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Saratower Universität
Der Titel dieses Beitrags, der teilweise vom 400jährigen Jubiläum der Stadt, viel mehr aber vom Drang nach historischer Erkenntnis diktiert ist, sieht auf den ersten Blick verwegen und ambitiös aus. Stöbert man aber in den Archiven herum, so stellt sich heraus, daß diese „ihrem Handelsverkehr nach erste Stadt an der Wolga“ im vorigen Jahrhundert in bezug auf ihr Entwicklungstempo nur Petersburg, Odessa und Charkow den Vortritt ließ und unvermeidlich zum Mittelpunkt des deutschen Siedlungsgebiets an der Wolga werden musste.
Denn gerade hierher, in die Umgegend Saratows, waren in den Jahren 1763-1769 die deutschen Kolonisten eingeladen worden, welche diese Region in einen blühenden Garten verwandelten und ihre nationale Eigenart beibehielten. Sich den örtlichen Bedingungen anpassend, förderten die Deutschen die kulturelle Entwicklung der Region, wo ihrem kulturell-ethnischen und wirtschaftlichen Stand nach weit voneinander entfernte Völker lebten, die sich mit ihren nationalen Naturkräften wie Freude und Leid in verschiedenen Stadien der gesellschaftlichen Entwicklung befanden.
Die Wolgadeutschen hatten ihr „Potential“ in vollem Maße zur Entfaltung gebracht und diese Region mit Fleiß, Ehrlichkeit, Toleranz und hoher Kultur der Arbeits- und Lebensbedingungen befruchte. Sie bauten die ersten Krankenhäuser, Schulen, Werkstätten, verfügten über eine hohe Technologie der Agrarproduktion, des Städtebaus und der Architektur (Bau von Siedlungen anhand von Bebauungsplänen; Züchtung harter Weizensorten für den Export; erstmaliges Pflügen mit dem Stahlpflug), sie förderten die Entwicklung fortschrittlicher Gewerbearten. Die ersten Apotheken, Schulpensionate, Krankenhäuser, Heilanstalten mit Röntgenzimmern, Rechtsberatungsstellen, Versicherungsgesellschaften, Sportklubs, Handelshäuser, Herbergen. Schenken, Fotoateliers, Zeitungen, Uhrmacher-, Juwelier- und Hutmacherwerkstätten, wissenschaftlichen Bildungsvereinigungen und Kulturverbände wurden von Deutschen eröffnet, die hohe berufliche Qualitäten, Diszipliniertheit, Ehrlichkeit, Fleiß, Anständigkeit und gesunden Menschenverstand mitbrachten. Noch heute existieren die alten Bahnhöfe, Mühlen, Banken und Apotheken als Wahrzeichen des Fleißes dieses Volkes und sind die beste Zierde der Stadt.
A. A. Welizyn hob in den „Umrissen der historischen Entwicklung und der gegenwärtigen Lage der deutschen Kolonien im Süden und Osten Rußlands“ angesichts der wichtigsten und bedeutendsten Östlich der Wolga liegenden Kolonie folgendes hervor: „... Sie sieht ganz wie eine Stadt aus, zweistöckige Steinhäuser, Fahrdämme und Fußsteige, und die gesamte Lebensordnung erinnert durch nichts daran, daß Katharinenstadt eine Dorfgesellschaft ist.“ A. N. Minch teilte im „Historisch-geographischen Lexikon des Gouvernements Saratow“ über Golyj Kuramysch mit: In der Kolonie gibt es 9.108 Einwohner. 695 Häuser, davon 576 Steinhäuser, 118 Holzhäuser und ein Lehmhaus; darunter öffentliche Gebäude: das Pastorat und die Kirchgemeindeschule, die Gemeindeschule, die Kirche; es sind ein Gemeindekrankenhaus und eine Ambulanz mit zehn Betten, eine Gemeindepostkutscherstation, eine Bierbrauerei, 23 Baumwoll-, 20 Leder- und zwei Weißgerberunternehmen, ein Post-, und Telegrafenamt vorhanden; die Wochenbasare finden jeden Dienstag auf dem Marktplatz statt, wo kleine Verkaufsstände aufgestellt sind (bis zu 400 Fuhren). Es gibt viele Großhändler; die Kolonie spielt ihrem Handelsumsatz nach eine Überaus grolle Rolle. Die Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts verblüffte „die Sauberkeit und Geradheit der breiten Straßen. Die hohen Holzhäuser sind oft mit Blech gedeckt... Entlang der Straße zieht sich eine Reihe von Bäumen hin ... Inmitten des Dorfes, auf dem Platz, erhebt sich die mit einem Staketenzaun umgebene Kirche, dahinter sind hohe Bäume zu sehen: Birken, Pappeln und andere mehr. Der Kirche gegenüber steht ein Steinhaus - die Wohnung des Pastors ... Übrigens kommen Steinhäuser, zuweilen zweistöckige, in den deutschen Dörfern sehr oft vor; sie erinnern an die Häuser der Gutsbesitzer in russischen Dörfern ... Ebenda, auf dem Platz, steht ein anderes, flaches, dafür aber langes Steinhaus mit großen Fenstern - die örtliche Fachschule,“4
Nach F. Matthäi „gehören die deutschen Kolonien zu den reichsten und am besten eingerichteten Ansiedlungen in Rußland, ja nicht nur in Rußland, sondern auch in der ganzen Welt“. Über die Saratower Kolonie sagte man: „Alle wesentlichen Gebäude sind aus Werkstein und Ziegeln; trotz der geringen Einwohnerzahl ... sieht ihre Ortschaft... wie eine wohleingerichtete Stadt aus.“
Die rund hundert Menschen - Steinschnitzer, Maler, Sattler, Goldschmiede, Bildhauer, Hutmacher, Weber, Waffenschmiede und Vertreter anderer Berufe, die ursprünglich in Saratow ansässig geworden waren, ließen sich, wie die „Istoritscheskie otscherki wospominanija o Saratowskom kraje“ mitteilen, auf der Bergseite, zwischen den Kirchen Preobrashenija und Ducliososchestwija, nieder. (Dort befanden sieh ihre Herbergen. Später wurde ihnen der erste Häuserblock der Deutschen Straße zwischen der Nikolskaja- und der Alexandrowskajastraße - heute Radischtschew- und Gorkijstraße - zugeteilt.)
Es wurde empfohlen, „so viel wie möglich Platz und mindestens 11 Sashen“ für eine Straße einzunehmen, damit die Luft nicht bedrängt und man vor einem Brand geschützt ist, und auch zumindest kleine Gärten bei den Häusern anzulegen“. Die Kolonisten legten Gärten auf einer Fläche von 15 Sashen Breite bis 40 Sashen Länge für jede Familie an.
