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25 Jahre „Wir amüsieren uns zu Tode“
Geschrieben von: Dr. Carsten Schmidt   
Dienstag, den 25. Mai 2010 um 10:41 Uhr

Jubiläum eines beängstigend guten Buches

Man könnte diesen Sommer vieler Persönlichkeiten gedenken – nein, nicht was Sie denken, keine 22 „erwachsenen“ Männer, die weißem, rollendem Schweinsleder hinterherlaufen – sondern echte Persönlichkeiten, wie Robert Koch oder der grandiose Humorist und Autor Mark Twain oder Florence Nightingale (jeweils 100. Todestag), oder Jacques Cousteau, der am 11. Juni 100 Jahre geworden wäre. Zu diesen Personen der Geschichte werden sich diesen Sommer aber noch genügend Leute vor Mikros stellen.

Vielleicht wird dies aber nicht für das 25-jährige Jubiläum eines Buches geschehen, das zu Unrecht heute nicht mehr so bekannt oder beachtet ist wie zu seiner Drucklegung. Mit der Aktualität des Werkes hat das nichts zu tun, eher mit Verschleierungstaktik der Medien, die das Buch vorrangig mit chirurgischer Präzision enttarnt und angreift.

1985 stellte Neil Postman, New Yorker Professor für Medienökologe und Autor, sein Werk „Wir amüsieren und zu Tode“ (Original „Amusing ourselves to death“) vor – auch auf der Frankfurter Buchmesse – womit er zielsicher den Giftpfeil ins Showbusiness-Fleisch nicht nur seines Heimatlandes rammte. Als jemandem, der gar keinen Fernseher besitzt und fast keine Zeitungen liest, sei es mir umso leidenschaftlicher gestattet, die TV und Medien-Kritik Postmans zu beschreiben. Dieser hat bis zu seinem Tod 2003 einiges mehr an neuen Auflagen und Zusätzen geschrieben, aber hier sei nur der Ur-Text betrachtet, der von Klarheit, Argumentationslinien und Hauptkritikpunkten nach 25 Jahren fast nichts einbüßen muss. Der Autor beschreibt die Entwicklung der Informations-Kultur in Amerika vom Zeitalter der Briefe, Flugschriften und Bücher im 18. Jahrhundert über die schnelle Verbreitung durch Telegrafen und die Änderung der visuellen Denkart durch die Fotografie ab 1840 bis zum Radio und dem Siegeszug des Fernsehens in die Mitte der 1980er. Postman legt den Fokus darauf zu verdeutlichen, wie Wissen zum Leser einer von Buchdruck und Büchern dominierten Welt gelangte, auf welche Art man sich eine Meinung zu Themen verschaffte, und wie man Urteilsbildung vor 4 Generationen noch dachte. Ganz zentral hierbei sind die Aufmerksamkeit des Publikums und die Tiefe der Reden. Als Beispiel führt er an, dass sich wie selbstverständlich im 19. Jahrhundert Abraham Lincoln oder andere hohe gewählte oder angehende Politiker stundenlange Rededuelle boten, und das Publikum oftmals unter freiem Himmel einige Stunden gebannt dem Dialog zuhörte. In der Tiefe, der Ausführlichkeit und der damit verbundenen Zeit zum Nachdenken liegt der Kern. Wenn man konzentriert vier Stunden über Kriegspläne, Unabhängigkeit oder Sklaverei nachdenkt, wird die Meinungsbildung und die Reflexion auf das eigene Leben eine vollkommen andere sein als heutzutage.

Für Postman war vor allem die Entwicklung des um 1840 entwickelten bzw. optimierten Schreib-Telegrafen einschneidend. Genau wie einige Kritiker voraussagten, konnte man nun zwar mit einem Kabel hunderte Kilometer verbinden, aber die überbrachten Nachrichten waren nun zwangsläufig nicht mehr tiefgründig wie eine Rede. Sie mussten – der Technik geschuldet – einfach kurz und knapp sein, und somit über Dinge wie den Keuchhusten einer Prinzessin berichten, was mit dem Lebensbereich der Leser und Empfänger der „Nachrichten“ nicht mehr viel zu tun hatte.

