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Eine kafkaeske Geschichte
Geschrieben von: Ofer Aderet. Übersetzt aus dem Hebräischen von Benjamin Rosendahl   
Donnerstag, den 24. September 2009 um 17:31 Uhr

Kafka, 1906 Kafka, 1906

Hava Hoffe ist Nachlasshalterin von Max Brod, dem engsten Freund Franz Kafkas. Sie läßt niemanden an den Nachlass heran. Weder die jüdische Nationalbücherei in Jerusalem noch ein deutsches Archiv sind aber bereit, aufzugeben.

Welche Schätze verbergen sich im Nachlass des Autors Max Brod, dem engsten Freund Franz Kafkas? Als er [Brod, BR] vor 41 Jahren verstarb, ging sein Nachlass an seine Sekretärin und Geliebte aus Tel-Aviv, Esther Hoffe, über. Sie verfuhr damit nach Belieben, verkaufte einiges an den nächstbesten Anbieter und versperrte den Zugang zu dem Rest. Seit sie vor zwei Jahren verstarb, verwaltet ihre Tochter, Hava Hoffe, den Nachlass, und weigert sich, ihn wegzugeben. In einem Prozeß hinter verschlossenen Türen, wo es heiß hergeht, verklagt die „Jewish National and University Library“ Hoffe um dem Rechtsanspruch auf die Unterlagen, die in ihrem Besitz sind. Kürzlich hat sich diesem Kampf auch überaschend ein sehr respektables deutsches Archiv angeschlossen.

(Dieser Artikel erschien ursprünglich in der israelischen Tageszeitung Haaretz auf hebräisch)

 

Das Familiengericht von Tel-Aviv befindet sich in einem unauffälligem Bürogebäude, zwischen einem Teppichgeschäft und einem Imbiß-Kiosk, in Tel-Avivs Nachbarstadt Ramat-Gan. Hier versammeln sich kleinere Menschenmengen, um Gerichtsurteile über langweilige, aber oft schicksalshafte Angelegenheiten zu hören, wie z.B. Unterhalts-regelungen, Scheidungen, Testamente und Erbschaftsfragen. Es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass die Menschen, die in den letzten Monaten in den Gang zusammengedrängt haben, sich bewußt sind, dass sich zwischen den vielen Akten auf dem Schreibtisch der Gerichtssekretärin eine Akte liegt, die zwar unspektakulär ausschieht, aber dessen Inhalt Millionen Menschen auf der ganzen Welt interessieren wird. Weder die Seriennummer noch der Name der Akte deutet auf ihre Bedeutung hin, oder auf das, worauf alle Eingeweihten ungeduldig warten – nämlich auf die Entscheidung der Richterin, die sich mit diesem Fall befasst – Talia Koppelmann-Ferdo heißt sie.

Im Zentrum dieser Akte steht eine moralische Frag ersten Grades, die die Welt der Literatur aufschütteln wird, die israelisch-deutschen Verhältnisse beschädigen kann, die aber auch eine 40-jährige Geschichts-, Kultur- und Rechtsdebatte beenden kann. Es geht um die Akte des Nachlasses des Schriftstellers Max Brod, dem engsten Freund Franz Kafkas, und der Person, der wir zu verdanken haben, dass die Welt das Schaffen und das Genie Kafkas zu Gesicht bekommen hat.  Dieser Nachlass, der auch Teile Kafkas Nachlasses enthält, sollte eigentlich in einem verschlossenen Archiv sein, in einem Museum oder in einer öffentlichen Bibliothek, wo er Forschern, Akademikern und Kafka-Fans zugänglich sein würde. Stattdessen befindet er sich in einer Privatwohnung sowie in einigen Bank-Schließfächern in Tel-Aviv.

Vor einem Jahr wurde über diese Umstände in einer Artikelserie der „Galleria“ (Wochenendausgabe) der „Haaretz“ berichtet. Diese Aufdeckung veranlasste die „Jewish National Library“ dazu, die Seidenhandschuhe abzulegen und Klage einzureichen. Klage gegen die eine Frau, die den gesamten Nachlass verwaltet – Hava Hoffe, 75 Jahre alt, pensionierte Bodenstewardess bei El-Al. Die Kläger wollen Hoffe dazu verklagen, den Nachlass der „Jewish National Library“ zu überreichen. Dort –so hoffen die Alteingesessenen der Bücherei- kann der Nachlass katalogisiert, bearbeitet und der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Seit der Einreichung der Klage, und bis heute – einige Monate später- wird unter den verschlossenen Türen des Familiengerichtshof den Emotionen freier Lauf gelassen, wird geschrieen, wird gedroht. Bis vor einer Woche war nur sehr wenigen überhaupt von der Existenz dieses Verfahrens bekannt gewesen. So waren weltweit selbst Experten der deutschen Literatur, die sich jahrelang mit Kafkas Schriften befasst hatten, überrascht, als sie davon erfuhren.