Die 1766 gestiftete Vormundschaftskanzlei (1800 niedergebrannt) eröffnete ihren Pflegschaftsausschuss für die Kolonisten. Außerhalb der Stadt gab es 16 Kasernen für die Umsiedler, und 1769 wurden in diesen Kasernen 30 verarmte Familien angesiedelt, die als Arbeiter in den Ziegeleien eingesetzt wurden. Wie die „Istoritscheskije otscherki“ berichten, „sind auf diese Weise im Gouvernement Saratow 104 Dörfer (Kolonien) entstanden, 60 liegen am linken Wolgaufer vom Bolschoi Jrgis bis Jeruslan, entlang dem Wolgaufer und den Steppenflüssen Karaman und Jeruslan. Die anderen liegen am rechten Ufer der Medwediza, Ilowla und an ihren Nebenflüssen.“
Nach und nach erschlossen die Deutschen die Grundslücke auf dem Moskauer Platz, vom Gorjanskiplatz bis zum Werchnij Basar: sie zahlten die staatlichen Schulden zurück und erhielten Pässe für den freien Wohnsitz, die ihnen gestatteten, sich in Saralow niederzulassen und Handelsgewerbe zu betreiben. Bald danach, bereits 1803, wuchs in der Deutschen Straße das Steingebäude des Vormundschaftskontors (an der Stelle des heutigen Konservatoriumswohnheims) aus dem Boden. Die Handlungsgehilfen, die in der Stadt Sarpinka-Läden (Baumwoll-Lüden) eröffneten, siedelten sich in der Straße (heute Kommu-narnaja-Straße) zwischen der B.-Zarizyn-Straße und dem Nowossobornaja-Platz an. Wenn auch „die Deutsche Straße Anfang des 19. Jahrhunderts als eine der schlechtesten Straßen Saratows galt“, hieß es im Almanach „Saratowski krai“. „... standen mancherorts in der Deutschen Straße kleine Holz- oder Lehmhäuser mit sehr langen Umzäunungen. Sogar die katholische Kirche war klein und aus Holz gebaut. In der ganzen Deutschen Straße bot nur ein gediegenes zweistöckiges Steinhaus, das des Generals Makedonski (heute Seifert), einen schönen Anblick. Jedoch wurde seit der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre auch die Deutsche Straße allmählich immer schöner. Das war durch folgenden Umstand begünstigt: Der gesamte Handel Saratows war im alten Kaufhof konzentriert, bei der alten Kathedrale und in den daran angrenzenden Straßen, besonders in den drei Häuserblocks der Moskauer Straße zwischen der Wolga und dem Michailo-Archangelski-Platz.“ Dreißig Jahre später berichtet der „Sputnik po reke Wolge i jejo pritokam Käme i Oke“: „Am Sobornaja-Platz entspringt die belebteste und schönste Straße der Stadt - die Deutsche. An ihrem Anfang steht das große Gebäude der Musikschule; etwas weiter eine sehr schöne, im romanischen Stil mit zwei hohen gotischen Türmen erbaute katholische Kathedrale.“ Im „Putewoditel po Wolge“ von A. Bestschinski“ heißt es: „Die Deutsche Straße beginnt am Sobornaja-Platz, an der Kreuzung mit der Nikolskaja-Straße, und endet am Mitrofanjewskaja-Platz an der Kreuzung mit der Iljinskaja-Straße. Die Deutsche Straße ist die feinste und eleganteste Straße mit den schönsten Häusern und Geschäften. Am Anfang der Straße befindet sich das riesige Gebäude der Musikfachschule. Hier sind die Redaktionen der Zeitungen „Saratowski listok“ und „Saratowski dnewnik“ untergebracht. In dieser Straße liegt die katholische Kathedrale Sankt Clemens im romanischen Stil, mit zwei gotischen Glockentürmen, zwischen denen sich das Standbild des Apostels Petrus befindet. Im Winter dient die Deutsche Straße als Promenade für die ehrenwerten Bevölkerungsklassen.“
In A. P. Wylujewas Buch „Po welikoj russkoj reke“ lesen wir: „Seinem Handelsverkehr nach gilt Saratow als eine der ersten Städte des Wolgagebiets. Sein wichtigster Handelsartikel ist Getreide in allen Arten. Die vielstöckigen Getreidemühlen haben das Ufer unweit der Anlegestellen eingenommen. Zugleich ist Saratow das wichtigste Lager für die Erzeugnisse der deutschen Kolonien. Wer kennt beispielsweise nicht die Saratower Sarpinka, die in ganz Russland Absatz findet? Für die deutschen Kolonisten ist Saratow im wahrsten Sinne des Wortes eine Hauptstadt. Sie strömen dorthin, um einzukaufen und alle Reize einer Großstadt zu bestaunen. Denn in Saratow trifft man auf den Straßen ebenso wie in den Läden und auf dem bei den Kaufleuten beliebten Sennaja-Platz die typischen Gestalten der deutschen Kolonisten in ihren langschößigen Leibröcken mit glattrasierten Gesichtern und der Kolonistinnen in Hauben und Schürzen; deshalb sind auch an vielen Speise- und Schankwirtschaften deutsche Schilder zu sehen, übrigens heißt auch die Hauptstraße Saratows „Deutschestrasse.“
Und weiter: „Das ist tatsächlich eine schöne, aufs beste eingerichtete europäische Stadt mit wunderbaren Gebäuden, reichen Geschäften, asphaltierten Fußsteigen, ordentlicher Beleuchtung und Pferdestraßenbahn. Die Hauptstraße, die Deutsche Straße, trägt vollkommen das Gepräge einer Hauptstadtstraße. Sie beginnt am Sobornaja-Platz und zeichnet sich durch wunderschöne Häuser, glanzvolle Geschäfte und ein reges Leben aus, besonders um 4 Uhr herum, wenn ganz Saratow spazieren geht.“
Die Saratower Alteingesessenen deutscher Herkunft A. K. Staf, S. M. Tahler und W. M. Niedenthal erinnerten sich: „Die Kolonisten hatten anfangs keine Priester und Kirchen; später beteten die Katholiken und Lutheraner gemeinsam im Gebetshaus... Wenn der katholische oder der lutherische Pfarrer, die im Gebetshaus abwechselnd den Gottesdienst hielten, aus den Kolonien nach Saratow kam, ließ der Wächter die Deutschen aller Konfessionen ins Gebetshaus kommen, trotz religiöser Auseinandersetzungen beteten die Lutheraner und die Katholiken zusammen. Das fremde Land hatte die vorher feindlichen Konfessionen zusammengeschweißt.“ Übrigens beteten in der Saratower Krestowosdwishenskaja-Kirche, der orthodoxen Kosaken-Kirche, die aus Mitteln des Kaufmanns M. G. Wirzew gebaut worden war, 82 Personen aus einer österreichischen Sekte, 16 Lutheraner und neun Katholiken (die Kirche stand an der Stelle des heutigen Sennoj-Basars); in der Swetio-Nikolajewskaja-Kirche auf der Bergseite (heute Bolschaja Gornaja-Straße) beteten 20 Katholiken und 20 Lutheraner; Deutsche beteten auch in der Iljinskaja-Kirche („Kirche des Gottespropheten Ilja“), gebaut 1695 und umgebaut 1817. (Heute heißt dieses Gebäude Kulturhaus „K. Liebknecht“.)
