| Von Mensch zu Mensch |
| Geschrieben von: Roland Linowski |
| Montag, den 05. Mai 2008 um 10:33 Uhr |
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Können ein 88-jähriger aus der Ukraine nach Deutschland eingewanderter Jude und ein 67-jähriger Deutscher Freunde werden? Sie können! Als ich meine Arbeit an einem Romanmanuskript mit dem Arbeitstitel „Stille Erde“ beendet hatte, dessen Handlungsfäden in einem russischen Dorf zusammenliefen, wollte ich dieses keinem Verlag anbieten, ohne vorher die Meinung russischer Menschen gehört zu haben. Ich suchte einen Russen oder Ukrainer, der den 2.Weltkrieg erlebt hat, das Landleben in Russland kennt, Deutsch spricht und vielleicht selbst schriftstellerisch tätig ist. Meine Hoffnung, so einen Menschen in meiner Nähe zu finden, war gering. Man verwies mich an die Jüdische Gemeinde in Schwerin. „So einen Mann haben wir“, sagte mir die Sekretärin. „Er wohnt wie Sie in Wismar. Es ist Herr Barenboym.“ Einige Tage später rief ich ihn an. „Nun, kommen Sie und bringen Sie Ihr Manuskript mit“, sagte Aron Barenboym. So begannen unsere Freundschaft und unsere Zusammenarbeit. Arons Hinweise führten zu Änderungen in meinem Manuskript, und er machte mir Mut, es verlegen zu lassen. Dafür unterstützte ich ihn bei der Herausgabe eines Gedichtbandes „Ich will nicht vergessen“ und eines Büchleins mit seinen Erzählungen unter dem Titel „Kriegsnarben“. Dass Aron Barenboym Jude ist, hat unsere Freundschaft weder behindert noch befördert. Dass er gut Deutsch spricht und die Literatur liebt, ist für unsere Freundschaft viel wichtiger. Das Wichtigste für mich aber sind sein offener Charakter und sein realistischer Blick auf Zeitgeschehen und Geschichte, ich hoffe, dass er dass auch an mir schätzt. Zwischen uns gibt es weder Berührungsängste noch falsch verstandene Rücksichtnahme. Für Aron bin ich kein Nachkomme derer, die seine Familie ermordet haben, und er ist für mich keiner von denen, die meinen Vater getötet haben. Wir sprechen oft über die erste, die menschenverachtende Hälfte des letzten Jahrhunderts, die geprägt war von zwei Wettkriegen, zwei mörderischen Diktaturen und von der systematischen Vernichtung der europäischen Juden durch deutsche Faschisten und deren Handlanger in den von der deutschen Wehrmacht besetzten Ländern. Ein Jahrhundert des Geistes und der Menschenwürde war das vergangene Jahrhundert nicht. Wenn wir darüber sprechen, haben wir mitunter Tränen in den Augen und müssen für eine Minute schweigen. Vor einigen Tagen waren wir beide Gäste der Großen Stadtschule „Geschwister Scholl“ in Wismar. Im Zentrum standen Arons bewegtes Leben und sein literarisches Schaffen. Vor drei 11. Klassen des Gymnasiums und einigen Lehrern lasen wir abwechselnd aus Arons Erzählungen und Gedichten und beantworteten die klugen Fragen der Schüler und Lehrer. Die jungen Frauen und Männer staunten nicht schlecht über den rüstigen 88-Jährigen, dessen Deutsch sie mühelos verstanden haben. Sie hörten aufmerksam zu, als wir Ihnen erklärten, dass wir beide unsere Mitmenschen nicht danach beurteilen, welcher Rasse, Nation oder Religionsgemeinschaft sie angehören, sondern danach wie sie sich im Leben verhalten, welchen Charakter sie haben, ob sie aufbauen oder zerstören wollen. In der trüben Winterzeit war Aron mitunter bedrückt und traurig. Er spürte stärker als sonst die Last der Jahre, die Last der Fremde. Als er mit mir das Gymnasium verließ, sah er aus, als habe er soeben ein Bad in einem Jungbrunnen genommen. Da habe ich mich gefreut. Schließlich soll Aron noch viele Jahre gesund bleiben, damit wir uns noch oft über Versmaß, Erzählungstitel, Interpunktion und Wortwahl streiten können - und über diese mitunter schöne und mitunter grausame Welt. Von Roland Linowski 2008. Bisher erschienen in: „Kol Schofar“ HRO, „Puls“ Ukraine, „Jüdische Hefte“ Paris.
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