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Öfters sind diese düsteren Holzungen von Lichtungen unterbrochen, auf denen ein dünnes, binsenartiges Gras wächst und wo der Feldbau den Fleiß der Strandbewohner mit kümmerlichen Ernten von Hafer, Buchweizen und Kartoffeln dürftig lohnt. Magere, zottige Pferde, — den Riesen der Marsch so unähnlich, wie die Kühe des Thüringer Rennsteigs den Schweizerkühen, und grobwollige Schafherden weiden auf der mageren Trift und gar oft müssen Tannennadeln, Schilf und Fischgräten als Viehfutter aushelfen, wenn ein trockener Sommer die Weiden versengt, und die Heuernte missrät.

 

Dem Strande entlang begrenzen hohe Dünen aus lockerem Triebsand das Meer, und von Jahr zu Jahr müht sich der Fischer zum Schutze seiner Hütte ab, Strandhafer darauf zu bauen, um den Sand zu befestigen, der mit jeder Hochflut und jedem Sturme seine Form verändert, und den Wogen die Tore in die dahinterliegenden Felder zu öffnen droht. Das zahllose Volk der Möwen, mit ihrem nie rastenden Geschrei, geben den sonst so tristen Dünenbildern eine lebensvolle Staffage. Vielartig, bald groß wie der größte Habicht, bald klein wie eine Taube, bald weiß, bald grau, bald schwarz- und weißgefiedert, tummeln sie sich beständig im leichten Fluge über dem Gewässer, immer nach Beute spähend, bald ruhend auf den grünen Wogen, bald sich hinabstürzend in die kräuselnde Brandung und triumphierend einen zappelnden Fisch als Beute zum Strande entführend. Das Auge wird nicht müde, die ewig hungrigen Vögel zu beobachten. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend kreischen ihre Geschwader über der Flut, oder ruhen in dichten Scharen am Strande aus; wenn aber ein Sturm im Anzuge ist, und schwarzes Gewölk am Horizont aufsteigt: dann verdoppelt sich ihre Tätigkeit und ihr Geschrei wird klagend: — ein Zeichen für Fischer und Schiffer, den Strand zu suchen und ihre Fahrzeuge in Sicherheit zu bringen.

 

Wie mag man in einem solchen Lande wohnen? fragt sich der Bewohner der grünen Berge, — und doch wohnen in dem Mecklenburger „Fischlande“ der Menschen nicht wenige, und sie wohnen behaglich und gut. Was der Boden versagt, gibt das Meer in Fülle: reichlichen Erwerb. Wie erstaunt der Reisende, der sich auf den Mecklenburger Strand verirrt, wenn sein von den dürren Pferden gezogener, bis an die Achsen in dem Sand langsam sich hinwindender Wagen ein Dorf erreicht, und da ihm zierliche, reinliche Häuser anlachen, wo er nur schlechte Hütten der Armut erwartete. Die Wände des Hauses sind von Backsteinen aufgemauert, in hellen Farben bemalt, Türen und Fensterläden mit Ölfirnis angestrichen und die lichten Fensterscheiben erschließen ein Inneres voll Zierlichkeit und Sauberkeit. Alles ist da so blank und aufgeputzt wie auf einem Kriegsschiff. Vor fast jedem Hause schließt ein farbig angestrichener Staketenzaun einen sorgfältig gepflegten kleinen Blumen-, Gemüse- und Obstgarten ein. Wo nehmen es die Leute her, sich so hübsch einzurichten? Die weite See ist ihr Ackerfeld, das schnelle Schiff ist ihr Spaten und Pflug. Jeder Mann ist Seemann; der Ackerbau selbst ist nur Nebensache und zumeist den Frauen und Alten überlassen.

