung von Prag, die sich viel zu spät vollzog, war die größte Leistung meines Lebens; ohne die man kein Recht hat zu sterben“, gestand er Dora. Auch sie nahm die Veränderung an ihm wahr. Mit Kafka zu sein, sagte sie, „war wie im Paradies zu sein“. Der Kafka, den Dora kannte, „war stets hilfsbereit, spielte gern und suchte immerzu nach Vergnügungen.“ Er besaß die natürliche Gabe, alltägliche Verrichtungen in Spiele zu verwandeln, angefangen vom Arrangieren der Teller auf dem Tisch über das Öffnen von Briefen bis hin zur Lösung aller möglichen praktischen Probleme. Sein Tageslauf erschien ideal. Er stand früh auf und lief mit einem Einkaufskorb durch die Straßen Berlins. „Er wollte sich wie ein Durchschnittsmensch mit ganz normalen Bedürfnissen fühlen“, berichtet Dora. Als er sich später dem Schreiben zuwandte, schlug seine Heiterkeit ins Gegenteil um. „Er war blass und unbeholfen, schien sich unwohl zu fühlen. Er sprach wenig, aß ohne Appetit, interessierte sich für nichts und war überaus traurig. Er zog es vor, allein sein“, erzählt Dora. Doch auch dann spielten die beiden mit der Idee, nach Erez Israel auszuwandern. Einmal malten sie sich aus, Franz und Dora würden sich in Tel Aviv niederlassen und ein Restaurant eröffnen. Dora sollte sich der Küche annehmen und Franz die Speisen servieren. „Er gab mit großer Ernsthaftigkeit den Kellner, manchmal dauerte das Rollenspiel 15 Minuten, und inzwischen war das Essen kalt geworden.“

Den glücklichen ersten Wochen folgte ein schwerer Winter. Im November musste das junge Paar umziehen, weil die Miete wegen der hohen Inflation zu teuer geworden war. Kafkas Gesundheitszustand verschlechterte sich. Um die Not zu lindern, schickten seine Eltern Pakete und Geld aus Prag. „Gibt man sich mit einer Wohnung (wenn auch mit einer wunderschönen) und mit Essen (wenn auch mit ausgezeichnetem) zufrieden und lebt bescheiden, kommt man zurecht, allerdings nur mit Hilfe der Eltern und Schwestern; tritt jedoch etwas Unvorhergesehenes ein, dann wird alles unerträglich“, schrieb Kafka damals. Im März 1924 kehrte er ins Elternhaus nach Prag zurück, jedoch nur, um sich von dort aus ins österreichische Sanatorium „Wienerwald“ zu begeben. Schon drei Wochen darauf stellte sich auch Dora dort ein und erschrak über seinen Zustand. Sie beschloss, ihn nicht mehr zu verlassen.

Erst in dieser Phase - und auch nur zögernd und unvollständig - beginnt Kafka seinen Eltern von Doras Existenz zu schreiben. Im April musste Kafka infolge der Diagnose, die auf Kehlkopftuberkulose lautete, in ein Wiener Krankenhaus. Für die Fahrt stand ihm ein offener Wagen zur Verfügung, obwohl stürmisches Wetter herrschte. „Dora stand während der ganzen Fahrt aufrecht und schützte Franz mit ihrem Körper vor Wind und Kälte“, so schildert Max Brod Doras Fürsorge. Das Krankenhaus sagte Kafkas engen Freunden nicht zu. Ihre Versuche, ihm eine bessere Pflege zu verschaffen, stießen bei Professor Hajek, dem Direktor der Abteilung, auf Gleichgültigkeit. „Er hat kein Herz und keine Kultur“, lautete Brods Urteil über den Mediziner, für den Kafka nichts weiter war als „Patient Nr. 12“. In der Hoffnung, sein Zustand würde sich dort verbessern, brachten die Freunde Kafka in ein besseres Sanatorium in Kierling.

