Dr. Renate Krüger
Das Vergessen ist eine tief greifende menschliche Verhaltensweise und kann zur gleichgültigsten Undankbarkeit verkommen. Diese Tagebuchaufzeichnungen dienten der eigenen Orientierung, sind authentisch und geben das Lebensgefühl der damaligen Zeit wieder, auch, wenn gelegentlich der Eindruck entsteht, es handele sich um eine nachträgliche Interpretation. Mögen sie eine Hilfe zur Erinnerung sein!
03.06.1988 Gorbatschow hat auf der Allunionskonferenz gesiegt. Unter der Asche waren noch Keime, wider Erwarten. Russland wird erwachen. Und dann? Niemand hätte diese Entwicklung vor Jahren für möglich gehalten. Den Opfern des Stalinismus soll ein Denkmal gesetzt werden. Und wir? Stalin hat uns Jahrzehnte geraubt. Die Unruhe wird zunehmen und die Kette des Unrechts nicht abreißen. Die Verursacher sitzen in ihren Ämtern oder in ihren Alterspfründen.
03.08.1988 G. R., die 27 Jahre lang bei der CDU, zuletzt als Chefsekretärin, gearbeitet hat, ist gegangen, weil sie nicht länger Geheimnisträgerin sein möchte. Es ist ihr auf die Dauer zu teuer, ihren Bruder immer nur in der CSSR zu treffen. Sie ist jetzt Chefsekretärin bei der Altstoffverwertung.
07.08.1988 Gestern besuchte ich Bekannte in Rerik, genoss den Blick auf die Ostsee und den weiten Himmel. Tiefflieger und Seemanöver machten jedoch aufkommende Idyll-Gedanken sofort nieder. Immer wieder mussten wir unsere Gespräche unterbrechen.
23.09.1988 Fehlen uns Deutschen nationale Symbole oder ähnliches, zu denen wir „wallfahren“ könnten, Kränze und emotionale Bekundungen niederlegen, uns versammeln, einander mitteilen? Unsere Zukunft wird Mecklenburg heißen. Es wird nationale, nationalistische Auspendelungen geben, die Rückkehr des nicht aufgearbeiteten Braunen.
29.09.1988 Das DDR-Lebensgefühl mit der jahrzehntelangen Erfahrung „Rien ne va plus!“ kriecht in alle menschlichen Bereiche. Inzwischen entwickelt sich schon die DDR-Enkelgeneration. Dieses Lebensgefühl richtet alle unbefriedigten Bestrebungen gegen den Nächsten, gegen Eltern, Partner, Kinder, Nachbarn, gegen die Gesellschaft. Eine große Zerstörungswelle breitet sich aus.
04.11.1988 H. Th: Eine große Veränderung bahnt sich an. Alle Welt erkennt, dass der Marxismus abgewirtschaftet hat. Die Neuaufbrüche sind nicht zu übersehen. Gorbatschow muss am Ruder bleiben! Der Weg der Menschheit geht in größere Einheiten, zielt auf größere Zusammenhänge, aber ohne nationale Substrukturen fehlt das Gegengewicht. Die Mauer wird fallen.
25.11.1988 Wir haben mit vielerlei Problemen zu kämpfen, vor allem mit der immer schlechter werdenden Versorgung. In der Stadt wimmelt es abends von Betrunkenen. Wismar ist ein Grufti-Zentrum. Der Friedhof muss Tag und Nacht bewacht werden, immer wieder werden Särge ausgegraben, eine gesellschaftszersetzende Form von Nekrophilie.
23.01.1989 Eine Reise in den Westen… Ist die Trennung der Deutschen in meiner Generation endgültig? Wenn man sie nicht wahrnimmt und nicht akzeptiert, wird sie zur Schizophrenie.
Es scheint, dass das dauernde Gerede über die Spaltung das einzige noch einende Band der Deutschen ist. Schade, dass hinter den ständigen Informationen über Wirtschaft und Mobilität alle anderen Probleme versinken.