 

240 größere Seeschiffe besitzt gegenwärtig die Stadt Rostock allein, und fast die ganze Bemannung derselben ist aus dem „Fischlande“. Sie sind ein eigentümlicher Schlag, diese „Fischländer“, die für den Dienst auf der See geboren und erzogen sind seit länger als einem Jahrtausend. Auf der See zu leben und zu sterben, diese Vorstellung saugt der Knabe gleichsam mit der Muttermilch ein. Statt auf unsere Ammenmärchen von Gnomen und verwünschten Prinzessinnen zu hören, lauscht der Kleine den Erzählungen des Großvaters am winterlichen Herde von grausigen Seeabenteuern und Schiffbrüchen. Und kaum hat der Bube die Schule verlassen, so will und muss er fort aufs Meer; denn das Festland ist ihm ein Grauen, auf dem Meere allein ist es ihm heimisch und wohl. Mecklenburg, das Küstenland, hat so wenig eine Kriegsmarine als Oldenburg und Hannover, als Hamburg und Lübeck; die schutzlosen deutschen Kauffahrer leben durch die Gnade der Nachbarn; der seefrohe Fischländer muss folglich Mecklenburger Landsoldat werden, und der starke, ausgewetterte, abgehärtete Matrose, vom Los getroffen, vertauscht mit Ingrimm seine Teerjacke mit der glänzenden Uniform des Grenadiers und des Gardisten in Schwerin. Sie gelten als Tölpel in dieser unfreiwilligen Metamorphose, und der dümmste Bauerbursch hat an ihnen seinen Spott. Und doch sind das die Leute, deren seemännischer Ruf hoch steht in allen Meeren, die in dunkler Nacht wie die Katzen die Masten erklettern und auf den Segelstangen reiten, wenn der Sturm das Schiff zum Spielball macht, die Sturzsee es in den Abgrund taucht, oder ein Windstoß es auf dem gefährlichsten aller Meere, der Ostsee, zwischen den Klippen in die Brandung schleudert. Kein verwegenerer Bursch auf dem Wasser, als der Mecklenburger Seemann: Gefahr ist seine Freude und einen anderen Tod, als den durch Schiffbruch, wünscht sich keiner. Die kühnen Söhne des friesischen, des mecklenburger und pommerschen Strandes sind das große Kapital, welches seit Jahrhunderten unbenutzt in der Germania Truhe schlummert, der Schatz, der gehoben werden wird, wenn einst der starke, einheitliche Wille der deutschen Nation aus Deutschlands Eichen die Wehren zimmern lässt für seine Küsten, und deutsche Kriegsflotten deutsches Gut und deutsches Recht auf allen Meeren schützen werden.

 

Und nicht bloß auf der See ist der Mut und die Geschicklichkeit des mecklenburger Strandbewohners zu bewundern: auch am Lande gibt es dazu oft Gelegenheit. Mecklenburgs Strand ist flach, und in bösem Wetter sehr gefährlich für größere Schiffe; Strandungsfälle sind daher nicht selten. Wenn heftige Nordstürme losbrechen, dann wird's rührig in den Dörfern, Alt und Jung strömen hinaus auf die Deiche und Dünen, Boote werden gerüstet und Alles ist auf dem Lug und späht über die kochenden, rasenden Wogen hin in die Ferne nach weißen Segeln. Da kömmt plötzlich die Kunde, ein Schoner oder eine Brigg sei auf das äußerste Sandriff geworfen. Im Nu füllen sich die Nachen und leichten Schifferbarken unter dem Kommando der alten Seeleute mit Männern, Frauen und Knaben, selbst zarte Mädchenhände fassen unerschrocken die Ruder und Enterhaken, und hurtig stößt das schwache Fahrzeug durch die empörte Brandung, um Menschenleben zu retten und ein reiches Bergelohn zu verdienen. Wenn aber auch das Letztere nicht wäre, gastfreundliche Pflege ist den Gescheiterten gewiss! Die eigene Not macht empfänglich für fremde, und keine Familie des Mecklenburger Fischlands gibt es, die nicht von Seegefahr zu leiden gehabt hätte und von Schiffbrüchen ihrer Angehörigen zu erzählen wüsste. — Im harten Winter, wenn weit in die Ostsee hinaus die Fluten erstarren, da tönt auch oft Kanonendonner aus der Ferne herüber, als Zeichen großer Not. Ein Schiff ist eingefroren — Eisfelder quetschen seinen Bug,— der Proviant ist ihm ausgegangen, Hunger und Kälte streiten sich um ihre Beute. Es ertönt die Sturmglocke in rauer Wintersnacht, und während der Nordwind an die gefrorenen Fensterscheiben rasselt und dichtes Schneegestöber über die Ebene saust, macht sich die Bevölkerung, Mühsal und Gefahr nicht achtend, zur Rettung auf. Da sieht man aus den nächsten Dörfern die rüstigsten Bursche, jeder einen Sack mit Kohlen, Brod, Fleisch und Branntweinflaschen auf dem Rücken, die hohen Wasserstiefel mit Eissporen versehen, die Hände mit einem Brette, Beil oder einem langen Haken bewaffnet, hinaus zum Strande eilen, um, springend von Scholle zu Scholle, das Schiff zu erreichen und ihm Hilfe zu bringen. Es ist dies ein gar gefährlich, mühselig und langweilig Werk. Sind die Spalten, welche die Schollen trennen, zu weit, so müssen die mitgebrachten Bretter als Steg hinüber gelegt werden. Oft vergehen viele Stunden, ehe die Kühnen ihr Ziel erreichen, und nicht selten wird der aufopfernde Sinn mit dem Leben bezahlt. — Niemals aber nehmen die Fischländer von der notleidenden Mannschaft mehr als ihre Auslage für die Lebensmittel an, eingedenk des Spruchs: sie hätten's im umgekehrten Falle auch für uns getan.

