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Der obotritische Horizont 1840

Ich füge diesen Schilderungen der Physiognomie Schwerins und Doberans noch eine anderweite von Kraftstellen strotzende bei, betitelt: „Der obotritische Horizont,“ die ebenfalls unter die Regierung Paul Friedrichs fällt, zuerst in der Zeitschrift: „die Eisenbahn“ erschien und ebenfalls in die Rostocker gelehrten Beiträge überging. *) 

*) 1840 25. März Nr. 12. S. 177 ff.

 

„Hinter der aschgrauen Sandwüste und den tristen Rübenackern der Mark, hinter des großen Berlins großer Zivilisation liegt noch ein herrliches, meist übersehenes deutsches Land, ein Land von echtem Schrot und Korn, liegt Mecklenburg, sein paradiesisches Stillleben in allzu großer Bescheidenheit träumend. An seinen Küsten brandet die markige Woge der Ostsee, herrliche Landseen im reifenden Ährenkranz lächeln in den glänzenden Aether und auf strohüberdachten Hütten obotritischer Dörfer nistet der Storch, der Vogel des Friedens. Überall in Runengräbern schlummert die Vorzeit und modert das Slawentum; in Schlössern wohnt die ungnädige Cohorte der „gnädigen Herren“ etc. Mecklenburg ist die erquicklichste Oase im dürren märkisch-pommerschen Sandmeer etc.“

 

„Reich und köstlich bewässert, meistens ergiebiger Boden, trägt das versteckte Ländchen alle dem Klima nur irgend angemessenen Naturprodukte in ausgezeichneter Fülle und Kraft; dem Auge des Wanderers wird es wohl in dieser einfachen, immer aufs Neue überraschenden Abwechselung von starker, saftiger Buchenwaldung und üppigen Feldern, unter Wiesen, Wassern, Mühlen und Dörfchen etc. Ackerbau und Viehzucht sind die echt obotritischen Lebenselemente, auf denen eben so breit und sicher, als unbehilflich Mecklenburg steht etc.“ Neben einer so ergiebigen Landwirtschaft, wie hier, könnte Fabrik- und Industriewesen im herrlichsten Einklang stehen; der Mecklenburger kennt wohl praktisch den Landbau, die stolze, stämmische Pferderasse seines Landes wird vielfach veredelt, der Wollmarkt und die Tierschau zu Güstrow, das große Pferderennen zu Doberan, die beträchtliche Kornausfuhr nach England und Amerika, alles dies spricht für Universalumsicht am landwirtschaftlichen Horizonte — während man sich der Industrie auch nirgends genähert hat, es sei denn, unglücklicher Weise, in zahlreichen Branntweinbrennereien, welche das Volk demoralisieren etc. Ausländisches überwiegt bei Weitem das Binnenländische; schon der Glockenklang: „das ist weit her!“ drückt im obotritischen Ohre den intensiven Wert eigener Landesindustrie so burlesk, wie gewaltsam herunter. Der Mecklenburger hat nichts dawider, wenn sich das spekulierende England für mecklenburgische Rohprodukte ganz enorme Zölle bezahlen lässt und aus Shylocks-Dankbarkeit mit mecklenburgischen, nur verarbeiteten Produkten mecklenburgische Industrie ganz in den Grund bohrt etc. Die erleichterte Kommunikation mit den Seehandelsplätzen Rostock und Wismar erleichtert nur den Absatz roher Landesprodukte und den Eintausch ausländischer Industrie- und Fabriksachen: der Handel gewinnt, die Industrie nicht etc.“

 