13.02.1989 Wir werden ein gebrochenes Volk bleiben. Ein niedergeschlagenes Volk, das mit alten nationalen Krücken und Begriffen nicht mehr auferstehen wird. Ein geteiltes Volk, das keine Mitte mehr finden wird, es sei denn die, dass es Mitte Europas wird. Ein Durchgangsland, nicht mehr abgegrenzt nach Osten und Westen, nach Norden und Süden. Aber damit werden wir noch zu tun haben...
19.04.1989 Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, begegne ich als erster Schicht immer wieder der Angst. Es ist die Angst des Besiegten, Unterlegenen, eine sehr reale, existentielle Angst. Angst vor dem Mangel, Angst vor dem Untergang.
Es wird keine ausgleichende Gerechtigkeit geben, nicht von der Seite der Revolutionäre und Reformer, der Empörer und Aufrührer, nicht von der Seite der Beharrenden, Geduldigen, der Wiederhersteller und Nur-Bewahrer.
06.06.1989 Eine seltsame Welt, dieses sozialistische Mallorca am bulgarischen Schwarzen Meer. Wir DDR-Touristen sind das schwächer werdende Alibi für das Fortbestehen des sozialistischen Bruderbundes. Angesehen sind nur D-Mark und Dollar. Unser Deutsch provoziert nur zu der Frage: Ost oder West?
20.08.1989 Die DDR-Bürger fliehen in Massen. Gestern öffneten die Ungarn ihre Grenze bei Sopron, gleich waren 300 DDR-Bürger zur Stelle und verschwanden in Österreich. Der Druck der Flüchtlinge war so stark, dass sie die österreichischen und ungarischen Grenzzäune einfach umrannten. Und angesichts dieser Eruption der 77jährige Honecker....
31.08.1989 Die Menschen sind kaputt. Es heißt nicht mehr: ich möchte etwas haben, sondern: ich muss etwas bekommen... Der SED-Staat schweigt zu den Ereignissen, als ginge ihn die Massenflucht nichts an.
05.09.1989 Thema Nr.1: Massenflucht und Ausreise. In Graal-Müritz war ich auch mit den Hausgästen aus Berlin, Dresden und Leipzig zusammen, die alle in Katastrophenstimmung waren. Sie erleben die Situation als Erdrutsch. Das Berliner Hedwigkrankenhaus hat innerhalb kürzester Zeit 70 Mitarbeiter verloren. Angst bricht aus: Sind wir die letzten? Wie sollen wir das schaffen? Bei den Zurückbleibenden herrscht größte Hilflosigkeit.
Die augenblickliche Situation kann man nur - wenn überhaupt - mit historischen Kriterien fassen. Hier und jetzt passiert Geschichte. Ich sehe mich von Tatsachen umgeben. Tat-Sache - jemand tut etwas, trifft Entscheidungen.
16.09.1989 Prägendes Erlebnis in Berlin war die Besichtigung des Domes unter Leitung des Baubeauftragten. Er empfing uns in seinen großen Arbeitsräumen, und wir führten ein interessantes Gespräch über nationale Wurzeln und Defizite, über Perspektiven und Lernprozesse, über Hohenzollern und Kommunisten. Der äußere Wiederaufbau des Domes ist ja abgeschlossen, mit dem Inneren geht es langsam vorwärts. Wir fuhren mit dem Baulift unter die Kuppel, dann ganz hinunter in die Hohenzollerngruft, die nicht öffentlich zugänglich ist. Über 30 Särge werden dort unten aufbewahrt, untersucht, restauriert, auf ihre neue Aufstellung vorbereitet. Der Sarkophag des Großen Kurfürsten, des ersten preußischen Königs, des Soldatenkönigs, der Markgrafen von Schwedt, die Särge der anderen Preußenkönige, gestapelt, erbrochen, geplündert. Friedrich der Große befindet sich im Exil in Hechingen, Kaiser Wilhem I. in Westberlin.
Ansonsten ist Berlin keine Reise mehr wert. Die grauen Fassaden erdrücken. Die Versorgungslage ist genau so schlecht wie in Schwerin. Abends stirbt die Stadt. Die Museen haben an Anziehungskraft verloren, ganze Abteilungen sind geschlossen, weil Aufsichtskräfte fehlen.
