|
Mädelsache - Cover
Interview mit Andrea Röpke - Autorin von "Mädelsache"
Vor wenigen Wochen erschien das wichtige Buch „Mädelsache“, was endlich das Bild weiblicher Mitglieder rechtsextremer Gruppen gerader rückt und durch Aufklärung ein neues Bild der Gewaltbereitschaft und Struktur der rechten Szene zeigt.
Derzeit sind die Medien besonders aufmerksam, da die Polizisten-Morde und weitere Verbrechen der Gruppe NSU um Beate Z. der Aufklärung näher kommen. Bundes-Innenminister Friedrich sprach gestern (13.Nov.) von einer „neuen Form des rechtsextremistischen Terrorismus“.
Wir haben, mit zum Teil absichtlich laienhaften Fragen, die Autorin von „Mädelsache“ – die seit Jahren in der Aufklärung tätige, verdiente Journalistin Andrea Röpke – befragt.
Sie spricht u.a. über das Unterschätzen der NPD in Mecklenburg-Vorpommern, wo man nicht einfach landesweit von 6 % Zustimmung sprechen sollte, sondern die schärferen lokalen Herde ansehen müsse.
Gespräch mit Andrea Röpke
Mein Mecklenburg: Vor wenigen Wochen ist Ihr Buch „Mädelsache“ in der 2. Auflage erschienen. Bis in den Sommer hinein gab es Klagen bzw. Versuche, das Buch und manche seiner Namens-Nennungen zurückzuhalten. Wie ist da der Stand der Dinge?
Andrea Röpke: Es sieht gut aus. Unser Buch ist jetzt in der zweiten Auflage erschienen und wir konnten alles Ungemach abwenden. Es ist schon paradox: Überzeugte Neonazi-Frauen wollen ihre Ideologie durchaus nach außen tragen und oft auch über ihre Berufe neue Anhänger ködern – nur berichten und aufklären sollen wir nicht darüber. Dann sehen sie sich sofort als „Opfer“ von Medien und Zivilgesellschaft.
MM: Sie haben sich bereits seit Jahren mit Veröffentlichungen zum Thema Rechte Gewalt und Rechtsextremismus einen Namen gemacht. Dieses Buch scheint aber eine neue Liga aufmachen zu können. Hat sich bereits jetzt Ihr Leben durch die Klagen und die große Öffentlichkeit zu „Mädelsache“ verändert?
Röpke: Nein. Wir recherchieren und berichten beide schon seit so vielen Jahren zum Thema Neonazis, wir sind schon einiges gewohnt. Es freut uns natürlich, dass wir mit dem wichtigen Thema viele Menschen erreichen können. Denn leider werden extrem rechte Mädchen und Frauen, die nicht weniger rassistisch und radikal als die Männer sind, in unserer Gesellschaft noch viel zu wenig wahrgenommen. Journalisten nicht nur mit Drohungen einzuschüchtern reicht den Neonazis nicht mehr, sie arbeiten heute viel subtiler. U.a. greifen sie auf ein Netz von sympathisierenden rechten Anwälte zurück und erschweren investigativen Recherchen damit enorm die Arbeit. Leider müssen unsere Vortragsveranstaltungen oft unter Polizeischutz stattfinden. Aber umso erfreulicher ist es, dass so viele engagierte Menschen Interesse haben.
MM: Wie ich finde, breiten Sie einen großen aufklärerischen Teppich aus. Dankbarerweise ein Spektrum durch jedes Bundesland unserer Republik von Nord, Süd, West und Ost. Das Spektrum zeigt aktive Landtags-Frauen, ländliche Deerns, kleinstädtische Kameradinnen, alternde Geschichts-Leugnerinnen und dörflich-sektenhafte Ring-Mädchen. Wer hat Ihnen geholfen bei der unfassbaren tiefen Recherche? Haben Ihnen auch V-Männer vom Verfassungsschutz geholfen?
Röpke: Nein, da haben wir keinen Zugang. Überhaupt sind uns die meisten Verfassungsbehörden nicht allzu wohl gesonnen. Es ist ja kein Zufall, dass in den Jahresberichten der Landesämter seit Jahren überhaupt nur ganz, ganz wenige Neonazi-Frauen Erwähnung finden. Die Behörden haben da sehr lange weggeschaut, auch in Punkto organisierter rechter Kindererziehung. Wir arbeiten sehr nachhaltig, beobachten die Szene vor allem auch vor Ort. Unsere Intention ist es hinter die Kulissen der braunen Aktivitäten zu schauen. Uns selber ein Bild zu machen, zu dokumentieren und aufzuklären. Wir sind gut vernetzt mit engagierten Leuten vor Ort und Lokaljournalisten. Alltäglich sind aber auch Archivauswertungen, Internetrecherchen oder Fotodokumentationen. Aussteiger und Informanten sind eine große Hilfe – V-Leute gehörten bisher nicht zu unseren Ansprechpartnern.
