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Aron BarenboymDas deutsche Wort „Ostarbeiter" ist nach dem Krieg in die ukrainische Sprache eingedrungen - wie so viele andere deutsche Wörter im Verlauf von Jahrhunderten, z.B. Fuhre, Dach oder plündern. Beachten Sie bitte: Nicht Zwangsarbeiter, sondern das mildere Wort Ostarbeiter, obwohl nur ein kleiner Teil dieser Menschen freiwillig in den ersten Kriegsmonaten nach Deutschland gekommen ist, um dort ein besseres Leben zu finden.

Dies hatten ihnen die deutschen Behörden in den besetzten Gebieten versprochen Doch die meisten Ostarbeiter sind unter Zwang aus ihren Familien gerissen und nach Deutschland getrieben worden. Sie wohnten in Lagern und mussten zusammen mit sowjetischen Kriegsgefangenen in Fabriken und Gruben schwere Arbeiten verrichten. Hunderttausende starben an Unterernährung und Krankheiten. Darüber gibt es viele veröffentlichte Dokumente und noch mehr unveröffentlichte in verschiedenen Archiven.

Die Heimkehrer erzählten über ihr Leben in Deutschland sehr wenig und nur im engsten Familienkreis. Galten sie doch vielen Mitbürgern und der sowjetischen Propaganda als Helfer der Deutschen im Kampf gegen das sowjetische Volk oder als Verräter ihres Vaterlandes.

Ich erinnere mich an eine Kriegsepisode Mitte April 1945. Unser Kavallerieregiment rückte ohne Pferde längs des linken Elbufers in Richtung Dresden vor. Von Westen kam uns auf einer Landstraße eine lange Kolonne junger Männer und Frauen entgegen. Es waren Ostarbeiter, die einen Übergang ans östliche Elbufer suchten. Wir sind stehen geblieben, um festzustellen, wer sie waren und wohin sie wollten. Am Rande des Weges stand ein junges Paar und sprach lebhaft miteinander. Aus ihren Gesichtern strahlte Freude. Vielleicht stammten sie aus dem selben Ort und sind sich hier zufällig begegnet. Plötzlich ging ein Rotarmist auf sie zu und begann sie zu beschimpfen. Der junge Ostarbeiter versuchte, ihm etwas zu erklären, aber der Soldat wollte ihm nicht zuhören und mit den Worten „verfluchter Verräter" erschoss er den Unglücklichen. Ich und viele meiner Kameraden waren erstaunt, aber keiner von uns Frontkameraden verurteilte die Gräueltat des Soldaten.

Noch heute sehe ich den Schrecken und das Weh in den Augen der jungen Frau.

Dieser Vorgang kann erklären, warum es die Ostarbeiter für klüger hielten, über ihr Leben in Deutschland zu schweigen. Erst nachdem die Bundesregierung beschlossen hatte, den Ostarbeitern für ihre schwere Arbeit in der deutschen Industrie und Landwirtschaft eine Entschädigung zu zahlen, hörten sie auf sich zu fürchten und begannen Papiere zu suchen, die ihren Status als Ostarbeiter bestätigten. Dies ist eine Wahrheit über die Ostarbeiter. Es gibt noch eine andere. Viele Ostarbeiter, die damals in der Landwirtschaft arbeiteten, lebten bei den deutschen Bauern nicht so schlimm, wie es die sowjetische Propaganda behauptete. Ich kannte einige Leute aus meiner Heimatstadt, die sich mit großer Achtung und oft sogar mit Liebe an ihre Wirte erinnerten. Freilich erst nachdem die Ukraine unabhängig geworden war und die Presse freier schreiben konnte. Eine damals bereits betagte Dame, die während des Krieges ein junges Mädchen gewesen war, kam oft zu mir, weil ich Briefe lesen und übersetzen sollte, die sie aus Deutschland bekam. Sie erzählte mir, dass ihr Wirt sie nach dem Krieg als

Tochter bei sich behalten wollte. Doch sie wollte natürlich nach Hause zu ihren Eltern, zu ihrer Familie. Anfang der 90-er Jahre besuchte sie mit ihrem Neffen ihren ehemaligen Wirt. Bald danach starb dieser. Seither stand sie mit dessem Sohn im Briefwechsel. Ich las seine Briefe. Sie waren herzlich und wohlwollend. So schreibt man nur an Verwandte. Er grüßte sie von seinen Nachbarn und vom Pfarrer seiner Gemeinde. Man lud sie und ihren Neffen zu einem weiteren Besuch ein.

Eine andere alte ukrainische Frau kam zu mir mit einem Brief vom Sohn des Wirtes, bei dem sie während des Krieges gearbeitet hatte. Sie war damals 15 Jahre alt. Auch dieser Brief war mit seelischer Wärme geschrieben. „Ich schicke dir ein Foto aus meinem Album, das ich vor der Abfahrt an die Front gemacht habe, auf welchem man sieht, wie du auf unserer Wiese die Kuh melkst", schrieb der Sohn des verstorbenen Wirtes.

Würde ein Feind solche romantischen Worte schreiben? Das ist ein Brief an eine liebe Bekannte. Vielleicht war er damals ein wenig verliebt. Und das zwingt uns, über so viele Dinge aus unserer Vergangenheit nachzudenken. Unter allen Umständen kann und sollte der Mensch ein Mensch bleiben. Das ist die unbestreitbarste und schönste Wahrheit unseres Daseins.

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