Was genau sich in diesem Nachlass befindet, das weiß kein Mensch genau zu sagen. In den 70er Jahren befanden sich dort Briefe, Zeichnungen und Entwürfe Kafkas. Es kann sein, dass all dies im Verlauf der Jahre bereits an verschiedene Archive weltweit verkauft wurden. Sicher ist, dass sich unter den in die tausenden gehenden Dokumenten auch bis dato unbekannte Einzelheiten über das Lebens des großen Schriftstellers befinden.


Das Testament

Diese kafkaeske Geschichte überschreitet geographische, historische und kulturelle Grenzen. Sie fängt nach Kafkas Tuberkulose-Tod in einem österreichischen Kurort [Kierling, bei Wien, BR] im Jahre 1924 an. Kafkas engster Freund, Max Brod, fand an dessen  Schreibtisch einen zusammengeknüllten, handgeschriebenen Zettel, der sich unter einem Stapel Papier befand. Dieser Zettel, zusammen mit einem anderen, stellte sich als das Testament Kafkas heraus. Seinen persönlichen Nachlass –einschließlich handgeschriebener Manuskripte, Tagebücher,Briefe, Notizen und Zeichnungen- wollte Kafka vernichtet haben. „Mein Freund Max“, schrieb er Brod, „meine letzter Wille ist der: Alles, was du im Nachlass findest...verbrenne es, ohne es zu lesen.“

Kafka reichte diese Aufforderung nicht aus. Er bat seinen Freund, Schriften „aus dem Bücherschrank, dem Kleiderschrank, dem Schreibtisch, dem Haus und dem Büro, oder sonst einem Ort, wo sie jemanden in die Hände fallen könnten“ zusammenzutragen und „alles, ohne Ausnahme, und am besten ungelesen“ zu verbrennen, „sobald als möglich.“ Nur sechs Geschichten seines Oeuvres rettete Kafka vor dem Feuer, warnte Brod aber: „Ich habe damit nicht den Wunsch ausgedrückt, dass sie neugedruckt werden sollen und für zukünftige Generationen aufgehoben werden sollen. Im Gegenteil, mein wahrer Wunsch erfüllt sich, sollten sie verloren gehen. Nachdem sie aber existieren, halte ich niemanden davon ab, sie in seinem Besitz zu haben, wenn sie es so wünschen.“

Zu Lebenszeiten veröffentlichte Kafka nur wenig, und dem wurde auch keine besondere  Aufmerksamkeit geschenkt. Wäre sein Testament nach Wunsch erfüllt worden, hätte die Menschheit nie die großen Romane Kafkas zu Gesicht bekommen: „der Process“ [Schreibweise des Originals, BR], „das Schloss“ und „der Verschollene“ (von Brod unter dem Titel „Amerika“ veröffentlicht). Und auch die Mehrheit seiner Kurzgeschichten wurden posthum veröffentlicht. Denn Brod erfüllte nicht ein Wort des Testaments Kafkas, im Gegenteil: Er investierte einen großen Teil seiner Zeit um sämtliches, was sein Freund Kafka geschrieben hatte, zu finden, bearbeiten und veröffentlichen, einschließlich Briefe, Tagebücher und Notizen.

Im März 1939, als die Nazis in Prag einmarschierten, flüchtete Brod mit seiner Frau im letzten Zug, der die Stadt verlaß, zunächst nach Rumänien und von dort per Schiff ins britische Mandatsgebiet Palästina. Mit Brod, der begeisterter Zionist war, wanderte noch ein enger Freund Kafkas nach Israel ein, und zwar der Philosoph Felix Weltsch, ebenso wie dessen Neffe, Haim Adler, der später den renommierten Israel-Preis für seine Leistungen im Erziehungswesen erhalten würde. Adler ist der letzte der drei, der noch am Leben ist. Brod war zu dem Zeitpunkt 55 Jahre alt. Er hatte einen Koffer bei sich, in dem sich die Manuskripte der Romane und Geschichten Kafkas sowie dessen sonstiger Nachlass befand.