Unweit der Südseite der Iljinskaja-Kirche befand sich ein deutscher Friedhof. In dieser Kirche beteten 390 Andersgläubige und 277 orthodoxe Andersgläubige. Bei der Kirche gab es sechs städtische Grundschulen, die von deutschen Kindern besucht wurden. In der Wosnessenskaja-Kirche, gebaut aus Mitteln Iwan Sergejewitsch Ferstudts, des Direktors der Aktiengesellschaft der Saratower Manufaktur, beteten 203 deutsche Reformierte. In der Friedhofskirche, die zum Krestowosdwishenskij-Kloster gehörte (der Johannes-Predtetschinskaja-Rotkreuz-Kirche, gebaut von der Tochter des Generals Rylejews, eines Helden des Krieges von 1812), beteten 38 Lutheraner, fünf Katholiken und neun Angehörige der Österreichischen Sekte. In der Duchsoschestwija-Kirche beteten 53 Deutsche (Lutheraner und Katholiken); 66 Österreichische Raskolniki (Kirchenspalter) beteten in der Pokrowskaja-Kirche; 20 deutsche Katholiken und Lutheraner beteten auch in der orthodoxen Swjato-Nikolajewskaja-Kirche. Heute steht an dieser Stelle ein Denkmal für die Helden aus Krasnodon (Ecke Gornaja- und Nekrassowstrasse). Aus diesen kärglichen Angaben können wir die religiöse Toleranz der orthodoxen Religion gegenüber dem Protestantismus und Katholizismus herausspüren.
Nach Angaben von 1796 lebten in Saratow 137 Deutsche, die Anzahl der Lutheraner war höher. Ab 12. Juni 1790 begann man, eine lutherische Kirche zu bauen, die nach drei Jahren fertig war. Später entstand an ihrer Stelle die evangelisch-lutherische Kirche. Die erste Kirche halle anfangs keine Chöre, später wurden sie zusammen mit dem Glockenturm angebaut. Der lutherische Pastor, der von den Mitgliedern der Kirchengemeinde unterhalten wurde, lebte anfangs in Not, und „die Vorsteher der Vereinigten Evangelisch-Reformierten Kirche - der Staatsrat Junger und der Kollegienrat Meyer - reichten am 29. August 1802 eine Bittschrift ein um Hilfe zur Unterhaltung des Pastors aus Staatsgeldern“.
Ignaz Fäßler, der Verfasser der bekannten „Geschichte Ungarns“, der am 25. Februar 1813 nach Saratow kam, um als Superintendent und Vorsitzender des lutherischen Konsistoriums eingestellt zu werden (er wurde es erst 1820), bemerkte viel Unordnung „in den lutherischen Kirchgemeinden der Region Saratow, die bisher ohne jegliche Aufsicht gewesen waren ... Die Kolonisten waren nach den Worten Fadejews derart verwöhnt und moralisch verdorben, daß der Kaiser auf Vorschlag des Senators Gablitz hin befahl, acht Zuchthäuser zu eröffnen, die ziemlich lange existierten.“
Die örtlichen lutherischen Geistlichen waren nicht gerade fromm. Wegen ihres lasterhaften Lebenswandels büßten der Saratower Pastor Karl Limmer und der Pastor der Kolonie Lesnoj Karamysch, Frühhauer, ihr Amt ein. Der Vater des bekannten Dichters Huber war 1823 aus Ust-Solicha auf die Pastorenstelle des evangelisch-lutherischen Konsistoriums versetzt worden (nachher beschrieb er ausführlich „Die Cholera in Saratow im Jahre 1830“).
Eine große Hilfe erwies der lutherischen Kirche Gubwa - ein Schankwirt, Markör und bekannter Kartenspielen Er vermachte ihr laut geistlichem Testament 16.000 Rubel und ebenso viel den Einwohnern seines Heimatdorfes Gololobowka. „Das war in Saratow der einzige Deutsche, der ein solch großes Kapital für ein gutes Unternehmen vermacht hatte.“
Im Hof von I. N. Seiferts lutherischer Kirche wurde das zweistöckige Gebäude einer Zweiklassenschule für arme Kinder gebaut, die im Jahre 1876 als „Seifert-Schule“ eröffnet wurde. 1879 wurde die Kirche nach einem Entwurf des Architekten K. W. Thieden umgebaut und bekam den Namen der Heiligen Maria (sie befand sich zwischen der Deutschen und der Bolschaja-Kasatchja-Straße; an sie grenzte das prachtvollste Gasthaus Saratows, Wykurows Hotel an). Übrigens gehörte das Dorf Uwjek dem General von Kobrin (einem gebürtigen Deutschen); später wurde es dem Deutschen Engelecke - dem Besitzer des Mönchsklosters - vererbt.
Der Deutsche Georg Petrowitsch Schartan, Großhändler erster Gilde, beteiligte sich aktiv an der Renovierung und dem Umbau der Sergejewskaja-Kirche in die Troizkij-Kalhedrale im Stil des Naryschkin-Barocks; auf seine Kosten wurde 1859 im Maria-Hort ebenfalls eine Kirche eröffnet. Dem Maria-Institut für adlige Töchter ließen die deutschen Großhändler besonders viel Hilfe zukommen. Es genügt, auf den Großhändler erster Gilde F. 0. Schachtel zu verweisen, der in Saratow bereits 1840 durch seine Theaterunternehmer-Tätigkeit bekannt war; er war Begründer des Deutschen Tanzklubs und Erbauer und Besitzer des außerhalb der Stadt gelegenen Sommerparks in Schächtels Garten. Übrigens studierte dessen Tochter, N. T. Schächtel, in diesem Institut für adlige Töchter von 1871 bis 1873. Auch Schächtels älteste Tochter Jekaterina Finfewna studierte dort (Taufpate der beiden Töchter Schächtels war der bekannte Mäzen P. M. Tretjakow, Begründer der Tretjakow-Galerie). Das Gebäude des Nonnenklosters und die Nikolskaja-Kirche in der Pokrowskaja-Straße (heute Lermontowstraße) wurden nach einem Entwurf eines unbekannten deutschen Architekten gebaut (von dem Nonnenkloster ist das Tor geblieben - heute steht hier das Gasthaus „Slowakia“).
1805 bauten die Katholiken Saratows eine hölzerne Kathedrale, die noch im I selben Jahr geweiht wurde und bis 1880 stand. Die 1881 geweihte katholische Sankt-Clemens-Kathedrale wurde nach einem Entwurf des Architekten K. Newskij gebaut.
Am 11. Februar 1836 wurde in Saratow das römisch-katholische Bistum Tiraspol eröffnet und die katholische Kirche zeitweilig in eine Kathedrale umgewandelt (in Saratow gab es 1847 noch ein Sonderamt: den Vikar, einen Bischofsgehilfen). Im Gouvernement Saratow lebten Ende der fünfziger Jahre insgesamt 20.000 Katholiken (hauptsächlich in Kamyschin).
Aus Angst vor der Verbreitung des römisch-katholischen Glaubens und der Annäherung der Saratower Orthodoxen und Kleinbürger an die römisch-katholische Konfession sowie aus Neid auf die materielle Lage der Katholiken teilte der Wirkliche Geheimrat und Ehrentreuhänder P. N, Batjuschkow 1857 in einem Schreiben an den Herrscher mit: „Der Saratower orthodoxe Bischofe bekam damals 800 Rubel jährlich, dem lateinischen wurden aber 5 000 Rubel zugeteilt. Unser Bischof hatte kein Geld, um eine eigene Equipage anzuschaffen; er mußte sich mit einer Art Tarantas (gedeckter Reisewagen) begnügen, während der Bischof Kan (Ferdinand Galan - Kan , der Bischof des lateinischen Bistums) triumphierend in einer herrlichen Equipage, noch dazu mit polnischem Gespann, umherreiste.“
Im Jahre 1857 waren 115281 Personen Mitglieder des Bistums Tiraspol, 1 unter ihnen 103 473 römisch-katholischen Glaubens. 22 Jahre später bauten die Mitglieder des Bistums gemeinsam mit dem Bischof eine steinerne Kathedralkirche, und gegen 1888 betrug ihre Zahl schon 244 910 Personen.