Die DDR geht an ihrem Vasallenstatus zugrunde. Der Große Bruder ist nicht mehr auf die Kleinen angewiesen, im Gegenteil, sie stören ihn nur. Die kleinen Brüder haben nicht die Kraft, ihren Status zu verlassen, sie wissen, dass sie sich damit selbst aufgeben. Angst aber erzeugt keine Identität.
Wir haben die Möglichkeit, zu den Wurzeln vorzustoßen, die eine andere, ältere, tiefer gehende Identität ermöglichen als die leidige ungeklärte nationale Zugehörigkeit. Eine europäische Identität. Wir kommen aus dem alten Europa, das sich als kräftiger erweist als alle Nationalstaatlichkeit. Wir haben alle Prozesse und Katastrophen des alten Europa über uns ergehen lassen müssen, die Französische Revolution, den Nationalismus, den Nationalsozialismus, die Sowjetmacht. Das, was überlebt hat, weil es an den Wurzeln festhielt, könnte Sauerteig für die Zukunft sein.
Das Wort von der Bewältigung der Vergangenheit ist irreführend. Sehr oft erlebt man, dass der Vergangenheit Gewalt angetan wird...
21.09.1989 Die jungen DDR-Aussteiger fliehen in die Öffentlichkeit, in der sie sehen und gesehen werden können. Die Sehnsucht danach ist riesig, es steckt auch etwas Irrationales darin, das bewusst gemacht werden muss. Alles Nichtgelernte führt zu neuer Verunsicherung, ist eine neue Herausforderung, eine neue Aufgabe.
Die gegenwärtigen Prozesse stellen eine gewaltige Herausforderung an die westliche Welt dar. Sie muss den überdimensionalen Erwartungshaltungen der ständig Frustrierten und Maßstablosen entsprechen. Es wird gar nicht lange dauern, und sie muss die Prügel der Enttäuschten aushalten. Der Westen kann ja gar nicht so gut sein, wie man von ihm erwartet. Doch ich spüre, irgendein Null-Punkt ist überschritten. Irgendwo gibt es einen Vor-Keim...
Das „Neue Forum" ist nicht genehmigt worden...
24.09.1989 Der Flüchtlingsstrom hält an. Zum 40.Jahrestag der DDR-Gründung blutet das Land aus. Das Blut will nicht gerinnen, die Wunde schließt sich nicht. Zum 40.Jahrestag ist die Lähmung total.
28.09.1989 Eine Tragödie in Prag... Auf dem Botschaftsgelände schlafen die Menschen im Freien, obwohl es regnet und der Boden aufgeweicht ist. Eine Wunde nach der anderen platzt auf. Doch welch ein Geschenk, dass endlich etwas in Bewegung gekommen ist, dass allenthalben eine neue Sensibilisierung einsetzt, ein Bewusstwerdungsprozess.
29.09.1989 Michaelistag - Entscheidungszeit. Wir sollen uns tapfer wehren und nicht jedem Impuls nachgehen, aber wir sollen die Impulse auch nicht sogleich abwürgen, sondern prüfen, welche die größte Gestaltungsfähigkeit haben. Jetzt ist Entscheidungszeit. Michael ist der Schutzpatron der Deutschen. Michael steht noch immer über dem Schweriner Schloss.
Die Ausreißer, die Ausgereisten verkleinern das Widerstandspotential, es scheint eine ziemlich homogene Schicht zu sein, risikofreudig, spannungsfähig. Doch bald wird sich im Westen Überdruss gegen die Zaunkletterer-Euphorie einstellen.
30.09.1989 Die Prager Botschaftsbesetzer dürfen ausreisen. Welch eine bewegte Zeit! Wie viel Angst muss die DDR-Regierung vor den vielen Aufbrüchen haben, wie viel Unberechenbares ist dabei! 3000 Menschen werden in Eisenbahnwaggons der DDR-Reichsbahn über das Territorium der DDR nach Hof und Nürnberg gefahren. Die Erpressten rechnen mit den Reaktionen der Erpresser, die Erpresser mit denen der Erpressten...Eine gesellschaftliche Deformation, die ihresgleichen sucht. Die West-Medien sind auf die DDR fixiert. Gott bewahre uns vor dem Rückfall in alten nationalstaatlichen Subjektivismus, aber er schenke uns neue alte Identität!
