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Straßenszene in einer chinesischen Stadt
Das XXI. Jahrhundert ist von Anfang an von großen religiösen Unruhen heftig geplagt. Daher ist es sehr wichtig das wissenschaftliche Erbe der Ostasienforscher im Auge zu behalten. Vielen Bürgern der westlichen Welt ist sehr bewusst geworden, wie wichtig es ist Kenntnisse über den Osten zu sammeln. Die Globalisierung, die über die ganze Welt hinwegrollt, steht vor dem östlichen Rätsel mit offenem Mund, und bis heute kann dieses Rätsel noch nicht entziffert worden. Wie nie zuvor gewinnt die Ostforschung wieder an Kraft und Raum.
Der Osten ist sich seiner Sendung bewusst geworden, die sich nicht weniger als die Rettung der Welt zum Ziel gesetzt hat. Die historische Herausforderung des Ostens hat erst gerade begonnen. Wer weiß schon etwas Genaueres von der Ostasienforschung? Vielleicht hat man einige Namen, vielleicht hat man etwas davon gehört?
Die wissenschaftliche Gesamtleistung russischer Ostasienforscher war ungeheuer, aber wir besitzen nur noch Bruchstücke davon. Deshalb wird die Geschichte der russischen Ostasienforschung immer ein tastender Versuch bleiben.
Landkarte von China
Russische Ostasienforscher waren beeindruckende Persönlichkeiten und intimste Kenner des Ostens. Sie vermittelten faszinierende historische Erkenntnisse. Und dieser Artikel soll einen Beitrag zum besseren Verständnis zwischen den Völkern und Kulturen leisten.
Auf die Frage: „Warum interessiert uns heute das Erbe russischer Ostasienforscher deutscher Abstammung?“, - antwortet Laotse: „Wer nicht denkt, dessen Tor zum göttlichen Verstand ist verschlossen“.
Die intensive Ostforschung in Russland begann am Anfang des XVII Jahrhunderts. Eine besondere Entwicklung bekam sie zur Zeit Peter I., der eine japanische Schule 1705 in Petersburg eröffnete, in der viele Lehrer deutscher Abstammung tätig waren.
Als 1727 nach dem Vertrag von Kjachtin die erste russische Mission nach Peking geschickt wurde, der drei Pfarrer und sechs Schüler zum Erlernen der chinesischen Sprache angehörten, darunter ein Deutscher, ging daraus eine Reihe glänzenden Sinologen hervor, die so genannte „Pekingische geistige Mission“. Diese Mission entstand zuerst durch die Tätigkeit eines gefangenen russischen Bischofs für gefangene Russen und andere Landsleute.
Ein alter chinesischer Tagelöhner
Im Jahre 1715, nachdem der russische Kaufmann V. Oskolkov die Fürsprache eingelegt hatte, kamen aus der sibirischen Stadt Tobolsk der Archimandritis Illarion Lezaiskij und zwei Mönche nach Peking, die vom chinesischen Herrscher Geld und Wohnung erhielten.
Im Jahre 1729 entstand für die russische Botschaft das Sretenskij Kloster mit vielen Räumen für die russischen Mission.
Seit dieser Zeit wurde jeweils für zehn Jahre eine Mission aus Russland geschickt. Diese Mission bestand aus einem Archimandriten, zwei Jeromönchen, einem Kirchendiener, einem Arzt, einem Maler und sechs Studenten.
Ende des XVIII - Anfang des XIX Jahrhunderts leitete diese Mission der Archimandritis Palladij, der durch sein Werk „die Geschichte von Chingis-Chan“ berühmt wurde. Er war auch der Autor der „Wegnotizen von Peking bis zu Blagoweschensk“ (St.-P., 1872). Er hat ebenfalls die „Reisenotizen des Chinesen Jon-de-choi“ veröffentlicht.
In der Zeit von 1852 bis 1866 wurde die vierbändigen „Arbeiten der Mitglieder der russischen geistigen Mission in Peking“ herausgegeben, die viele interessante Artikel über Chinas Geschichte und Kultur enthielten. Einige davon stammten von Russlanddeutschen.
Reisen in China per Schubkarren
Peter I., der ein sehr großes Interesse an der orientalischen Archäologie und Numismatik zeigte, veranlasste 1722 umfangreiche Maßnahmen zur Erhaltung der Ruinen der Bulgaren an der Wolga. Außerdem befahl er fünfzig arabische, tatarische und armenische Steinschriften zu übersetzen. Diese Übersetzungen erschienen 1771 in den Tagebüchern von S. J. Lepechin, der erwähnte, dass an dieser Arbeit auch Russlanddeutsche beteiligt waren.