Es sei betont, daß die deutschen Kirchen in der Metropole Saratow die Volksbildung überwachten, Zeitschriften herausgaben und in architektonischer Hinsicht prachtvolle Gebäude bauten. Die entstandenen deutschen Kulturstätten wiesen den Baustil Deutschlands und Westeuropas auf - romanische und gotische Züge, die Fachwerkbauweise der Wohn- und Wirtschaftsgebäude, für die Lakonismus der Formen, hohe Bearbeitungstechnik des Steins, der Fenster, der Spitzen und Giebel, die Verwendung von Buntglasfenstern und Mosaik kennzeichnend sind. Namentlich dank der Kirchen fanden theologische und kulturwissenschaftliche Literatur, Lexika und medizinische Handbücher Verbreitung.
Anfang des vorigen Jahrhunderts zählte die Metropole schon 59 lutherische, 33 katholische und 23 reformierte Gotteshäuser. Wie A. Filatowa anmerkt, „ist die erste Schule im Gouvernement Saratow im Landkreis Kamyschin. in einer katholischen Kolonie, 1763 entstanden... Seit dieser Zeit begann man, Schulen in den lutherischen Kolonien zu eröffnen ..-“
Am 5. August 1866 eröffnete die Leitung des deutschen Kontors der Vormundschaftskanzlei eine Zentralschule in Lesnoj Karamysch, die zwei Jahre darauf eingeweiht wurde. Im Jahre 1840 wurde der Beschluß über den obligatorischen Schulbesuch durch alle Kinder der Kolonien gefaßt. 1865 belief sich die Zahl der Schulen in den Kolonien auf 175, sie wurden von 43.269 Kindern (22.046 Jungen und 21.223 Mädchen) besucht.
Die Pflichtfächer der deutschen Schulen waren Deutsch, Religion, Arithmetik, Geschichte, Erdkunde, Rechtschreibung und Russisch. Übrigens wies Franz-Fedor Iwanowitsch Erdmann, ein bekannter Orientalist und Professor für orientalische Literatur an der Universität zu Kasan, in einem Revisionsbericht von 1815 auf „den schlimmen Zustand der Kolonistenschulen“ hin. Trotzdem belief sich der Alphabetisierungsgrad in den deutschen Kolonien auf 80 Prozent. Die besten Lehrer in den Saratower Schulen waren aus Deutschland gebürtig. Es genügt, den Religionslehrer an der Kirchgemeindeschule Karl Philippowitsch Knaub zu nennen, der sich später als Verleger betätigte und die Stadt in den Jahren des Ersten Weltkrieges durch eine Serie von Ansichtskarten - der Montage „Gruß aus Saratow“ mit der Abbildung eines Luftschiffes, das auf seinem Rumpf das Foto zweier Straßen, der Deutschen und der Nikolskaja-Straße, trug - berühmt machte.
Es seien noch erwähnt: der Begründer des Mädchengymnasiums A. D. Kuhfeld (im Hause Kusnezows, später Bänders, in der Nikolskaja-Strasse, wo im Erdgeschoß Sarpinka- und Konfektionsgeschäfte untergebracht waren) und K. K. Horenburg Begründer des privaten Progymnasiums Horenburg-Ostrowskij an der Ecke Alexandrowskaja- und Malaja-Kostrishnaja-Straße (heute Puschkinstraße). Die führenden Lehrer in den Mädchen- und Knabengymnasien Saratows waren Deutsche.
Eine beachtliche Zwischenschicht in der deutschen Gemeinde Saratows machten die Händler und Handwerker aus. Die ersten bedeutenden Industrie-und Kommunalbetriebe Saratows wurden von deutschen Kolonisten gebaut, Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts nahmen die Getreidemühlen das ganze Ufer der Anlegestelle ein (die berühmte Mehl-Anlegestelle der Brüder P. P., F. P. und P. I. Schmidt, die Mühlen von K. Reinecke und L, Seifert). In dem bis heute erhalten gebliebenen Haus des Großhändlers und Müllers P. P, Schmidt in der Nikolskija-Straße (heute Radischtschew-Straße) befindet sich das Haus der Fachkräfte des Bildungswesens; im Haus von K. Reinecke in der Kommunamaja-Straße hinter dem Garten „Lipki“ ist das Krankenhaus untergebracht; im zweiten Haus P. P. Schmidts beim (innen „Lipki“ war bis 1990 ein Hotel für Parteifunktionäre des Gebiets eingerichtet, jetzt befindet sich hier ein Kindergarten. Im Haus des Großhändlers und Millionärs A. E. Bosel, der als erster Getreidemühlen in Saratow eröffnete, ist heute der Stadtpalast der Eheschließungen untergebracht. Bosel gehörte das Gebäude der Nordbank (in ihm befindet sich heute das alte Gebäude der Juristischen Hochschule in der Gorki-Straße). Dieses Gebäude verblüfft durch üppige Ausstattung, prachtvolle Kamine und durchbrochene Gußtreppen.
Dank der deutschen Kolonisten wird Saratow zum Mittelpunkt der Mühlenindustrie und gehört mit zu den ersten Städten Europas. Umfangreiche Handelsbeziehungen mit dem Westen werden angeknüpft. In Saratow trifft eine Menge ausländischer Literatur, philosophischer, künstlerischer, naturwissenschaftlicher und geschichtlich-geographischer Schriften ein. Zum Hauptnerv Saratows werden die Banken von A. Bänder, A. Bosel, A. I. Kraft und R, K. Ehrt, Aus Saratow wird eine schmucke, gut ausgestattete europäische Stadt mit reichen Geschäften, asphaltierten Gehsteigen, einer ordentlichen Beleuchtung und Pferdestraßenbahn. Die Deutsche Straße verwandelt sich nun in einen großen Marktplatz mit zahlreichen Garküchen, Herbergen, Schenken und Möbelläden. Hier werden das Gasthaus Berlindiners und die Werkstatt des Klavierstimmers Falk eingerichtet.