01.10.1989 Autorentagung in Carwitz. Die Gegend ist zauberhaft. Ein kleines Dorf an einem großen See, mitten in einer abwechslungsreichen Endmoränenlandschaft. Die politische Situation dominiert alles. In allen ist das DDR-Immunsystem zusammengebrochen. Fast alle Anwesenden vertreten die Positionen des Neuen Forums. Es gibt klare politische Analysen und Standpunkte, sehr viel redliches Bemühen, sehr viel Zorn.
Die augenblickliche Hysterie wird sich verlieren. Wir werden sehr kleine Brötchen backen. Diese Massenflucht verdunkelt den Blick für innere und äußere Arbeit. Wir werden arbeiten müssen, auch, um dieses euphorische Lebensgefühl wieder in die Bahnen des Alltags und seiner Anforderungen zu lenken.
07.10.1989 Unentwegt zieht ein Polizeihubschrauber Kreise über dem Stadtgebiet. Ich habe das Gefühl: dies ist wieder meine Zeit. Was in mir geschieht, geschieht in der Gesellschaft.
08.10.1989 Den ganzen Tag mit Diskussionen verbracht. Demonstrationen in der ganzen DDR. Die Fluchtwelle breitet sich immer mehr aus. Seit dem 11. September sind 35 000 DDR-Bürger über Ungarn geflohen.
09.10.1989 In Leipzig demonstrieren 70 000 Bürger. Das Blatt wendet sich. Die Tage der Honecker-Ära sind gezählt. In den nächsten Tagen werden die Zeitungen bei uns anders aussehen. Die Reisefreiheit wird kommen. Aber die Lebensverhältnisse werden sich schwieriger gestalten, die Preise werden steigen.
10.10.1989 In unserer Stadt, in unserem Land sind die Strukturen besonders verkrustet, das muss an der langen feudalen Tradition liegen. Der Prozess, der jetzt in Gang gekommen ist, wird viele Jahre dauern. Es geht nicht um einen Umschwung schlechthin, auch nicht nur um die Ablösung von Honecker, sondern um die harte Arbeit des Mündigwerdens. Man darf ja nicht übersehen, dass die meisten Menschen hier mit der Unmündigkeit ganz gut gelebt haben... Trotz aller Jammerei sind die DDR-Bürger maßlos verwöhnt. Vieles von dem, was jetzt geschehen ist, ging nach dem alten Erpressermuster vor sich: Es geschieht meiner Mutter ganz recht, dass mir die Hände frieren, weshalb kauft sie mir keine Handschuhe! Diesen Gesichtspunkt gibt es in der BRD-Gesellschaft allerdings genau so. Aufklärung und Erziehung zur Mündigkeit tun hüben wie drüben not!
17.10.1989 In Leipzig sind 120 000 Menschen auf der Straße. Die Mauer muss weg! Wir sind das Volk! Gorbatschow! Die Zeit ist reif. Wir müssen alle Angst und Bequemlichkeit überwinden und den Durchbruch wagen.
18.10.1989 Nach Wismar gefahren, dann nach Poel, dann zurück. Um 15 Uhr Nachrichten aus dem Autoradio: Honecker ist zurückgetreten, Krenz sein Nachfolger. Um ein Haar wäre ich gegen einen Baum gefahren. Ich bin ohne alle Illusionen, was die neue Spitze angeht, aber voller Hoffnung und Optimismus, was die Wandlung innerhalb der Gesellschaft betrifft.
20.10.1989 Protestdemonstrationen in Berlin, Potsdam, Leipzig, Halle mit brutalem Vorgehen der Polizei. Auch über unserer Stadt kreist ein Polizeihubschrauber.
Konfrontation auf der ganzen Linie. Die Ventile werden geöffnet, die Schimpfkanonaden walzen alles nieder. Die wenigsten wissen, wofür sie sind, aber alle wissen, wogegen. Das Wort Freiheit ist in aller Munde. Ein kreatives Chaos. Wenn wir uns darauf einlassen, wird sich unser Kosmos ordnen.