Anders als heutzutage, wussten viele Bürger Amerikas noch, worin sich inhaltlich verschiedene Präsidenten und Kandidaten unterschieden, allerdings wären die ersten sechs oder sieben Präsidenten auf der Straße kaum erkannt worden. Man las ihre Schriften und kannte ihre Argumente.

In diesen unseren Tagen weiß man ziemlich im Gegensatz dazu sehr wohl, wie die meisten „bedeutenden“ Politiker aussehen, aber klare Unterschiede zwischen Parteien zu formulieren wird aus vielen Faktoren heraus immer schwerer; und wenn sogar in den angesehenen Nachrichtenformaten manchmal innerhalb eines einzigen Politiker-Satzes weg geschnitten wird, wie soll sich dann der Zuschauer eine klare Meinung bilden können? Und wer kennt die klaren Standpunkte Obamas zu wichtigen Debatten, da er doch so präsent ist? Und gibt er klare Standpunkte preis? Es geht Postman also nicht darum zu jammern, dass die Menschen ihren Verstand verloren hätten, sondern dass wir heute zumeist in anderem Maße zu Informationen kommen und dass sich sie Art veränderte, wie Dinge uns dargeboten werden und was diese Informationen für uns bedeuten.

Zusammen mit der Telegrafie und der Fotografie entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts in Amerika die Kultur der Werbe-Anzeigen in Zeitschriften und Magazinen, das Zeitalter der Slogans, Rabatt-Rufe und Kundschafts-Lockungen. Neil Postman zeigt, wie sich die Sprache hierbei innerhalb von 100 Jahren immer mehr verkürzt hat, oberflächlicher wurde und dem Leser nicht nur immer weniger abverlangte sondern auch immer weniger für seinen individuellen Lebensbereich übrig ließ. Die visuelle Darstellung von Dingen ist im wahrsten Sinne ein Ausschnitt aus einem Ganzen. Die Fähigkeit, ein Thema tiefgründig zu erfassen, hat sich im Laufe der extremen Nutzung von Bildern und dem Zurückgehen von Textlängen zwangsläufig beim Publikum durch Gewöhnung verschlechtert.

Die Etablierung des Fernsehens ist nun eine besondere Zäsur, weil es per definitionem ungeeignet ist, effektvoll stundenlange Reden zu übertragen, weil die Fernseher daheim stehen und man viele Dinge daheim tut, und diese auch für ein Fernsehprogramm nicht unbedingt aufgibt oder unterbricht, obgleich das Gesendete ein hohes Maß an Aufmerksamkeit fordert. Wieder ufert die Darstellung im Fernsehen in eine weitere Stufe der Kontextarmut und Belanglosigkeit. Der entscheidende, eine tatsächliche Zäsur bringende Begriff, ist hier: Unterhaltung.

Für Postman ist es nicht problematisch, dass das Fernsehen unterhaltsame Dinge sendet, sondern das alle Themen auf dem Bildschirm im Kleid und Zwang der Unterhaltung daher kommen, vor allem, um private Werbepartner zu gewinnen, die den Sender bereichern.

Das Fernsehen ist heute in der Lage, hunderte Nachrichten oder Formate zu senden, die man weder versteht oder den eigenen Lebensbereich irgendetwas angehen. Doch bei Belanglosigkeit bleibt es nicht, denn speziell die Verkürzung und tendenzielle oder oberflächliche Darstellung hat im Radio und Fernsehen in den letzten Jahren derart zugenommen, dass eine wirkliche Kenntnis über Themen nicht mehr gegeben ist. Informationen werden meist nicht mehr komplex und tiefgreifend aufbereitet, um das Verständnis für den Zuschauer zu erhöhen. Anders als beim Buchdruck ist der Sender, der eine Aussage im Fernsehen macht, nicht mehr in solchem Maß verpflichtet, einer Nachricht Sinn zu verleihen. Er kann sie aus dem Zusammenhang dem Empfänger wie einen Knochen vor die Füße werfen.

