| Franz Kafka kennenlernen |
| Geschrieben von: Roland Linowski |
| Donnerstag, den 20. August 2009 um 14:11 Uhr |
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Wenn Sie diesen Satz, aber noch nichts von Kafka gelesen haben, werden Sie vielleicht ahnen, was Ihnen da bisher entgangen ist. Ich gebe jedem recht, der sagt: Kafka ist keine leichte Kost. Doch ich wehre mich gegen das Vorurteil, Kafka sei von einem durchschnittlich gebildeten Leser nicht zu verstehen. Der Grund, warum ich aus der Sicht eines Lesers über Kafka schreiben möchte, ist denkbar einfach: Ich habe mich gefreut, als ich auf dieser Internetseite sowohl einen Artikel von Ofer Aderet mit dem Titel „Kafkas Frau“, als auch einige biografische Daten des Autors lesen konnte. Dort las ich auch von Ofer Aderets Absicht, für längere Zeit nach Europa zu kommen, um u.a. einen Film über Kafkas Lebensstationen zu drehen. - - Die beigefügten Gemälde stammen von dem einheimischen Künstler Joachim Weyrich Kontakt:Joachim Weyrich Foto: Portrait bei Kunst Offen
2. Der Ungebetene
Es hat sich wenig geändert. Die Flut der Literatur über Franz Kafka wächst und wächst. Das Lebenswerk dieses erstaunlichsten Schriftstellers des vergangenen Jahrhunderts wird unter diesem Bücherberg nahezu begraben. Unter dieser Literatur findet man, neben beeindruckenden Biografien und literaturwissenschaftlichen Abhandlungen, auch viel Verklärung, Kaffeesatzleserei oder Boshaftigkeit. Die einen waren und sind emsig bemüht, Kafka auf einen unerreichbar hohen Sockel zu stellen, um ihn anbeten zu lassen. Andere wollten und wollen ihn von eben diesem Sockel stoßen, damit endlich wieder Ruhe im Karton herrscht. Trauriger Höhepunkte in diesem Dauerstreit waren der Kafka-Kult im Westen und die Kafka-Ablehnung der Literaturwächter in den meisten osteuropäischen Ländern während des Kalten Krieges. Einige sahen in der Kafka- Diskussion einen Ausgangspunkt des „Prager Frühlings“, anderer hörten unter dem Deckmantel dieser Diskussion ganz deutlich die Konterrevolution marschieren. Armer Kafka. Man konnte den Eindruck gewinnen, Kafka habe ausschließlich für die Literaturwissenschaft und für die Kulturpolitik der Nachkriegszeit geschrieben. Nun ist der Kalte Krieg seit 20 Jahren vorüber, doch über Kafka wird noch immer gestritten. Unvergleichlicher Kafka.
Noch etwas hat sich kaum geändert. Viele Freunde der Literatur kennen den Namen Kafka, haben dieses oder jenes über ihn gehört, aber sie lesen sein Werk entweder gar nicht oder sie stellen es nach einigen kurzen Leseversuchen wieder ins Regal. Zu schwierig, zu düster, zu verworren sind häufige Begründungen für dieses Verhalten. Bedauerlicherweise ist der Kreis begeisterter Kafka-Leser außerhalb der Literaturwissenschaft klein geblieben. Warum ist das so? Nach meiner Meinung gibt es dafür zwei wichtige Gründe: Erstens bedient Kafka keine eingeübten Denkmuster und zweitens verstößt Kafka 's Denken gegen gesellschaftliche Spielregeln – gegen die Spielregeln aller bestehenden Gesellschaften, die geprägt sind durch einen fragilen Konsens zwischen den Akteuren in Politik, Wirtschaft und Kultur. Goldene Zeiten wenn der Konsens tragfähig bleibt. Schlimme Zeiten, wenn er versagt oder aufgekündigt wird. Und nach unruhigen Tagen erscheint dieser Konsens wie das gelobte Land – die Wölfe verstecken sich unter einem Schafspelz. Kafka hat dieser Konsens manche schlaflose Nacht bereitet. Während dessen Akteure mit vielen Sorgen schwanger gingen, kam er ungebeten daher, staunte über sich, über seine Mitmenschen und über diese Welt, bemerkte vielerlei Ungereimtes, stellte lästige Fragen und schrieb sie, größtenteils unaufgefordert, aber immer unter innerem Zwang, in seine Hefte – manchmal unter Gewissensqualen, manchmal mit Augenzwinkern. Wer von uns mag schon Störenfriede? Wir mögen weder die lauten wie Nietzsche noch die leisen wie Kafka. Wie wird man Störenfriede los? Auf sanfte Weise, indem man erklärt, ein solches Genie könne man nur verstehen, wenn man Germanistik, Kunstgeschichte, Philosophie und Psychologie mit Erfolg studiert habe. Auf schmutzige Weise, indem man in schon lange nicht mehr vorhandene Gehirnwindungen kriecht, um dort nach den Wurzeln der Lust am Untergang zu suchen. 'Richtig' verstehen, heißt es dann, könnten ihn nur Leute, die ebenfalls Lust am Untergang haben – lebensfremd, untüchtig, dekadent, wirr, krank.