Eine vortreffliche Vorstellung vom damaligen Saratow vermitteln die von I. I. Brendel, dem Besitzer der Moskauer Buchhandlungen „Domaschnaja biblioteka“ („Hausbibliothek“) und „Aviator“ („Flieger“) und des Geschäfts „Sojus“ in der Deutschen Straße, sowie von dem bekannten Sanitower Verleger A. D. Tobias herausgegebenen Ansichtskarten. Diese Ansichtskarten erinnern uns an den berühmten Amüsierbetrieb der Feinbäckerei preis, an die ersten Gymnasien, die Gouvernements-Druckerei, das erste Orchester und den Chor, das Alexander-Krankenhaus, an das Irrenhaus, das Gasthaus, den ersten Jahrmarkt für das von den deutschen Kolonisten mitgebrachte Steingut- und Kristallgeschirr, an den deutschen Jahrmarkt für Zwirn und Gewebe. Die deutsche Handelsgroßbourgeoisie der Metropole war eng mit den Finanzkreisen Deutschlands und der Vereinigten Staaten von Amerika verbunden. Allerdings machten den größten Teil der selbständig im Handel tätigen Bevölkerung der Metropole die .Kleinhändler aus, Für die deutsche Metropole Saratow ist der hohe Anteil der freiberuflich Tätigen, des Verwaltungspersonals sowie der Personen kennzeichnend, die bei den vermögenden Schichten dienten - Hauslehrer und Erzieher. In Saratow lebten sehr viele Beamte, die in den Revjsions- und sonstigen Verwaltungseinrichtungen der Stadt tätig waren (E. F. Jordan, M. N. Pauli, B. F. Rudi, K. S. Schmerling, K. F. Justus, W. K. Bergmann. W. J, Merzlin, A- A. Minder, N. K. Janzen. A, E. Timrot, R. I. Sandler, K- N. Grimm und andere, über die B. L. Petrow ausführlich in seiner Mitteilung berichtet).
Die deutsche Gemeinde Saratows versorgte die europäischen Länder mit Rohstoffen und Nahrungsmitteln und besaß eine aktive Handelsbilanz, Das Anwachsen der Textil-, Mühlen-, Schiffbau-, Chemie-, der pharmazeutischen und Maschinenbauindustrie ist direkt mit den Aktivitäten der deutschen Kolonisten, ihrem Beitrag .zur technischen Entwicklung des Landes verbunden. Die deutschen Konzerne legten beträchtliches Kapital in der Entwicklung der Industrie der Metropole an, und die deutsche Bank gewährte gewaltige Kredite und förderte dadurch die Einrichtung vieler Betriebe, darunter auch derjenigen O. Berings, O. Hatkes und P. Ehrts. Die ersten Druckereien, Kinos, Gasthäuser, Fotoateliers, Theater und Werkstätten in der Stadt wurden von den Kolonisten eröffnet. Die architektonische Gestalt Saratows prägten, begonnen beim Städtebauer Scheel, die deutschen Bauarbeiter und Architekten K. Thieden, F. Schuster, M. Pulmann, F. Schachtel, M. Kirchner und Ch. Losse.
Die führenden Professoren der Saratower Hochschulen, und vor der Revolution gab es ihrer drei - die Universität, die höheren Agrarkurse und das Konservatorium (die dritte musikalische Lehranstalt in Russland, deren Gelände nach dem Entwurf des deutschen Architekten A. J. Jagn bebaut worden war), waren Deutsche. Mit Vorträgen kamen regelmäßig deutsche Professoren aus der Universität zu Kasan nach Saratow.“
1821 übersiedelte Professor M. G. Hermann aus Kasan nach Saratow. Seite an Seite mit ihm wirkten solche bemerkenswerten Wissenschaftler wie I. Ch. Hammel, P. K. Haller, B. K. Rosenthal, W. W. Adolf. K. L. Müffke sowie der Vorsteher der Saratower Wissenschaftlichen Archivkommission, der hervorragende Erforscher der Region Saratow A. N. Minch. und sein Bruder, der bedeutende russische Epidemiologe G. N. Minch, der im ersten Knabengymnasium mit A. I, Huber, dem Dichter und Übersetzer des Goetheschen „Faust“, studiert hatte. Zu dieser Reihe gehören solche vortrefflichen Wissenschaftler und Gelehrten wie G. K. Meister, R. R. Merzlin, P. E. David, K. G. Schulmeister, A. B. Mattissen, B, N. Arnold, das Akademiemitglied N. W. Zizin (Deutscher väterlicherseits) und S. L. Frank (Deutscher väterlicherseits) und andere. Besonders erwähnt sei der bedeutende Selektionär (Pflanzenzüchter) Georg Karlowitsch Meister, der Verfasser von „Krititscheskije otscherki osnownych ponjatij genetiki“, der zum ersten Mal im Unteren Wolgagebiet die Selektion des Sommer- und Winterweizens vorgenommen, allein 16 Sorten Winterweizen (sein „Luteszens-329“ ist bis heute in der Welt nach Winterfestigkeit unübertroffen) gezüchtet, erstmalig in der weltweiten Wissenschaft das Problem der Wahl von Elternpaaren bei der Artbastardierung und Kreuzung innerhalb der Art gelöst und die berühmten Hybridsorten „Sarrubrz“, „Sarrosa“, „Albossar“ und „Blansar“, die sich durch hohe Hektarerträge, Körnerausfallfestigkeit, Grannenlosigkeit und außerordentlich hohe Mahl- und Backeigenschaften auszeichnen, gezüchtet hat, Meister, Autor des „Kurzgefassten Bestimmungsbuches für Brotgetreide und der Beschreibung der meistverbreiteten örtlichen und Selektionssorten des Unteren Wolgagebiets“, Vizepräsident und Vorsitzender der Sektion Getreidekulturen, Körnerleguminosern Öl- und Futterkulturen der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften der UdSSR „W. I. Lenin“, Träger von Orden und Medaillen, kam Anfang der dreißiger Jahre in den stalinistischen Folterkammern ums Leben. Übrigens wohnte er in Saratow in einer zweistöckigen Villa in der Kommunarnaja-Straße.
Genauso tragisch ist das Schicksal Rudolf Eduardowitsch Davids - Vorsteher des Meteorologischen Büros in Saratow, Leiter des Lehrstuhls für Meteorologie an der Landwirtschaftlichen Hochschule, Professor seit 1923. Ein vortrefflicher Kenner von Beethoven, Goethe, Schiller, der deutschen Architektur, hatte R. E David in die Agronomie den Geist hoher Philosophie hineingebracht, kolossales faktisches Material über Klimatologie gesammelt und es in solchen fundamentalen Werken wie „Klimatitscheskij atlas Nishnego Powolshja“, „Jugo-Wostok w klimatitscheskom otnoschemji“, „Klimat i chosjajstweinnyje wosmoshnosti Kalmoblasti“ und „Klimat Nishnego Powolshja“ (Teil I und II) veröffentlicht. Für all diese Arbeiten war die Erfassung des Wesens der Natur im Unteren Wolgagebiet durch die philosophische Erkenntnis agronomischer Begriffe und Verfahren, der Gesetzmäßigkeiten und Anomalien der Naturzyklen kennzeichnend. Er stellte fest, wie sich die Dürre verbreitet und auswirkt, erarbeitete Verfahren zur Bekämpfung ihrer Folgen, analysierte eingehend die Natur der synoptischen Prozesse in der Region und wie sich verschiedene Dürrearten bilden. Der prominente Wissenschaftler, Direktor des Instituts für Dürreforschung, verlor sein Leben ebenfalls in den stalinistischen Folter.