Ein Beispiel: Reale Ticker-Nachricht in unserem Jahr 2010:

„Gestern schaltete die katholische Kirche eine Hotline frei, unter welcher sich Missbrauchsopfer melden können.“ – Punkt, Ende. Ein Einwurf, der die Dinge nicht in Relation setzt. Der Empfänger müsste sich mit eigener Recherchearbeit Hintergründe schaffen, und eventuell solchen Gedankengang vollziehen:

Gut, ich kann mich als Geschädigter bei der Kirche melden. Moment mal: Wenn ich dutzende Male von einem Mitglied der Kirche gedemütigt wurde, ist die letzte Adresse, bei der ich vertrauensvoll anrufen will – die Kirche!

Dann würde der Empfänger der Nachricht weiter denken: Es existieren bereits genügend Einrichtungen für solche Hilfe. Und wie soll sie aussehen, die Beratung, wie will man sortieren? Meldet sich eine sanfte Nonnen-Stimme: „Wenn Sie vor 1990 missbraucht wurden, wählen Sie bitte für westdeutsche Vergehen die 4, für ostdeutsche Vergehen die 3. Wenn Sie nur mittelschwer oder leicht gedemütigt wurden, drücken Sie die 2…“ - oder wie?

Solche Gedanken könnte sich der Nachrichten-Empfänger 2010 also machen. Er oder sie kann recherchieren und Argumente zurecht legen. In dieser Form kann der heutige Empfänger jedoch nur reagieren, weil er erstens (hoffentlich) einen gesunden Menschenverstand hat, aber zweitens ein Medium, zu dem Postman damals noch nichts sagen konnte. Was dieser 1985 unter der Arbeit mit dem Computer verstand, ist nicht mehr vergleichbar mit den heutigen Möglichkeiten. Deshalb muss bei der Besprechung des Buches zumindest gegenüber drei Entwicklungen Stellung genommen werden, die sich als Instrumente zur wirkungsvollen und vor allem gezielten Informationssuche sowie Informationsaustausch etabliert haben:

Das Medium Email, das Lexikon Wikipedia (sowie Google etc.), und die Video-Plattform youtube.

Durch eine Email kann Firma A aus Buxtehude einer Firma B in wenigen Sekunden eine exakte, genaue, durch Recherche vertiefte, überlegte und mit Fotos angereicherte Anfrage nach einem Produkt senden, und zwar in ein Land, von dem viel Buxtehuder eventuell gar nicht wussten und auch nicht zu wissen brauchten, dass es existiert. Aber in diesem Falle hilft das Internet sehr wohl, Menschen mit exakten Interessen für ihre eigenen Lebensbereiche zusammen zubringen. Was daran ist verwerflich, wenn sich dutzende Fans eines kanadischen Musikers aus aller Welt in Paris treffen und einen Club gründen?

Des Weiteren kann man mit dem Internet zielgerichtet, inhalts-fokussiert, ohne Zwang zu Werbepausen und exakt recherchieren, und kann wie etwa mit dem äußerst umfangreichen und vielsprachigen Lexikon Wikipedia innerhalb von Sekunden Fakten prüfen. Das Internet bietet Funktionen, die das Teuflische am Entertainment in allen Dingen nicht schlimmer, sondern besser machen. Bei aller Technik-Skepsis, die z. B. einem Mann der Bücher innewohnt, darf man das nicht vergessen, sondern muss erwähnen, was wir heute tun können, was Postman 1985 nicht sehen konnte.

