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Aufnahme-Test für Klassik-Radio?
Geschrieben von: Dr. Carsten Schmidt   
Freitag, den 30. Oktober 2009 um 18:21 Uhr

Wolfgang Amadeus Mozart im Alter von 6 Jahren Wolfgang Amadeus Mozart im Alter von 6 Jahren

Offener Brief eines nicht elitären Hörers

Werte Macher des Klassik-Radios,

wenn vor einem Golf-Club ein Schild steht: „Geschlossene Gesellschaft“, dann ist das normal, denn es ist sicher privater Grund, und so ist ja auch jede Wohnung, jede private Disco und jedes Grundstück eine Art „Geschlossene Gesellschaft“. Damit kann man leben.


Wenn aber über den Zaun des Golfclubs nicht nur Lachen und Gläserklingen zu hören ist, sondern Lautsprecher in das ganze Stadtviertel schmettern: „Zutritt nur für schlaue, elitäre Gäste, und zu denen gehört ihr nicht!“ – dann würde man doch ab und an verärgert sein. Wenn man im Selbstversuch eine Woche Klassik Radio hört, kann man durchaus zu merkwürdigen Eindrücken kommen.

 

Die Oper Die Oper

Ich höre leidenschaftlich gern Musik, unter anderem auch Klassik. Das kann man – was Frequenzen und Programm angeht – sehr gut bei Klassik Radio. Der aus Hamburg ausstrahlende, landesweit hörbare Sender bietet auch lustige und interessante Geschichten am Morgen wie die so genannte „wahre Geschichte“ oder historische Schnipsel wie die „Zeitmaschine“, wobei beide kalenderblattartig Ereignisse schildern und erklären. Der Sprecher der „wahren Geschichte“ – Schauspieler Joachim Höppner (gestorben 2006) hört sich zwar bei fast jedem Text an als würde er mindestens Wagners „Tristan“ rezitieren, aber auch das lässt sich ertragen.


Altfranzösisches Opernkostüm um 1750 Altfranzösisches Opernkostüm um 1750

Zwischentöne

Am Programm und der Musik ist also eigentlich nichts auszusetzen, aber die Zwischentöne der Moderatoren vermitteln oft den Eindruck, dass sie nicht nur viel über Musik wissen, sondern auch die Selbstverständlichkeit des Wissens mit ins Wohnzimmer des Hörers liefern wollen. Während man erfährt, wann und wo, an welchem regnerischen Wochentag und mit welcher Hand der Herr Johann Nepomuk Hummel seine Fantasie Es-Dur Op. 18 schrieb, mischen sich in solche Moderationen auch Phrasen wie „selbstverständlich“, „natürlich“, „zu dem Solisten muss man gar nichts mehr sagen“ oder ähnliches. Eine gewisse gelangweilte Art, relativ fernes Fachwissen zu präsentieren, ist hier zu merken. Das kann allerdings schon mal manche der über 1 Millionen Hörer verschrecken, die schlichtweg Sonaten oder Opern gern hören, aber keine Promotion in alter Musik haben oder wollen. Dann hört man wieder jede Menge Eigenwerbung, wo just besonders auf die große Hörerschaft hingewiesen wird. Das macht die Sache irgendwie inkonsequent. Was möchte man also bei Klassik Radio? Millionen Menschen begeistern und vorrangig mit Musik unterhalten, welche den Hörern gefällt, oder lieber Musik für ein paar tausend Gäste im edlen Club, wo die Insider Witzchen verstanden werden?

Altfranzösisches Opernkostüm um 1750 Altfranzösisches Opernkostüm um 1750

Gut, nun kann man die Kröten schlucken und weiter lauschen im Selbstversuch. Dann wird man jedoch bald auf einige Werbeblöcke stoßen, die ein Werbepartner von Klassik Radio schaltet, wobei er mit distanzierter Ironie sich über Unwissen lustig macht. So heißt es deutlich, man könne bei dem Werbepartner Musik für den „gehobenen Anspruch“ finden, wenn man wüsste, dass z. Bsp. mit „Aida“ in diesem Fall eben kein Schiff sondern eine Oper (Verdi) gemeint ist.

