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Waldemar Weber "Scherben. Gedichte"
Geschrieben von: Waldemar Weber   
Donnerstag, den 22. Oktober 2009 um 11:36 Uhr

Waldemar Weber 2007 Waldemar Weber 2007

Waldemar Weber aus seinem Buch:
„Scherben. Gedichte“, Verlag an der Wertach, Augsburg, 2006, Preis 10 Euro.


AUF der Buchmesse
in der Buchmasse
wo es kein Buch von dir gibt
hast du das Gefühl
aus der Masse hervorzustechen

 

 

 


 

MIR träumt ich schlafe
und höre im Schlaf das Telefon klingeln
unaufhörlich und lang ...
mir träumt ich wache auf
und lange danach mit der Hand
kann es nicht greifen
strenge mich an
ein wenig näher
noch näher ...
das ist doch genau der Anruf
der mir alles erklären soll
ich lange und lange danach
und mir träumt
ich werde ihn nie bekommen ...



Scherben Scherben

WIRF die Münzen nicht in den Brunnen
Ob Glück oder Unglück
dem Lebenden ist nicht empfohlen
in das Erlebte zurückzukehren
Nichts findest du dort
außer Dingen
denen die Seele davongeflogen
außer abgeworfener Haut




DRAUSSEN auf der Straße
liegt im Schnee
der verlorene Schlüssel zur Kindheit
pfeift Tag und Nacht im Wind
Ich suche und suche
kann ihn nicht finden
er pfeift mir von überallher

 

 



IN jenem russischen Tiefland
erreichten uns keine Nachrichten
wir legten unser Ohr an die Bahnschienen
an die Mauer des zerstörten Klosters
und hörten und hörten




SCHULHEFTE mit schlechten Noten
vergrub ich im Schnee
wollte die Eltern nicht traurig machen
Im April tauten sie auf
Frühlingsbäche trugen sie an unsere Schwelle ...
Auf die Seiten mit verwischten Buchstaben und Ziffern
schaute der Vater nachdenklich und wehmütig
wie in eine alte Schrift

 

 

 


 


DER
schwarze Rabe* ist gekommen
flüsterten bei Nacht meine Eltern
als man den Nachbarn holte
Ich lag im Dunkeln
konnte es nicht fassen
warum „gekommen“
und nicht „geflogen“...
der Rabe hat es wohl verlernt zu fliegen ...
Es war verboten
aber ich schlich zum Fenster
stand auf Zehenspitzen
schaute und schaute in das Rabendunkel
* Dienstfahrzeug des NKWD




HOFFNUNG
Ein Echo von Schüssen
irgendwo dort
in einem Gefängnishof
am andern Ufer
hinter den Bergen
jenseits des Meeres
irgendwo dort
Womöglich hat man uns vergessen
ist vorbeigelaufen
war in Eile




DAUERREGEN
daß es zur Sintflut käme
in der unsere Schande ertränke
und vergessen wäre
wir aber alle
wir alle
uns retteten




DU fragst
wie es war
Ein Volkslauf
mit Hürden aus Stacheldraht
ohne Ziel
ohne Lust zu überholen
ohne die Möglichkeit aufzugeben




TRÜMMER des Dritten Rom
Der Ruch von Fäule und Rauch
weht auf den Plätzen
in kalter Luft
Der Ruf der Wölfin durchdringt
die verwüsteten Tiefen der Stadt
Es schaudert die Zerstörer
und ihre Söhne
sie können sich nicht erklären
woher er kommt
dieser Ruf
halten ihn für das Heulen
des Konvois von Hunden




ÜBERLEBENSGEBOTE

Wechsle Worte und Orte
Sieh über alles hinweg
Nimm dir nichts zu Herzen
Laß nichts in dich hinein
Sprich über das Wetter
Rede über die Sonne
Lobe den Tag
Hab mehr als fünf Sinne




PROMINENTENFRIEDHOF
in Moskau
wo Schulter an Schulter
die Henker
die Opfer
Wie die Männer
auf Bänken im Schnee
am Boulevard Domino spielen
miteinander reden
ahnungslos
ohne Gram
ohne Groll
Zahnlose Welt
keine Ehrenzeichen
keine Handschellenspuren
Friedliche Koexistenz

 

 

 




IM Familienalbum
die alte Aufnahme
ein Gruppenbild
auch ich darauf
mitlächelndes junges Gesicht
Niemand außer mir
sieht die Unruhe
hinter dem Lächeln
jene Last jene Angst
jenen Geltungsdrang
Ein Leben steigt auf
Jahre davor und danach
Jeder von uns
weiß um den Preis seines Lachens
auf fröhlichen Gruppenphotos

 

 

 




TANTE MARIA
Das Gitter der Gesichtsfalten
Abdruck von acht Einzelzellen

 

 

 




DREI KÖNIGE
Ihr Weg zu Ihm
war vom Stern beleuchtet
Die anderen
mußten
im Dunkeln gehen

 

 

 




DAS MÄDCHEN VOM BLUMENLADEN
Birgit
die junge Verkäuferin im Blumenladen
die deinen Hochzeitskranz flocht
wählt Lilien für dein Grab
Jedes Mal zögere ich
möchte nicht fort
krame im Geldbeutel
in den Manteltaschen
warte auf etwas
auf irgendein Wunder
auf irgendein nie vernommenes Wort ...
Und sie sagt mir etwas sehr Gutes
mit derselben Stimme
mit der sie mit allen spricht
die zu ihr kommen
in Unglück und Glück

 

 

 




ICH weiß nicht
was Ewigkeit ist
Ich kenne nur Augenblicke
kurze Strecken
des langen Wegs
windige Straßen
ausgetretene Plätze
Im kleinen Café
wo mehr Raum ist
als auf offenem Meer
sehe ich
wie Möbel altern
wie die hübsche Bardame welkt
und immer geschwätziger wird

 

 

 




AUTOSCHLÜSSEL
Noch behalte ich die Schlüssel vom Auto, das mir
gestohlen wurde.
Der Ermittler, ein fauler Hund, den ich manchmal
aufsuche in der Hoffnung, es gäbe was Neues, setzt jedes
Mal sein weises kaukasisches Lächeln auf, schaut mich an
und schweigt...
Ich klimpere mit den Schlüsseln und warte, daß er
redet.
– Warum kommst du so oft, warum bist du so
ungeduldig, das sind letzten Endes bloß Schlüssel
von einem verrosteten Wagen!... Denk daran, wie viel
Menschen auf Erden Schlüssel von Häusern haben, die es
nicht mehr gibt, Schlüssel von den Welten, die nicht mehr
vorhanden...
Beschämt gehe ich nach Hause.




DIE ausgebrannten Landschaften
des Herzens
Man denkt jedes Mal es gedeihe nichts mehr
in diesen verödeten Weiten
Aber sieh
wieder wuchern die Nesseln
auf der dankbaren Asche

 

 
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