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Roland Linowski und Aron Barenboym, 2008

Vor fast einem Jahr veröffentlichte die russischsprachige „Jüdische Zeitung“ einen großen Artikel unter dem Titel „Virus der Macht und Immunität vor Anständigkeit“. Der Autor unterschrieb den Artikel, wie immer, mit dem einst verbreiteten Vornamen Lejb, was mir offen gesagt ebenso imponierte, wie alle seine Artikel in der „Jüdischen Zeitung“.

Dieser Artikel war dem Leben der jüdischen Gemeinde in Köln gewidmet. Er begann mit den Worten: „Für mich ist es ganz klar, dass die jüdische Gemeinschaft in Deutschland krank ist.“ Eine schlimme und bittere Bestätigung, die, wie es mir scheint, als Epigraf über vielen Artikeln stehen könnte, die in jüdischen Zeitungen erscheinen. Ich hätte nichts dagegen, es auch über meine Publikation zu setzen, obwohl deren Thema weniger aufregend und für das Schicksal des Judentums in Deutschland nicht so wichtig ist.
In der „Jüdischen Zeitung“ wird viel über die Lebensprobleme der russischsprachigen Juden diskutiert und mitunter heftig gestritten. Begleitet wird das Ganze von einem Kampf verschiedener Gruppen und einzelner Persönlichkeiten um Macht und Privilegien. Doch das ist nicht mein Thema. Mich ärgert etwas anderes, was aber auch mit diesem Ringen in den Gemeinden verknüpft ist.
Manchmal wird diskutiert, wie man den „Tag des Sieges“ feiern soll. So wie früher in der Sowjetunion, mit reich gedeckten Tischen und viel Wodka, mit Liedern der Kriegs- und Nachkriegszeit, unter dem Gebimmel der in der Sonne glänzenden Kriegsauszeichnungen der Veteranen oder bescheiden im Familienkreis und ohne Öffentlichkeit. In diesem Jahr werden wir am 9. Mai wieder den Sieg über den Nazismus feiern. Deshalb möchte ich mich als Kriegsveteran zu diesem Thema äußern.

Die Mehrheit der Deutschen erkennt nicht, dass die Alliierten sie vom Nazismus befreit haben, obwohl sie wissen wie unmenschlich dieses Regime war und dass es auch dem deutschen Volk Unglück und Leid gebracht hat. Sie halten sich für Besiegte und sind davon überzeugt, dass die Armeen der Antihitlerkoalition als Besatzungstruppen in Deutschland stationiert waren. Der „Tag des Sieges“ ist für viele Deutsche eher ein Tag der Trauer (erinnern wir uns an den Film „Die Russen kommen“). So äußern sich oft die noch lebenden deutschen Kriegsteilnehmer, und dafür kann man sie nicht verurteilen. Jedes Volk empfindet eine Niederlage als eine Tragödie.
Etwas anderes (was uns nicht gefällt) ist die Tatsache, dass in vielen alten Köpfen der Nazigeist noch immer und in einigen jungen Köpfen wieder lebt und Hitler für diese Verblendeten ein großer Führer war – so wie auch Stalin für einige verblendete Russen. Ich hörte im Fernsehen von ehemaligen deutschen Militärangehörigen solche Äußerungen: „Die Amerikaner, Engländer und Franzosen waren unsere Gegner, aber die Russen unsere Feinde.“
Deswegen war die Behandlung der russischen Kriegsgefangenen so unmenschlich und jüdische Soldaten und Offiziere, die in Gefangenschaft gerieten, wurden an Ort und Stelle getötet.
Doch die Zeiten haben sich grundlegend geändert und die Deutschen in der Bundesrepublik haben uns sowjetischen Juden freundlich aufgenommen, geben uns alles Nötige, das ein Mensch für ein anständiges Leben braucht. Und unsere Kinder studieren und arbeiten in ihrem neuen Heimatland.
Wie können wir, die wir so gut aufgenommen wurden, hier in Deutschland in aller Öffentlichkeit den „Tag des Sieges“ feiern wollen? Das ist Unsinn! In ein fremdes Haus kommen und die Füße auf den Tisch legen!
Ich wiederhole: Der „Tag des Sieges“ ruft bei vielen Deutschen keine guten Gefühle hervor, sondern unangenehme Empfindungen. Der Wunsch vieler ehemaliger sowjetischer Juden den „Tag des Sieges“ öffentlich zu feiern, ist, wie man heute sagt, politisch nicht korrekt, ja sogar anstößig und schon gar nicht klug.
Lebende sowjetische Kriegsteilnehmer, echte Frontsoldaten des 2.Weltkrieges, gibt es nur sehr wenige (von den Wismarer Juden nur vier Männer, alle über 80 Jahre alt) und diese können unter sich und nach alter Tradition den „Tag des Sieges“ feiern; am gedeckten Tisch und mit einem Gläschen Wodka. Da haben wir die Möglichkeit, uns an die Jugendjahre an der Front zu erinnern. Jeder wird etwas Interessantes aus seinem Frontleben erzählen. Nach einem Gläschen werden wir mit leiser Stimme und Tränen in den Augen einige Frontlieder singen (zum Tanzen sind wir schon zu alt). Danach werden wir miteinander über die Fähigkeiten und die Erfolge unserer Enkel sprechen, die in Deutschland ein neues Zuhause gefunden haben. Zum Schluss werden wir uns Gesundheit wünschen, damit wir uns nächstes Jahr zur gleichen Feier wiedersehen können. Wieder im engen Familienkreis und wieder ohne Vertreter der Öffentlichkeit.

Freuen wir uns in der Zwischenzeit lieber über unser ruhiges und auskömmliches Leben ( und vergleichen wir es mit dem miserablen unserer Frontkameraden in der ehemaligen Heimat) und sprechen wir öfter mit unserem Gott in der Synagoge. Das ist nicht nur angenehmer, sondern auch nützlicher, als der ständige Streit zwischen verschiedenen „Lagern“ in den Gemeinden, der scheinbar wie eine chronische Krankheit zu allen Gesellschaften gehört. Einer Krankheit, gegen die zu meinem Bedauern noch kein wirksamer Impfstoff gefunden wurde.

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