| Erinnern, um daraus zu lernen |
| Geschrieben von: Roland Linowski |
| Sonntag, den 19. Oktober 2008 um 10:18 Uhr |
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Geschrieben für die Leser der russisch-jüdischen Zeitschrift „Kol Schofar“ und für die Leser der ukrainischen Zeitschrift „Puls“ Die idyllische Kleinstadt Bad Fallingbostel liegt auf halber Strecke zwischen Bremen und Hannover. Bevor man mich dorthin zu einer Lesung eingeladen hatte, wusste ich nicht, dass es diese Stadt gibt. Bei Kriegsbeginn wurde in unmittelbarer Nähe zu dieser Stadt ein Kriegsgefangenenlager errichtet. Bereits am 12. September 1939 trafen die ersten polnischen Kriegsgefangen ein. Später kamen Kriegsgefangene aus vielen von der deutschen Wehrmacht besetzten Ländern hier an. Entsprechend der Rassentheorie der Nazis wurden die Kriegsgefangenen unterschiedlich behandelt. Während französische Kriegsgefangene viele Freiheiten genießen und sich in der Stadt bewegen konnten, durften Polen keinerlei Kontakt mit deutschen Menschen haben. Das bitterste Schicksal aber erwartete die gefangenen Rotarmisten. Der erste Transport dieser bedauernswerten Menschen erreichte im Herbst 1941 das Lager. Ihr körperlicher Zustand erschütterte selbst einige deutsche Wachsoldaten. Man trieb diese erschreckend unterernährten Menschen auf eine freie Fläche. Es gab keine Unterkünfte. Um sich vor der Witterung schützen und um ihre Notdurft verrichten zu können, mussten die Gefangenen mit ihren Händen Höhlen und Löcher graben. Zu viert oder fünft krochen sie in die Erdhöhlen, um sich gegenseitig wärmen zu können. Ihre Ernährung war völlig unzureichend. Für sie wurde ein spezielles „Brot“ aus Abfällen, Futterrüben und Sägespänen gebacken. Selbst davon gab es nicht genug. In ihrer Verzweiflung aßen viele Gefangene Gras und Rinde und tranken verseuchtes Wasser. Bald grassierte die Ruhr. Als Hitler erkannte, dass aus dem geplanten „Blitzkrieg“ gegen die UdSSR ein langer Krieg werden würde, hob er das Beschäftigungsverbot für sowjetische Kriegsgefangene auf. Man brauchte sie als Arbeitskräfte in der Wirtschaft. Dafür mussten sie besser ernährt und untergebracht werden. Für viele sowjetische Kriegsgefangene kamen diese Verbesserungen zu spät. 30.000 starben im nahe der Stadt Fallingbostel gelegenem Lager Oerbke. Später trafen in diesem Lager auch Transporte mit zivilen Zwangsarbeitern ein, darunter 300 ukrainische Frauen mit ihren Kindern. Oerbke war nur eines von vielen Lagern in Deutschland. Hunderttausende sowjetische Kriegsgefangene litten und starben in diesen Lagern ohne Trost und wurden verscharrt wie Unrat. Auf die dafür verantwortlichen Deutschen bin ich auch heute noch zornig und ich schäme mich für sie. Wenn Sie diese Zellen gelesen haben, werden Sie sich vielleicht an die Berichte ihrer Vorfahren erinnern, und in Ihrer emotionalen Erregung Ihre Landsleute bedauern und die Deutschen verachten. Ich bitte Sie, mit Ihrem Urteil zu warten, bis Sie die folgenden Zeilen gelesen haben. Ich möchte Ihnen zunächst mitteilen, wie ich zu den Informationen über die entsetzlichen Zustände im Lager Oerbke gekommen bin. Ich habe sie In der Ortschronik der Stadt Bad Fallingbostel gefunden. Die Bürger dieser Stadt haben sich mutig diesem dunkelsten Kapitel ihrer Stadtgeschichte gestellt. Sie haben nichts verschwiegen, verdrängt oder beschönigt und den im Lager Oerbke verstorbenen Kriegsgefangen ein Denkmal gesetzt. Eine bittere, aber notwendige Voraussetzung für jede Aussöhnung. Neben der Schilderung vieler Grausamkeiten las ich in dieser Stadtchronik Berichte, die mir Hoffnung vermittelten. Nicht alle Menschen in der Umgebung des Lagers haben sich abgewandt und geschwiegen. Einige beschwerten sich über den erbärmlichen körperlichen Zustand der sowjetischen Kriegsgefangen und ließen ihnen Nahrungsmittel zukommen. Beides konnte damals hart bestraft werden. Und viele Landwirte und Vorarbeiter in kleineren Betrieben sahen in den sowjetischen Kriegsgefangenen keine slawischen „Untermenschen“, sondern wertvolle Arbeitskräfte und behandelten sie menschlich. Besonders berührt hat mich der Bericht über ein Kind, welches mit den 300 ukrainischen Frauen ins Lager gekommen war. Man hat es aus dem Lager geschmuggelt und bei einer deutschen Familie untergebracht. Diese Familie hat das