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Zehn Jahre Aufenthalt in Deutschland sind ein Jubiläum und ein Grund zum Nachdenken.

Ich erinnere mich an die Neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Im Dorf Oshenino in der Westunkraine stand (und steht sicher noch heute) eine in einem modernen Stil erbaute Kirche - ein Geschenk deutscher Christen an ihre ukrainischen Glaubensbrüder und -Schwestern. Anfang der Neunziger Jahre begannen von hier aus große deutsche Lastkraftwagen Hilfsgüter an jene westukrainischen Juden zu verteilen, die noch in den Kleinstädten lebten.

Darunter waren auch etwa 50 Familien in Isjaslaw, wo ich damals lebte. Wir wurden ausreichend mit Nahrungsmitteln, Kleidung und Medikamenten versorgt und bekamen etwas Bargeld. Diese Unterstützung bekamen auch drei ukrainische Familien, die während des Krieges jüdische Kinder vor der Ermordung gerettet hatten. Mit dem Bargeld wurde ein tägliches Mittagessen für etwa 20 arme Familien finanziert und für das jüdische Osterfest Waren in Kiew eingekauft und nach Isjaslaw transportiert. Aber das ist nicht das Wichtigste, was ich Ihnen erzählen möchte. Hören Sie bitte weiter zu. Einige Male kamen zu uns kleine Gruppen von deutschen Männern und Frauen verschiedenen Alters, um sich nach dem Leben der in den ukrainischen Kleinstädten verbliebenen Juden zu erkundigen.

Sie waren jenen ängstlichen, bestürzten Deutschen nicht ähnlich, die ich bei Kriegsende an der Elbe gesehen hatte. Es waren bescheidene, wohlwollende und herzliche Menschen. Sie strahlten Herzensgüte aus und auf ihren Gesichtern zeichneten sich Schuldgefühle für die Gräueltaten der Nazis ab, als wir ihnen bei einem Teller Borstsch von der Tragödie der Isjaslawer Juden erzählten. Das war keine vorbereitete Aufführung von Laienkünstlern, sondern Ausdruck echter Gefühle von anständigen, offenherzigen Menschen.

Als mich später die Demokratie der unabhängig gewordenen Ukraine zunehmend an Repins Bild „Die Saporosher Kosaken schreiben einen Brief an den türkischen Sultan" erinnerte und ich vor der Frage stand, nach Deutschland auszuwandern und dort meine letzten Lebensjahre zu verbringen oder zu bleiben, wählte ich ohne zu schwanken die erste Antwort. Dies obwohl ich wusste, dass sich dort bei veränderten Verhältnissen - ähnlich denen der Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts - eine Judenverfolgung wiederholen könnte, wenn auch nicht in solchen Maßstäben. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Begegnung auf der Straße, kurz vor meiner Abreise nach Deutschland. Ich traf die ehemalige Sekretärin des Bezirkkomitees. Sie fragte mich: „Haben Sie keine Angst nach Deutschland zu fahren? Vielleicht lockt man euch Juden dorthin, um euch dann leichter erledigen zu können." Die Bedenken einer um das Schicksal von uns Juden sehr „besorgten" Spitzenkommunistin.

Aber damals, am Ende des vorigen Jahrhunderts war ich überzeugt, dass die ökonomische und sozialpolitische Lage in der BRD keine Sorgen um eine gefahrlose Zukunft der Juden rechtfertigten.

Meine Hoffnungen und die der meisten jüdischen und nichtjüdischen Menschen, die aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen sind, um einneues Leben führen zu können, haben sich erfüllt. Viele von uns können stolz sein auf die Erfolge ihrer Kinder und Enkel­kinder an den Gymnasien und Universitäten und an ihren Arbeitsplätzen.

Natürlich gibt es auch Unzufriedene, die mitunter nicht ohne Grund klagen, doch nur wenige von ihnen kehren in ihre ehemalige Heimat zurück. Besonders die Älteren klagen häufig. Das ist ganz natürlich. Wir werden auch in Deutschland nicht jünger und unsere Krankheiten nehmen zu. Doch man heilt uns ebenso wie die alteingesessenen Deutschen, bringt viele scheinbar hoffnungslos Kranke wieder auf die Beine, ohne dass sie dafür bezahlen müssen. Viele von uns Alten quält die Einsamkeit. Doch das wäre uns Alten auch in unseren ehemaligen Heimatländern geschehen. Uns bedrückt die Trennung von der alten Heimat - eine „Krankheit" fast aller Emigranten, zu allen Zeiten, unabhängig von der Nationalität, vom sozialen Status und vom intellektuellen Wissen.

Dabei haben wir doch die Möglichkeit uns in Seniorenclubs zu treffen, zur Unterhaltung und zum gemeinsamen Feiern von Festen. Wir haben die Möglichkeit zu privaten Gesprächen bei einem Gläschen Wein. Und am Schabat können wir mit Gott sprechen.

Statt dessen sitzen wir allein in den langen Herbst- und Winterabenden vor dem Fernsehgerät und schauen uns russische Serien an oder lesen Weiberromane. Die Zukunft gehört bekanntlich der Jugend. Doch es wird noch viel Zeit verlaufen, bis unsere Nachkommen „richtige" Deutsche sein werden, Deutsche mit jüdischer Herkunft. Und die heutigen Deutschen werden mit uns (mit seltenen Ausnahmen) nicht im engen Verkehr stehen, obwohl sie von uns Immigranten fordern, wir sollten uns schneller in die deutsche Gesellschaft integrieren. Das versuchen wir Juden viel intensiver alle anderen ethnischen Gruppen in Deutschland. (Ich spreche hier von den in den letzten 10-15 Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion eingewanderten Juden).

Wir wünschen uns mehr Vertrauen der deutschen Behörden in die Fähigkeiten der hochqualifizierten jüdischen Fachleute - Ärzte, Lehrerinnen, Ingenieure - die man nicht als Hausmeister oder Putzfrauen beschäftigen sollte. Besonders jetzt, da in Deutschland solche Fachleute dringend gebraucht werden.

Es gibt noch viele andere Probleme in den Beziehungen zwischen den Deutschen und den Immigranten, darunter solche mit den „jüdischen Flüchtlingen", die in Wahrheit nicht aus ihrem Heimatland geflohen sind, sondern die, wie Imre Kertesz es gesagt hat, „nur einen bequemen Ort für das Leben auf der Erde" gesucht haben.

Um diese Probleme lösen zu können, braucht man Geduld und Anstrengungen von beiden Seiten. Heute gibt es viele Gründe zu glauben, dass die kleiner werdende Kluft zwischen den Deutschen und „russischen" Juden in naher Zukunft verschwinden wird. Dass wir als gute, freundliche Nachbarn zusammenleben werden - so wie in der guten, alten Zeit vor der Nazipest. Möge Gott es geben!

von Aron Barenboym

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