In Kierling bat Kafka Dora Ende April, seine Frau zu werden. Sie stimmte zu und Kafka schrieb beglückt an ihren Vater, um ihre Hand zu erbitten. Dora hielt das nicht wirklich für notwendig, sie hatte sich schon längst aus den Fesseln der Vergangenheit gelöst. Doch wie es seine Art war, bestand Franz darauf, alles vorschriftsmäßig zu erledigen. So erklärte er denn Herschel, Doras Vater, dass er zwar kein charedischer Jude sei, aber zum Glauben zurückkehren wolle, weswegen er sich freue, in eine gottesfürchtige Familie aufgenommen zu werden. Die Chancen hierfür standen von Anfang an nicht besonders gut. Dora hatte ihren Vater seit vier Jahren nicht gesehen, und damals hatte er gedroht, er würde für sie „Schiva sitzen“, weil sie Schande über die Familie gebracht hätte. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn Herschel der Hochzeit seiner Tochter mit einem schwindsüchtigen, einundvierzigjährigen Nichtgläubigen zugestimmt hätte. Als der Brief eintraf, wusste Herschel genau, was er zu tun hatte. Er schickte einen seiner Söhne zum Rabbi von Gur, um Rat einzuholen. Die Antwort war ein eindeutiges Nein.

Den Leiter des Sanatoriums, Dr. Hoffmann, störte es, dass Franz und Dora nicht verheiratet waren. „Als man dort begriff, dass Franz sterben müsste, setzten mir alle zu, wir sollten doch noch heiraten“, vertraute Dora ihrem Tagebuch an. Sie überging das Drängen so elegant wie möglich, bis eines Nachmittags Dr. Hoffmann sie zu sich bestellte. In seinem Zimmer traf sie zu ihrem Erstaunen einen Vertreter der jüdischen Gemeinde an, der sie und Franz trauen wollte. „Sie hatten das wohl in bester Absicht geplant, haben dabei jedoch das Prinzip verletzt, dass man einem Sterbenden auch in seinen letzten Stunden nie die Hoffnung nehmen darf“, erklärte Dora. Am 3. Juni morgens gegen vier Uhr bemerkte Dora, die in jener Zeit nicht von seinem Lager wich, dass Kafka Not hatte zu atmen. Die letzten Augenblicke seines Lebens scheinen einer seiner Kurzgeschichten entsprungen zu sein. Franz verlangte mehr Morphium. „Sie haben es mir immer versprochen, Sie quälen mich“, warf er seinem Freund Klopstock vor, der ihn in den letzten Stunden pflegte. „Töten Sie mich -, sonst sind Sie ein Mörder!“ Dann riss er sich einen der Infusionsschläuche ab und schrie: „Quält mich nicht länger, wozu das Elend verlängern?“ Darauf entfernte Klopstock sich vom Bett des Kranken, und Kafka bat: „Bitte gehen Sie nicht fort.“ „Ich gehe doch gar nicht fort“, erwiderte der Freund. Daraufhin Kafka: „Aber ich gehe fort.“ Er dämmerte allmählich ein. Klopstock, der wusste, dass Kafka im Sterben lag, bat Dora hinauszugehen. Plötzlich erwachte Kafka und rief nach seiner Geliebten. Sie kehrte gleich darauf atemlos mit einem Blumenstrauß zurück. Kafka war nicht mehr bei vollem Bewusstsein, doch gelang es ihm, sich ein wenig aufzurichten und den Blumenduft zu riechen. Dann schloss er die Augen und sank in Doras Arme. Sein Leiden war zu Ende, das ihre begann erst.