Dieses Schicksal blieb Karl Ludwigowitsch Müffke, dem bedeutenden Architekten und Erbauer der Universitäten Saratow und Kasan, erspart, der plötzlich Anfang des Jahres 1933 verstarb. Müffke hatte in vielem die architektonische Gestalt der Stadt Saratow geprägt, vier Gebäude der Universität, das Nebengebäude des Stadtkrankenhauses, das Gaswerk der Universität in der Beloglinskaja-Straße und alle Gebäude im Klinikenviertel entworfen und gebaut: die Chirurgische, für Hals-Nasen-Ohrenkrankheiten, die Therapeutische, Neuro-psychiatrische, für Haut- und Geschlechtskrankheiten, für Geburtshilfe und Gynäkologie, die Klinik für Kinderkrankheiten, sehr viele Hilfsräume bei den Kliniken und Krankenhäusern, Wäschereien und Küchen. Nach der Revolution war Müffke Professor für zivile Architektur und Bauformen im Institut für Autostraßenbau (heute Polytechnisches Institut). Für alle architektonischen Entwürfe Müffkes sind visuelle Ganzheit und exakte, maßstabgetreue Beiordnung der Gebäude und Anlagen der Ortschaft charakteristisch. Sie wurden als klassische Bauensembles im Einklang mit der Natur und Ortschaft geschaffen und prägten visuell und funktionell ein harmonisches räumliches Milieu. Diese Ensembles zeichnen sich durch seltene kompositionelle Einheit. Majestät und Vielfalt der Formen, durch die Symmetrie der Fassaden und Plane aus. Wie schade, daß diese glänzenden architektonischen Schöpfungen des Saratower Baumeisters am Rande des Verfalls stehen, einer Generalrenovierung bedürfen und praktisch nicht unterhalten werden.
Die Hauptrolle in der Arbeit aller obenerwähnten Wissenschaftler kam wohl der Hierarchie der geistigen Werte zu - gleich wie im Leben 5. L, Franks, des bedeutenden Philosophen und Kulturforschers des 20. Jahrhunderts, dessen Vater ein Deutscher war und der von 1917 bis 1921 Dekan der Historischen Fakultät und der erste Leiter des Lehrstuhls für Philosophie der Universität zu Saratow war. Mit dem Namen Franks sind der Aufschwung des philosophischen Denkens in Saratow, die Ideen des Kosmopolitismus, Synkretismus und Individualismus und der „kosmischen“ Erfassung der Welt verbunden. Die Saratower Deutschen verkörperten in sozialer Hinsicht Geschäftstüchtigkeit und Anständigkeit, in philosophischer Hinsicht den Kosmopolitismus im besten Sinne des Wortes. Zusammen mit Frank konzentrierten sie ihre Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Ausarbeitung ethischer Fragen. Besonders nahe standen der Saratower Philosophieschule in dieser Hinsicht die Intellektuellen, die die Grundlagen für die örtliche Malereischule schufen.
In den Berichten über die Kunst, die in den Saratower Zeitungen gebracht werden, stößt man seit 1874 auch auf knappe Informationen über die Kunstmaler deutscher Herkunft. Wie I. F. Gorisontow in einem seiner Beitrüge hervorhebt, beginnt Saratow mit dem Erscheinen der deutschen Kolonisten in geistiger Hinsicht zu erwachen ...
Bei den verschiedenen Kulturveranstaltungen Saratows spielt die deutsche Metropole eine beachtliche Rolle, indem sie das künstlerische Leben der Stadt aktiviert. Es genügt. I. P. Reimers, Liebschütz, W. W. Mathe, D. B, Daran, A. I. Scharlemann, -3. K. Liebhard, den Bildhauer L. A. Bernstamm und andere zu nennen, Unter den Arbeiten der Teilnehmer der 3. Wanderausstellung des Verbandes der Wanderaussteller im Oktober (8.-22.) 1874, auf der 41 Gemälde vorgestellt wurden, befanden sich auch solche von N. N. Geh und M. P. Klodi. Auf der am 4. Juni 187.5 in Saratow eröffneten Weltausstellung Eppmanns wurden Gemälde und Wachsfiguren deutscher Künstler ausgestellt- Am 23. Februar 1878 fand in Saratow eine Jubiläumsveranstaltung zu Ehren des Künstlers und Direktors Falk statt. Am 25. Oktober desselben Jahres lief im Haus Alpatowas in der Deutschen Straße die Verkaufsausstellung von 271 Werken „moderner ausländischer Künstler. Im Dezember 1879 waren P. A. Brülow und M. P. Klodt Teilnehmer der 7. Ausstellung des Verbandes der Wanderaussteller im Haus des Fürsten W. A. Scherbatow in der Alexanderstraße.
Im April 1883 befanden sich auf der zweitägigen künstlerisch-architektonischen Aussteilung, veranstaltet von dem Architekten S. W. Jeserowskij aus Nishnij Nowgorod zugunsten der „Frauenpflegschaft der Armen“, unter den vorgelegten Zeichnungen, Gravuren, Aquarellen und Plänen auch solche, die über Preußen und Österreich im 19. Jahrhundert berichteten. Autor des Entwurfs des Radischtschew-Museums in Saratow war W. Strom (alle Fragen bezüglich der Organisation und Errichtung des Gebäudes wurden mit ihm abgestimmt). Im Progymnasium von Heß in der Prijutskaja-Straße wurde im Oktober 1884 eine Zeichenschule des Künstlers I. F. Ananjew eröffnet. Im Oktober desselben Jahres waren auf der Ausstellung der Genossenschaft der Wanderaussteller Werke M. P. Klodts vertreten. Unter den Arbeiten der im April 1889 in Saratow eröffneten Ausstellung von Kunstgegenständen und Gemälden, veranstaltet von der Gesellschaft der Freunde der schönen Künste, konnte man Gemälde von K. P. Brüllow und F. Roß und die Malerei aus der Sammlung Schusters besichtigen. Im September 1889 beteiligten sich an der 4. Landes-Agrarausstellung N. A. Bundas, J. S. Hermann, K. K. Horenburg, A. I. Dellos, G. F. Friese, A. P. Schewe, S. K. Exner und R. K. Ehrt. Auf der 2. Ausstellung der Freunde der schönen Künste im Januar 1891 war P. L. Schewe ebenfalls vertreten. Im Haus Niedenthals wurde im gleichen Jahr in regelmäßigen Abständen das „Weltpanorama“ - Ansichten und Ressourcen verschiedener Länder - ausgestellt. Teilnehmer der 3. Ausstellung des Verbandes der Freunde der schönen Künste im Radischjew-Museum waren A. F. Weber, A. 1. Dellos, A. P. Schewe und R. K. Ehrl. Die aus Deutschland Gebürtigen beteiligten sich aktiv auch an der Ausstellungsveranstaltung zugunsten der Frauen-Feldscherkurse, eröffnet von der Sanitärgesellschaft im April 1894. Auf dieser Ausstellung waren Objekte der angewandten Kunst und der Malerei aus der Sammlung des Grafen A. D. Nesselrode vertreten. Teilnehmer der Ausstellung von Schülerarbeiten der Zeichenschule des Verbandes der Freunde der schönen Künste im Januar 1896 in Saratow waren Linders und N. K. Horenburg. Im April 1898 konnte man auf der 4. Kunstausstellung der Gesellschaft für schöne Künste, wo erneut viele Werke aus der Sammlung des Grafen A. D. Nesselrode vorgestellt wurden, Arbeiten von I. J. Hinzburg ansehen. Auf der Septemberausstellung der Werke im Saratower Radischtschew-Museum im Jahre 1899 befanden sich unter den Malereien und Grafiken Arbeiten von J. M. Böhm, Alba, I. F. Walter, I. A. Welz, E. O. Wiesel, K. A. Winkler, I. K. Witzmann. I. J. Hinzburg, W. W. Malhe und A. R. Eberling. Bereits im April 1900 werden auf der Pariser Weltausstellung Arbeiten des Saratower Bildhauers W. O. Perelmann exponiert. Im Dezember desselben Jahres wurde in den Versammlungssälen der Adligen eine Ausstellung von Werken des Kiewer Landschaftsmalers N. K. Lund eröffnet: „Abend in der Dneprbucht“, „Ansicht der Kiew-Petscherekaja-Lawra“, „Das nächtliche Kiew“, .'Nacht am Meer bei Jalta“ und andere.