 

Auf diesem hochherzigen und rüstigen Volkselemente ruht Rostocks blühende Rederei, welche die Stadt reich gemacht hat. Die Handelsgröße Rostocks hat in der Rederei das Fundament und so lange der Geist nicht ausartet, der indem Volke steckt, wird es dauern. — 

 

Rostock führt seine Geschichte tief in die vorchristliche Zeit zurück. Schon als die Könige der Obotriten diese Gegenden beherrschten, bedeckten rostocker Fahrzeuge die Ostsee; um 1170 wurde die erweiterte Stadt mit neuen Mauern und Türmen gepanzert, und im Hansabunde war sie eines der streitbarsten und angesehensten Glieder. Ihre Unabhängigkeit ging zuerst an die Dänen, dann, 1323, an Mecklenburgs Dynasten verloren, welche durch Privilegien und Freiheiten der aufsässigen Stadt die Herrschaft zu versüßen suchten. Nach der Teilung des Mecklenburger Landes fiel sie (1695) an die Linie Schwerin. Verkümmerung ihrer Freiheiten führte zu öfteren Fehden mit ihren Fürsten; manche derselben wurden mit den Waffen ausgefochten, manche durch die Intervention der kaiserlichen Gewalt geschlichtet; die letzten Streitigkeiten kamen erst 1788 durch Vergleich zum Austrag. Aber der Geist der Freiheit und Unabhängigkeit, genährt durch die Erinnerungen an eine tatenreiche Vergangenheit, ein Geist, der auch in dem stolzen Bürgersinne der Bewohner, und im Vollgefühl ihres Wertes volle Berechtigung hat, ist nie aus Rostocks Mauern gewichen und er hat Zeugnis gegeben von seinem Dasein in den schimpflichen Tagen der Schmach und der Erniedrigung, welche deutsches Volk von Innen und Außen erduldet. —

 

Rostock muss von der Seeseite gesehen werden, damit es in seinem ganzen Glanze erscheine. In der Breite einer vollen halben Stunde legt es seine Fassade mit den vielen Türmen, dem Mastenwalde des Hafens und der Kaien gegen die See hin aus. Doch auch das Innere, die hohen, altertümlichen, soliden, aus Stein aufgeführten Häuser der Altstadt, die regelmäßigen schönen Straßen der Mittel- und Neustadt, lassen Komfort und großen, allgemeinen Wohlstand erkennen. Blüchers Standbild von Erz, Schadows Werk, ziert den Blücherplatz, in der Marienkirche ruht Hugo Grotius unter einem schönen Epitaphium von Marmor. Die 1419 gestiftete Universität — eine Pflanzschule berühmter und großer Männer, — besteht noch, obschon ihre Glanzzeit längst vorüber gegangen ist, und neben ihr blühen viele höhere Lehranstalten, wissenschaftliche Vereine und Institute.