Diesen Koffer nahm Brod mit sich in seine neue Wohnung, in der Yarkon-Straße in Tel-Aviv, nicht weit vom Strand entfernt. Dort hat er bis an sein Lebensende gelebt. Dieses Jahr hat die Stadtverwaltung Tel-Avivs am Hauseingang eine Erinnerungstafel an Brod hingestellt. Im Mai fand zu diesem Anlass eine Zeremonie statt, unter der Leitung des Bürgermeisters, Freunde Brods und einiger Schaulustiger. Auch Hava Hoffe war da, die Erbin des Nachlasses. Sie weigerte sich, über den Inhalt des Nachlasses, der in ihrem Besitz ist und den sie der Öffentlichkeit vorenthält, zu sprechen. Stattdessen gab sie einige Erinnerungen bekannt. Der Hausbesitzer, bei dem Brod den Mietvertrag unterzeichnet hatte, und der inzwischen auch ein sehr reifes Alter erreicht hat, sah aus der Ferne zu.

Von dieser Wohnung aus bearbeitete und veröffentlichte Brod auch weiter Teile des Kafka-Nachlasses. Nach dem Tod seiner Frau im Jahre 1942 half ihm bei dieser Arbeit Esther Hoffe, wie er eine Neueinwanderin nach Israel, die 22 Jahre jünger als Brod war. Brod hatte sie im Ulpan [einen Hebräisch-Sprachkurs für Neueinwanderer] in Tel-Aviv kennengelernt. Hoffe, die verheiratet und Mutter von zwei Töchtern war, adoptierte Brod auf eine gewisse Weise: Sie sah in ihm einen Teil ihrer Familie. „Unser Haus war sein Haus. Er hatte kein eigenes.“ So erzählte es 1968 in einem Interview der „Haaretz“- Sie organisierte 26 Jahre lang die Handschriften Brods (der auch weiterhin auf deutsch schrieb), machte Korrekturlesungen und bereitete sie auf den Druck vor. „Seine Handschrift zu lesen war sehr schwer. Nur ich konnte sie entzifferen“, meinte sie. Diese Hingabe scheint aber auch andere als gutmenschliche Motive gehabt zu haben – Neid, Zwangsneurosen und Habsucht, zum Beispiel. Das enge Verhältnis der beiden, das wohl auch romantische Züge annahm, ermöglichte Hoffe vollen und ungeteilten Zugang zu dem Literaturschatz, den Brod aus Prag retten konnte – dem Nachlass Kafkas.

Einer der Menschen, die Brod am nähesten kannten, war Dr. Emil Feuerstein, inzwischen verstorbener Theaterkritiker der „Ha-Zofeh“-Zeitung. Vor 20 Jahren schilderte er der „Hadashot“-Zeitung das Verhältnis von Brod und Hoffe. „Wir, der Freundeskreis Brods, konnten sie nicht ausstehen“, sagte er. „Sie war nicht auf demselben Niveau wie er. Sie hat den Eindruck einer Hilfskraft gemacht. Wir haben nie verstanden, was er in ihr sah.“ Brod scheint aber einiges in ihr gesehen zu haben: So war er ihr nicht nur eng verbunden und gab ihr seine Texte zur Bearbeitung, nein, Brod sah in Hoffe auch eine Poetin, deren Poesie er zu veröffentlichen versuchte. Ein anderer enger Freund Brods, der Schriftsteller S. Shalom, meinte einst, dass Brod von Hoffe abhängig gewesen war. „Ohne sie hätte er nicht leben könnem“, sagte Shalom der „Hadashot“-Zeitung. 


Der Schatz

1956 segelten Kafkas Schriften erneut über das Meer. Dieses Mal brachte Brod die handgeschriebenen Manuskripte der drei Romane von Israel in die Schweiz, denn er hatte Angst, dass sich der Sinai-Feldzug zu einem regionalen Krieg ausbreiten würde. Es ist aber auch möglich, dass Brod sie von Israel wegbrachte, da er dem „Archiv-Gesetz“ ausweichen wollte, dass im Vorjahr in Israel erlassen worden war. Nach diesem Gesetz muss jeder, der Dokumente in seinem Besitz hat, die eine Bedeutung für das jüdische Volk oder den Staat Israel haben, zumindest eine Kopie dem Staatsarchiv zukommen lassen. Brod behielt den Schatz, den er in Händen hiel, nicht für sich selbst. Nach einigen Jahren spendete er zwei der Manuskripte –die Romane „das Schloss“ und „Amerika“- der Universitätsbibliothek der Oxford University in Großbritannien, wo sie sich bis heute befinden. Das Manuskript zu „der Process“, den er als Geschenk von seinem Freund erhalten hatte, behielt er aber für sich.

