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Aufbau-Korrespondent Patrick Goldfein über seine Auswanderung nach Israel. Aufbau Nr. 22 vom 31. Oktober 2002.
Wir danken dem Aufbau Verlag und Herrn Golfein für die freunliche Nachdruckgenehmigung.
Eigentlich liebe ich den Geschichtsunterricht in der Schule. Gebannt lauschte ich den Erzählungen von mittelalterlichen Schlachten, politischen Komplotten und wagemutigen Rebellen. An machen Tagen bekam ich plötzlich ein fahles Gefühl in der Magengegend, mir wurde heiß und am liebsten wäre ich nach Hause gegangen. Das war immer dann, wenn der Lehrer mit ernster Miene das Klassenzimmer betrat und in einer Mischung aus Andacht und Schuldbewusstsein das Thema der Stunde verkündete: „Die Judenverfolgung im Dritten Reich“.
Sofort spürte ich die mitleidigen Blicke meiner Mitschüler. Alle in der Klasse wussten natürlich, dass ich jüdisch bin. Wir waren ganz normale Klassenkameraden, die zusammen lernten, quatschten, stritten, lachten. Aber jetzt hatte sich innerhalb von Sekunden eine imaginäre, aber schier unüberwindbare Mauer zwischen uns aufgebaut. Ich sah nach unten, um meinen Mitschülern nicht in die Augen sehen zu müssen. Ich wusste, dass sie in diesem Moment in mir nur den Nachkommen der Opfer sahen – und sie waren die Nachkommen der Täter. Und obwohl ich niemals antisemitische Erfahrungen machen musste, erschien es mir unerträglich, mit den deutschen Jugendlichen über die Nazi-Zeit zu lernen.
Trotzdem war dies nicht der Grund, weshalb ich Deutschland nach dem Abitur verlassen habe. Für mich und meine engsten jüdischen Freunde ging es vielmehr darum, endlich die Frage nach unserer eigenen Identität zu beantworten.
Jahrelang hatten wir uns in der jüdischen Jugendorganisation mit unserer gespaltenen Identität auseinander gesetzt. Schier endlos wurde debattiert, ob wir nun jüdische Deutsche, deutsche Juden, Juden in Deutschland oder einfach nur stinknormale Bayern-Fans sind. Das letzte wäre uns, glaube ich, am liebsten gewesen. Besonders nervig wurde es, wenn wir diese Diskussion öffentlich austragen sollten. Immer dann, wenn ein jüdischer Feiertag nahte, schickte der Bayerische Rundfunk einen jungen Reporter vorbei, um „Junge Juden in Deutschland“ zu interviewen. Ich kam mir dann immer ein bisschen vor wie im Zoo. Es machte einem deutlich bewusst, dass man „anders“ war.
Am allerschlimmsten jedoch wurde dieses Gefühl bei Begegnungen mit jüdischen Jugendlichen aus Frankreich, Amerika oder Israel. Das glich jedes Mal einem Spießrutenlauf: „Wie kannst Du nur als Jude in Deutschland leben?“ wurden wir aggressiv gefragt. Anfangs habe ich mich dafür rechtfertigt. Und erklärt, dass meine Großeltern aus Polen stammen und nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager keine andere Möglichkeit hatten, als zunächst in Deutschland zu bleiben. Und dann sesshaft wurden. Irgendwann wollte ich aber einfach nur noch meine Ruhe. Ich sehnte mich nach einer „normalen“ Identität. Ich wollte endlich einer von vielen sein.
Und wo sollte das leichter fallen als im Land der Juden? Israel kannte ich aus den Ferien schon sehr gut. Meine Großeltern waren vor einiger Zeit dort hingezogen und nach der Scheidung meiner Eltern war ihnen mein Vater gefolgt. Aber schon sehr schnell wurde mir klar, dass ich falsche Vorstellungen von dem Land hatte. Durch die zahlreichen innenpolitischen Krisen und die vielen Kriege haben viele Israelis nämlich den Glauben an den Zionismus längst verloren und würden viel lieber im Ausland leben: „Warum bist Du hergekommen?“ war die erste Frage, die mir mein Freund Haim an meinem ersten Studientag an der Bar-Ilan Universität in Ramat-Gan stellte. „In Deutschland hättest Du doch kostenlos studieren können.“ Er konnte nicht verstehen, warum ich freiwillig in ein Kriegsland gezogen bin. Darum antwortete ich ihm lapidar: „Weil hier die Sonne scheint und die Mädchen alle hübsch sind.“ Während meiner Unizeit habe ich viele israelische Freunde kennen gelernt und mich schnell eingelebt. Mein Hebräisch wurde besser und es gab Zeiten, an denen ich tagelang kein Deutsch mehr gesprochen habe. Aber das ging bald vorüber und meine engsten Freunde sind heute immer noch die Jungs, die mit mir aus Deutschland hergekommen sind. Uns verbindet der gemeinsame Hintergrund. Dabei spielt wohl auch eine Rolle, dass ich nicht die israelische Staatsbürgerschaft angenommen habe. Die Armeezeit wäre eine sehr israelische Erfahrung. Manchmal fehlt sie mir, aber gerade in den letzten Jahren in Israel habe ich gemerkt, dass ich gar nicht mehr mit aller Gewalt einer von ihnen werden will. Dafür müsste ich nämlich einen Teil von mir aufgeben.
Das wurde mir vor allem deutlich, als Bayern München 1999 im Fußball-Europapokal-Finale stand. Gegner dort war ausgerechnet Manchester United – die beliebteste Mannschaft in Israel. Als ich am Tag vor dem Finale mit Bayern-Trikot bekleidet in die Universität kam, fragten mich viele, wie man als Jude Fan einer deutschen Mannschaft sein könne. Voller Stolz erklärte ich ihnen, dass ich aus München bin und dass ich, seit ich ein kleiner Junge war, auf diesen Tag gewartet habe.
Bis kurz vor Schluss hatten meine Bayern dann 1:0 geführt. Doch dann geschah das Unfassbare: Manchester schoss noch zwei Tore in der Nachspielzeit und gewann das Spiel. Aus den Nachbarwohnungen hörte man Jubelschreie, von den Straßen ertönten Hubkonzerte. Ebenso wie den Münchener Spielern auf dem Rasen schossen auch mir die Tränen aus den Augen. Ich heulte wie ein kleines Kind. In diesem Moment sagte der israelische Fernseh-Kommentator: „Es tut nicht weh, die Deutschen weinen zu sehen.“
Als ich den Satz hörte, verstand ich es. Ich werde niemals einer von vielen sein. Obwohl der Kommentator nicht mich meinte, fühlte ich mich angesprochen. Ich bin ein Deutscher. Und gleichzeitig ein Jude. Und ein wenig auch ein Israeli. Erst hier ist mir das bewusst geworden. Ich liebe deutsche Bücher, das deutsche Essen – und die deutsche Sprache ist mein Handwerkszeug als Journalist. Trotzdem wäre es natürlich unglaublich schwer, nach fünf Jahren in Israel wieder nach Deutschland zurückzugehen. Denn gleichzeitig liebe ich die israelische Wärme, die Spontanität und fühle mich hier zu Hause. Egal wo ich lebe, werde ich also immer ein wenig „anders“ sein. Und das ist vielleicht ganz gut so.
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