Okay, der Hörer versteht, die Werbung spielt aber gleichzeitig offenbar mit der Bekanntheit der Kreuzfahrtflotte und dadurch mit der offensichtlichen Möglichkeit, AIDA und „Aida“ tatsächlich leicht zu verwechseln. Was will man denn hier nun? Leuten klar machen, dass sie keinen gehobenen, also einen niedrigen Anspruch haben, wenn sie „Aida“ nicht kennen? Wer bitte entscheidet das? Und wer ist der Werbepartner? Eine große Medienfirma, die uns allen geballt seit Jahren mitteilt, dass Geiz geil sei. Interessant, denn die spricht ja definitiv keine Elite an, jedenfalls nicht normalerweise.

Inkonsequenz vorne und hinten

Also auch hier eher inkonsequente Sprache und Bauchschmerzen; und nun schimmert langsam bei der Phrase „gehobener Anspruch“ das Adjektiv „elitär“ durch. Auf der einen Seite will man anscheinend den „Kevin der Unterschicht“ nicht vergraulen, aber auch den „Maximilian  der angeblichen Elite“ nicht verlieren?

Gut, jetzt kann man auch hierzu sagen, es seien nun eben mehr Kröten, aber man schluckt sie auch und hört weiter. Na gut. Dann wird man, wenn man beim Klassik Radio Selbstversuch am Wochenende angelangt ist, speziell am Sonntag oft von den so genannten Hörerreisen überrascht. Weniger Programm, mehr Gerede, und zwar mit Menschen, die exklusiv über exklusives Programm bei exklusiven Reisen für exklusive Hörer berichten. Es hört sich ungefähr so an:

„Nein, Herrschaften, über Preise brauchen wir hier in unserem schönen Rahmen doch nicht zu reden, nein, Geld spielt doch für uns keine Rolle. Wir werden von güldenen Tellerchen gebratene Tauben mit der Prinzessin von Saba dinieren, und ganz unter uns sein mit den besten Musikern der Welt, die für sie lustvoll aufspielen in der Kaisersuite“. Interner Schriftverkehr eines Edel-Clubs sieht vielleicht so aus, aber warum „prahlt“ man damit vor einem Millionenpublikum?

Als jemand, der definitiv zur dienenden und nicht zur herrschenden Klasse gehört, habe ich dennoch einmal gewagt, auf der Internetseite www.klasikradio.de nachzusehen, aber nichts war über Preise zu finden, nur ein wenig über Programme. Es geht nach Arabien, nach China, New York, und erst eine tiefere Recherche beim Reiseanbieter hat mir dann die Information geliefert, dass ich als Gast einer Hörerreise für 6 Tage nach Arabien knapp 3700 € oder für 5 Tage New York 3600 € berappen müsste.

Für mich bringt das eine Enttäuschung und ein wenig das Fass zum Überlaufen. Auf der einen Seite kann man CDs von Mozart schon für 1 € kaufen, auf der anderen Seite schottet sich zum Teil die Welt der Klassik-Musik derart ab mit Konzertkarten jenseits von Gut und Böse und solch einem Programm, was zwar Millionen hören können, sich aber nur wenige Hörer zu leisten im Stande sind. Also, wieder die Frage, was möchte Klassik Radio. Elitär wirken? Geschafft! Das Gefühl vermitteln, dass man einem besonderen Club angehören muss, um die Welt von Klassik Radio zu verstehen? Geschafft! Dem „Kevin der Unterschicht“ zwar ab und an die Illusion einer klassenlosen Gesellschaft vorspielen, ihn durch solches Programm aber davon abbringen, aus Musikbegeisterung Klavier oder Gitarre zu spielen, weil ihn die teilweise altkluge Moderation der Stücke sich doof und unwürdig fühlen lässt? Erreicht!