Am Tag darauf wurde Kafka auf dem jüdischen Friedhof am Rande Prags bestattet. Unter den wohl hundert Menschen, die ihn auf seinem letzten Weg begleiteten, waren auch sein Freund Max Brod und seine Geliebte Dora Diamant. Dora brach neben dem Grab weinend zusammen. Augenzeugen berichteten, dass niemand ihr zur Hilfe kam. Kafkas Vater Hermann kehrte ihr sogar den Rücken zu. Einige Tage später reiste sie nach Deutschland zurück, wo sie eine Schauspielschule besuchte und ihren späteren Mann Lutz Lask kennenlernte, den Herausgeber der Zeitung der Deutschen Kommunistischen Partei „Die Rote Fahne“. Sie brachte ihr einziges Kind zur Welt und benannte sie nach Kafka „Mariana-Franziska“.


Dora DiamantDora blieb von den Ereignissen der dreißiger Jahre in Berlin nicht verschont. Als Kommunistin und Jüdin war sie den Verfolgungen der Nazis ausgesetzt. 1933 brach die Gestapo in ihre Wohnung ein und beschlagnahmte Dutzende Schriften und Briefe Kafkas, die sie bei sich aufbewahrte. Andere Briefe und Schriften hatte Dora auf Anweisung Kafkas noch zu seinen Lebzeiten verbrannt. 1936 folgte sie ihrem Mann, der in die Sowjetunion emigrierte. Doch auch dort blieben sie vom Unglück nicht verschont. Lutz Lask wurde in den Fernen Osten vertrieben. Dora entkam Stalins Häschern nur mit knapper Not. Nach mehreren gescheiterten Versuchen erhielt sie ein Einreisevisum für England. Einen Monat vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und der Schließung aller Grenzen schaffte sie das Unmögliche: Sie erreichte England. Ruhe fand sie dort allerdings nicht. Als ehemalige Deutsche sperrte man sie in ein Lager für „Frauen aus feindlichen Ländern“. Nach ihrer Entlassung 1941 suchte sie sich eine Wohnung in London, spielte dort Theater und setzte sich für die Wiederbelebung des Jiddischen ein.

 

1949 erfüllte sie sich einen Traum und fuhr nach Israel. Nach Dutzenden von Jahren sah sie ihre Geschwister David und Sarah wieder sowie Kafkas Freunde Max Brod und Felix Weltsch. „Franz träumte davon, einen Jungen zu zeugen und nach Palästina zu gehen. Jetzt habe ich eine Tochter – ohne Franz – und fahre ohne ihn nach Palästina, doch dank seines Geldes konnte ich mir die Fahrkarte kaufen“, schrieb sie. Nach einigen Wochen in Tel Aviv besuchte sie im Kibbuz Ein Charod David Meletz, ihren Hebräischlehrer aus Bendin. „Während des Besuches in Israel fühlte Mutter sich zum ersten Mal seit dem Krieg wieder wie ein Mensch“, erzählte ihre Tochter später. Am Ende ihres viermonatigen Aufenthalts beschloss Dora, den Rest ihres Lebens im Kibbuz zu verbringen. Als vorläufiges Abschiedsgeschenk ließ sie dort den einzigen Gebrauchsgegenstand zurück, der ihr von Kafka verblieben war: seine Haarbürste. So habe sie Kafka auf ihre Art nach Israel gebracht, meinte sie. Doch die Verwirklichung dieses Traums blieb ihr leider verwehrt. Zu Beginn der fünfziger Jahre erkrankten sie und ihre Tochter und lagen beide in einem Londoner Krankenhaus. Im März 1952 verfasste Dora ihr Testament, in dem sie darum bat, neben Kafka in Prag begaben zu werden. Im August verstarb sie im Alter von 55 Jahren und wurde ohne jegliches Erkennungszeichen auf dem jüdischen Friedhof in London beigesetzt. Ihre Tochter hatte mit schweren körperlichen und seelischen Problemen zu kämpfen und starb 30 Jahre nach ihrer Mutter. 1999 führte eine Forschungsarbeit von Cathie Diamant (keine Verwandte) von der Universität von San Diego Doras Freunde aus Israel und aus Deutschland ans Londoner Grab. Sie ließen Dora Diamant, die schon zu Lebzeiten „Frau Kafka“ genannt worden war, einen Grabstein setzen.

 

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