 

Die Seele Rostocks aber bleibt die Rederei und der Handel — Rostock nimmt unter den deutschen Plätzen der Ostsee die 3. Stelle ein. Als Frachtfahrer sind die rostocker Schiffe und Flaggen auf allen Meeren, in allen Weltteilen zu finden. Viele bleiben Jahre lang draußen; die meisten, die, auf kurzen Reisen, in den nordischen Meeren fahren, kehren jedoch mit Eintritt des Winters heim und bringen einige Monate bis zur Wiedereröffnung der Schifffahrt im Hafen zu. So liegen manchmal 150 — 180 große rostocker Schiffe abgetakelt am Pfahl, während die Mannschaft heimgegangen ist zu Eltern, Weib und Kind. Dann herrscht in dem Fischland ein gar buntes Leben, voller Lust und Genuss. Die Männer, die im straffen Beutel ihre Löhnung mit nach Hause brachten, sammeln sich allabendlich bei einem Glase Grogg in der Schenke, einander erzählend von ihren Erlebnissen, Abenteuern und Gefahren und das junge Volk treibt allerhand Kurzweil, arrangiert Tanz- und Jagdpartien und wird zu Zeiten die See klar, so tun sie sich in Kameradschaften zusammen, treiben Fischerei und erproben bei Ruderstechen und Wettfahrten ihre Geschicklichkeit und Kraft. Sobald aber der weiche Tauwind die Eisbarren der nordischen Meere bricht — da bricht das Männervolk auf und eilt nach Rostock, sich zu neuer Fahrt zu verdingen.

 

In Rostock aber beleben sich dann die Kaien und Docks, die Schiffe setzen Masten und Takelwerk auf, nehmen Ballast oder Ladung ein, und so segeln öfters 40 bis 50 auf Ein Mal aus dem Hafen, ihre Bestimmungsorte in allen Weltteilen suchend. Während dieser Zeit fahren auf bewimpelten Leiterwagen täglich 200 bis 300 Matrosen mit ihren Schiffskisten zum Ribnitzer Tor herein, rangieren sich auf dem Markte unter ihren Steuerleuten und ziehen nach dem Rathause, wo die Listen der Mannschaft feierlich verlesen und in die Schiffsregister eingetragen werden. — Gar Manche sehen die Heimat nicht wieder, und finden ihr Grab irgendwo in den grünen Wogen. Viele Schiffe auch, die auf lange Reisen geheuert sind, die China- und Ostindienfahrer, die Wallfischfänger der Südsee, oder die nach Kalifornien oder Australien fahren, lassen es nicht bei der einen Reise bewenden. Zuweilen bleiben sie 8—10 Jahre aus, und der „Kleine“ des Kapitäns, den die Mutter bei der Abfahrt dem Vater von der Brust zum letzten Kuss entgegenreichte, springt dann als stattlicher Bube dem gealterten Vater um den Hals, und weiß schon die Schiffsleiter flink wie eine Katze zu erklimmen und das Ruder zu lenken.

 

Bewahrung der ehelichen Treue ist einer der ehrenhaftesten Züge in dem Charakter dieses wackern Volks. Eben so große Mildtätigkeit. Es leidet unter sich keinen Bettler; wird ein Seemann krank, oder invalid, so nimmt die ganze Gemeinde sich seiner an und hat er nichts erspart, so hat er auch für nichts zu sorgen. Die Nachbarn geben ihm reihum den Tisch und ein Obdach entbehrt er niemals.

 

Dies ist Rostock und das Mecklenburger Fischland mit seinen kräftigen, biedern, wackern, freiheitsliebenden, arbeitsfrohen Menschen. —

 

Aus: Meyers Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswertesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der Erde. Band 16. 1854

 

 

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