Ich möchte die Menschen ansprechen, die Kafka bisher fernstehen, die aber nach meiner Überzeugung aus Kafka 's Werk viel über sich und ihre Welt erfahren können. Sie sind jung, neugierig und können noch wie ein Kind staunen? Sie kennen sich in den virtuellen Welten der Computer aus und haben dennoch das Lesen nicht verlernt? Sie sollten es einmal mit Kafka versuchen. Sie sind in die Jahre gekommen, ihr Leben war bestimmt von Dutzenden Verpflichtungen in Gesellschaft, Beruf und Familie, von Ereignissen, an deren Ursachen sie scheinbar nicht beteiligt waren? Sie zweifeln an Ihrer Lebensführung und sehen in Ihrer Lebensbilanz ein Missverhältnis zwischen Aufwand und Nutzen? Sie sollten sich Zeit für Kafka nehmen. Vielleicht aber sind Sie ein Mensch, der inmitten einer technisch perfekt 'gestylten' Welt hin und wieder von der dumpfen Ahnung geplagt wird, dass sein Leben zunehmend von seiner Rolle als Produzent und Konsument bestimmt wird, dass Zeit nicht nur Geld, sondern vor allem Lebenszeit ist? Sie wollen den glattgebügelten Botschaften nicht mehr so recht glauben, die Ihnen fortwährend zu erklären versuchen, Sie lebten in der besten aller Welten? Sie haben schmerzhafte Umbrüche in Ihrer Biografie hinter sich? Dann müssen sie Kafka lesen! Lassen Sie sich nicht von dem hochgelehrten Streit über Kafka beeinflussen. Machen Sie das Einfachste, das in diesem Fall zugleich das Beste ist. Gehen Sie in eine Bibliothek oder in eine Buchhandlung und nehmen Sie Franz Kafka 's Erzählungen mit nach Hause. Wenn Sie nicht ungeduldig, sondern aufmerksam lesen, wenn Sie nicht glauben schon alles (und alles besser) zu wissen, sondern sich noch wundern können, wenn es Ihnen möglich ist, sich von Lesegewohnheiten zu lösen, werden Sie schon sehen, was Sie davon haben.
Was ist so anders an diesem Kafka? Kafka war im Unterschied zu vielen anderen Schriftstellern ein unauffälliger, uneitler Einzelgänger, hatte wenige enge Freunde, gehörte keinem 'Literaturkreis' (keinem 'Netzwerk' würden wir heute sagen) an, zweifelte ständig an der Qualität seiner Erzählungen und an der Berechtigung, sie zu veröffentlichen. Manuskripte sandte er nur ein, wenn er dazu aufgefordert wurde. Er kam nicht aus den Wolken der 'klassischen' Bildung in die Niederungen des Alltags. Er lebte in den Niederungen des Alltags (Abitur, Jurastudium, Dissertation, Angestellter einer Arbeiter-Unfall- Versicherungs-Anstalt) und ahnte nicht, dass und auf welche Weise er nach seinem frühen Tod in den Olymp gelangen würde. Und das mit Recht. Wer so klar wie Franz Kafka in die Abgründe der menschlichen Seele, sowie auf die Folgen einer ungehemmten technischen Entwicklung und eines zügellosen Kapitalismus geblickt hat, kann nicht mit ehrlicher Überzeugung in 'klassischen' Kategorien und Bahnen denken. Nicht ohne Grund haben Kritiker seinen Einfluss auf die Literatur mit dem der Expressionisten und Surrealisten auf die Malerei verglichen. In Kafka 's Erzählungen und Roman-Fragmenten wird das jahrhundertealte Schema von Gut und Böse nicht mehr bedient. Der Einzelne muss zusehen, wo er bleibt, die Folgerichtigkeit seiner Handlungen ist nicht mehr erkennbar, ein unsichtbares 'ES' beherrscht sein Handeln, niemand nimmt am Schicksal anderer Menschen Anteil, wer es versucht, gerät unter Verdacht und wird ausgestoßen. Die Frage, was will Kafka uns damit sagen, muss jeder Leser für sich zu beantworten versuchen. Der Rückgriff auf die alten Denkmuster wird ihm verwehrt. Verlangt Kafka zuviel? Nein, wer nicht in einen Abgrund stürzen will, muss wissen, wo der Abgrund beginnt und dass der Absturz tief ist. Das wollte Kafka uns sagen – mal mit düsteren Bildern, mal belustigt. Er hatte Mitleid mit sich und mit uns. Beschwörend ruft er uns dazu auf, dem Abgrund zu entkommen.
Vor wenigen Tagen las ich, die smarten, dynamischen Herren der Bankenwelt, die mich irgendwie an Klone eines Musterexemplars erinnern, wollen jetzt unserer Welt mit den gleichen Methoden goldene Zeiten bescheren, mit denen sie diese um ein Haar ruiniert hätten. Das sind fröhliche, optimistische und fleißige Leute. Da musste ich sofort an Franz Kafka denken. Am Schluss seiner Erzählung „Kinder auf der Landstraße“ kann man folgendes Gespräch lesen:
„Dort sind Leute! Denkt Euch, die schlafen nicht!“ „Warum denn nicht?“ „Weil sie nicht müde werden.“ „Warum denn nicht?“ „Weil sie Narren sind.“ „Werden denn Narren nicht müde?“ „Wie können Narren müde werden!“
Das hat Kafka 1912 geschrieben. Lesen Sie Kafka. Es lohnt sich.
September 2009 Roland Linowski
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Kommentare
Gelesen von Hans-Jörg Große (www.hans-joerggrosse.de)
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