|
Waldemar Weber 2007
Waldemar Weber aus seinem Buch: „Scherben. Gedichte“, Verlag an der Wertach, Augsburg, 2006, Preis 10 Euro.
AUF der Buchmesse in der Buchmasse wo es kein Buch von dir gibt hast du das Gefühl aus der Masse hervorzustechen
MIR träumt ich schlafe und höre im Schlaf das Telefon klingeln unaufhörlich und lang ... mir träumt ich wache auf und lange danach mit der Hand kann es nicht greifen strenge mich an ein wenig näher noch näher ... das ist doch genau der Anruf der mir alles erklären soll ich lange und lange danach und mir träumt ich werde ihn nie bekommen ...
Scherben
WIRF die Münzen nicht in den Brunnen Ob Glück oder Unglück dem Lebenden ist nicht empfohlen in das Erlebte zurückzukehren Nichts findest du dort außer Dingen denen die Seele davongeflogen außer abgeworfener Haut
DRAUSSEN auf der Straße liegt im Schnee der verlorene Schlüssel zur Kindheit pfeift Tag und Nacht im Wind Ich suche und suche kann ihn nicht finden er pfeift mir von überallher
IN jenem russischen Tiefland erreichten uns keine Nachrichten wir legten unser Ohr an die Bahnschienen an die Mauer des zerstörten Klosters und hörten und hörten
SCHULHEFTE mit schlechten Noten vergrub ich im Schnee wollte die Eltern nicht traurig machen Im April tauten sie auf Frühlingsbäche trugen sie an unsere Schwelle ... Auf die Seiten mit verwischten Buchstaben und Ziffern schaute der Vater nachdenklich und wehmütig wie in eine alte Schrift
DER schwarze Rabe* ist gekommen flüsterten bei Nacht meine Eltern als man den Nachbarn holte Ich lag im Dunkeln konnte es nicht fassen warum „gekommen“ und nicht „geflogen“... der Rabe hat es wohl verlernt zu fliegen ... Es war verboten aber ich schlich zum Fenster stand auf Zehenspitzen schaute und schaute in das Rabendunkel * Dienstfahrzeug des NKWD
HOFFNUNG Ein Echo von Schüssen irgendwo dort in einem Gefängnishof am andern Ufer hinter den Bergen jenseits des Meeres irgendwo dort Womöglich hat man uns vergessen ist vorbeigelaufen war in Eile
DAUERREGEN daß es zur Sintflut käme in der unsere Schande ertränke und vergessen wäre wir aber alle wir alle uns retteten
DU fragst wie es war Ein Volkslauf mit Hürden aus Stacheldraht ohne Ziel ohne Lust zu überholen ohne die Möglichkeit aufzugeben
TRÜMMER des Dritten Rom Der Ruch von Fäule und Rauch weht auf den Plätzen in kalter Luft Der Ruf der Wölfin durchdringt die verwüsteten Tiefen der Stadt Es schaudert die Zerstörer und ihre Söhne sie können sich nicht erklären woher er kommt dieser Ruf halten ihn für das Heulen des Konvois von Hunden
ÜBERLEBENSGEBOTE Wechsle Worte und Orte Sieh über alles hinweg Nimm dir nichts zu Herzen Laß nichts in dich hinein Sprich über das Wetter Rede über die Sonne Lobe den Tag Hab mehr als fünf Sinne
PROMINENTENFRIEDHOF in Moskau wo Schulter an Schulter die Henker die Opfer Wie die Männer auf Bänken im Schnee am Boulevard Domino spielen miteinander reden ahnungslos ohne Gram ohne Groll Zahnlose Welt keine Ehrenzeichen keine Handschellenspuren Friedliche Koexistenz
IM Familienalbum die alte Aufnahme ein Gruppenbild auch ich darauf mitlächelndes junges Gesicht Niemand außer mir sieht die Unruhe hinter dem Lächeln jene Last jene Angst jenen Geltungsdrang Ein Leben steigt auf Jahre davor und danach Jeder von uns weiß um den Preis seines Lachens auf fröhlichen Gruppenphotos
TANTE MARIA Das Gitter der Gesichtsfalten Abdruck von acht Einzelzellen
DREI KÖNIGE Ihr Weg zu Ihm war vom Stern beleuchtet Die anderen mußten im Dunkeln gehen
DAS MÄDCHEN VOM BLUMENLADEN Birgit die junge Verkäuferin im Blumenladen die deinen Hochzeitskranz flocht wählt Lilien für dein Grab Jedes Mal zögere ich möchte nicht fort krame im Geldbeutel in den Manteltaschen warte auf etwas auf irgendein Wunder auf irgendein nie vernommenes Wort ... Und sie sagt mir etwas sehr Gutes mit derselben Stimme mit der sie mit allen spricht die zu ihr kommen in Unglück und Glück
ICH weiß nicht was Ewigkeit ist Ich kenne nur Augenblicke kurze Strecken des langen Wegs windige Straßen ausgetretene Plätze Im kleinen Café wo mehr Raum ist als auf offenem Meer sehe ich wie Möbel altern wie die hübsche Bardame welkt und immer geschwätziger wird
AUTOSCHLÜSSEL Noch behalte ich die Schlüssel vom Auto, das mir gestohlen wurde. Der Ermittler, ein fauler Hund, den ich manchmal aufsuche in der Hoffnung, es gäbe was Neues, setzt jedes Mal sein weises kaukasisches Lächeln auf, schaut mich an und schweigt... Ich klimpere mit den Schlüsseln und warte, daß er redet. – Warum kommst du so oft, warum bist du so ungeduldig, das sind letzten Endes bloß Schlüssel von einem verrosteten Wagen!... Denk daran, wie viel Menschen auf Erden Schlüssel von Häusern haben, die es nicht mehr gibt, Schlüssel von den Welten, die nicht mehr vorhanden... Beschämt gehe ich nach Hause.
DIE ausgebrannten Landschaften des Herzens Man denkt jedes Mal es gedeihe nichts mehr in diesen verödeten Weiten Aber sieh wieder wuchern die Nesseln auf der dankbaren Asche
|