Zum Zwecke der Untersuchung der sibirischen Funde und Altertümer wurde im Jahre 1720 der russische Naturforscher G. D. Messerschmidt abgeordnet, der erst im Jahre 1727 nach Petersburg zurückkehrte. Dies war die erste wissenschaftliche Reise nach Asien. Die in deutscher Sprache geführten Tagebücher von G. D. Messerschmidt blieben im Original erhalten. Die Auszüge und Abkürzungen in russischer Übersetzung wurden im Werk „Sibirische Altertümer“ von W.W. Radlov veröffentlicht. (Band I.), Ausgabe 1. St.-P.)., 1888.
W. Radlov war der berühmte Turkologe, der seit 1858 in Russland als Inspektor für tatarische Schulen bestimmt war. Er war Mitglied der russischen Akademie der Wissenschaften und sammelte als erstes sehr reiches Material über türkische Sprachen und Mundarten. Seine Werke waren u.a. „Proben der Volksliteratur der nördlichen türkischen Stämme“(10 Bände. St.-P..,1866/1907), „Versuch eines Wörterbuchs der Türkdialekte“(4 Bände, 1888-1911). Ihm gehörte auch die erste Veröffentlichung der „Orchon-Inschriften“ und des „uigurischen Fürstenspiegels Kudatku-Bilik“(ebd.1890). Alle diese Werke sind in der ganzen Welt bekannt.
Im Hafen von Hong Kong
In Tobolsk bekam G. D. Messerschmidt von schwedischen Kriegsgefangenen ein Manuskript unter dem Titel „Die Geschichte der Türken“, die der chinesische Chan Abul-Gasie geschrieben hatte. So entstand eine der wichtigsten Quellen zur Untersuchung der Geschichte Mittelasiens, die sehr bald in der ganzen Welt bekannt wurde.
G.D. Messerschmidt unternahm auch die Maßnahmen zur Aufbewahrung der orientalischen Bücher und Handschriften, die während des persischen Zuges der russischen Armee 1722-1723 gefunden worden waren. Seit dieser Zeit nahmen die orientalischen Sprachen einen besonderen Platz in der Akademie der Wissenschaften von St. Petersburg ein. Und für das Erlernen, den Unterricht und die Erforschung der orientalischen Sprachen wurden G. S. Bayer (1738), G. J. Kehr (1740) eingeladen. Unter den orientalischen Werken von G. Bayer sind besonders folgende bekannt: „Elementa literaturae Brachmanicae Tangutanae Mungalica“ (Commentarij Acad. Scient. Imper. Petrop., Bd.III, St.-P.,1732; Bd.IV, ibid. 1735).
Seit 1735 erforschte G. J. Kehr orientalische Münzen der russischen Kunstkammer. Seine Werke waren im Manuskript geblieben, und wahrscheinlich wurden sie vom Begründer der Beschreibung der orientalischen Münzensammlung der Akademie ausgenutzt, die 1745 zum ersten Mal erschien. In diesem Buch gab es eine Liste der Münzen unter dem Titel „Numi chineses, indici, hebraei, tatarici, persici, arabici, turcici“.
Japan Landkarte
Im Jahre 1733 erarbeitete G.J. Kehr ein sehr interessantes Projekt zur Gründung der „Asiatischen Akademie“, das aber nicht verwirklicht worden war. Und da die Erfolge der europäischen Wissenschaften Russland untrennbar mit der Ostforschung verbunden waren, spielten in Russland, zum Unterschied zur Ostforschung in Europa, die chinesische, japanische sowie die Sprachen des Mittleren Asiens eine besondere Rolle.
Das praktische Erlernen der Orientsprachen begann intensiv zur Zeit Katharina II. Auf ihren Befehl wurde 1769 mit dem Studium der tatarischen Sprache am russischen Gymnasium zu Kasan begonnen. Laut der Verordnung von 1782 musste in den Volksschulen von Kolyvan und Irkutsk die chinesische Sprache eingeführt werden, wobei auch die tatarische, persische, bucherische, arabische Sprachen erlernt wurden.
1798 wurde in Omsk die „Asiatische Schule“ für Übersetzer und Dolmetscher aus dem Tatarischen, Mongolischen, Chinesischen ins Russische und Deutsche gegründet.