Die Saratower Deutschen nahmen an den Ausstellungen der Moskauer Künstlergenossenschaft im Jahre 1903 aktiven Anteil - nämlich J. N. William und F. I. Rerberg. Am Abend der „Neuen Kunst“, der von M. J. Bukinik im Januar 1904 im Gebäude der Musikfachschule veranstaltet wurde, beteiligten sich neben K. F. Balmont und A. B. Goldenweiser auch andere Vertreter der deutschen Diaspora. Teilnehmer der Ausstellung „Rote Rose“ in einem Raum des Adligenhauses im April 1904 waren M. A. Wrubel, I. A. Knabe, K. L. Felden und N. Nord. Teilnehmer der außerordentlichen (parallelen) Ausstellung der Werke der Genossenschaft der Wanderkunstaussteller waren P. A. Brüllow, M. P. Klodt und K. W. Lemoch. Nach Saratow kamen häufig Kunstmaler deutscher Herkunft aus anderen Städten Rußlands. Neben dem erwähnten A. K. Lund aus Kiew (1906 fand seine 11. Ausstellung in Saratow statt) kamen die Petersburger Deutschen F. R. Buchholz und I. A. Welz (Ausstellung im Oktober 1904). An der Veranstaltung der Kunstgewerbeindustrie-Ausstellung zur Hilfe für Kleingewerbetreibende (Zeichnungen auf Ton, Blech, Leder, Majolika und Keramik) beteiligten sich im August 1905 ebenfalls Deutsche aus Saratow. Als 1906 die Ausstellung der Amateurmaler zugunsten von Hungernden stattfand, beteiligte sich daran der Bürger deutscher Herkunft Extrem. Im März 190S war I. M. Pauli einer der Stifter der ersten Versammlung des Vereins plastischer Künstler, Die Saratower Deutschen nahmen an allen folgenden Kunstausstellungen der Stadt teil. Im Jahre 1910 waren das beispielsweise J. I. Fedders, J. J. Weber und W. N. Bargowut.
Es sei betont, daß in der Deutschen Straße regelmäßig Verkaufsausstellungen von Gemälden und Zeichnungen veranstaltet wurden, und zwar in den Hotelzimmern Sorokins. Die Saratower Deutschen waren aktive Teilnehmer an den Abenden der „Neuen Gesellschaft“ im Stadttheater im Jahre 1911. Seien es Holzschnitzereien, Grafiken, Skulpturen oder architektonische Entwürfe., die in den Ausstellungen vertreten waren, die Deutschen haben sich auch bei diesen Kunstarten auf die beste Weise gezeigt. (Arbeiten von J. W. Goldinger, F. I. Rerberg und I. W. Scheer, ausgestellt im Dezember 1912 im Radischtschew-Museum.)
An der Organisation der Saratower Forschungsstation und des „Kinderklubs“ beteiligten sich Deutsche, die bei der Gestaltung der Ausstellung der Malereien und Skulpturen der Kindergartenkinder tatkräftig mithalfen; sie eröffneten ein Kunstatelier für begabte Kinder. Unter den Arbeiten der Künstler., die in der Ausstellung im unteren Saal der Saratower Stadtverwaltung 1912 vertreten waren, gab es Werke von Teile und A. X. Delame. Die aktivsten Teilnehmer aller Ausstellungen waren N. K. Horenburg und W. O, Perelmann. Die deutschen Künstler Saratows beteiligten sich auch an den Ausstellungen zugunsten verwundeter Soldaten - A. G. Kokel und W. O. Perelmann(im November 1914). Die Deutschen waren ständige Teilnehmer an den Wanderausstellungen der „Modernen Kunst“ in der Kommerzversammlung (Heck, Prouggen, Naronz, Taler und R. Rüss im Februar 1915). Oft stellte Baron Stieglitz Teile seiner Kollektion japanischer und chinesischer angewandter Kunst aus. Viele Deutsche gab es unter den Mitgliedern des „Zirkels der Freunde der schönen Literatur und Kunst“ an der Universität zu Saratow. Zum Ereignis im Kulturleben Saratows wurde im Dezember 1916 die Ausstellung von Gemälden und Studien W, G- Hippels im Hause Schumilins in der Bolschaja-Kasatschja-Straße. An der Gründung des Künstlerverbandes im Jahre 1917 beteiligten sich die Deutschen aktiv; nicht umsonst wurde D. B. Reichmann im August des gleichen Jahres in den Vorstand als Mitvorsitzender aufgenommen. Als 1918 eine Gouvernementsabteilung der Künste mit Sektionen für Bildende, Bühnen- und Musikkunst eröffnet wurde, waren die Deutschen tatkräftig dabei. In der Kommission für den Schutz alter Denkmäler war Dessler bei der Hochschulabteilung tätig. B. G. Öliger, D. B. Reichmann, Waldmann und Weitmann (sie waren Teilnehmer der ständigen Gouvernements-Kongresse des Verbandes RA-B1S, der Gewerkschaft der Kunstschaffenden) nahmen an der Arbeit der Gewerkschaft der Kunstschaffenden aktiven Anteil. Als im Wolgagebiet die Hungersnot ausbrach, wurde W. N. Perelmann als Bevollmächtigter für die Angelegenheiten der Höheren Staatlichen Technischen Kunstwerkstätten eingesetzt. Bei der Eröffnung des Theaters der Dichter, Kunstmaler. Musiker und Schauspieler in Saratow (Theater „Arena poesi“) wirkte auch D. B. Reichmann mit (1921). Im schrecklichen Hungerjahr 1922, als im Börsengebäude die Ausstellung „Künstler für die Hungernden“ stattfand, beteiligten sich daran W. J. Talen, B. M. Leimik und D. B. Reichmann; B. A. Kuschelmann, K. B. Gold und W. A. Hofmann waren Teilnehmer an der Bilderausstellung der Saratower Kunstschule im Jahre 1923. Mit zu den Teilnehmern der Ausstellung von Entwürfen für die Revolutionskämpfer gehörte Fischer. Am 28. Dezember 1924 wurde im Radischtschow-Museum eine Ausstellung von Werken deutscher Expressionisten eröffnet, im März 1925 ein Teil der Werke in der „Saratower Manufaktur“ ausgestellt. Im gleichen Jahr weilte der deutsche Künstler Otto Nagel in Saratow. In seiner Ausstellung wurden Vorträge gehalten und Dispute veranstaltet. O. Nagel selbst hielt die Vorträge „Der Klassenkampf und die deutsche Kunst“. Über das Gemälde „Die Frau vor dem Spiegel“ von O. Dix“ und „Die rote Gruppe der deutschen Künstler“.