„Die obotritische Einfalt in all den unzähligen Kleinkrähwinkeln und Dörfern ist ganz kolossal: Mecklenburgs Bauer zeigt nur für feiste Speckseiten mit ledernen konservativen Klößen Prädilectionen, wie seine gnädige Herrschaft für den Obskurantismus und grauen Feudalunfug. Der Obotrite vom Dorfe, der gigantische Bauer in Kniehosen und Schuhwerk mit silbernen Sonntagsschnallen, in feuerroter Weste und langem Großvaterrock, seinen runden gebürsteten Suppennapf auf eisernem obotritischen Kopf — die prachtvollen Bauerweiber und rosenroten Dirnen, wie sie uns Sonntags in Mecklenburg auf allen Wegen und Stegen lachend und lockend begegnen, mit der üppigsten Busenwölbung und fleischigen Armen, im originellsten Feiertagsstaat, aus vergoldeter Mütze, buntem Friesrock und flitterumsäumtem Mieder bestehend etc. — diese echten Obotriten weiden noch echt mittelalterlich regiert. Als beklagenswerte Folge jedes Übergewichts, welches sich mittelalterliche Adelsmacht sorglich und oft auf tyrannische Weise einbalsamiert, tritt Servilismus der Bauern, Bauerndruck und Bauerndummheit in grellen Farben heraus, aus denen dann wieder, indirekt durch den obotritischen Adel hervorgerufen, jener obenerwähnte Mangel an Industrie und Kleben an der Scholle, dumpfe Zufriedenheit in dumpfer, feudalistischer Sphäre entspringt. Im Schweiß seines Angesichts plackt sich zwei Tage in der Woche ein blutarmer Frohner für seine gnädige Herrschaft und das Tagelohn dieses Gutsuntertanen wird vom imperatorischen Inspektor durch seinen Voigt nur zu oft durch unverdiente Prügel ausgezahlt etc. Dem Adel ist es genug, wenn der Bauer den Ochs von der Kuh zu unterscheiden, sein Weib die adelige Kuh zu melken versteht. In allen ritterschaftlichen Ortschaften Mecklenburgs, im Hauptdistrikt Güstrow, in den Distrikten Rostock, Buklow, Nobel und Teterow liegt das Landschulwesen furchtbar im Argen, während, wo sie konnte, die großherzogliche Regierung in Städten und ihren Domainen mit fürstlicher Liberalität für besseren Unterricht Sorge trägt. Dem Adel ist jeder Schuster und Schneider, jeder invalide Unteroffizier oder abgedankte Kammerdiener, jeder magister bonarum artium, der sich die eigene Orthographie phantasiert hat, zum Dorfschulmeister schon gut genug; der Adel fürchtet, es könne sich in die dumpfigen Dorfspelunken sonst einige Volksbildung verirren, er hat auf dem Landtage und in Blättern mit ganz ungeheurer Suffisance eingestanden: „eine Mehrbildung des geringen Landmanns sei ganz unzweckmäßig, Intelligenz sei zu seinem Berufe nicht erforderlich, die neuere Bildung des geringen Mannes sei das größte Übel der neueren Zeit, der Blasebalg aller Revolutionen, die Bildung in Volksschulen rufe allein das Gefühl des Unbefriedigtseins hervor und Begehr nach anderem Zustande der Dinge.“ Diese Worte zeigen das obotritische Adelsprinzip im bengalischen Feuer.“

 

„Der obotritische Bauer, den der Adel immer so fort und fort duseln lässt, ist, wie ich ihn kenne, und ich glaube, ich kenne ihn, besonders im nördlichen Landesstriche durch und durch, denn ich habe Jahre lang in Mecklenburg gelebt, ein vorzügliches Lastvieh: sein Rücken ist breit und ledern, er hat sich dem Prügelsystem der gnädigen Herrschaft angeschickt und lebt im blauen Himmel der Unschuld. Ihm ist's paradiesische Wonne, nach saurer Arbeit beim Erntedünnbier, über die Scheunendiele hopsend mit Liesch oder Gret, all den galligen Wust der Sorge heraus aus dem innersten Eingeweide zu kreischen, vierteljährlich zu Jahrmarkt zu ziehen, „Stuten“ zu essen und Schuhzeug zu kaufen, Sonntags zu „ringeln,“ d. h. nach dem Ringe zu reiten, und Montags von der Klapper des Guts in der Dämmerfrühe mit sonntäglich ausgebranntem Gehirn in die Frohne gerufen zu werden. Dabei fürchtet und respektiert er die Geistlichkeit und die Gespenster, lässt sich in Krankheitsfällen von alten Weibern sympathetisch bestreichen, im mitternächtlichen Walddunkel von Schäfern und Scharfrichtern unter alten Eichen heilen, obwohl Dr. med. Saß in Travemünde durch den obotritischen Volkskalender, der überall in den Hütten am Nagel hängt, die grassierende Charlatanerie in ihren schwarzen Folgen schwarz konterfeite. Man bleibt beim Alten und sagt: „dat is 'mal so etc.“

 

