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Litauen Ruinen der Burg TrakenSiauliai ist heute eine Universitätsstadt, mit - nach offizieller Aussage - etwa 130.000 gemeldeten Einwohnern das regionale Zentrum Nord-Litauens. Unter uns Deutsch-Balten war sie vor dem Zweiten Weltkrieg unter dem Ortsnamen „Schaulen“ geläufig; diese Bezeichnung findet sich auch in meinen frühen Personenstands-Unterlagen, unter der Rubrik „Geburtsort“.

Zu jener Zeit, in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, war der Ort meiner frühen Kindheit zwar schon der Sitz manches Gewerbes - insbesondere vieler kleiner und einiger größerer Gerbereien -, auch der einen oder anderen kleineren oder mittleren Fabrik, doch weder Universitätsstadt noch Großstadt.
Aus späteren Erzählungen in meiner Familie weiß ich, dass unsere qualifizierte hausärztliche Versorgung meinen Eltern immer wieder Probleme bereitete.
Das fachliche Niveau der an der einzigen litauischen Universität jener Tage - in Kaunas -ausgebildeten Mediziner ließ oft allzu berechtigte Wünsche offen, und die wenigen voll zu respektierenden Ärzte forderten sehr hohe Honorare.
Als - etwa zu Beginn des Jahres 1939 - sich ein kürzlich aus dem „Deutschen Reich“ übergesiedelter, erfahrener deutscher Arzt in Schaulen niederließ, der zudem durchweg sehr maßvolle finanzielle Forderungen an die von ihm fast immer mit guten Resultaten behandelten Patienten stellte, hatte er bald einen beachtlichen Zulauf aus dem gesamten Stadtgebiet und ihrem Umland. Auch von unserer Familie ist er einige Male konsultiert worden.
Im Spätsommer des gleichen Jahres begann die große Umsiedlungsaktion der deutschen Balten aus ihrer angestammten Heimat in das „Deutsche Reich“ mehr und mehr Gestalt anzunehmen, um dann ab Herbst umgesetzt zu werden.
Leider blieb der sehr erfolgreiche, erst kürzlich in Schaulen ansässig gewordene deutsche Arzt dort zurück - denn er war Jude !!
Mir ist erinnerlich, dass meine Eltern dies damals ausdrücklich bedauerten, wenngleich die Fülle der durch unsere Umsiedlung gegebenen Probleme kaum Raum für nachhaltigere Erörterungen jenes Arzt- Schicksals ließ.
Mein späterer eigener ärztlicher Werdegang war mir - Jahrzehnte später - Anlass, mich gelegentlich mit den tragischen Schicksalen einstiger deutscher jüdischer Berufskollegen in den Herrschaftsjahren des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.
Und der aktuelle 70. Jahrestag des generellen Entzuges der staatlichen ärztlichen Approbation für alle jüdischen Ärzte Deutschlands am 30. 9. 1938 erscheint mir als gegebener Anlass, hierzu einige Gedanken erinnernd zu Papier zu bringen.
Der im Jahre 1938 erfolgte Approbations- Entzug war der Schlusspunkt einer Reihe gesetzlich untermauerter Schritte zur Eliminierung jüdischen Arzttums im „Deutschen Reich“.
Von irgendwelchem nennenswerten Protest seitens der deutschen Bevölkerung ist nichts bekannt, obwohl dieser Prozess der großen Mehrheit aller Deutschen nicht verborgen geblieben sein kann, insbesondere im deutschen Bildungs- Bürgertum mit Sicherheit sorgfaltig registriert worden ist.

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