Eine besondere Rolle bei der Untersuchung der orientalischen Sprachen in Russland spielten verschiedene Expeditionen. Als Resultat der ersten Expedition entstanden die Werke von G. F. Miller „Die Beschreibung des Sibirischen Reiches und aller seiner historischen Ereignisse“, (St.-P.,1750), sowie „Die Sibirische Historien“ von J. E. Fischer (St.-P., 1774).
japanischer Fischmarkt
Als Resultat der zweiten Expedition waren „die historischen Mitteilungen über die mongolische Bevölkerung“, die von P. S. Paellas stammten (St.-P., 1776-1802), der dabei die Kenntnisse von G. Jährich benutzte, der die mongolische Sprache sehr gut beherrschte (siehe seine Hauptwerke: „Die Reisen durch verschiedene Provinzen des russischen Reiches in den Jahren 1768-1764, St. -P., 1771-1776); „Die Sammlung der historischen Nachrichten über die mongolischen Völkerschaften“ (Zwei Bd. ebd., 1776-1802); „Die Bemerkungen auf einer Reise in die südlichen Statthalterschaften des russischen Reiches in den Jahren 1793/94“ (bde.1779-1801; In Ausg. mit Atlas 1803).
G. F. Miller hat auch im Jahre 1743 eine sehr umfangreiche linguistische Arbeit „Die Beschreibung der Völker des Kasaner Gebiets Cheremici, Cvaci, votjaki u. a., so wie der Kasantataren, Mordwinen, Permjaken, Syjanen u. a.“ geschrieben, die fünfzig Jahre später 1791 veröffentlicht wurde.
Das erste asiatische Museum in Russland wurde im Jahre 1818 auch mit Hilfe von Russlanddeutschen gegründet. Im Jahre 1801 wurde der berühmte Orienteloge Ch. D. Frähn zum ordentlichen Akademiemitglied Russlands ernannt.
Kirschblütenfest
Die allgemeine Assoziation der Ostforschung wurde in Russland im Jahre 1821 gegründet. Im Jahre 1818 wurde die Aufbewahrungskammer der orientalischen Handschriften und Münzen gegründet, die später als Asiatisches Museum und akademisches Zentrum der Ostforschung diente.
1830 bekamen die Orientsprachen ihr Recht und ihre Anerkennung an der russischen Akademie.
Im Jahre 1804 wurden an der Moskauer Universität, an den Kasaner- und Charkover Universitäten die Lehrstühle der arabischen und persischen Sprachen gegründet.
An der Kasaner Universität leitete seit 1807 Professor Ch. D. Frähn einen solchen Lehrstuhl. Von ihm wurde ein spezielles Programm ausgearbeitet. Ab 1836 wurde laut dieses Programms jede Schulklasse in drei Gruppen aufgeteilt: die arabisch-persische, die türkisch-tatarisch-persische und die mongolisch-türkisch-tatarische. Die Schüler, die diese Sprachen studierten, wurden vom Unterricht im Griechisch, Russisch und Deutsch befreit, sowie auch in Algebra, Malen, Zeichnen.
Lampionfest
Im Jahre 1828 wurde an der Kasaner Universität geschiedene türkische und tatarische Lehrstühle gegründet. Später entstanden an der Kasaner Universität drei solche Lehrstühle: für arabische und persische Sprachen, arabische und türkische Sprachen, sowie mongolischen und Sanskrit Sprachen, später für chinesische und armenische Sprachen. 1833 wurden die Lehrstühle für mongolische, 1837 für chinesische, 1839 für armenische, 1842 für Sanskrit, 1844 für Mangurische Sprache organisiert.
An der Petersburger Universität unterrichtete man auch die orientalischen Sprachen seit ihrer Gründung.
Eine besondere Rolle zur Entwicklung der Ostasienforschung in Russland hat Baron Victor Romanovitch von Rosen (1849-1908) gespielt. V. R. Rosen hat die Fakultät der Ostasienforschung an der Petersburger Universität absolviert. Ab 1872 war er Privat-Dozent, von 1893-1902 Professor und Dekan dieser Fakultät; ab 1885 leitete er die Ostasienabteilung der archäologischen Gesellschaft, die als einheitliches Hauptorgan der Ostasienforschung in Russland diente. V. R. Rosen war auch der Gründer und der Redaktor der wissenschaftlichen Zeitschrift unter dem Titel „Die Notizen der Ostasienforschung der russischen archäologischen Gesellschaft“ (1896). V.R. Rosen untersuchte die geistige Kultur der orientalischen Völker, er schenkte große Aufmerksamkeit der politischen Geschichte dieser Länder, und hat ein Essay über die sozial-ökonomische Lage der Zentralgebiete von Haliphat in IX-X Jahrhundert geschrieben.