23.10.1989 Teilnahme an der Demonstration des Neuen Forums. Wir gehen eng untergehakt mit brennenden Osterkerzen durch Spaliere breitschultriger Stasi-Männer zum Alten Garten. Einer von diesen Männern bläst meiner Nachbarin die Kerze aus. An der Spitze die Leute vom Neuen Forum mit weißen Transparenten. Auf dem Alten Garten haben die Repräsentanten von Staat und Partei eine Tribüne vor der Siegessäule errichtet, Kollaborateure reden auf die Menge ein. Sie werden mit Pfiffen und Buh-Rufen bedacht. Zuerst sind die Demonstranten irritiert, dann aber begreifen sie, welch ein Missbrauch mit ihnen betrieben werden soll. Und Zehntausende drehen sich auf dem Absatz um und wenden der Partei den Rücken. Das ist die eigentliche Wende... Alle Schweriner Kirchen sind geöffnet, besetzt mit Ärzten und erster Hilfe. Die Leute, die solchen Emotionsstau verursacht haben, werden sich auf einiges gefasst machen müssen. Diese Demonstration glich einer riesigen therapeutischen Selbsthilfegruppe.
26.10.89 Vieles ist ein Dialog auf Knopfdruck. Aber dieser Knopfdruck öffnet im letzten Augenblick die Schleusen, ehe sie überlaufen. Der Stau ist übergroß, der Druck entsprechend. Dieselbe Energie, die die Flüchtlinge zu ihren enormen auch physischen Leistungen befähigte, entlädt sich jetzt auch hier.
25.10.1989 Den ganzen Tag erregte Politdebatten. Wir Älteren haben auch viel aufzuarbeiten und zu reformieren. Unsere Ängste vor allem. Wir waren viel zu brav, viel zu zahm.... Wir haben unser Kontrastfilter nur selten geöffnet. Aber jetzt...Diese Wochen erschüttern uns bis in die Wurzeln. Weitere Erschütterungen werden folgen und Schichten in uns freilegen, die eingefroren sind, im Tiefschlaf liegen.
30.10.1989 Am Spätnachmittag Friedensgebet, danach Schweigemarsch des Neuen Forums. Ich sehe zum ersten Mal mecklenburgische Fahnen in der Öffentlichkeit. Die Rückbesinnung auf alte deutsche Muster der Territorialstaatlichkeit wird das erfreulichste Ergebnis der Wende sein. Einheit in der Vielfalt! Man sollte eben doch große Erwartungen haben. Allmählich stellt sich hier so etwas wie ein neues Identitätsbewusstsein ein, wahrscheinlich gefördert durch die beschwörungsartigen Rufe „Wir sind das Volk!" Aber genügt diese Identität? Die deutsche Einheit scheint dabei keine Rolle zu spielen. Aber darauf muss alles hinauslaufen, eine nichtsozialistische DDR ist noch weniger lebensfähig als eine sozialistische. Wir müssen bei den jetzt spürbaren föderalistischen Traditionen anknüpfen, um über das gescheiterte Bismarck-Reich hinauszuwachsen.
9.11.1989 Am Abend Öffnung der Grenzen. Ungläubige Blicke auf den Bildschirm. Es ist wahr, die Grenzen sind offen. Alle Zeit hat ein Ende! Nun ist das Brandenburger Tor geöffnet. Ein langer Weg ist offen.... Jetzt wird es sich lohnen, hier zu leben, weil man jetzt organisches Wachstum sehen kann, Entwicklung, Erwachen aus der Todesstarre, Auferstehung.
Mir kommt das alte Lied von den Hasen in den Sinn. Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal saßen einst zwei Hasen.... Und dann kam der Jäger und schoss sie nieder. Und dann stellten sie fest, dass sie doch noch am Leben waren. Dies ist die Stunde der Deutschen!