MM: Sie zeigen an einem Rand des Spektrums Frauen wie Gitta Schüssler im sächsischen Landtag, die von Panzern vor Stalingrad nichts wissen möchten sondern lieber über Hartz IV reden, bis hinüber zu den eher gesellschaftsfernen Zeltlager-Frauen, die sich an offenem Feuer auf Bürgerkriegszustände vorbereiten. Welche Aspekte der Szene waren Ihnen in der Tiefe selbst noch unbekannt und in der präsentierten Form neu?
Röpke: Der Fanatismus dieser Frauen war mir vorher nicht so klar. Und was es bedeutet, wenn sie – manchmal über mehrere Generationen hinweg – die sogenannte „NS-Bewegung“ mit voller Kraft unterstützen, denn dann sind auch die Kinder betroffen. Die haben keine Wahl.
MM: Sie berichten von Gefolgschaften, Kameradschaften, NPD-Mitgliedern, Nachfolgevereinen der Wiking-Jugend usw. Könnten Sie für diesen Zusammenhang bitte erklären, was Sie mit dem Begriff „Freie Kräfte“ meinen und welche Rolle die Kräfte haben?
Röpke: Freie Kräfte oder Freie Kameradschaften sind Nationalisten, die ähnliche Ziele verfolgen wie die NPD, aber sich nicht so eng in die Parteistrukturen einbinden wollen. Die Freien Kräfte sowie ihr militantes Umfeld – dazu gehören sowohl Autonome Nationalisten als auch völkische Fanatiker wie aus den Reihen der ehemaligen Wiking-Jugend – machen kaum einen Hehl aus ihrer Verehrung für das Dritte Reich und seine menschenverachtende Politik.
MM: Durch die vielen Zahlen, Daten und Fakten wirkt der zurückhaltende, beinahe nie erzählende Stil wie ein Lexikon der Neonazi-Frauen. Es ist in seiner Tiefe schockierend und bis in jedes Dorf hinein nahezu erschöpfend. Ich hatte den Eindruck, bei den letzten Kapiteln eine Art masochistischen Antrieb zu brauchen, um durchzukommen, ohne dass einem über die dargestellten Verknüpfungen von Neonazis in Kindergärten, Feuerwehren oder Ämtern nicht schlecht wird. – Wie halten Sie beide das aus?
Röpke: Wir berichten darüber, wir klären auf. Richter, Polizisten, Sozialarbeiter – es gibt sehr viele Berufsgruppen, die schlimme gesellschaftliche Missstände tagtäglich erleben. Auch die müssen damit klarkommen.
NPD Bundeszentrale in Berlin-Köpenick
MM: In einem Kapitel stellen Sie die Rechtanwältin Sylvia Stolz dar, die der älteren Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck nachstrebt. Auch Frau Stolz leugnet Teile der Geschichte, wurde verurteilt wegen Volksverhetzung, Aufstachelung zum Rassenhass und versuchter Strafvereitelung. Die Juristin S. Stolz zeigte dem Richter nach Urteilsverkündung den Hitlergruß, der Staatsanwalt bezeichnete sie als „unbelehrbar“ – und nach einer Haftstrafe bekam sie sage und schreibe 5 Jahre Berufsverbot. Was um Himmels Willen muss eine Rechtsanwältin in diesem Land noch tun, um mehr als 5 Jahre Berufsverbot zu bekommen? – Wie geht es Ihnen bei solchen Fällen?
Röpke: Es gibt kaum radikalere Neonazi-Frauen als Ursula Haverbeck oder Sylvia Stolz. Und dennoch wurden sie gesellschaftlich jahrelang kaum wahrgenommen.
Sie standen den Männern ihres politischen Umfeldes in nichts nach. Doch während Horst Mahler schnell ins Visier der Behörden rückte, schauten sie bei den anderen beiden Damen lange weg.
