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Benjamin Rosendahl
Es gibt Daten, bei denen niemand vergisst, wo er war, als sie sich ereignet haben.
Der 9. November 1989 ist so ein Datum: Die Mauer fiel, und leitete damit das Ende nicht nur der DDR und des geteilten Deutschlands ein. Nein, der Kalte Krieg war damit auch zu Ende gegangen. Die Bilder der auf der Mauer stehenden Menschen, die mit schweren Hämmern auf die Steine klopfen – und damit sich ihrem Herzen nach 50 Jahren Luft verschaffen – diese Bilder sind allen, die sie damals gesehen haben, unlöschbar in die Erinnerung eingeschrieben.
Und dann gibt es Daten, bei denen niemand vergisst, was sich ereignet hat, auch wenn er nicht dabei war. Der 9. November 1938 ist so ein Datum: Es war die Nacht der zerstörten Scheiben, in Brand gesetzten Synagogen, die Nacht, die lange vor der Wannseekonferenz den Weg bereitstellte, der nach Auschwitz führen sollte. Die Anzahl der Zeitzeugen, die persönliche Erinnerungen an diese Nacht, die die Nazis zynisch „Kristallnacht“ nannten, mit sich tragen, wird jedes Jahr geringer. Nicht die Erinnerung, die sich in die kollektive Seele der Opfer und deren Nachkommen eingebrandt haben: Für Juden markiert diese Nacht den Anfang der Zerstörung jüdischen Lebens in Europa, den Verlust der Familienangehörigen, sowie die Schaffung der Wunden, die auch in der dritten Generation Narben hinterläßt.
Und dann gibt es Daten, die wir nur aus den Geschichtsbüchern kennen. Der 9. November 1923 – der gescheiterte Hitlerputsch- ist ein solches Datum. Oder der 9. November 1918 – die Novemberrevolution. Hier sind die Zeitzeugen oft an einer Hand abzuzählen, und werden jedes Jahr weniger. Elias Canetti hat dazu gemeint: „An einem bestimmten Punkt hört die Geschichte auf, wirklich zu sein.“ (Die Provinz des Menschen) Stimmt das? Schwer zu sagen. Es ist aber eine Geschichte ohne Zeitzeugen, und noch dazu eine Geschichte, die nur bedingt mit Film-, Foto- und Tonaufnahmen dokumentiert wurde.
Und dann gibt es Daten, die selbst eine Geschichte erzählen. Und da ist der 9. November das beste Beispiel: Jede Generation hatte ihren 9. November, die sie prägte. Gleichzeitig prägte aber jeder 9. November den nächsten: So bezeichneten die Nazis die Revolution von 1918 als „Judenrevolution“ – und agierten den schon damals artikulierten Antisemitismus nur 10 Jahre später. Viele Juden –vor allem in Israel- hatten die Befürchtung, dass der 9. November 1989 sich an den von 1938 anknüpfen könnte – Deutschland war wieder „Großdeutschland“ – würde das zu neuem Nationalismus, zu einem Rechtsruck, zu Antisemitismus führen? Letztendlich stellte sich diese Befürchtung –trotz Rechtsradikalismus- als unberechtigt heraus. Die Angst davor war aber damals zu verstehen.
Und heute? Zwanzig Jahre nach dem 9. November 1989 hat der amerikanische Journalist Thomas Friedman dem 9.11. ein weiteres Datum gegenübergestellt: 9/11 (11. November). In dem Nachwort seines Buches „the world is flat“, das den Titel from 11/9 to 9/11 trägt, meint Friedmann, das der amerikanische 9/11 Angst, Unsicherheit, Gewalt und Hass symbolisiert, während der deutsche 9/11 den Aufbruch in ein neues Zeitalter, offene Grenzen und Demokratie symbolisiert. Wann werden sie verwirklicht werden? Dann, wenn man sich an alle 9. November erinnert. Denn an diesem Datum ist deutsche Geschichte geschrieben worden – von der Weimarer Republik zu den Nazis und bis zur BRD führt eine geradlinige Zugstrecke, deren Haltestellen 9. November heißen.
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