| „Lieber Felix, bitte keine Mauer des Nichtschreibens” |
| Geschrieben von: Ofer Aderet |
| Sonntag, den 15. November 2009 um 11:03 Uhr |
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Von Ofer Aderet, von der „Haaretz“ aus dem Hebräischen übersetzt von Benjamin Rosendahl
Im Nachlass des Philosophen Felix Weltsch, dem Großvater des israelischen Schauspielers Eli Gorenstein, befindet sich ein bis dato vergessener Brief, den ihn Franz Kafka 1921 geschickt hatte. Und so ist 85 Jahre nach seinem Tod ein weiterer Brief Kafkas aufgetaucht – in Israel
Mit Hilfe der „Jeckinaton“-Redaktion (der Zeitschrift der Einwanderer aus deutschsprachigen Ländern, B.R.) konnte ich für die Aufgabe die Hilfe von Eliyahu Ben Yosef, der in Deutschland geboren wurde, heute aber in Israel lebt und bei dem „Irgun Yozei Merkaz Europa“ (der Dachorganisation für deutschsprachige Einwanderer nach Israel, B.R.) volontiert. „Der dicke Mann mit der grünen Tische“, wie er sich selbst nennt, kam auf die Minute genau pünktlich an, wie es sich für einen Jecken (Israeli deutscher Herkunft, B.R.) gehört, bei dem der israelische Lebensstil nicht die Tradition und Kultur seines Geburtslands verdrängen konnte. Über sich selbst sprach Ben Yoseph wenig. Lediglich, dass er ursprünglich aus einem kleinen Dorf bei Kölln komme, ließ er mich wissen. Meine Einladung zu einem Drink lehnte er auch ab: „In meinem Alter ißt und trinkt man nur zuhause“, murmelte er, und bestand darauf, dass wir uns sofort aufmachen, diese Aufgabe in die Hände zu nehmen. Wir drei (Ofer Aderet, Eliyahu Ben Yoseph und Eli Gorenstein) verbrachten zwei Stunden damit, sämtliche Papiere der vollgefüllten Koffer zu analysieren. Dort befanden sich lose Papiere, Briefe, Bücher, Heftchen, Notizen, Zeichnungen, Gedichte u.v.m. Das Material dieser Koffer kann die Basis für eine Doktorarbeit über die Geschichte des Zionismus sein: Alle Persönlichkeiten waren hier vertreten, von Martin Buber über Berl Katznelson bis zu Shmuel Hugo Bergman und (Literatur-Nobelpreisträger) Shai Agnon...Und dann gab es noch viele Namen, die heute niemanden etwas sagen, aber am Anfang des 20. Jahrhunderts, vor der Staatsgründung Israels, Schlüsselfiguren des öffentlichen Lebens waren. Uns interessierte vor allem die Briefe von drei Personen: Franz Kafka, Max Brod und Felix Weltsch. Der letztere war, wie gesagt, der Großvater von Gorenstein, der Vater seiner Mutter. Es war keine leichte Aufgabe, aber schlußendlich fanden wir genau das, nachdem wir gesucht hatten: Neben bis dato unbekannten Briefen Max Brods und vergessenen Gedichten Felix Weltschs erkannten wir auf einem unscheinbaren Blatt Papier einen handgeschriebenen Brief, der mit „Dein, F“ endete. F steht für „Franz“. Die Rede ist natürlich von Franz Kafka. Wir riefen Nizzah, Elis Frau, die sich im ersten Stock befand, zu uns. Sie kam in schnellen Schritten die Wendeltreppe zum Dachboden nach oben, und konnte ihren Ohren kaum trauen. Ja, irgendwo in der Katznelson-Straße (benannt nach oben erwähnten Katznelson) in Givatayim, an einem heißen Tag im Oktober 2009, fanden wir einen Brief des großen tschechischen Dichters. Kafka hätte sich wohl im Grabe umgedreht, wenn er wüßte, wieviel öffentliches Interesse jedes Stück Papier, das er jemals geschrieben hat, weckt. Und das 85 Jahre, nachdem er im Friedhofen in Prag beerdigt wurde. 