| Hinterher weiß Herles mehr |
| Geschrieben von: Dr. Carsten Schmidt |
| Donnerstag, den 12. November 2009 um 08:14 Uhr |
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oder Wolfgang Herles‘ einsamer Streit um die „misslungene Einheit“
Das Buch erschien (mit einem roten Ampelmännchen auf dem Cover!) im Piper Verlag und war zum 15. Jahrestag des Mauerfalls geschrieben. Was nicht so schnell vorbeigeht wie Jubiläen und deren manchmal absurde Feierlichkeiten, sind Gedanken über die längeren Prozesse, deren Dauer oder Wirkung wir mit Jubiläen verdeutlichen. Der aus Istanbul stammende Ökonom Daron Acemoglu vom weltweit angesehenen MIT in Boston wurde vor einigen Jahren gefragt, welche wirtschaftlichen Folgen die Französische Revolution hatte, und er antwortete: „Es ist noch zu früh, das zu sagen“. Was hier halb im Scherz gemeint war, ist die manchmal merkwürdige Sicht, die wir auf Geschichte haben.
Genau wie der dänische Philosoph Kierkegaard, der meinte, dass man das Leben zwar nur vorwärts leben, es aber eben nur rückwärts betrachtet verstehen kann. Die Einheit zwischen Ost und West ist für ihn ein Hauptthema, das real existierende Dilemma, wie er es nennt. Er schießt um sich, nach allen Seiten, lässt keinen aus, außer sich selbst natürlich. Interessant ist aber vielmehr, wie er das tut. Was kein Student sich stilistisch leisten dürfte, macht der Doktor hier vor. Er zitiert und streicht dann die Schwäche des Zitateninhaltes schnell heraus, um seine Meinung doch wieder zu revidieren und das Gegenteil zu behaupten. Er differenziert zu wenig, haut TollCollect, die Olympiabewerbung und die Einheit selbst in einen Kessel und rührt kräftig um, bevor er zufrieden schreibt, dass dies alles Pleiten waren und überhaupt großer Mist. Verantwortlich für die nach seinen Worten schon im Ansatz gescheiterte Einheit macht der Autor die Voraussetzungen, die verschiedenen Mentalitäten, vorschnelle Veränderungen und die finanziellen Unüberlegtheiten. Zu dem Thema Einheit hat Herles tatsächlich auch ein wenig zu sagen, aber vieles davon ist seit Jahren auch aus seiner Kehle bekannt bzw. längst geschrieben worden. Doch von dem Umfang des Buches von immerhin 240 Seiten befassen sich kaum 50 mit der Einheit. Viel zu lange Geschichtsexegesen von Bismarck, Jahrhunderten des Rückblicks auf das jüdische Volk bis hin zu Politikern, die mit der Einheit gar nichts zu tun hatten bzw. lange vor ihr starben – sie helfen dem Inhalt und der Argumentation des Buches gar nicht.Gut ist, dass es kein Buch gegen die „Ostler“ oder gegen die „Westler“ ist. Wer denkt, Herles möge die Ostdeutschen einfach nicht, liegt nun falsch. Er bemüht sich hier zumindest, auf die blinden, unrealistisch denkenden Deutschen hinzuweisen. Dabei passieren dem Autor aber dennoch inhaltliche Kapriolen wie einem abstrusen Vergleich von DDR und NS-System oder auch eine Behauptung, die Kindergärten in der DDR seien ja nur deshalb gratis und die Frauen nur deshalb so zahlreich „werktätig“ gewesen, weil so der Staat vom nullten (!) Lebensjahr an die Kinder gut hätte indoktrinieren können. Zu Hilfe nimmt Herles hier oft das Allensbacher Institut für Meinungsforschung, um Vergleiche zu ziehen zwischen der Wendezeit und heute. Sehr geballt und an manchen Stellen reichlich über Gebühr werden Statistiken zitiert, was wer wann dachte und wie viel Prozent es heute nicht mehr denken. Wenige Umfrageergebnisse können gut in die Argumentationsketten passen, vieles lässt Herles aber unkommentiert oder nutzt die Zahlen für sich. Solche einschlagenden, wichtigen Behauptungen wie etwa, dass in der DDR jeder Siebte ein Spitzel gewesen wäre, belegt er nicht. Informationen wie diese ungeheuerliche werden nicht weiter nachgewiesen und sind eben für den Leser Pech, wenn er es wissen wollen würde. Herles sieht sich als Prophet, der immer schon alles gewusst habe und es ja auch geschrieben habe. In seinem Werk „Nationalrausch“ hatte er 1990 vieles gesagt, was nun wieder aufgewärmt wird, aber nicht mehr aktuell oder wahr ist. Der Autor ist seit dem Buch einem Gespenst aufgesessen, das er Patriot nennt. Entweder hat Herr Herles eine ganz merkwürdige Vorstellung von einem Patrioten oder eine Phobie. Beides ist heilbar. Doch dass er im ganzen Buch den unvermeidlichen Patrioten, der hinter jedem Busch lauert, hervorholt, um mit ihm dialogisch seine flachen Argumente weiter zu treiben, und ihn, für den Leser manchmal beängstigend, reden zu lassen, hilft dem Buch auch nicht weiter.Wolfgang Herles sieht sich als Westdeutschen, der von den Ostdeutschen für die geschenkte Einheit eine gewisse Dankbarkeit vermisst. Das ist leider ein weit verbreiteter Grundfehler, der gedanklich nicht real ist. Teile des ostdeutschen Volkes haben selbst das System hinterfragt, kritisiert, angegriffen, es hat sich zu gutem Teil selbst befreit, ist selbst auf die Straßen gegangen, und kein Westdeutscher hat in Berlin die Mauer geöffnet, auch nicht der Prophet Wolfgang Herles.
Natürlich sind viel zu viele Ostdeutsche, aber auch Westdeutsche, wie Herles richtig sagt, mit Illusionen und völlig falschen Vorstellungen an die Zukunft und Einheit herangegangen. Aber auch hier lässt sich sagen: Erst einmal besser machen, Herr Herles! Hinterher, 15 Jahre später, ist man immer schlauer und kann am Sinn der Geschichte herumdoktern. Viel Richtiges steht schon im Buch „Wir sind kein Volk!“, wie die Machenschaften mancher Politiker und die Machtsucht des ehemaligen Kanzlers Kohl, der ja einer der erklärten Erzfeinde von Herles ist. Es wird auch ansatzweise beschrieben, wie die Gelder im Osten versickern oder schön wieder in anderen Kanälen zurücklaufen, oder wie Großprojekte in den märkischen Sand gesetzt werden, unter ostdeutscher und westdeutscher Regie. Doch Bewegendes, Neues oder Aufhellendes über die Streitpunkte Einheit, Nostalgie, Ost-West-Dialog oder Mentalitäten kommt nicht zu Stande. Herles erklärt viel aktuell-politisches, so etwa welche Chancen Angela Merkel bei der Kanzlerkandidatur hätte und wie ihr Werdegang war. Er erklärt, dass Gregor Gysi der “Hofnarr“ der Demokratie sei und welche Fehler Manfred Stolpe in seiner Regierungszeit machte.
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Erkan Grantlhuber - 