Wichtig ist, zu erkennen, dass neonazistische Frauen den Männern oft an Fanatismus, Rückwärtsgewandtheit und Menschenverachtung in nichts nachstehen. Auch sind junge Mädchen und Frauen immer mehr bereit die Grenze zur Strafbarkeit zu überschreiten – das zeigt sich ja nicht zuletzt auch im Fall der Jenaer Bombenbastlerin Beate Z., die in den 90er Jahren zum Thüringer Heimatschutz zählte und 1998 wegen Sprengstoff-Delikte mit zwei Kameraden untertauchte. Heute steht sie im Verdacht mit dem Mord an einer Polizistin zu tun zu haben. Experten gehen davon aus, dass extrem rechte Frauen etwa mit 10 Prozent an den Straftaten der Nazis beteiligt sind. Nur: Sie müssen überhaupt erst einmal als Täterinnen wahrgenommen werden und nicht nur als harmlose, unwissende Mitläuferinnen. Leider sieht der Alltag oft anders aus.
MM: Sie verweisen oft auf Berichte und Warnungen des Verfassungsschutzes. Der ist nach § 4 des Bundesverfassungsschutzgesetzes (BVerSchG) eine Art Vorarbeiter, der durch Informationsbeschaffung und Informationssammlung Vereins- und Parteienverbote anregen kann. Die Arbeit scheint er ja gut zu machen. Woran hapert es danach? Arbeiten die umsetzenden Ministerien dahinter nicht schnell genug? Wenn so viel bekannt ist von dubiosen, gefährlichen und verfassungsschädlichen Aktivitäten, warum hat man den Eindruck, dass zu viel geduldet statt gehandelt wird?
Röpke: Eine heikle Frage! Erstens stehen wir den Aktivitäten des Verfassungsschutzes oft eher kritisch gegenüber. Bei langfristigen Recherchen wie z. B. denen zur gefährlichen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ hat sich für uns im Vorfeld der Eindruck ergeben, dass die Verfassungsbehörden auf Deutsch „geschlafen“ haben – und das nicht zum ersten Mal. Wir sind unabhängige Journalisten und arbeiten mit diesen Behörden nicht zusammen. Manchmal aber ist es nötig deren Pressestellen zu kontaktieren – doch meistens bringt das wenig neue Erkenntnisse, die nicht auch wir – oder Fachkollegen – bereits gesammelt haben. Mich beeindrucken oftmals eher engagierte Polizeiermittler, die jahrelang Puzzleteile verfolgen. Im Falle zum Beispiel des Verbotes der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) im März 2009 ist es weitaus mehr einzelnen Polizeibeamten zu verdanken, dass deren gefährlichen Aktivitäten gegenüber Kinder und Jugendlichen bekannt wurde, als dem Verfassungsschutz. Der hat sich in dieser Sache wahrlich nicht rühmlich hervor getan. Das Wort „verfassungsschädlich“ in Ihrer Frage missfällt mir übrigens! Ein bedenklicher Begriff.
MM: In den letzten Jahren hat ein gewisses Umdenken stattgefunden, hin zu einem einheitlicheren Extremismus-Begriff, ohne Linke Extreme zu verniedlichen und sie zu vergessen. Auch Ihr Buch beschreibt, wie sehr sich die linken und rechten Ränder der „Autonomen“ ähneln. Wie oft, denken Sie, marschieren extreme Linke neben extremen Rechten im „Schwarzen Block“ unbewusst nebeneinander?
Röpke: Wir vertreten die Extremismus-Theorie nicht. Unser Thema sind Neonazis, wir vergleichen nicht oder setzen nicht gleich. Auf das Konto deutscher Neonazis gehen seit 1990 138 Tote – Obdachlose, Jugendliche, kritische Normalbürger oder Migranten. Es gibt unzählige Sprengstoffdelikte, Waffenfunde, Drohungen, Angriffe auf Bürgerbüros, auch vonseiten der NPD und ihres Umfeldes. Schauen Sie sich erst die aktuellen Entwicklungen zum scheinbar mordenden und sprengenden Neonazi-Trio aus Thüringen an!! Fakt ist: Die braune Szene ist aggressiver und gewaltbereiter denn je. Statistisch gesehen gehen ohnehin etwa drei Gewalttaten pro Tag auf deren Konto. Da macht ein Vergleich mit der linksextremen Szene wenig Sinn – im Gegenteil: Er verharmlos und verklärt.
Autonome Nationalisten kopieren den Lifestyle der linken Szene. Ungewollt. Sie machen sich überhaupt gesellschaftliche Entwicklungen, Styles oder Codes zu eigen, ohne dass z.b. die Umweltbewegungen etwas dafür können. Ich kenne keine Vorfälle in denen linke und rechte „schwarze Blocks“ unbewusst nebeneinander herliefen. Dafür ist die antifaschistische Szene viel zu aufgeklärt. Es passiert schon eher, dass sich Neonazis populistisch unter Anti-Atomkraft-Demos oder Occupy-Aktionen mischen, und nicht sofort erkannt werden.