1914 heiratete Felix Weltsch Irma Herz, deren Schwester, Alice Herz-Sommer noch lebt und bald ihren 106. Geburtstag feiern wird. Die einzige Tochter von Felix und Irma, Ruth, ist die Mutter von Eli Gorenstein. In den Jahren 1919-1938 gab Weltsch das (deutschsprachige) jüdisch-zionistische Magazin „Selbstwehr“ heraus, das in Prag erschien. Weltsch floh 1939, zusammen mit (seiner Familie und) Max Brod – sie waren im letzten Zug, der Prag verließ. Beide schafften es, nach Palästina zu kommen. Weltsch wurde später Bibliothekar der Nationalbibliothek in Jerusalem (der selben Bücherei, die derzeit den Prozeß um den Brod-Nachlass angestrebt hat, B.R.). Bis zum heutigen Tag hat die Bibliothek viele persönliche Dokumente von Weltsch, u.a. Manuskripte, Vorlesungen, Kritiken, Zeitungsausschnitte, Artikel, Briefe und von ihm geschriebene Bücher. Im Verlauf der Jahre veröffentlichte er viele Bücher und Artikel zu Themen, die ihm am Herzen lagen: Philosophie, Politik, Religion und Ästhetik. Er erhielt den renommierten Ruppin-Preis im Jahre 1952. Von den Büchern, die er auf hebräisch verfasste (im Gegensatz zu Brod, der Zeit seines Lebens nur auf deutsch schrieb, B.R.) sind insbesonders „Chesed ve-Cherut“ (Gnade und Freiheit), „Tev´a, Mussar u-Mediniyut“ (Natur, Moral und Staatskunst) sowie eine Broschüre über Kafka zu nennen, die den Titel „Franz Kafka – Datiyut ve-humor be-Chaiv u-be-Yezirato“ (Franz Kafka – Religiösität und Humor in seinen Werken) trägt. Im Jahre 1964 verstarb Weltsch; vier Jahre später folgte ihm sein guter Freund Max Brod. Über seine Freundschaft mit Kafka kann in „Haaretz“ nachgelesen werden. (Anfragen bitte an Ofer Aderet richten, B.R.) Der erwähnte Brief wurde von 1921 von Kafka an Weltsch geschickt, also drei Jahre vor Kafkas Tod. Kafka schrieb: „An Felix Weltsch [Matliary, Stempel: 5. VI. 1921] Lieber Felix, bitte keine "Mauern des Nichtschreibens", nichts dergleichen, ich schreibe Max, also auch Dir und Max schreibt mir und die Selbstwehr schickst Du mir, also schreibst auch Du. dass Dir . . . ist ich kann das Wort unmöglich aufschreiben – tut mir sehr leid, in Deinen Aufsätzen ist davon freilich keine Spur, also auch in Deinem Denken nicht. Die Selbstwehr hat sich hier einen neuen Abonnenten erworben, den ich hiermit anmelde: der hiesige Arzt Dr. Leopold Strelinger, Tatranská Matliary P. Tatranská Lomnica. Vom nächsten Heft an lass sie ihm bitte schicken. Ich habe nichts dazu getan als ihm ein paar Hefte geborgt. Er war entzückt, zu meinem Erstaunen, denn er schien mir sonst mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Herzliche Grüße Dir, Frau und Kind Dein, F“ Kafka schrieb diesen Brief von der „Villa Tetra“, dem Sanatorium des Kurorts Matliari (Slowakien), wo er sich zu dem Zeitpunkt aufhielt. Für 9 Monate war er dort, vom 20. Dezember 1920 bis zum 27. August 1921, und wurde für Tuberkulose behandelt wurde, die sich zunehmend verschlimmerte. Es war dies der längste Aufenthalt Kafkas außerhalb seiner Heimat Prag. Hier wurde ihm bewußt, dass seine Heilungschancen sehr gering sein würden. Kafka war sehr schwach, hatte hohes Fieber, kaum Appetit, Schlaflosigkeit und Husten. Die Behandlung war typisch für die Zeit: Hauptsächlich wurde ihm verordnet. Sich im Bett auszuruhen und auf der Terrasse zu liegen. Zusätzlich wurden ihm fiebersenkende Medikamente verabreicht, sowie Kodein. Der Abstand zu Prag vergrößerte auch die Distanz der drei engen Freunde – Kafka, Brod und Weltsch. Jedoch hielten sie durch Briefverkehr – der oben erwähnte Brief ist ein gutes Beispiel- Kontakt. Auch abonnierte Kafka die Zeitschrift „Selbstwehr“, die Weltsch herausgab, und die von Weltsch und von Brod verfasste Artikel enthielt. Wie man aus den Briefen ersehen kann, konnte Kafka, der die Zeitschrift an sein Krankenbett geliefert bekam, auch seinen Arzt, den Spezialist für Lungenkrankheiten Dr. Leopold Strelinger, für sie interessieren – Strelinger abonnierte die Zeitschrift daraufhin ebenfalls. Ein weiterer Freund, den Kafka zur selben Zeit kennenlernte, war der Medizinstudent Robert Klopstock, der wie Kafka an Tuberkulose erkrankt war und auch im selben Sanatorium behandelt wurde. Kafka beschrieb Klopstock in reizvollen Worten: „Ein Jüngling, in dem man sich verlieben kann. Er ist auf eine ostjüdische Weise sehr charmant. Voller Ironie, Ruhelosigkeit, Düsterheit, Selbstvertrauen, aber auch voller Bedürfnisse.