Kind versorgt und die Mutter häufig als Arbeitskraft angefordert, damit diese ihr Kind möglichst oft sehen und ihm Mutter sein konnte. Nach den damaligen Gesetzen eine schwere Straftat. Solche Menschen gab es nicht nur in der Stadt Fallingbostel, sondern überall in Deutschland. Auf diese Deutschen bin ich heute stolz. Ein Sprichwort sagt: Jede Medaille hat zwei Seiten. Auch darüber möchte ich schreiben. Kriegsgefangenenlager wie das in der Nähe der Stadt Fallingbostel gab es nicht nur in Deutschland. Es gab sie auch in der ehemaligen Sowjetunion. Auch in diesen Lagern starben Hunderttausende Kriegsgefangene - diesmal deutsche. Und nach Kriegsende wurden Hunderttausende deutsche Zivilisten zur Zwangsarbeit in die ehemalige Sowjetunion getrieben. Wie die sowjetischen Gefangenen rafften sie Unterernährung, unzureichende Unterbringung und Seuchen dahin. Ohne die Unterstützung von Sowjetbürgern, die in ihnen keine Faschisten, sondern bedauernswerte Geschöpfe sahen, hätten noch viel mehr dieser Menschen ihre Heimat nicht wiedergesehen. Ich möchte Ihnen erzählen, was mir ein deutscher Soldat - einer der wenigen, die Stalingrad und Gefangenschaft überlebt haben - erzählt hat. Als man die halbverhungerten Gefangenen durch Eis und Schnee trieb, haben die sowjetischen Wachsoldaten jeden, der zurückblieb, erschossen. Anfangs waren die Gefangenen entsetzt und zornig gewesen. Doch dann haben sie begriffen, welche Leiden ihren Kameraden so erspart geblieben sind. Niemand hätte den Unglücklichen in dieser Schneewüste helfen können. Die selben Wachsoldaten verteidigten die deutschen Kriegsgefangenen mit Waffengewalt gegen die eigene Zivilbevölkerung, die, die „Faschisten“ mit Steinen und Knüppeln erschlagen wollte. Im Lager angekommen, grassierte das Fleckfieber. Fast 90% der Gefangenen starben daran. Mit ihnen starben viele sowjetische Ärzte und Sanitäter, die verzweifelt versuchten, die Seuche einzudämmen. Als die Überlebenden in einem Kraftwerk zusammen mit den einheimischen Menschen schwer arbeiten mussten, stellten sie erstaunt fest, das diese nicht besser ernährt wurden als sie selbst. „Wir verbrauchten unsere Rationen für uns selbst. Auf die einheimischen Arbeiter warteten zu Hause Kinder.“ Wenn ich die Familie meines Sohnes in Rostock besuche, führt mich der Weg vom Parkplatz zur Wohnung an einem kleinen Friedhof für sowjetische Soldaten vorbei. Den Inschriften auf den Grabsteinen kann ich entnehmen, dass diese Soldaten kurz vor Kriegsende gefallen oder kurz nach Kriegsende an Verwundungen oder Krankheiten gestorben sind. Sie alle waren jung und haben den Krieg nicht gewollt. Ich bleibe immer traurig stehen und denke dabei nicht daran, ob sie vielleicht meinen Vater erschossen, meine Tante vergewaltigt oder das Haus meiner Großeltern zerstört haben. Ich sehe vor mir traurige Eltern, Geschwister und junge Frauen, die in der Sowjetunion vergeblich auf die Heimkehr der jungen Burschen gewartet haben. Ich lade Sie ein, am 8. Mai, am 22. Juni oder am 1. September auch einmal einen Sodatenfriedhof ihrer ehemaligen Feinde zu besuchen, die in ihrer großen Mehrheit diesen Krieg nicht gewollt haben, die von einem verbrecherischen Regime missbraucht wurden, die meisten waren keine Faschisten. Dann werden Sie vielleicht verstehen, was ich meine, wenn ich schreibe: Das Leid der Völker der ehemaligen Sowjetunion und das deutsche Leid sind nicht verschieden. Die Tränen die in Berlin, Hamburg oder Dresden geweint wurden, wogen nicht schwerer als diejenigen, die in Kiew, Leningrad oder Stalingrad geflossen sind. Denken wir an diesen Tagen einmal nicht nur an die in den Schlachten Gefallenen, sondern auch an die Menschen, die trotz ihres persönlichen Leids, trotz aller Kriegspropaganda und trotz persönlicher Gefahren, ihre Menschlichkeit nicht vergessen und die Stimme ihres Herzens nicht zum Schweigen gebracht haben. Nicht der Waffenstarrende, sondern der Friedfertige braucht Mut. Nicht der bis an die Zähne Bewaffnete, sondern der Freundliche verbreitet Hoffnung. Bleiben wir wachsam. Lassen wir uns nicht wieder in erwünschte und unerwünschte Rassen, Nationen oder Religionsgemeinschaften einteilen. In einer Welt des Hasses und der Gewalt hat kein Volk eine gute Zukunft. |
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Erkan Grantlhuber - 