Die Klassik Radio Falle

Neulich berichtete ich jemandem von meinem Abendprogramm und sagte, ich hätte ein Konzert mit Barenboim gehört, und mein Gegenüber fragte: „Wer ist das?“ Und in meinem Munde wölbte sich die Zunge zum „D“ für den Anfang von „Das weiß man doch!“. – Aber mir blieb der Satz ganz bitter im Mund stecken, ich schaute nach unten und sah an meinem blutenden Fuße die Klassik Radio Falle. Daniel Barenboim ist ein großartiger Pianist und spielt eigentlich überall auf der Welt, wobei er auch schon jahrelang Dirigent ist. Das habe ich dann gesagt, aber geschämt habe ich mich auch. Denn es ist eine unangenehme Sache, Menschen auf etwas hinzuweisen, was der eigenen Ansicht nach „normales Wissen“ ist. Und es ist deshalb falsch, weil es keinerlei Definition von „normalem Wissen“ gibt. Einer Information einen gewissen Wert zuzuordnen ist sehr gefährlich, denn dann würde man den Wert eines Menschen direkt damit verbinden. Ein Mensch, der mehr weiß, speziell zu Themen die einem gefallen, wäre dann am Ende gar wertvoller als ein anderer? Da sollten wir lieber ganz schnell kehrt machen!

Die Friedens-Querflöte rauchen

Ich verstehe, Ihr Programm, werte Macher des Klassik Radios, ist nur ein Angebot. Ich kann umschalten oder das Radio ausmachen. Akzeptiert. Aber zum richtigen Moment weghören, das kann ich noch nicht besonders und ich möchte es auch nicht lernen. Deshalb habe ich zumindest einen Knopf entdeckt, der Ihr Programm laut und leise macht, und ich kann ab und an lauschen, ob ihre zirpenden Stimmen noch immer von „güldenen Tellerchen“ in der Wüste schwelgen oder ob schon wieder schlichtweg gute Musik gespielt wird. Hier ist mein Vorschlag:

Wir arbeiten beide an unserer Sprache.

Ich versuche, nie den Satz zu sagen: „Das weiß man doch!“, und versuche, nicht arrogant, überheblich oder elitär zu denken, gehe nicht inflationär mit Wörtern wie „selbstverständlich“ um, und werde andere Menschen nie weniger zu schätzen, nur weil sie in völlig anderen Dingen gebildet sind als vielleicht ich. – Und Sie auf der anderen Seite des Indianer-Lagerfeuers könnten ja Ähnliches versuchen, z. Bsp. der Gefahr elegant und ohne Bremsspuren auszuweichen, Klassik oder Nicht-Klassik nicht mit elitär oder nicht elitär zu verwechseln. Ich bin für ausgleichende Elemente, denn Ihr Spagat zwischen Hörer-Spielchen, die einen unvollendeten Satz raten müssen wie bei jedem anderen Privatradio auch, und den betont anspruchsvollen Moderationen – jener Spagat ist recht weit und könnte Hörerschaft und Hose entzweien. Eine klare Linie statt Inkonsequenz, die wir alle ja still – und eben nicht als Multiplikator vortragend – in uns haben. Die Raucher zum Beispiel nutzen ja auch ausgleichende Elemente. Sie gehen an die extrem frische Luft, um sich extrem schlechte Luft in den Mund zu holen. Klingt inkonsequent, aber das ausgleichende Element ist hierbei Rücksichtnahme vor den Mitmenschen, die nicht rauchen. Falls Sie also Musik und deren Geschichte zu Ihrem Faible, zu Ihrer Passion gemacht haben, dann erfreuen Sie gern die Menschen damit, aber seien Sie bitte nicht belehrend missionarisch und wie manche Musikprofessoren, die Studenten dauernd spüren lassen müssen, sie wüssten immer zu wenig. Und geben Sie auch die Tokio Hotel Hörer von heute nicht auf! Glauben Sie daran, dass Klassik zwar von weniger Menschen gehört wird als noch vor einigen Jahrzehnten, dass aber viele dieser Menschen von Elite nichts hören wollen, sondern an Inhalten und an Musik, an Kultur interessiert sind, und eben die Kultur – ganz un-kommunistisch – gehört dem ganzen Volke!

Ludwig van Beethofen 1817 Ludwig van Beethofen 1817

Und für den realistischen Fall, dass Sie meiner Person nicht genügend Gewicht geben, habe ich mir geistige Verstärkung geholt. Lauschen wir gemeinsam einem Zitat von einem unserer gemeinsamen Vorbilder, dem Herrn L. v. Beethoven:

„Sich selbst darf man nicht für so göttlich halten, dass man seine eigenen Werke nicht gelegentlich verbessern könnte.“

Bald können wir, was auch immer in der Friedens-Querflöte war, gemeinsam sagen:

Bleiben wir entspannt!

Der Autor dieser Zeilen und viele Leser freuen sich auf eine Antwort.

 

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