mein-mv.jpg

Waldemar Weber(Eine Moskauer Geschichte aus den 80-er Jahren)
Meistens stehe ich spät auf. Alte Gewohnheit, nachts zu arbeiten und sich mit Freunden zu treffen. 8 Uhr früh ist für mich tiefste Nacht.
- Hier ist Simon Palmisano, Militärattaché der österreichischen Botschaft. Guten Morgen!......Spreche ich mit Herrn Weber?
- Ja, Guten Morgen.

Ich sah zum Fenster hinaus. Es dämmerte. Vertraute Landschaft. Bedeckter Himmel. Zwischen die Schneehaufen verstreute Häuserschachteln. Ich war nicht bei der Armee, kenne mich in Militärsachen nicht aus. Erster Gedanke: meine Freunde wollen mich auf den Arm nehmen. Aber diesen Verdacht mußte ich sofort fallenlassen. Der miauende Wiener Akzent  läßt sich nicht nachahmen.

Vielleicht träumte ich noch, halluzinierte... Dieser Gedanke wurde durch die Stimme im Hörer bekräftigt:
- Man hat mir in unserer Botschaft Ihre Telefonnummer gegeben und gesagt, Sie könnten mir helfen. Ich bräuchte nämlich die Pasternak-Übersetzung der Ballade "Der Zauberlehrling" von Goethe.  Haben Sie diese  Übersetzung, zufälligerweise? 
- Nichtzufälligerweise ja, - brummte ich verschlafen, ohne noch richtig zu verstehen, was  man  von mir wollte.
- Könnten Sie mir die Übersetzung per Telefon diktieren?
Mein Kopf war schwer und vernebelt. Ich hatte mit meinen Freunden bis vier Uhr früh gefeiert und irgendeinen Fusel getrunken, den sie mitgebracht hatten.
- Auf russisch?- fragte ich dumm.
- Wie bitte? Ich wußte nicht, daß Pasternak auch in andere Sprachen übersetzt hat.
Mein Kopf tat  mir schrecklich weh, mir war nicht nach Humor zumute. Ich war schon dabei, dieser unausstehlich munteren Stimme am anderen Ende etwas sehr Unhöfliches zu sagen, erinnerte mich aber rechtzeitig, daß ich ja mit dem österreichischen Militärattaché sprach. Ich riß mich zusammen, holte das Buch vom Regal und las mit ausdrucksloser, gähnender Stimme die erste Strophe vor.
- Nicht so schnell, bitte! Ich komme nicht mit. Lesen Sie langsamer!- bat  Brigadier  Palmisano im Befehlston.
- Jawohl! - antwortete ich, räusperte mich zweimal und begann, alles von Anfang an vorzulesen, betont langsam.
- Nein, nein... Ich schaffe es trotzdem nicht. Am Telefon geht es nicht. Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich zu Ihnen nach Hause komme. Ich könnte schon in einer Stunde bei Ihnen sein.
Ich sah mich um. Es war absolut unmöglich, hier einen Ausländer und noch dazu einen Militärattaché zu empfangen. Nach dem gestrigen Beisammensein hätte ich für das Aufräumen mindestens zwei Stunden benötigt. Ablehnen konnte ich aber auch nicht. Schließlich ging es um Gedichte.
- Machen wir es lieber so: ich tippe die Übersetzung für Sie ab und bringe sie Ihnen mit, ich habe sowieso im Stadtzentrum zu tun, - log ich.
Er schlug vor, uns im Café "Adriatika" in der Nähe der Botschaft zu treffen. Na gut,  von mir aus kann es auch in der Nähe sein...
Die österreichische Botschaft befindet sich  zwischen den Straßen Pretschistenka und Siwzew-Wrashek, im ruhigsten Viertel des alten Moskau. Es war ein windstiller Wintertag. In der Luft schwebten vereinzelte trockene Schneeflöckchen.