Teilnehmer der Ausstellungen von Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen in den Jahren 1926 bis 1929 sind Ch. B. Gold, W. A. Hofmann, W. F. Reinen, E. A. Stößel, P. K. Kling und J. A. Stößel. Besondere Aufmerksamkeit schenkte man in der Ausstellung junger Künstler im Juni 1931 den Arbeiten B. A. Stößels. Teilnehmer an der Wanderausstellung der Malerei und Graphik sowjetischer Künstler waren T. W, Lecht und J. J. Weber.
Die Gründe dafür, warum man seit Beginn der dreißiger bis in die zweite Hälfte der fünfziger Jahre keine Erwähnungen von Künstlern deutscher Herkunft in der örtlichen Presse findet, braucht man wohl kaum zu erläutern. Jedoch nahm bereits 1956 S. I. Greiber an der Ausstellung dekorativ-angewandter Kunst der Saratower Künstler teil; 1957 waren in der Ausstellung „Puppen, Entwürfe und Studien der Künstler der Puppentheater der UdSSR“ im Saal des Zentralen Hauses der Bühnenkünstler in Moskau die Arbeiten M. E. Boströms - eines Künstlers des Saratower Puppentheaters - vertreten. Unter den Teilnehmern der Saratower Wanderausstellung 1958 befand sich T. G. Weizen (er beteiligte sich auch an der Ausstellung 1960). 1971 waren im Filmtheater „Pobeda“ in einer Ausstellung die Arbeiten R, W. Merzlins (deutscher Abstammung) vertreten. 1973 legte die Saratower Bildhauerin E. G. Morosowa-Eckert ihre Arbeiten, Unionsausstellung „Kleinskulpturen“ vor. Unter den zur Ausstellung „Past sowjetische Plakat der 20er und 30er Jahre“ 1973 vorgelegten Arbeiten befanden sich die von S. S. Schub. Teilnehmer der Ausstellung der Werke von Amateurmalern im Jahre 1977 war S. Graber; 1979 beteiligten sich R. Merzlin und J. Kinder an der Ausstellung im Radischtschew-Museum. Seit 1982 nahm der junge talentierte Bühnenspielleiter und Bühnenbildner J. N. Iwanow-Wendlind aktiven Anteil am künstlerischen Leben in Saratow, er hat mehr als 25 Szenographien für führende Saratower Theater ausgearbeitet; in verschiedenen Theatern der UdSSR hat er Über 60 Stücke aufgeführt.“
Es ist also zu sehen, daß der Beitrag der Deutschen zum Kulturleben Saratows unbestreitbar ist. Nicht umsonst entstand in Saratow 1840 ein deutscher Klub, dem erst nach 150 Jahren sein zweites Leben geschenkt wurde; 1989 ist er (nach einem Jahr) von den Stadtbehörden registriert worden, 1912 wurde in Saratow das Deutsche Konsulat (in der heutigen Rabotschaja-Straße 22) eröffnet.
Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts war Saratow ein intellektuelles und künstlerisches Zentrum Russlands. R.-M. Rilke, B. Brecht, M. Reinhardt, K. Kollwitz, H. Huppen, F. Wolf und W. Bredel besuchten die Stadt. In Saratow lebten die bekannten Schriftsteller B. Pilnjak, G. Lull, D. Schellenberg, G. Eiberg, Willi Baro, Hans, A. Lohismger, F. Fondis, F. Wilberg, G. Bachmann, M. Lorer, P. Sinner, I. Buch, die Dramaturgen Lourier, Fischer. G. Paul, A. Sachs, S. Glorf, E. Miller und andere. In den Jahren des Bestehens der Deutschen Republik, im Jahre 1930, wurde in Saratow eine Assoziation Wolgadeutscher Proletarischer .Schriftsteller gegründet. Indem sich die deutschen Kolonisten die Regeln des russischen Milieus aneigneten, ohne sich darin stumm aufzulösen, es .schöpferisch umwandelten und erneuerten, begünstigten sie den Übergang der Stadt auf ein qualitativ neues, höheres wirtschaftliches und kulturelles Niveau: Sie schufen eine einheitliche Syntheseform - die Stadt; ihre funktionellen (Komfort, Nutzen), konstruktiven (Wirtschaftlichkeit, Festigkeit), ästhetischen Qualitäten; das Intellektuelle und das künstlerisch Schöne sowie eine hohe moralische Atmosphäre; eine großzügige militaristisch-künstlerische Welt, die den Raum zur Befriedigung der materiellen und geistigen Bedürfnisse der Stadtbewohner erschließt. Mit der Ankunft der deutschen Kolonisten (wie im übrigen seit dem Städtebauer Scheel) werden die öffentlichen Gebäude, die Städtebauensembles, die sich durch Koordinierung, Ordnung und Harmonie auszeichnen, eben zu führenden Bauwerktypen. Es genügt, die Arbeiten F. Schächtels im Stil der Moderne zu nennen, die den Rhythmus der organischen Welt durch Gitter, stilisierte Pflanzenornamente und Häusermosaiken wiedergeben.
Nach der Revolution verursachten die niedrige Kultur und der schlechte Geschmack der Städtebauer die Einbuße der „eigenen Gestalt“ Saratows sowie eine mechanische Vermischung der nationalen Formen und Stile. Man darf aus dem Gedächtnis der Stadt nicht streichen, daß die deutschen Kolonisten es vermocht haben, die nationalen Grundlagen ihrer Kultur mit dem allgemeinmenschlichen Inhaltsreichtum in Übereinstimmung zu bringen, indem sie in ihrem Alltag den Vorrang der allgemein-menschlichen Werte behaupteten und die fortschreitende Entwicklung des Wolgagebiets, seine Humanisierung und seinen heuristischen Fortschritt begünstigten. Sie führten hier einen Dialog zweier .großer Kulturen über die aktuellsten Fragen des Alltags, indem sie die einmaligen, ewigen Fähigkeiten einer jeden von ihnen - der russischen und der deutschen - aktualisierten. Die Aufgabe, den Dialog dieser beiden Kulturen zu entwickeln, zu kultivieren und zu erziehen, ist im Wolgagebiet aktuell wie nie zuvor. Ist doch im Ergebnis dieses Dialogs ein universeller und absoluter Sinn jeder der beiden nationalen Kulturen entstanden, die zum Anlass und fertigen Rahmen für alle anderen Sinne geworden sind. Ein Beispiel des Triumphs der internationalen Politik unter den Bedingungen der Umgestaltung und Wiederherstellung der sozialen Gerechtigkeit muss die rechtliche und wirtschaftliche Wiedergeburt der Republik der Wolgadeutschen sein. Das Leben der deutschen Gemeinde in Saratow hat vor Augen geführt, daß „das Leben der ganzen Welt und unser eigenes kurzes Leben kein zufälliger Abschnitt, sondern eine Verschmelzung mit dem Leben der ganzen Welt ist, und sie besteht ein für allemal“.
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