|
Prof. Dr. habil. Galina Khotinskya-Kallis
Der Beitrag erschien anlässlich 210 Jahre Puschkin im Kulturmagazin „Contur-Köln“ www.atlanta-koeln.de Wir danke für die freundliche Nachdruckgenehmigung.
Dieses Thema alleine ist eine echte Oase für einen grenzenlosen deutschen Akademismus. Das literarische Denken pulsiert in den Stürmen der Romantik, fasst die Welttrauer von Byron, stößt dabei an unterschiedliche Riffe und lernt durch die Poesie der Werke von Alexander Sergejewitsch Puschkin das unbekannte und mysteriöse Russland kennen. Das Geheimnis des russischen Genies Puschkin lässt sich für den Westen nicht leicht fassen.
Buschkin und Byron 1
Sein Roman in Versen „Eugen Onegin“ wurde komplett vom Professor Rolf-Dietrich Keil übersetzt, der im Jahre 2009 für seine Arbeit die Goldene Goethe-Medaille bekam. Keil ist der einzige Forscher und Übersetzer, dem es gelang, sich so nahe wie möglich am Original zu orientieren und auf Deutsch die Einzigartigkeit und die Besonderheit der Oneginstrophe, die ungewöhnliche Grazie und die Ausdruckskraft des Wortes und auch den Geist des Romans wiederzuspiegeln. Er hat die wichtige Rolle von Puschkin in der Darstellung des russischen nationalen und geistigen Selbstbewusstseins hoch eingeschätzt. In diesem Punkt ist seine Position der Y. Arhipovs ähnlich. Dieser meinte, der geniale Poet hätte dem russischen Volk beigebracht, seine Gedanken richtig zum Ausdruck zu bringen, die eigene Geschichte und die Heimat zu lieben, das Fremde nicht nur zu begreifen, sondern auch seine Leistungen zu übernehmen, in der Liebe opferbereit, in der Freundschaft großzügig und zur Niederträchtigkeit gnadenlos zu sein. Er bemerkte, das Puschkin in seiner Jugend Byron bewunderte und dessen Einfluss spürte (aber später interessierte er sich für den Literaturpatriarchen Goethe aus Weimar) Es ist nicht zu vergessen, dass die europäische Romantik im Sinne von Byron zwei Generationen russischer Intellektueller beeinflusst hat. Aber die Welten Byrons und Puschkins fallen nicht zusammen: Puschkin ist der goldene Schnitt der Literatur Leidens, Schaffer der Poesie der Enttäuschung, der Sehnsucht und der Trauer, Sänger der Freiheit, der dabei Philister missachtete. Trotz der Ähnlichkeit der Grenzsituationen, trotz der unendlichen spannenden Ausdruckskraft der Emotionen, der Krisen und der Wendemomente des Schicksals findet man im Schaffen von zwei Poeten grundlegende Unterschiede. Für beide war Poesie der Ausdruck der idealsten Bestrebungen des Menschen und wurde wie eine selbstständige Sphäre des Lebens wahrgenommen. Obwohl Puschkin die hemmungslose Neigung zu weiten Reisen (Typ eines Heimatlosen) besang, die Welt als schöpferische Einheit im kosmischen Sinne wahrnahm und die Natur sehr poetisch betrachtete, siegte bei ihm die Liebe zur Vernunft. Der Dienst an der Gesellschaft, die Verehrung der Helden und des Heldenmuts, die Ideen der Vielseitigkeit und des Messianismus sind bei Byron wie Puschkin vertreten. Aber während die handelnden Personen Byrons nach einem vorgegebenen Schema auftreten, entwickeln sich die Charaktere der Personen bei Puschkin aus der Handlung selbst heraus. Während die Hauptfiguren Byrons alle Hindernisse zwischen der Notwendigkeit und der Freiheit, zwischen dem Menschlichen und Unmenschlichen, zwischen den Wünschen und der Intelligenz zerstören, ist es den Hauptfiguren von Puschkin wichtig, die Fähigkeit zu schützen, indem man der blinden Kraft der Wünsche widersteht. In den Werken des russischen Genies ist die metaphysische Angst vor Gott präsent. Die nach der geistigen Tiefe suchende
Puschkin und Byron 2
Poesie von Puschkin beruft sich auf die religiöse Basis („Zwei Gefühle“), was eigentlich bei Byron fehlt. Wie S. L. Frank betonte, „ist der poetische Geist von Puschkin komplett durch die geistige Verwandlung in ihrer typisch russischen Form gekennzeichnet, die eigentlich die religiöse Aufklärung mit der Einfachheit, der Nüchternheit, der Demut und der Liebe zu allem Lebenden als zum Schaffen und zum Bild von Gott kombiniert.“
Der typologischen Ähnlichkeit und nationalen Besonderheit von Puschkins und Byrons Werken haben die deutschen Forscher längst ihre Aufmerksamkeit geschenkt. In den Forschungen von U. Herdmann, H. Hogan, W. Schmidt geht es unmittelbar um den Einfluss „der südlichen Poeme“ von Byron auf Puschkins „Der Gefangene im Kaukasus“, „Die Fontäne von Bachtschissaraj“, „Der eherne Reiter“. Die Ähnlichkeit der emotionalen Zustände des russischen und des das Motiv der Leidenschaft und der Unausgeglichenheit, das Motiv der Menschenwürde und der Unvollkommenheit der Welt, der Bezug zu den Verfolgern und zu den Unterdrückern sind in den Werken von Reinhard Lauer betont. Die Forscher bemerken bei den Vertretern der unterschiedlichen Literaturen die Einheit in der Verständigung des Themas „Kunst“, wo sie als das vergöttlichte Schaffen (Wahrnehmung der Germanisten: E. Frenzel, M. Praz, Ch. Ude, A. Bucci) dargestellt ist. Es ist festzustellen, dass sich die Werke von Puschkin nicht genug in Deutschland eingelebt haben. Dafür gibt es einige Gründe, wie z.B., nach der angemessenen Bemerkung von F. Stepun, „die von Puschkin geschaffene und schwer zu übersetzende Sprache“, die geheimnisvolle russische Mentalität und die Einzigartigkeit des russisch-nationalen Kolorits.
Puschkin und Byron 3
Die hervorragenden Werke von Puschkin zogen und ziehen die Aufmerksamkeit der deutschen Philologen und Übersetzer auf sich. Das bestätigen, z.B., die internationalen Puschkin-Symposien in Europa, die Forschungen der deutschen Puschkin-Gesellschaft und auch das Projekt der Bonner Universität „Bibliographie der deutschen Übersetzungen von Puschkin seit 1821“.
Galina Khotinskaja
Übersetzung: Elena Bauer
Malerei: Igor Liberman |