| Die Rolle der Romanovs in Schillers Demetrius: Zu Schillers Geschichtsbild zwischen Elegie und Utopie |
| Geschrieben von: Prof. Ehrhard Bahr |
| Dienstag, den 15. Dezember 2009 um 21:52 Uhr |
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Als Ergänzung zu dem ausgezeichneten Artikel “Friedrich Schiller auf den Pfaden russischer Legenden” von Professor Galina Khotinskaya-Kallis möchte ich auf die von Schiller geplante Rolle der Romanovs im Demetrius-Fragment von 1805 hinweisen, weil sie uns eine Einsicht in Schillers Geschichtsbild vermittelt, die zum Schiller-Jahr 2009 besonders angebracht erscheint. War Schiller ein Geschichtspessimist oder –optimist?
Die große Anzahl der Tragödien unter seinen klassischen Dramen und seine Beobachtungen zum Elegischen in seinem Aufsatz “Über naive und sentimentalische Dichtung” (1795) scheinen auf Geschichtspessimus hinzuweisen. Moderne Literatur war für ihn Dichtung der Trauer. Die Tragik des Wallenstein-Dramas hat den Philosophen Hegel so erschüttert, dass er das Ende nicht für “tragisch, sondern entsetzlich” hielt. Doch es gibt in seinem Aufsatz “Über naive und sentimentalische Dichtung” auch den Begriff der Idylle, der als Gegenbegriff zum Elegischen zu verstehen ist, und von ihm ausführlich propagiert wurde.
Es gibt jedoch ausreichend Gründe, dass Schiller einen anderen Dramenschluß zumindest erwogen hat. Der erste und naheliegendste Grund war die Vermählung des Erbprinzen Carl Friedrich von Sachsen-Weimar mit Maria Pawlowna, der Schwester des Zaren aus dem Hause der Romanovs, im Jahr 1804. Mit der Figur des Michael Romanov hätte Schiller eine Huldigung an die Zarenfamilie anbringen können, die sich zu diesem Zeitpunkt mit der Familie seines Landesherrn Carl August verband. Schiller schrieb das Festspiel “Huldigung der Künste” anläßich des feierlichen Einzugs der Zarenschwester in Weimar.
In der “Jungfrau von Orleans” hatte Schiller am Ende seiner “romantischen Tragödie” den Eingriff einer “wunderbaren, himmlischen Kraft” verwendet. Im Widerspruch zur Geschichte stirbt Johanna auf dem Schlachtfeld in der Erfüllung ihrer Sendung. Das Schlußbild zeigt, dass die Jungfrau das Ziel ihres Weges, die Idylle, erreicht hat. Schiller war sich der Gemeinsamkeiten und Gegensätze zwischen der “Jungfrau von Orleans” und dem “Demetrius” bewußt, wie wir von seinem Brief an Christian Gottfried Körner vom 25. April 1805 wissen. Es war sein letzter Brief an den Freund. “Der Stoff ist historisch,” schrieb er. “Und so wie ich ihn nehme, hat er volle tragische Größe, und könnte in gewissem Sinn das Gegenstück zu der Jungfrau v. Orleans heißen, ob er gleich in allen Teilen davon verschieden ist.” In diesem Sinne hatte Schiller für den vierten bzw. fünften Akt sogar eine Zukunftsvision der Zaren von Peter dem Großen über Katharina II. zu Alexander I. geplant, in der die russische Geschichte zur Idylle verklärt werden sollte. Doch ließ sich eine solche Idylle 1805 rechtfertigen? Dass er die Widersprüche stehen gelassen hat, spricht für Schiller als Historiker, der sich nicht sklavisch an den Verlauf der Geschichte gebunden fühlte, sondern deren Tendenzen aufzuweisen suchte. Im Fall des Demetrius war diese Tendenz tragisch angelegt. Er konnte das Werk nicht vor seinem Tod vollenden, doch das Fragment zeigt, wie sein Geschichtsbild von der ungeheuren Spannung zwischen den Komplementärbegriffen der Trauer des Elegischen und der Utopie der Idylle beherrscht war. Der “Demetrius,” sein letztes Werk, beweist, dass Schiller sich weder von den Geschichtspessimisten noch von den Utopisten vereinnahmen läßt. |
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