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Vereine für Wissenschaft und Kunst in Mecklenburg

Es existieren einige Vereine für Wissenschaft und Kunst in Mecklenburg. Die Aufmerksamkeit und Anerkennung des Auslandes in höherem Grade verdient der „Ausschuss für Geschichte und Altertumskunde Mecklenburgs,“ ein Verein, 350—400 Mitglieder zählend, durch den Präsidenten, Minister von Lützow, im Jahre 1838 eröffnet: er bildet durch seine Sammlungen, neben den großherzoglichen aufgestellt, ein interessantes Museum aus Gegenständen der slawischen und germanischen Vorzeit *). Die Kunst verleugnet in Mecklenburg selten hausbackene, teigige Stoffe, lässt selten das Ideale durch materiellen Tungor durchschimmern. Ein Schweriner Maler Fischer malt sehr geschicklich mixta composita etc. Portraits und Spielereien. Mecklenburg hat, dem musikalischen Modeton fröhnend, eine strotzende Abundanz an sich spreizenden Gesangvereinen; alle, die ich kenne, waren jämmerlich. Mecklenburg hat keine Stimme, das Landvolk versteht nur das Jauchzen und gellendes Kreischen, Stadtvolk wähnt musikalisch zu sein und singt, als öffnete der obotritische Büffelkopf seinen heiseren Rachen, als säße ihm immer und ewig der obotritische Mehlkloß im Halse. Das Schweriner Hoftheater ausgenommen, das man im Sommer nach Doberan transportiert, begnügten sich Mecklenburgs Städte mit ihren Liebhabertheatern und wandernden Bühnen, während jetzt auch die Bürger Wismars, materiellen wie spirituellen Fortschritt beweisend, Thalia in feste steinerne Hallen zu führen gedenken. Landmarschall Graf Hahn, einst Herr von neunundneunzig Gütern, der erste Beamte des Großherzogtums, aber traurigberühmt durch seinen wilden Enthusiasmus fürs Theater, hatte dereinst auf seinem Gute demselben ein glänzendes Asyl eröffnet und Europas erste Künstler dahin gezogen. Des sonderbaren Mannes — der alle Warnungen des Großherzogs, die Ehescheidungsklage seiner Gattin, die Entfremdung seiner nobeln Familie, den Verlust seines Vermögens und seiner Ämter wild in den Wind schlug — sonderbares Leben voll flackernder Lichter, bleibt immer höchst wunderbares Phänomen und verdient einst biographische Darstellung. Vom Landmarschall wurde er Führer einer wandernden Komödiantentruppe, der ein Rescript des Großherzogs jedes Spiel in Rostock oder Doberan untersagte; er führte das Theater zu Lübeck, häufte dort ungeheure Schulden an, spielte zu Altona und vagabundiert jetzt, wenn ich nicht irre, mit einem Regisseur Aimer in hannoverischen Städten. Mecklenburg ist noch immer das Land, willkommen der Thalia vulgivaga, durchrädert von wandernden Bühnen, denen die eingeschneiten Landstädte harrend entgegensehen. In Leihbibliotheken alte, zerfetzte, schmierige Spieß-Cramer-Clauren'sche Literatur, auf der Bühne versilberte Papppanzer, Geisterröcheln, Eduard und Kunigunde etc. Literatur will in Mecklenburg nie recht gedeihen. Das „freimütige Abendblatt,“ Mecklenburgs literarisches Faktotum, welches in keinem Krähwinkel fehlt, trägt ganz den soliden, ehrenhaften obotritischen Charakter zur Schau: es ist das papierne Mecklenburg, schwatzt über Hafer, Stroh und Rinderzucht, wirft vaterländische Nekrologe und vaterländische Korrespondenzen dazwischen, weiset die deutsche Literatur im Feuilleton kurzweg ab, gibt aber dann und wann Vorträge aus der philomatischen Gesellschaft zu Rostock, würdig eines den Geist durchdringenden Lesepublikums, der allgemein deutschen Verbreitung. Die mecklenburgischen Verlagshandlungen Schmidt und Gössel in Wismar, Stiller in Schwerin, Opitz in Güstrow haben seit einiger Zeit ihr belletristisches Feuer merklich gemindert. Gräfin Ida Hahn-Hahn ist den Lesern durch zarte Lebensauffassung, schöne Reimmodulation im poetischen Blumengarten weit besser bekannt, als „aus der Gesellschaft,“ wo ich sie persönlich als liebenswürdige Dame kennen zu lernen die Ehre gehabt habe.“**)

 

*) Der Verein gab Jahrbücher heraus, die unter der Redaktion von Lisch und Bartsch erschienen.

 

**) Mecklenburg hat einen Philosophen gestellt, den Autor des „Philosophen für die Welt“ und des „Fürstenspiegels, den Erzieher Friedrich Wilhelms III. von Preußen, Engel und einen Dichter, den Dichter der „Luise,“ Voß. In neuerer Zeit stellte es auch einen angenehmen Liederkomponisten, Kahlden, Die Gräfin Hahn aber war weithin die bedeutendste Notabilität auf dem Literatur- und Kunstgebiete.

 

Aus: Die Geschichte der deutschen Höfe seit der Reformation von Dr. Eduard Vehse. 37r Band. Sechste Abteilung. Die kleinen deutsche Höfe, Dritter Teil. Hamburg. Hoffmann und Campe. 1856

 
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