Ein traditionelles japanisches Haus
In der Sowjetzeit gab es auch genügend Ostforscher, darunter auch deutscher Abstammung, so wie J. N. Reissner, N. J. Konrad, A. A. Kreimann, J. E. Bärtels, A. A. Huber, N. V. Kühner, L. J. Dumann, A. G. Miller, N. J. Eidus, F. A. Rotstein, P. A. Myth, V. M. Danzing, J. A. Pövsner, J. N. Rerich, A. K. Arends, J.I. Friedrich, die Mitglieder der sowjetischen Akademie der Wissenschaften waren.
J. I. Friedrich dechiffrierte vergessene orientalische Texte und Sprachen. J. N. Rerich und A. K. Arend erforschten Epigraphiken der orientalischen Völker.
J. M. Reisner untersuchte „Die Geschichte der Kolonialländer“. Von besonders hohem Wert waren die Werke von F. A. Rosenberg (1867-1934) und N. N. Poppe (1897-19 ?).
Das Mitglied der sowjetischen Akademie der Wissenschaften Fjodor Alexandrowitsch Rosenberg war einer den besten Schüler des berühmten russischen Orientologen K. G. Salehmann. F.A. Rosenberg war von 1902-1931 als Mitarbeiter des Asiatischen Museums tätig. Ab 1930 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am neu gegründeten Institut zur Ostasienforschung tätig. F. A. Rosenberg untersuchte den iranischen Heldenepos „Schach-Name“ von Ferdoussie, ebenso wie die Saraostra - Frage und die Persische Literatur, die Geschichte von Sogda, die Epigraphik von Pachlevie, die Bildende Kunst vom Iran. Die wichtigsten Kataloge im Asiatischen Museum wurden von ihm angefertigt.
Schreibunterricht
Als führender Mongolist der Gegenwart gilt Nikolaus Poppe, der auch Mitglied der russischen Akademie der Wissenschaften, und führender Linguist und Volklorist an der Leningrader Universität war. Er untersuchte die mongolische Sprache, mongolische Literatur und Volklore, die türkische und tungisische Sprachen. Von ihm wurden die Grundlagen der burjat-mongolischen Dialektologie geschaffen, Chalcha - mongolische Sprachen und alte mongolische Schriften untersucht. Die bedeutendesten seiner wissenschaftlichen Arbeiten sind: „Algar - Mundarten“(1930-1931); „Dagur - Mundarten“(L., 1930); „Die Werke der Volkloristik Chalcha - Mongolei“(L., 1932); „die Grammatik der mongolischen Sprache“(L., 1938); Chalcha - mongolischen Heldenepos“(L., 1937); „Die Solinsprache“(L., 1931).
N. Poppe lebte in Deutschland von 1942 bis 1949, danach übersiedelte er nach Amerika, wo er als Professor in Seattle(USA) tätig war. Seine weiteren Werke sind: „Khalka-Mongolische Grammatik“ (1951); „Grammar of written Mongolian“ (1954). Im Jahre 1972 fand in Wiesbaden ein Kongress zu Ehren N. Poppe statt, wo der Wissenschaftler als führender Altaiforscher und Tibetologe präsentiert wurde.
Ohne weiteres haben die russischen Orientologen deutscher Abstammung die Grundlagen der komplexen Untersuchung der Ostasienforschung in Russland gelegt. Das waren neue Richtungen in der Geschichte, der Ökonomie, der Linguistik, der Literatur, der Ethnographie, der Kunst, der Religion, der Philosophie. Sie untersuchten die Denkmäler der geistigen und materiellen Kultur der orientalischen Völker; sie begründeten die Iranistik, Simithologie, Turkologie, Chinologie, Mongolistik, Indologie, Japanistik und sogar ganz neuen wissenschaftlichen Bereiche, wie Koreanalogie und Malaistik, auch die neuen wissenschaftlichen Methoden.
Für die meisten dieser Werke war am Anfang an die Beschreibungsmethode charakteristisch, aber später begründeten und entwickelten sie die neuen Bereiche der modernen Wissenschaft.
japanischer Spielzeugladen um 1880
Die russischen Ostasienforscher deutscher Abstammung öffneten Weltperspektiven. Ihre Absicht war grundlegend neue Richtungen in der modernen Zivilisation aufzuzeigen, die schöpferischen Kräfte zu deuten, das neue Bewusstsein deutlich zu machen, das zu einem tieferen Verständnis der Wechselbeziehungen zwischen Menschen und Kulturen, Universum und Individium. Ihr wissenschaftliches Anliegen war das Prinzip der Einheit der Menschheit zu betonen.
Prof., Dr. habil. Phil., Dr. Phil. Galina Khotinskaya-Kallies
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