12.11.1989 In der Straßenbahn stieß ich auf Jugendliche, die gerade mit Bündeln von Plastetüten aus Lübeck zurückkamen.
16.11.1989 Morgens um 5 Uhr ist der Zug nach Lübeck schon überfüllt. Um 6 Uhr fährt er ab. Eine neue Erfahrung der Wende, der Massenansturm auf die Grenze. Alles geschieht in Massen: Massenflucht, Massendemonstrationen, Massenreisen.... Die Pässe und Personalausweise werden noch sorgfältig kontrolliert. In Lübeck bricht es wie ein Heuschreckenschwarm aus dem Zug. Er fällt in die Stadt ein, unbekümmert darum, welche Spuren er hinterlässt. Die Gegend um den Bahnhof ist schwarz von Menschen. Vor jeder Bank bildet sich eine Riesenschlange, dort gibt es Begrüßungsgeld. Auch die Kinder erhalten dieses Geld, und es ist unverantwortlich, wie man sie ins Gewühl stößt. Schönes Wetter, Einkaufs- und Stadtbummel. Zum zweiten Mal stehe ich vor den herabgestürzten Glocken in der Marienkirche und meine ihr Geläut zu hören. Lübeck ist eine schöne Stadt, heimatlich. Aber die einseitige Sicht auf Konsum und Lebensstandard verstellt die eigentliche Lübecker Atmosphäre. Das ist noch nicht mein Lübeck.
Vor der Rückfahrt Bahnhofsszenen wie im Krieg. Die Polizei muss einschreiten, damit die vordersten Reihen nicht auf die Gleise gedrückt werden. Lebensgefährliche Rückfahrt.
Seit Wochen und Monaten sind wir nicht zur Ruhe gekommen. Ich sehne mich aus ganzem Herzen nach der Winterruhe. Aber die Zeitereignisse sind so aufregend, dass sich ein Gleichgewicht einfach nicht einstellen will. Wir sind nicht mehr gefesselt, wir sind frei, aber nun sind wir in den rasenden Lauf der Geschichte hineingeworfen, werden hin- und hergeschleudert und können uns kaum behaupten.
20.11.1989 Wahrscheinlich wird es sehr schnell zu einer Konföderation kommen, denn die DDR-Lokomotive läuft nicht mehr. Der Zug steht. Es gibt keine andere Energie mehr, die ihn vorwärtsbringen könnte, als die Marktwirtschaft... Genau das, was man mit aller Gewalt vermeiden wollte, indem man so viele Grenzen gesetzt hat, genau das wird jetzt Wirklichkeit.
Jeder einzelne muss seine Mauer niederreißen, den Kopf heraus stecken und sehen, dass der Raum ringsum grenzenlos ist, dass jeder einzelne sich seine eigenen Grenzen setzen muss.
29.11.1989 Eine Einigung der Deutschen ist in Sicht. Ich kann es kaum fassen.
01.12.1989 Allenthalben bricht ein Denksystem zusammen. Der Pluralismus klopft mächtig auch bei mir selbst an. Wir alle brauchen Spannungsvermögen und Toleranz und Vertrauen - sonst nichts...
04.12.1989 Verbitterung, Gefühl eines umfassenden und abgrundtiefen Betrogenseins. Ich fühle mich um Jahre und Jahrzehnte betrogen, aber ich sehe auch, wie ich selbst versagt habe, wie ich immer wieder auf den großen Plan eingeschwenkt bin. Die Planwirtschaft kam allen weniger kreativen und verkrusteten Schichten entgegen. Auch ich habe immer mehr nach Mauselöchern als nach freiheitlichen Auseinandersetzungen Ausschau gehalten. Jeder muss den Stalinismus in sich selbst überwinden, bis jetzt habe ich diesen Schaden noch gar nicht so umfassend gesehen.
05.12.1989 Verbitterung und Misstrauen nehmen zu. Kein Appetit, keine Motivation, kein Impuls zu irgendeiner Tätigkeit. Alle Krankheitsherde liegen ungeschützt offen. Auch in meinem Haus gab es konspirative Wohnungen der Stasi.
06.12.1989 Das Warenangebot hat schon etwas zugenommen. Es gibt reichlich Südfrüchte.
10.12.1989 Was uns Älteren zufällt, ist sicher nicht die große Enthüllung, auch nicht die Aufarbeitung der Geschichte, nicht das Einstimmen in Zorneshymnen und Klagelieder, sondern die sorgfältige Suche nach der gewachsenen Gestalt dieser 40 Jahre jenseits der offiziellen Erscheinung und Darstellung. Nach der Gestalt kreativer Resignation. Diese geistige Gestalt sollte in der allgemeinen Lawine von Selbstbefreiung und Bildersturm nicht untergehen.