Brod verstarb 1968 in Tel-Aviv, im Alter von 84 Jahren. Sein literarischer Nachlass – der auch Teile des Nachlasses Kafka enthielt- vermachte er der Person, die ihm an nächsten stand – Esther Hoffe. In seinem Testament legte er fest, dass sie die einzige Person sei, die das Recht habe, seine Werke, Tagebücher und Briefe zu veröffentlichen. Er legte ihr auch auf, seinen Nachlass der „Jewish National Library“ in Jerusalem, der Stadtbibliothek von Tel-Aviv oder einem öffentlichen Archiv in Israel oder außerhalb zu vermachen. Die einzige Ausnahme waren die Briefe Hoffes an ihn, die –so legte Brod es fest- erst 25 Jahre nach dem Tod des letzten Überlebenden der beiden veröffentlicht werden könne – ein weiteres Zeichen von vielen, dass Brod etwas zu verheimlichen hatte, wenn es um die Beziehung der beiden ging.

„Brod war sich bereits zu Lebzeiten des Wertes der in seinem Besitz befindlichen Werke für die Forschung und die Kultur bewußt, und ordnete daher an, sie einer öffentlichen Institution zu geben, damit diese kulturellen Schätze in einem sicheren Ort bewahrt werden würden und der Forschung zugänglich sein würden“, so eine Aussage der „Jewish National Library“. Dieses Testament steht jetzt im Mittelpunkt des Gerichtsprozesses. Eines ist jedoch klar: Was sich seit damals, bis zum Tode Esther Hoffes vor zwei Jahren, im Alter von 102, abspielte, kann als Betrug angesehen werden, ähnlich dem Betrug Brods an Kafkas. Jedoch mit einem Unterschied: Während Brods Betrug die Schriften des großen Schriftstellers der Welt zugänglich machte, hat Hoffes Betrug die Öffentlichkeit von den Schriften entfernt.

Anstatt Brods letzten Willen zu erfüllen, und seinen Nachlass einer öffentlichen Institution zu geben, hat Hoffe den Schatz, der in ihre Hände gefallen war, zur Bereicherung benutzt. Akademiker, Journalisten und viele mit der Sachlage bekannte Menschen stimmen darin überein, dass Hoffe den Nachlass Brods wie eine Kuh gemolken hat, dass sie ihn in der Welt zerstreut hat, immer auf der Suche nach dem Höchstbietenden. So verkaufte sie verschiedene Briefe und handgeschriebene Manuskripte des Nachlasses Brods an Auktionshäuser in Europa. Der Name des Verkäufers war zwar anonym, wie üblich bei Auktionen, jedoch deuten alle Umstände auf Esther Hoffe.

Wirft man einen Blick auf die Kataloge von deutschen Auktionshäusern, so findet man eine ganze Reihe von Objekten, die im Nachlass von Kafka und Brod gewesen waren, und die im Verlauf der Jahre die Runde verschiedener Auktionshäuser gemacht haben, wobei sie für beachtliche Summen Hände wechselten. So wurden beispielsweise im Februar 1974 22 Briefe und 10 Postkarten, die Kafka an Brod geschrieben hatte, sowie einige Briefe anderer Schriftsteller an Brod, zu einem Startpreis von 90.000 Mark (ca. 46.000 EURO) versteigert; im November 1985 verkauften sich Briefe Kafkas an seine Freundin Felicia Bauer für 11.000 Mark (ca. 5.600 EURO): im März 1988 verkauften sich 17 Briefe die Brod aus Tel-Aviv geschrieben hatte zu unbekannten Preis; im März 1999 verkaufte sich ein Brief, den Kafka an seinen guten Freund, den Schriftsteller Franz Werfel geschrieben hatte, für 55.000 Mark (ca. 28.000 EURO). Der Höhepunkt wurde im November 2001 erreicht, als sich Kafka-bezogene Dokument zum höchsten Preis der Autkion verkauften – für 70.000 Mark (ca. 36.000 EURO). Im März von 2006 wurde ein wictiger Brief Kafkas an Brod zu einem Startpreis von 60.000 EURO versteigert; und vor weniger als einem Jahr, im November 2008, wurden Entwürfe von Liebesbriefen Kafkas für 25.000 EURO verkauft.