Der Türhüter des Cafés, in dem vorwiegend Ausländer frühstücken,  blickte mißtrauisch auf meinen schwarzen Schafspelz und die riesengroße Wolfsmütze, sagte aber nichts, da ich mich in Begleitung eines ausländischen Stammgastes befand. Der Militärattaché war mittleren Alters, mittelgroß, hatte ein einfaches freundliches Gesicht. Ich war überrascht, daß er in Zivil war. Wir fingen mit Kognak an und nicht mit Spiegeleiern, wie es spätfrühstückenden Diplomaten zusteht. Am Ausdruck und der Farbe meines Gesichtes erkannte Herr Palmisano wohl gleich, was ich zuallererst brauchte. Schon nach dem zweiten Glas war ich wieder in Form. Mein Gesprächspartner, der recht passabel russisch sprach, erwies sich als Kenner der Poesie. Ihn interessierten Probleme der Übersetzung, Schicksale der russischen Dichter und Nachdichter. Ich war es, der von uns beiden am meisten geredet und lange Monologe über Pasternak und die russische Übersetzungsschule gehalten hat. Brigadier Palmisano trank wenig, hörte zu, schrieb auf. Als wir zum Gegenstand unseres Treffens übergingen, holte ich den getippten russischen Text des "Zauberlehrlings" aus meiner Tasche  und zeichnete  sowohl das rhythmische Schema des Originals, als auch das der pasternakschen Übersetzung. Durch  Kognak erhitzt, skandierte ich halblaut bald den deutschen, bald den russischen Text.
Wir verbrachten mehrere Stunden im Café. Beim Abschied holte Brigadier Palmisano einige Bücher aus seiner Aktentasche:
- Ich habe für Sie hier etwas aus meiner Bibliothek als Geschenk mitgebracht.
Es dämmerte schon. Ich schlenderte langsam durch die Gassen, kaufte in einer Bäckerei Brot, Pfefferkuchen und Kringel und ging  gerade den Gogol-Boulevard in Richtung Metro entlang, als plötzlich ein Milizmann  mir den Weg versperrte, ganz außer Atem und knallrot im Gesicht. Er war mir wahrscheinlich sofort  hinterher geschickt worden, hatte mich aber in den Gassen aus den Augen verloren und erst jetzt wieder entdeckt. Ich erkannte in ihm einen der Botschaftsposten.
- Entschuldigen Sie, würden Sie sich bitte ausweisen.
Es war üblich, daß die Milizposten am Eingang der Botschaft die Gäste nach ihren Papieren fragten. Sie verschwanden dann mit ihnen in ihrem Schilderhaus, um die Personalien aufzuschreiben oder per Funk an den Zuständigen weiterzuleiten. Wie wird er es schaffen, meinen für das russische Ohr nicht ganz gewohnten Namen zu behalten? Wenn er ihn nicht aufschreibt, wird er ihn bestimmt vergessen, dachte ich voll Mitgefühl. Er studierte lange die erste Seite meines Passes, blätterte dann langsam und stumpfsinnig darin, als ob er auf etwas wartete. Wir begannen schon, die Aufmerksamkeit der Passanten auf uns zu lenken. Plötzlich sagte er:
- Die Genossen da möchten  mit Ihnen sprechen. Mir ist befohlen, Sie zu ihnen zu begleiten.
- Die Genossen? Im Milizrevier?
- Nein, es ist hier in der Nähe... , - geriet er ins Stocken
- Alles klar,- sagte ich und fügte mit trunkener Verwegenheit unverhofft hinzu, - mit Vergnügen!
Er führte mich den Boulevard entlang, bog in eine Nebenstraße ein und blieb am Eingang  eines kleinen alten einstöckigen Hauses stehen. Die Wohnung im Erdgeschoß sah leer und unbewohnt aus. Im Zimmer, wo zwei Personen auf mich warteten, standen nur ein Tisch und einige Stühle...
- Towaristsch Weber, erzählen Sie uns über Ihre Beziehungen zu ausländischen Diplomaten!- begann einer von ihnen und präzisierte, nachdem er in meinen Augen ein gewisses Befremden bemerkt hatte, - Na,  zum Beispiel über Ihr heutiges Treffen im Café "Adriatika".