„Mit Suffisance und Gottähnlichkeitsgefühl verbindet meistens der obotritische Landadel die handfeste bäurische Grobheit, selten den schimmernden, nobeln Ton; er waltet und schaltet so derb und massiv, dass sein schwerer Gang im Schmierstiefel nie ohne deutsche Spuren bleibt. Der obotritische Fröhner harrt und hofft und schickt sich ins Schicksal. Nur mitunter sucht er für seinen Groll gegen gutsherrliche Tyrannei und Niederträchtigkeit Eruptionen durch ungesetzliche Krater und begeht die empörendsten Frevel in seiner rohen, tierischen Wut. Ein Gutsbesitzer, der Abglanz eines Caligula, hatte die Fröhner und Knechte so geschunden und gezwickt, dass diese, aufgerufen vom Verwalter, der auf Kommando des gnädigen Herrn auch durchgebläut werden sollte, das Schloss erstürmten, den Besitzer aus Rache bis zum Tode durchprügelten, die Keller erbrachen, sich viehisch besoffen und dann, erregt durch die Geister ungewohnten Weins, im satanischen Taumel wieder zum Gemisshandelten zurückkehrten, ihn mit Scheren, Messern und Nadeln dergestalt marterten, dass er den Geist aufgab, dann aber auch noch von Kindern und Weibern des revolutionierten Dorfs scheußlich insultiert wurde. *)

 

*) Die Ermordung des Gutsbesitzers Haberlandt kam im Jahre 1838 vor. „Haberlandt besaß in frühern Jahren ein Landgut im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin und tyrannisierte dort in mehrfacher Hinsicht seine Hintersassen. Diese aber fanden den Weg zu den Gerichten und Ortsbehörden und veranlassten die ernstlichsten Einschreitungen gegen ihren Peiniger, welche am Ende dahin führten, dass er sein Gut verkaufen musste. Haberlandl akquirierte hierauf ein Gut in Mecklenburg-Strelitz und behandelte auch dort seine Untergebenen in der gewohnten Weise. Sei es nun, dass diese es versäumten, ihr Recht bei den Oberbehörden geltend zu machen, oder dass die Behörden nicht zur rechten Zeit energisch einschritten, genug die Erbitterung der Gutseinwohner stieg auf den höchsten Grab und führte endlich seine Ermordung herbei, welche in offenem Aufstande, unter Anleitung des Wirtschaftsschreibers, in grausamster Weise vollführt wurde.“ „Über die jetzige Stellung der vormaligen Leibeigenen in Mecklenburg“ in den Rostocker gelehrten Beiträgen 1840 S. 729.

 

„Vom Feudalismus auf offnem Lande in die kleinen obotritischen Landstädtchen wandernd, tritt hier dem unbefangenen Auge, wie wohl nirgends in Deutschland, der eingesteifte Philister in baumwollener Nachtmütze, die Kalkpfeife gemütlich im Mundwinkel, alles Fremde beglotzend entgegen. Jedes Nest hat stolz sich spreizende Bürgermeister und Ratsverwandte *), vornehm-tuende Honoratioren, die gar mitleidig lächelnd aus ihren hermetisch verschlossenen Klubs auf mühsam sich plackende Plebejer herabsehen. Dem engern Leben einer Kleinstadt von altem Schrot und Korn, im Flitter, moderner Ziererei gewinnt man höchst interessante, psychologische Seitenbemerkungen ab; eben darin fand ich in Mecklenburg den Born unerschöpflichen Vergnügens. Die Krähwinkelhonoratioren haben sich eine steife, burleske Hofetikette herbeiphantasiert, worin sie sich wie im Reifrock bewegen, deren Verletzung von jeder guten Gesellschaft ausschließt, deren Befolgung groteske Schildburgssituationen massenhaft an einander schichtet. Wissenschaftliche Bildung versumpft in den Krähwinkeln, wenn sie nur Schulbildung war: der Alltag hängt grau herab und stülpt den Honoratioren die Nebelkappe aufs Haupt; das tagtägliche Werk greift man mit obotritischen Fäusten an und schlendert, wenn Abends die ganze Gevatterschaft des Fleckens vor der Haustür gemächlich der Ruhe genießt, zum Kruge, wo beim hohen Glase schäumenden Biers ein Silentium gespielt und gekannegießert wird. Sonntags geht man zur Kirche und nach der Kirche ein Stündchen über das herrliche Land; dann isst man obotritisch; Nachmittags durchflattern die Damen des Fleckens in weißen Pfingstfestkleidern ohne Flecken die Straße; man macht, wird man elektrisiert von obotritischen Kornblumenaugen und obotritischer Fülle, die auf festem Piedestal ruht, den Töchtern des meistens damit gesegneten Pfarrers großstädtisch den Hof, schiebt kleinstädtisch Kegel und raucht den famosen mecklenburgischen Rhenaer; man geht Abends, ist man ein angesehener, ordentlicher Mensch, in den Clubb und legt, von sonntäglichen Freuden berauscht, sich ins Bett, „wo kein Wagenrad fährt.“ Buß- und Bettage, Vogel- und Scheibenschießen, Jahrmärkte, Erntebiere und andere Volksfeste machen Epoche und jedes Nestchen referieret darüber im Schweriner „freimütigen Abendblatt,“ damit des Nestchens Name gedruckt steht, die Korrespondenz aber im Nestchen allerlei Mutmaßungen und Knalleffekte befördert. Bei diesen außerordentlichen Gelegenheiten zeigt sich die Stadt- und stattliche Angesehenheit in strahlender Glorie, aber entblödet sich demungeachtet nicht, vor den Augen plebejischer Demut in bacchanalischen Sansculottismus überschlagend, durch Grog und Punsch gewaltsam enthusiasmiert, einander die leeren Gläser an volle Köpfe zu werfen. Ich habe gesehen und traute meinen Augen kaum, wie zwei Doktoren der Medizin, also gebildete Männer, auf einem pompösen Leichenschmaus zu T. mit ihren Äsculapsstäben unsanft fraternisierten, entweder aus kläglichem Brotneid — das derbe, kerngesunde Mecklenburg ist übersäet mit Medizinern — oder weil es nur wissenschaftliche Beantwortung der großen Frage galt, was den Seligen ins kühle Grab gebettet, wer also indirekt den Leichenschmaus veranstaltet und honoris causa das Präsidium an der Tafel zu führen habe.“