Jeder, der sich für den Restbestand interessiert hat, der sich in Israel in den Händen Hoffes befindet, wurde schroff und sturr abgewiesen. Dies gilt auch für Anfragen öffentlicher Institutionen, vor allem für das israelische Staatsarchiv und die „Jewish National Library“. Im Archiv der „Jewish National Library“ befindet sich noch heute eine dicke Akte, die vier Jahrzehnte von Anfragen an Hoffe dokumentiert. Das Ergebnis dieser Anfragen: Nichts. „Alle Versuche scheiterten. Sie war, gelinde gesagt, eine unmögliche Frau. Und ihr Anwalt hat sämtliche Möglichkeiten einer Übereinkunft mir ihr vereitelt“, sagt ein pensionierter Dienstälterer der „Jewish National Library“, der sehr mit dieser Affaire bekannt ist. „Sie wollte nur Geld“, sagen andere.

Im Juli 1974 wurde Hoffe am Ben-Gurion-Flughafen in Tel-Aviv, auf dem Weg in die Schweiz, aufgehalten. Sie hatte verscuht, Manuskripte Kafkas von Israel herauszuschmuggeln. Hinter dem Aufhalten stand der Staatsarchivar Israels, der die Zollbehörde darüber informiert hatte, dass Hoffe das „Archiv-Gesetz“ zu brechen versuchen würde, und aus Israel bedeutende Dokumente, von denen im Archiv keine Kopie vorliegen, ins Ausland zu bringen. In Hoffes Besitz befanden sich zu dem Zeitpunkt [d.h. am Flughafen, BR] sechs Umschläge, die Bilder von Briefen Kafkas sowie eine Kopie seines Reisetagebuchs enthielten. Auch das Original-Tagebuch von Brod befand sich in den Umschlägen.

Nach diesem peinlichen Vorfall unterschrieb Hoffe eine Übereinkunft mit dem Staatsarchiv, wobach sie sich verpflichtete, Kopien des Nachlasses Institutionen des öffentlichen Rechts zukommen zu lassen. Auch dieses Mal führte sie die öffentlichen Institutionen hinters Licht, denn sie stellte dem Staatsarchiv nur einen kleinen Teil des Materials zur Kopie zur Verfügung. Der damalige Staatsarchivar war Prof. Abraham-Paul Alsberg, der vor drei Jahren verstarb. „Wir haben einige Behälter mit Mikrofilm von ihr. Zweifellos hat sie jedoch den Großteil aus Israel herausgeschmuggelt“, erzählte er in den 80er Jahren. „Nichts ist einfacher, als Dokumente zu schmuggeln. Welcher [am Flughafen arbeitende, BR] Angestellte schaut denn in einen Umschlag, wenn man ins Ausland fliegt?“

Gegen Ende der 80er Jahre wurde eine Einverständniserklärung zwischen Hoffe und der „Jewish National Library“ geschlossen. Hoffe setzte einige Auflagen auf die Weiterleitung des Nachlasses –oder Teile davon- an die Bibliothek. Diese Auflagen änderten sich jedes Mal, wenn die „Jewish National Library“ sie erfüllt hatte. Schlußendlich hat Hoffe bis zu ihrem Tod den Nachlass nicht an die Bibliothek weitergeleitet.


Der Nachlass

Auch im Ausland gab es einige Menschen, die sich für den Nachlass interessierten, und auch sie erhielten von Hoffe die kalte Schulter. Eine von diesen Menschen, Hellen Stern, ist die letzte noch lebende Familienangehörige Brods. Die Schwester ihrer väterlichen Großmutter, Else Taubig, war Brods Ehefrau. „Ich erinnere mich noch heute an die Streitereien zwischen meinem Vater und Frau Hoffe, die sich weigerte, die in ihrem Besitz befindlichen Briefe Brods uns zu zeigen“, sagt sie in einem Telefongespräch von ihren Haus in London. „Es würde mich interessieren, ob sich im Material der Familie Hoffe auch die eine oder andere Sache, die mit unserer Familie zu tun hat, befindet – Briefe oder Fotos. Wir haben kein einziges Foto von der Ehefrau unseres Onkel Max.“