Zuletzt kann man bei der Video-Plattform youtube z. B. original Politikerreden oder ganze Interviews ansehen, wenn man nachprüfen möchte, wo Journalisten gekürzt, tendenziös oder falsch berichtet haben, oder wie sehr ein gewisser Obama stilistisch, figurativ und inhaltlich beim Redner Martin Luther King „geliehen“ hat.

Dies sind drei Beispiele, die genannt sein sollen als positive Gegenpole, die man nutzen kann, um nicht unterzugehen im Postman-Szenario einer unterhaltungssüchtigen Welt. Wir haben uns als Zuschauer durch Jahre des Fernsehens und hunderttausende 30 Sekunden-Werbespots extrem an oberflächliche, nicht bohrende und nicht nachfragende, Sendezeit-unabhängige Darstellung von Dingen gewöhnt, bei Kultur, Wirtschaft oder Politik. Die Art etwa, wie die Öffentlichkeit erfolgreich müde geworden ist gegenüber dem Interesse der Aufdeckung von Lügen und Widersprüchen einiger Staatsmänner und Frauen, ist seit 1985 eher gleich geblieben. Postman macht es an den Lügen des Schauspielers Ronald Reagan und dem Absinken des Interesses beim Publikum deutlich. Aber uns fallen sicher aus diesen Tagen endlos Beispiele für Diskussionen ein, die nach kurzer Zeit verdunsten.

Heute haben wir mit Hagen Rether so einen Neil Postman, zum Glück! Er zeigt grandios, bei welchen Themen die richtigen, notwendigen Debatten nicht geführt werden. Wir alle wissen eigentlich: Immer wenn es einen Schul-Amoklauf gibt, reden wir zwei Wochen über Computerspiele und dann ist wieder ein anderes Thema aktuell. Nur wenn die Beteiligten von Debatten, also präsente Streithähne, große politische und mediale Macht haben, die sie gegeneinander auszuspielen suchen, schwelen solche Feuer weiter, so gesehen bei der Schwarzgeldaffäre der CDU vor 10 Jahren. Intern funktioniert so etwas völlig anders, auch wenn uns heute immer wieder weisgemacht wird, dass Untersuchungsausschüsse sinnvoll seien. Aufklärung von innen. Natürlich!

Mit einer Sache hat das Publikum immer zu kämpfen gehabt, nämlich der Deutungshoheit. Im Mittelalter zog sie die Kirche an sich, da kaum jemand außer ihrem Wirkungskreis lesen und schreiben konnte. Heute bestimmen Journalisten, was „Nachrichten“ sind. Hierbei hat man in den letzten Jahren des Öfteren den beängstigenden Satz gehört: „Wir müssen den Zuschauer dort abholen, wo er steht, keinerlei Vorwissen voraussetzen“. Bedeutet das also, dass die Programmchefs glauben, wir wollten genau das sehen, was sie so senden? Der bedeutende Verleger Kurt Wolff sagte einst:

Man verlegt entweder Bücher, von denen man meint, die Leute sollen sie lesen, oder Bücher, von denen man meint, die Leute wollen sie lesen. Verleger der zweiten Kategorie zählen für uns nicht – nicht wahr?