Die alten Sprachbilder werden abgeschafft, sie sind ja auch unerträglich. Bald werden sich neue Sprachbilder entwickeln, und sie werden auch wieder unerträglich sein.
Auch das Wort Wende ist schon abgedroschen. Die Zeichen stehen auf sofortiger Wiedervereinigung. Das Streben nach Sofortbefriedigung steht ganz vorn, alles muss sofort sein, eine große Lebensangst steckt dahinter. Man könnte ja noch mehr verpassen... Doch damit wird die Vergangenheit, die ja auch schöne Stunden und Erfolgserlebnisse hatte, abgewertet und nur als verpasste Chance, als vergeudetes, leeres Leben gesehen. Das Klischee des Wirtschaftswunders ist zu einer magischen Größe geworden, hat sich so tief in alle Köpfe eingefressen, dass dagegen alle Nüchternheit vergeblich ankämpft. Autos, Stereoanlagen und ganz weite Reisen sind die großen Ziele.
15.12.1989 Die Tage vor Weihnachten erscheinen mir in diesem Jahr besonders dunkel. Auch Hoffnung will gelernt sein. Die Forderungen des Tages, die Zeichen der Zeit sind Selbstbestimmung, Eigenständigkeit, Originalität. Wer sich jetzt wieder um Schutz und Privilegien bemüht, macht die Wende rückgängig. Ethos des Aufbruchs... Mache dich auf, werde Licht... Ich zünde die Kerze nicht nur für mich an, lange genug habe ich das getan, um mir meinen Bereich zu sichern. Der Weg, der spiralförmig nach innen verlief, muss jetzt wieder nach außen geführt werden. Man behält ja immer die Verbindung zum innersten Punkt, auch wenn die Kreise immer höher führen. Umkehr ist nicht Rückschritt. Es kann möglich sein, dass man auch die Umkehrrichtung wiederum umkehren muss, wenn sie vom lebendigen Wege wegführt.
19.12.1989 Die Menschen haben Angst vor der Arbeitslosigkeit. Das ist eine völlig neue Situation. Besuch des Bundeskanzlers in Dresden. Das Volk will die Einheit Deutschlands. Helmut Kohl vor der Ruine der Frauenkirche ist ein Symbol für den Kairos, die Gnade der Stunde. Solche Symbole, solche Markierungen lassen sich auch in jedem einzelnen Leben finden. Wo aber Kairos ist, da ist immer auch das Negative, das Chaos, die Deformation, das Entartete, da sind Machtrausch und Machtmissbrauch, da ist Dammbruch. Wir müssen den Kairos verantwortungsbewusst nutzen, als Anschubenergie aus lange brachliegenden Speichern. Was wir in den vergangenen Jahren als Stagnation und Niedergang erlebt haben, kommt jetzt als Arbeitsflut und -lawine auf uns zu. Zu spät? Ausgleich? Nein, neue Aufgabe, nicht Nachholen. Der Kairos, die Gunst der Stunde erstreckt sich auf alles, begeistert und beflügelt, ermüdet und erschöpft... Das Leben erscheint verworren, gestaltlos, chaotisch. Aber nach dieser pervertierten Überwachungsordnung musste wohl ein Chaos kommen, damit eine neue Ordnung entstehen kann. Die Planwirtschaft ist zu Ende. Jetzt darf sich neues Denken entfalten, dynamisch, organisch, weniger verschwommen-träumerisch. Alles muss Klarheit und Gestalt gewinnen.
23.12.1989 So unvorbereitet wie in diesem Jahr habe ich noch nie das Weihnachtsfest begonnen. Der Idyllenvorhang ist brutal weggerissen. Rumänien steht im Mittelpunkt. Die Sicherheitskräfte agieren in Formen, die alle Horrorfilme hinter sich lassen. Die Securitate kommt aus unterirdischen Tunneln, springt an Fallschirmen ab, zündet Fernbomben. In den Straßen von Bukarest häufen sich die Leichen. In den Massengräbern von Temesvar liegen Leichen, die mit Stacheldraht gefesselt waren.