- Mit wem habe ich die Ehre...? - fragte ich,  über mich selbst erstaunt.
- Na, hören Sie mal! Wir wollten ohne Formalitäten, aber wenn es so ist, bitte schön...
Und er nannte  seinen Namen und den seines Kollegen. Mitarbeiter des KGB.
Mir war es absolut egal, wie sie hießen. Im selben Augenblick vergaß ich ihre Namen wieder. Ich hatte ja nur so gefragt, wollte ein wenig angeben. Ich hätte mich aufspielen können, nach ihren Papieren fragen, aber ich ließ es sein. Zum zweiten Mal  an diesem Tag  packte mich der Aufklärungseifer. Langsam  räumte ich  meine Tasche aus: Notizen, Bücher, Brot, Pfefferkuchen und Kringel, legte das alles auf den Tisch und begann die Prinzipien der literarischen Übersetzung darzulegen. Wer weiß, vielleicht waren sie auch geheime Lyrikfans, warum auch nicht, warum sollten wir den Österreichern  nachstehen, man erzählte doch, Andropow schreibe Gedichte.
Ich kam immer mehr in Schwung. Sie hörten  mir zu, ohne zu unterbrechen. Sie würdigten sogar die Bücher ihrer Aufmerksamkeit, die mir Brigadier Simon Palmisano geschenkte hatte, und  blätterten mit Kennermiene darin. Ich kann mich noch erinnern, daß eines davon "Ästhetik und transzendentale Philosophie" von Ludwig Wittgenstein war.
Ich redete lange. Erst meine rhetorische Frage: "Es fragt sich nun, ob  literarisches Übersetzen lernbar ist oder  wie jede andere Kunst eine  Gabe Gottes,"
brachte denjenigen, der mich verhörte, aus der Fassung.
- Nun ist es genug mit Gabe Gottes. Was für Formeln und Skizzen haben Sie für Herrn Palmisano im Café gezeichnet?- fragte er und schaltete die Tischlampe ein.                                                                                                                                                         
- Rhythmische Schemata des Trochäus bei Goethe und Pasternak.
-  Was für Schemata?!
-  Der Trochäus ist ein Versmaß. Herr Palmisano  interessiert sich für die  Übersetzungen von Pasternak. Ich habe ihm nicht nur das Schema vom Trochäus aufgezeichnet, sondern auch vom Daktylus, Amphibrachys und Anapäst.
Die KGB-Mitarbeiter tauschten Blicke.
- Die letzten zwei Versmaße sind kompliziert, der Trochäus läßt sich  dagegen schematisch sehr leicht  darstellen. Ein Bindestrich bedeutet im Schema die betonte Silbe. Ich nahm ein sauberes Blatt Papier und zeichnete darauf:
- V / - V / - V / - V /
- V / - V / - V / - V /
Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben...
Der KGB-Mann, der mich verhörte, schaute abwesend zum Fenster hinaus auf die inzwischen ganz dunkel gewordene Gasse, sagte langsam und etwas gedehnt  "Trochäus"  und fluchte.
- Sie können Ihre Sachen wegräumen,- stieß er zwischen den Zähnen hervor.
Enttäuscht begann ich  Bücher, Notizen, Brot, Pfefferkuchen und Kringel in meine Tasche zurückzupacken. Meine Gesprächspartner schwiegen ungeduldig, warteten, bis ich fertig war.
Da hielt es derjenige, der im Laufe des ganzen Gesprächs geschwiegen hatte, nicht mehr aus:
- Hab´ ich´s  Dir doch gesagt, die haben alle eine Meise in dieser Botschaft.
1993

 

Die beliebte Kinderbuch-Figur Hein Hannemann macht Rostock und Umgebung unsicher. Lernen Sie Hein und seinen treuen Begleiter kennen. zur Website Hein Hannemann >>