 

*) Ein Ratsherr einer solchen kleinen Stadt unterzeichnete kürzlich eine Urkunde seiner Frau als deren „öliger Kuhrather“ (ehelicher Curator).

 

„Im Kontrast mit diesen barocken Krähwinkeln hat, seiner verpallisadierten Clubbs ungeachtet, sich in Schwerin ein wahrhaft erquicklicher, dabei cordialobotritischer Gesellschaftston ausgebildet, der so wenig als möglich den Pli kleiner Hofhaltungen durchschimmern lässt und jedem anständigen Fremdling ohne lästiges Kompliment gern die Hand reicht. Freilich hüllt sich auch hier die noble haute volée in den unbeschreiblichen nebeln Dunst, wie sie ihn Sommers auch über Doberan und Ludwigslust gedeckt hätte, wäre der jetzt verstorbene, biedere Friedrich Franz nicht allzusehr bürgerlich gewesen, ein Todfeind des gespreizten Adeltums — er aß in Doberan unter allen Badegästen an öffentlicher Tafel, die Noblesse wusste es auch. Seit dem Tode des alten Fürsten hat Ludwigslust wie Doberan, wo er schlummert, bedeutend verloren, Doberan vorzüglich, das er auf Kosten Schwerins erhob, von dem jetzt, obwohl dort die Taglioni tanzt und der jetzige Großherzog diese Saison daselbst zubringt, der inländische Adel sich zurück- und in fremde Bäder, wie nach Travemünde, oder auf seine Güter verzieht: er geniert sich dort unter dem Auge des Fürsten. Der steinerne, gespreizte, abgezirkelte Ton, der seit dem Tode des alten Franz sich aufbläht, kann einem Badeorte nur schädlich sein, wo man in freier Meerflut frei und frisch ein neuer Adam zu werden gedenkt. Wismar hat eigentlich gar keinen Ton, noch ist es im Werden, es rührt sich rasch und lebt von Eisenbahnprojekten in Zukunft. In Güstrow gibt der zottige Wollmarkt, in Parchim das Oberappellationsgericht mit dem affabeln Schweif der Beamten den Brummbasston an. In Rostock vernimmt man die Landesuniversität und fidele obotritische Burschen, denen das Flottsein meist mehr als Philosophie gilt, der Ton derselben ist obotritisch, solide, nirgends schäumend und brodelnd. Die Lehrer lesen bestimmt vom Katheder herab, die Schüler hören zu und beide Teile stehen sonst in keiner organischen Verbindung, geselliges Lebenselement, anreizend und weit besser oft auf die Jugend wirkend, als wurmstichiger Kathedervortrag scheint Rostocks Professoren durchweg unbekannt; die Studiosen kneipen recht brav und haben mit der weiblichen Delikatesse, deren Gefälligkeit Rostock berühmt gemacht hat, Assoziationen öfters recht zart angeknüpft“.

 

Aus: Die Geschichte der deutschen Höfe seit der Reformation von Dr. Eduard Vehse. 37r Band. Sechste Abteilung. Die kleinen deutsche Höfe, Dritter Teil. Hamburg. Hoffmann und Campe. 1856

 
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