MM: Kommen wir zu einer vielleicht schrägen Frage. Was denken Sie über die Gefahr, dass sich viele Frauen der Szene durch Ihr Buch und die oftmals sprachlich nicht „wertende“ Darstellung starke Bestätigung holen, und große Teile der Leser Neonazis sein könnten, so dass das Buch zur Bibel der weiblichen Szene wird?
Röpke: Die Gefahr besteht wohl kaum. Die Neonazi-Szene fühlt sich eher zum Fernsehen und zum Internet hingezogen. Den meisten Neonazi-Frauen gefällt es weniger namentlich benannt zu werden. Sie möchten zwar hetzen, organisieren und menschenverachtende Politik vorantreiben – aber bitte unerkannt bleiben. Wenn weibliche Neonazis unser Buch „verehren“ sollten – dann hätten wir etwas grundlegend falsch gemacht! Aber ich denke der Hass, die Drohungen und andere Reaktionen, die uns aus der NS-Szene entgegenschlagen, zeigen, dass das nicht der Fall ist.
MM: Eine weitere These kam mir in den Sinn. Wie wäre es, wenn Tagespiegel, taz usw. keine Interviews mehr mit Frauen oder Männern der Szene machen würden, wenn man die Plattform verkleinern würde, anstatt Menschen, die den Staat abschaffen wollen, immer wieder Öffentlichkeit zu geben? Wäre dann nicht viel Bestätigung und Wahrnehmung bei den Extremen verschwunden, wenn ihnen niemand zuhört? Nach meiner These könnten dann 6 Prozent der Wähler-Stimmen ja nicht aus dem Nichts kommen!?
Röpke: 6 Prozent der Wähler-Stimmen? In bestimmten lokalen Regionen z. B. in Sachsen oder Mecklenburg-Vorpommern ist die NPD bereits zweitstärkste Kraft. Zweistellige Wahlergebnisse für diese aggressive, demokratiefeindliche Partei sind im Osten überhaupt keine Seltenheit mehr. Aber es geht viel weiter: Wissenschaftliche Studien warnen davor, dass sich eine flächendeckende Demokratiemüdigkeit in der gesamten deutschen Bevölkerung breit macht. Bis zu 20 Prozent der Befragten wünschen sich wieder eine einzige starke Führerpartei. Das sind erschreckende Signale. Wir brauchen nachhaltige, antifaschistische Aufklärung, Mut und Courage an der Basis. Auch die Medien sollten wieder mehr Geld in vernünftige investigative Hintergrundrecherchen stecken – das wäre sicher demokratiefördernder und nachhaltiger als jedes unreflektiert ausgestrahlte Interview mit einem Neonazi-Anführer oder einer rhetorisch geschulten Neonazi-Ansprechpartnerin. Die verfolgen ein Ziel und verraten keine Geheimnisse mehr. Dazu ist die nationalistische „Bewegung“ inzwischen viel zu professionell.
Wir müssen aufklären, aufklären, aufklären. Und das nicht nur nach Gewalttaten als schnellen Hype. Wir müssen als Medien Teil einer engagierten zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzung werden. Wir brauchen mehr Plattformen für gesellschaftliche und soziale Prozesse – aber nicht für aalglatte Neonazis!
MM: Eine letzte Frage geht in Richtung Zivilcourage. Sie nennen einige kleine Beispiele, bei denen Engagement von Vielen funktioniert hat. Wie jedoch kann sich ein Bürger in einem Dorf verhalten, der nach und nach merkt, dass sein halber Feuerwehr-Verein aus NPD-Anhängern oder rechtsextremen Kollegen besteht? Was soll er machen? Seinen Job nach 10 Jahren aufgeben? Für viele tausend Euro wegziehen? Sich mit dem halben Dorf anlegen? Zehn seiner alten Jugendfreunde anzeigen?
Röpke: Sehr polemische Fragen! Jeder kann eines machen: Nicht wegschauen! Sondern hinschauen, beobachten und sich dann vernetzen. Hilfe bieten Präventionsstellen wie die vielen mobilen Beratungsteams, Gewerkschaften, Opferberatungsstellen, Regionalzentren oder auch die Polizei. Niemand muss zum einzelkämpferischen Helden werden, aber jeder kann etwas tun, gemeinsam mit anderen! Je länger aber weggeschaut wird und je mehr weiße Flecken die engagierte, Neonazi-kritische Gesellschaft hinterlässt – umso mehr kann sich die „NS-Bewegung“ an der Basis, vor Ort, ausbreiten!!
Vielen Dank für Ihre Zeit – Vom Mein Mecklenburg-Team Respekt für Ihre wichtige Arbeit und alles Gute für Sie!
|