| Wahrsagung aus der Hand |
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Wenn sonst vom Walde her eine kleine Trommel schallte und um das Heck der Dörfer her Zigeuner zogen, die aus Furcht vor dem roten Hahn im Dorfe selbst sich nicht sehen lassen durften, so ging man, um sein künftig Schicksal zu hören, hinaus zu ihnen und reichte den „Hexenmüttern“ seine Hand, aus deren Lineamenten man erfuhr, was uns beschieden. Jetzt — nimmt man einen Thaler, einen Streifen Papier, den man selbst beschrieben, und schickt Beides nach Leipzig an die Illustrierte Zeitung. Dort gibt bereits seit einem Jahre ein sonst unbekannter, aber jedenfalls geistreicher und scharfsinniger Kopf (der Hentze heißen soll) über jede ihm vorgelegte Handschrift ein Urteil ab, demzufolge man erfährt, was man von Lavater einst aus einer ihm zugesandten Silhouette erfuhr, von den Phrenologen noch jetzt aus seinem Schädel erfährt, welche Anlagen, welchen Charakter, welche Bedingungen unsers Schicksals wir in uns selbst besitzen. Der Zudrang zu dem Leipziger Handschriftendeuter soll noch viel größer sein, als er sich in den Spalten jener Zeitung öffentlich zu erkennen gibt. Man schickt ihm Pasquille, um ihre verstellte Handschrift auf die wahre zurückzuführen; man fragt bei ihm an, ob man wohl um die Hand einer Dame werben dürfe, welche diese oder jene Handschrift schriebe; man will Auskunft über den künftigen Beruf eines Sohnes haben; man hofft, durch eine Probe der Handschrift zu entdecken, ob man wichtige Angelegenheiten, Teilnahme an Geschäften, Anstellungen in die Hand von Menschen legen dürfte, die so oder so schrieben u. s. w. Man muss gestehen, unser Zeitalter hat noch immer etwas von den Dreifüßen zu Delphi, von den Hainen zu Dodona und jenen weissagenden Hühnern, von deren Appetit nach Gerste oft das Schicksal Roms und Griechenlands abhing. Aus: Unterhaltung am häuslichen Herd. 1. Band 1853. Gutzkow, Karl (1811-1878) deutscher Schriftsteller, Dramatiker und Journalist |

Erkan Grantlhuber - 