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Über den mecklenburgischen Landtag und die Landtagsbesucher 1848

Zur nötigen Vervollständigung des Bildes der mecklenburgischen vormärzlichen Zustände sei es nun noch vergönnt, einen Aufsatz über den Landtag und die Landtagsbesucher teilweise hier folgen zu lassen, den eines der Blätter der Rostocker Zeitung aus der Sturmzeit nach 1848 enthielt:

 

„Die fehlerhafte Lage der Dinge in Mecklenburg trat in den schneidendsten Farben auf den Landtagen hervor. Der Landtag ward von Leuten besucht, die, weil der Staat ihnen recht nützlich war, für denselben zusammentraten, die mithin nicht das Wohl ihrer Landesbrüder, sondern allemal sich selbst zum Zweck hatten. Die über Mecklenburg in den letzten zwanzig Jahren hingegangene Zeit begünstigte vor allem den rohesten Materialismus. Wo der herrscht, da wird der Gedanke an Menschenwert und Menschenwürde mehr und mehr abgeschwächt. War vom Werte die Rede, so ging die ständische erfahrungsmäßige Urteilskraft auf Landgüter mit Modde, Mergel und wo möglich mit Bauernlegung. War von Würde die Rede, so dachte man an Equipagen mit auflackierten Wappen, an betresste Pferdejungen und an Kutschsielen mit Silberbeschlägen. War vom Verdienste die Rede, so konnte derselbe nur in barem Gelde oder in Hypothekenscheinen mit guter Erstigkeit bestehen. Ein Mensch an und für sich war angenehm, wenn er amüsierte, noch angenehmer, wenn er nützte und jedenfalls am angenehmsten, wenn er in arbeitskräftigem Alter stand und die Erntearbeit umsonst oder fast umsonst tun wollte. Auffassung und Urteilskraft blühte am Bostontische und beim rasenden l'Hombre. Das Mein und Dein im Leben unterschied man schärfer, als das Wir und Mich in der Rede. Die Weltkenntnis reichte bis zum nächsten Badeorte. Redete man von der Schweiz, so dachte man an Käse, hörte man von Holland, an Hering obenein. Von Frankreich schätzte man den Champagner, achtete auch den Bordeauxwein. Von Russland honorierte man öffentlich den Kaviar und insgeheim die Knute. In Berlin schätzte man den Woll- und in Hamburg den Buttermarkt, hatte aber aus beiden Städten insgeheim eine artige Zahl famöser Adressen, welche die erfahrenen Herren, nach vorsichtiger Entfernung ihrer steifen atlasbauschenden golduhrigen Damen ihren wissbegierigen Söhnen mit ekelhaftem Wiederkäuen durchlebter Genüsse mitteilten. Wo das Geld nicht fehlt, da kann jeder beim Modisten die Gestalt gebildeter Leute sich erkaufen und nachdem die Vermummung vor dem Spiegel erreicht, mit wieherndem Gelächter darüber sich freuen. Es soll jedoch nicht behauptet werden, dass solch ein Leben ohne alle Studien war. Albertis Komplimentierbuch hat diesem Publikum fünfzehn Auflagen zu danken, die Illustrierte Zeitung und das Leipziger Modejournal wurden ebenfalls im Schweiße des Angesichts durchgearbeitet. Sogar das Theater bot Veranlassung zu Kopien von Helden, Liebhabern und Anstandspersonen. Es ward mit Leidenschaft und ohne Unterschied jede Darstellung besucht, denn es überhob der faden Unterhaltung oder bot Stoff für dieselbe, und was hier oder am Spieltische der Abend gekostet, das ward am nächsten Tage von des Arbeiters kargem Lohne noch abgekniffen.“

 

,,Für diese Leute war der Landtag wie gemacht Ihnen schwoll das Herz, wenn der großherzogliche Kommissarius mit der langen Reihe von Küchen- und Kellerwagen durchs Land zog, und mehr als das Herz schwollen an der Tafel den Prassern die ledernen Taschen von den wegpraktizierten Produkten der Hof-Konditorei. Für ehrenhaft hielten sie auch den Hocuspocus auf dem Judenberge. Die Landtagsuniform und Predigt voll Aristokratie und hochkirchlicher Salbung erfüllte sie mit Neid und Langeweile. Die Zunftgeheimnisse, wie durch Meldung beim Erblandmarschalle man den Fourier mit der Einladung zu sich brachte, hatten enorme Wichtigkeit. Die regellose Verhandlung hatte ihre Kniffe, Malicen und Grobheiten. Wo Sonderinteressen zum Ziele gesetzt waren, da blühte die Intrige. Morgens beim Frühstücke begann der Genuss, um vier Uhr bei der freien Tafel steigerte er sich, und nach dem abermals freien Abendessen mit Bischof oder gutem Rotweine, ein Spiel, so hoch man wollte und des Lebens letzter Vollgenuss war erreicht. War endlich die Jahresspekulation auf gemeinschaftliche Ausbeutung des Landes beendet, dann noch ein Goldstück für den Landtagsball, wo der die Schutzwache kommandierende Lieutenant auch seine Manieren stolz entwickelte, und nachdem alte und junge Fräulein sich satt gehüpft, das letzte jeu zusammengeworfen, schlug Alles bleich und überlebt die kotigen Wege ein in die Heimath.“