“ Im Februar 1921 schrieb Kafka einen Brief an Max Brod, in dem er seinen neuen Freund aus dem Sanatorium erwähnte: „Gestern hat mich ein 21-jähriger Student aus Budapest gestört, aber auf eine sehr nette Weise. Er arbeitet schwer, ist klug, literarisch sehr talentiert, obwohl er grob ausschaut...er ist sehr effektiv, so als ob er bereits als Arzt geboren wäre. Er widerstrebt dem Zionismus, seine Helden heißen Jesus und Dostojewski...seine außergewöhnliche Nettigkeit kommt auf jeden Fall von der Erwähnung deines Names, der ihm sehr geläufig ist.“ Einen Monat später erzählt Kafka auch seiner Schwester Ottla über seinen neuen Freund: „...er ist jung, groß, breitschultrig, stark, ungewöhnlich klug, echt, uneigennützig und großzügig.“ Klopstock war die Person, die Kafka in den letzten Wochen seines Lebens am Nächsten stand. Er (Klopstock) unterstützte ihn mit einer Hingabe, die an Anbetung hinweist –neben Kafkas Freundin Dora Diamant – bis zum Moment, als Kafka für immer seine Augen schließen sollte – am 3. Juni 1924, im Sanatorium Kirling, in Österreich. Klopstock war die Person, an die Kafka einen seiner berühmtesten und „kafkaeskesten“ Aussprüche richtete: „Töten Sie mich – sonst sind sie ein Mörder!“ Nach dem Tod Kafkas übersetzte Klopstocks Frau „den Process“ ins Ungarische. Das Ehepaar Klopstock wanderte 1937 nach Amerika aus. Dort wurde Robert Klopstock erfolgreicher Lungenchirurg. Er konvertierte 1958 zum Christentum und verstabr 1972. Der Brief Kafkas an Weltsch, der hier zum ersten Mal veröffentlicht ist, entstammt einer Reihe von Briefen, die Kafka im selben Zeitraum an seine Familie und Freunde schrieb. Außerdem hatte er auch eine Briefkorrespondenz mit seinem Arbeitgeber, einer Prager Versicherungsfirma, wobei es hauptsächlich um seine krankheitsbedingte Beurlaubung ging. Diese Korrespondenz wird im Buch „Franz Kafka – the Jewish patient“ erwähnt, das 1995 in Amerika herauskam. Einen dieser Briefe schickte Kafka 1921 an seinen Arbeitgeber ab, während er noch im Sanatorium Matliari verweilte. Es ist schwierig, kein Mitgefühl mit dem kranken Kafka, einen der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, zu haben, und der Art, wie er den Grund seiner Absenz an seinen Arbeitgeber beschreibt: „Sehr geehrter Herr Betriebsleiter. Ich hatte eingentlich bereits früher vorgehabt, zu schreiben, lag jedoch mit Fieber krank im Bett. Die Krankheit ist noch nicht zu Ende, und ich weiß immer noch nicht, was ihr Ausmaß ist, ob es etwas zeitweiliges ist, oder etwas ernsthaftes. Auf jeden Fall ist der von mir zu zahlende Preis ein Verlust des Gewichtes, das ich gerade wieder zugelegt hatte, obwohl meine Lungen – so der Bericht meines Doktors- nicht angegriffen wurden und sich sogar verbessert haben...Der Grund meiner Anfrage nach einer Verlängerung meiner Abwesenheit hat mit meiner Hilflosigkeit ob meiner Lungenkrankheit zu tun, deren wahrer Ausmaß mir erst jetzt bewußt geworden ist, nachdem ich in Nähe von bemitleidenswerten Menschen bin. Meine Anfrage auf Verlängerung der Arbeitsabwesenheit wird durch Ihre Herzensgüte und Geduld erleichtert, sehr geehrter Herr Betriebsleiter, mit der Sie sich um meine Schwester gekümmert haben und mit der sie meine Anfragen – ich traue mich gar nicht, daran zu denken, wie viele – beantwortet haben. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar.“
Die Redaktion dankt Herrn Dr. Carsten Schmidt für die Bereitstellung der 3 im Beitrag abgebildeten Fotos. Die Urheberrechte der Fotos liegen bei Eli und Michael Gornstein. (oben) Felix Weltsch und eines von Felix mit Martin Buber (Mitte) und (unten) Curt Wormann (rechts), dem Ober-Bibliothekar Jerusalems und Eli Gorenstein und Felix. |
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