Wie definieren wir das fest, was wir so schauen wollen, unseren Geschmack? An Inhalten der Sendungen oder der Art, wie sie verpackt sind; das Format? Sendungen sind heute oftmals gleichbedeutend mit den präsenten Köpfen ihrer Moderatoren. Es ist völlig normal zu sagen: ich gucke „den Jauch“ oder „den Gottschalk“, und nicht zu beschreiben, welche Inhalte man bevorzugt. Manchmal hatte ich – als ich noch fernsah – den Eindruck, Jauch sei derartig präsent, dass er mir in der Werbepause im Kühlschrank sitzend Fragen zu meinen Getränkewünschen stellen würde. Viele Zuschauer behalten nur ein „Image“ von ihm im Kopf, und glauben – da er immer so tolle schlaue, schnell zu vergessende Dinge von seinem Bildschirm abliest – er sei einer der intelligentesten Deutschen und ganz sicher ein guter Bundeskanzler. – Trotz vieler Werbespots, die sich im Laufe meines Lebens ins Gehirn brannten und Musikfetzen, die ich lieber nicht behalten hätte, erinnere ich mich noch an Formate, die man mit dem Inhalt verbunden hat, und die mit den Machern, den „Köpfen“ wenig zu tun hatten. Der oben genannte Tier und Natur-Filmer Jacques Cousteau verzauberte durch die Machart seiner Filme und die klugen, zurückhaltenden, kontextuellen Kommentare. Gleiches gilt für Walt Disney, dessen Gesicht kaum jemand im Kopf parat hat, der aber dennoch mit seinen wunderschönen Ideen und zusammen mit seinen Zeichnern und Designern 26 Oscars (!) bekam. Das Präsentieren dieser Art der Inhalte war eine große Ausnahme, und zum Glück hat man bei einigen heutigen Tierfilmen von arte oder der BBC das Gefühl, sie hätten die Kraft dieser Film-Machart nicht vergessen. Wohin geht die Aktualität von Neil Postman heute? Was gibt es ganz exakt zu kritisieren am Medium Fernsehen im Jahre 2010?

Postman schreibt, dass dem Zuschauer vermittelt würde, ihm fehle etwas, und die Flimmerkiste brächte Heilung, ganz besonders bei der Werbung: „Der Verbraucher ist zum Patienten geworden, dem man mit Psycho-Dramen Sicherheit vermittelt.“ (ein niesendes Kind, fehlende Toffiffee im Haus, der am Flughafen nachrennende Auslandskrankenschein-Übereicher).

Es ist aber nicht das entscheidende Problem, dass Unfug gesendet wird, denn Sendungen, in denen sich Omega-Prominente meinetwegen den Hintern zusammen piercen lassen, verändern  nicht das gesellschaftliche Bewusstsein zu Literatur, Afghanistan oder J. S. Bach. Auch Gewalt ist nicht die größte Sorge, denn niemand kann Amokläufe mit Fernsehsehsendungen erklären. Es darf scheinbar alles über Kinder gesagt werden, nur nicht, sie seien verrückt. Es darf behauptet werden, sie seien „verdorben, respektlos, eine verlorene Generation“, so wie es die alten Mesopotamier schon vor 4000 Jahren sagten. Nur, dass Amokläufer-Kinder, die die halbe Klasse und Teile des ihnen verhassten Lehrkörpers auslöschten, eventuell nicht mehr alle Tassen im Schrank haben, darf man nicht sagen. – Nein, Gewalt im Fernsehen bewirkt noch nicht Entscheidendes. Was waren denn Stalins Lieblings-Action-Filme? Welche Gewalt-Spiele hat denn Attila der Hunne auf dem PC gehabt?

Am gefährlichsten ist es, wenn Fernsehen sich ernsthaften Themen zuwendet, und in seinen 30 Sekunden-Beiträgen den Zuschauer kurz aufflammend vermittelt, er oder sie habe nun die Welt verstanden, auch wenn sich laut Studien ein Großteil der Zuschauer zehn Minuten nach der Tagesschau schon nicht mehr an die Hälfte der Meldungen erinnern kann. Diese Gefahr ist nicht leicht zu benennen und wohnt der konzentrationsfeindlichen Übertragungsart des Fernsehens inne. Das hat bewirkt, dass die allermeisten Deutschen keine wahre Unterscheidung politischer Parteien mehr vornehmen können, oder fundiert beschreiben, warum ihnen ein Kanzlerkandidat zusagt. Das ist jedoch grundsätzlich nicht Schuld der Bürger, sondern Zeichen unserer schnelllebigen Medien-Welt. Das Aufmerksamkeitsvermögen und die Intensität (Geduld), mit der sich vor drei Generationen noch unterhalten wurde, sind uns abhanden gekommen. Wer von uns hat zum letzten Mal ein Politiker-Statement über 10 Minuten verfolgen können, mal von der austauschbaren Neujahrsrede vom obersten Mann der warmen Worte abgesehen? Wie wichtig ist es da, dass es freche, kritische Sendungen wie „Neues aus der Anstalt“ gibt, und wie schändlich und vielsagend, dass der Sendung 50 Minuten im Monat eingeräumt werden. Die Ehre des ZDF ist mit dem „Philosophischen Quartett“ übrigens auch nicht gerettet, denn dies Format kommt zu Mitternacht und ganze 6 Mal im Jahr für je 60 Minuten. Noch Fragen? Genau, wie heißt es bei Hamlet: „Ist  dies schon Tollheit, so hat es doch Methode“.