01.01.1990 Die Feiertage sind vorüber, sie brachten nur eine Verschnaufpause, kein Auspendeln der heftigen Prozesse. Ab morgen beginnt ein völlig anderer Alltag mit neuen Strukturen, die meist noch unter der Oberfläche liegen. Manches ist freilich schon sichtbar. So die vielen Wagen mit den Kennzeichen von Lübeck, Ratzburg, Ostholstein. Die schwarz-rot-goldenen Fahnen ohne DDR-Emblem an den Einfahrtsstraßen. Mecklenburgische Fahnen und Wappen in vielen Schaufenstern.
Eine wesentliche Rolle spielt das aufgezwungene, nicht organisch gewachsene Ordnungsgefüge. Das Lebensgefühl konstatiert: Ordnung muss sein. Wer Ordnung garantiert, verdient Vertrauen und Unterstützung. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Unruhe löst Angst aus. Mit diesem Lebensgefühl kann man grenzenlos manipulieren. Aber das müssen Sie doch einsehen....
Kleine Rücksichten sind die Feinde der großen Entschlüsse.
24.01.1990 Die ersten neuen Farben kommen durch die Auslagen der Blumenläden. Sie enthalten ein für diese Jahreszeit sonst ungewohntes Angebot: Orchideen, Winterastern, Nelken, Rosen. Die Preise sind hoch, schrecken aber nicht ab. Insgesamt sieht die Stadt aus wie die Szenerie eines Horrorfilmes.
29.01.1990 Die ersten freien Wahlen sollen am 18.März stattfinden. Die Dynamik beschleunigt sich noch weiter. Der Modrow-Plan „Deutschland - einig Vaterland" ist ein neuer Paukenschlag. Im Bewusstsein des Volkes hat noch keinerlei Differenzierungsprozess eingesetzt. Das „einig Vaterland" ist ein unverdauter Brocken noch von ganz früher. Jetzt müssen erst einmal Verdauungsfermente eingegeben werden...
02.02.1990 Die Oktobertage treten rasch in den Hintergrund. Die Aufbruchstimmung ist vorüber. Wir müssen uns täglich mit neuen Situationen und Problemen auseinandersetzen, auch mit praktischen Konstellationen in nie erfahrenen Dimensionen. Halb belustigt, halb wehmütig schaue ich zu, wie sich feine Bonner Ministerwagen über das schreckliche Schweriner Straßenpflaster quälen.
06.02.1990 Die politische Einheit rast auf die Deutschen zu. Sind wir solchem Tempo gewachsen? Aber Merkur hat Flügel an den Füßen. Man muss das wissen. Mars war bodenständiger.
Die Härten, die mit der Währungsunion verbunden sein werden, werden den DDR-Bürger von seinem Versorgungsfließband stoßen und aus seinen Wunschträumen aufrütteln. Die meisten werden es schaffen.
Unterbrochenes Leben kann man nicht an der gleichen Stelle aufnehmen, an der die Fäden durchschnitten wurden. Das unterbrochene Leben keimt meist an anderen Stellen wieder auf.
17.03.1990 Vereinzelt sind die Häuser mit mecklenburgischen Fahnen geschmückt. An unserem Haus klebt ein Wahlplakat mit einer blau-grünen weiten Landschaft, und darunter steht: „Es ist Frühling, und wir sind frei!" Und so fühle ich mich auch, obgleich ich natürlich weiß, dass noch immer nicht alles ausgestanden ist.
Die Stadt ist blau-gelb-rot geflaggt. Die meisten dieser Fahnen sind selbst genäht, da sie im Handel gar nicht angeboten werden. Ein gutes Zeichen, denn der Weg zur deutschen Einheit kann nur über die Wiederbelebung der föderalen Struktur verwirklicht werden.
18.03.1990 Meine erste Wahl. Ein neuer Abschnitt der deutschen Geschichte beginnt. Wir sind nicht nur dabei gewesen, wir haben ihn mitgeprägt, er ist uns als schwacher und verletzlicher Keim anvertraut.
„Unser Land" ist kein staatlicher DDR-Begriff mehr, man kann damit politisch gar nichts mehr machen - außer Fehlern. „Unser Land" wird Mecklenburg sein.
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