 

Anderweite Mitteilungen aus Mecklenburg supplieren das vorstehende Bild, was die allerneuste Zeit, die wieder in Mecklenburg erschienen ist, betrifft: „Das Landtagsleben in Mecklenburg ist sehr antediluvianisch, war es besonders in vormärzlicher Zeit und wird es jetzt wieder. Die Landtagskommissare halten Abends für den ganzen Landtag Spielclubb und freien Tisch, Schwerin mit Bischof, Strelitz mit Rotwein. Mittags werden jedoch zahlreiche Einladungen erlassen. Als die bürgerlichen Stände noch in Masse erschienen, waren darunter manche ohne alle äußere Bildung. Zwischen dem stark essenden und stark trinkenden Gutsbesitzer Fuhrmann auf Karchez und einem Herrn von Waldow kam es an der Landtagstafel fast zum Handgemenge. Herr Fuhrmann hatte an seiner Flasche Wein nicht genug und rief laut: „Herr Lakai, noch 'n Vagel“ (Flasche)! von Waldow hintertrieb, dass dieser zweite Vagel anlangte, worauf ihn Fuhrmann injuriierte. von Waldow in der roten Landtagsuniform zog beim Aufheben der Tafel seinen Galanteriedegen. Der schwarzbefrackte Fuhrmann*) rannte ihn zwischen Stuhlfüßen an die Wand fest und fragte den Landtagskommissar: „Excellenz sall ick för 500 Thaler Cristall kort schlaan?“ Die Bürgermeister schütten an diesen Landtagstafeln ganze Schüsseln von Confitüren wie die Landschulmeister in die — hierzu eigends eingerichteten, man sagt wachstuchenen und ledernen Rocktaschen. Am Schlusse des Landtags bekam sonst der die Landtagsbedeckung kommandierende Lieutenant von jedem Landstande einen Louisd'or und arrangierte dafür einen Ball. Eröffnet wird der Landtag jetzt gottesdienstlich, zu Sternberg aber immer noch mittelalterlich, auf freiem Felde, auf dem Judenberge. Einem der bürgerlichen Gutsbesitzer, H. auf L., der nicht Bescheid wusste, arrivierte, dass er in das Zimmer kam, wo die Bedienten des Adels in ihren Livreen saßen nebst anderen Aufwärtern. H. hatte von Landtagsuniformen gehört und glaubte sich daher in der Landtagsversammlung zu befinden. Er setzte sich, ward zuvorkommend in Gespräche verwickelt und endlich von den aus der geschlossenen Sitzung kommenden Herren betroffen. „Ei, hier gefällt es Ihnen wohl gut, Herr H. ?“, fragten die Junker. „Das wollte ich meinen“, erwiderte der Erquickte. „Ja, das glauben wir“ replizierten die Junker. Der Gutsbesitzer F. auf K. war seinem Nachbar, dem Herrn von Päpcke, stark verfeindet und widersprach demselben stets sans rime et sans façon. Als man ihn zu schweigen ersuchte, entgegnete er patzig: „Ach was, ich bin eben so gut dem Großherzog sein Fasan, als Herr von Päpcke!“**).

 

*) Die bürgerlicher Ritter dürfen nicht die rote Uniform tragen.

 

**) Der Justizrat Edler von Päpcke ward vor etwa dreißig Jahren geadelt und heiratete eine reiche bürgerliche Mademoiselle Klatt, von der sein Vermögen stammt. Er ist der Salomo des ganzen mecklenburgischen Adels und deshalb als eingeborener rezipiert. Ein Mann von lebendiger Intelligenz, reicher Erfahrung und enormer Rabulisterei, jedoch jedoch kein Kreuzzeitungsfanatiker, kein Frömmler und persönlich ein liebenswürdiger alter Knabe.“ Mitteilung aus Mecklenburg.

 

Aus: Die Geschichte der deutschen Höfe seit der Reformation von Dr. Eduard Vehse. 37r Band. Sechste Abteilung. Die kleinen deutsche Höfe, Dritter Teil. Hamburg. Hoffmann und Campe. 1856

 
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