Definitiv hat auch die permanent visuelle Macht der Bilder Einiges bewirkt. Unsere Sinne sind anscheinend noch unfähiger geworden, einander zu trauen. Man hört ein Auto hupen, und schaut noch mal, ob man das Hupen sehen kann, oder die Sirene. Zwei Aspekte sind hier deutlich. Zum Einen hat man den Eindruck, man könnte und sollte jedes Jahr seine sämtlichen elektrischen Geräte wegwerfen und alles neu kaufen, so schnell entwickeln sich die Dinge, vor allem lebenswichtige Produkte zum Glotzen, Flachbild-Fernseher, Kameras und Foto-Handys. Zum Anderen scheint es einen unheimlichen Drang vieler Menschen zu geben, so viel wie möglich von ihrer Umwelt aufzunehmen. So bald mehr als ein Mensch auf einem Fleck ist, müssen Leute filmen und Fotos schießen. Eine Hochzeitsgesellschaft stürmt sofort zum Fotografen, um die eben gemachten Fotos auf dem Display anzusehen. Eine merkwürdige Form der Realität. Das Fernsehen hat uns erfolgreich dahin gebracht, dass wir uns viel wohler fühlen, wenn Dinge hinter Glas mit elektrischem Licht gut aussehen, als dass sie gut waren oder sich gut anfühlten. Alles muss heute „Event“ sein und gut exhibitionistisch ins Bild kommen. Wozu hängen von jedem zweiten wichtigtuerischen Pärchen Halb-Nackt-Fotos in den Fenstern der Fotografen – wobei die Pärchen sicher sagen, sie hätten es „nur für sich“ gemacht (genau wie mit den Tätowierungen). Der leider schon verstorbene Alt-Meister des amerikanischen Kabaretts George Carlin hat sich einst knapp und kraftvoll über die Foto-Verrückten gefragt: „Thousands of pictures. Goodness, does not anybody take a LOOK anymore?“ (Tausende Fotos. Meine Güte, schauen die Leute nichts mehr einfach nur an?).

Was hat die arme Menschheit nur tausende Jahre ohne Facebook und Co. gemacht? Vermutlich haben sie sich unterhalten – vielleicht sogar miteinander! Ich glaube, es sollte uns letztlich die Fernseh-Sucht vielmehr graue Haare bescheren als die Paranoia, dass Galeria Kaufhof unsere Postleitzahl kennt. Postman – mit Gedanken an die beiden Bücher „1984“ und „Schöne neue Welt“ – formuliert es so:

„Es gibt zwei Möglichkeiten, wie der Geist einer Kultur beschädigt werden kann. Im ersten Fall – Orwell hat ihn beschrieben – wird die Kultur zum Gefängnis. Im zweiten Fall – ihn hat Huxley beschrieben – verkommt sie zum Varieté. […] Huxley hat gezeigt, dass im technischen Zeitalter die kulturelle Verwüstung weit häufiger die Maske grinsender Betulichkeit trägt als die des Argwohns oder des Hasses. In Huxleys Prophezeiung ist der Große Bruder gar nicht darauf erpicht, uns zu sehen. Wir sind darauf erpicht ihn zu sehen“.

 

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