Reiner Schtach, einer der wichtigsten Kafka-Biographen, hat auch einiges an Kritik an Hoffe auszusetzen, die sich weigerte, ihm Material zu zeigen und dadurch verhinderte, dass er den Teil der Biographie, der sich mit seiner [Kafkas, BR] Jugend befaßt, zu veröffentlichen. „Jemand, der eine sollche Erbschaft in seinem Besitz hat, trägt damit eine kulturelle Verantwortung“, so Schtach. „Ich habe aber nicht den Eindruck, dass die Erbin Brods das versteht. Die teuersten Teile des Nachlasses hat sie verkauft. Zum Rest verweigert sie Zugang, obwohl sie vielfache Anforderungen von Archiven, Verlägen und Forschern bekommen hat. Diese Verhaltensweise ist, objektiv betrachtet, verantwortungslos. Es bleibt nur zu hoffen, dass ihre Töchter, die ihren Nachlass geerbt haben, eine bessere Einstellung haben.“

Klaus Wagenbach, ein deutscher Verleger und Kollege Schtachs, der als Autorität, als letztes Wort der Schriften Kafkas gilt, kam 1956 zu Forschungszwecken nach Israel. Damals besuchte er auch die Wohnung von Brod in Tel-Aviv, und war einer der wenigen Auserwählten, die Teile des Nachlasses Kafkas zu Gesicht bekamen. Wagenbach stellte überraschenderweise fest, dass Brod hinter dem Rücken von Hoffe agieren musste, um ihm [Wagenbach, BR] zu erlauben, einer der handgeschriebenen Briefe zu kopieren. „Brod gab mir in der Nacht einer der Briefe, den er Franz Kafka geschrieben hatte, damit ich eine Kopie machen könne und sie ihm am nächsten Tag –ohne dass Esther Hoffe es merken würde- geben könne,“ erzählte er diese Woche der „Haaretz“. „Sie war sehr unkooperativ“, fügte er diplomatisch hinzu.

Ein Jahrzehnt später organisierte Wagenbach eine Konferenz von Kafka-Forschern in Berlin, mit dem Ziel, eine annotierte Ausgabe seiner Schriften herauszugeben. Auch dieses Mal erschwerte Hoffe, die sich weigerte, Forschern Zugang zum handgeschriebenen Manuskript des „Process“ zu geben, das sie von Brod als Geschenk erhalten hatte, die Aufgabe. Nach Brods Tod porträtierte Wagenbach in einem Artikel, den er im „Spiegel“ 1982 veröffentlichte, Hoffe nicht so diplomatisch wie bisher. „Leider verwehrt Brods Sekretärin und später Erbin, Esther Hoffe, Forschern nicht nur die Möglichkeit, seine Handschriften zu erforschen, sondern sogar die Möglichkeit, mit Kopien derselben zu arbeiten“, schrieb er. „Das steht im Widerspruch zu Brods Absichten. Er hat nicht die Handschriften Kafkas vor den Nazis gerettet, und sein eigenes Leben riskiert, damit sie sie verkauft, wobei sie sämtliche Verpflichtungen der Welt der Literatur gegenüber mißachtet.“

Sechs Jahre später verwicklichte sich diese Prophezeiung: Hoffe verkaufte das wichtigste und wertvollste Dokument des Nachlasses Brods: Das Manuskript das Romans „der Process“. Kafka, der ihn Brod geschenkt hatte, hatte ihn in seinem Testament gebeten, ihn [den Roman] zu verbrennen. Er hätte wohl in seiner wildesten Vorstellung nicht geglaubt, dass eine Frau, die ihn noch dazu überhaupt nicht kannte, den Roman nach Deutschland verkauft, um sich daran zu bereichern.

Um ihre Spuren zu verwischen, wandte sich Hoffe an das englische Auktionshaus Sotheby´s in London, das das Manuskript an den deutschen Buchhändler Heribert Tenschert verkaufte, der im Auftrag der Bundesregierung Bonns arbeitete. Tenschert bat die höchste Summe an, die für diesen literarischen Schatz je angeboten wurde – 1.98 Million Dollar – und er brach damit einen Weltrekord: Es ist dies die höchste Summe, die je für ein Manuskript der Moderne gezahlt wurde. „Meiner Ansicht nach, war das ein billiger Preis“, wurde er damals in den Medien zitiert, „es handelt sich nämlich hier um das wichtigste Werk der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Und Deutschland musste es besitzen.“

Deutschland besaß das Manuskript dann auch: Es wurde in das Literaturarchiv nach Marbach gebracht, wo es sich bis heute in einem abgesicherten Schließfach befindet. Weitere Werke Kafkas, die es nach Marbach brachten, waren „der Brief an den Vater“; „der Dorfslehrer“ (eine unvervollständigte Kurzgeschichte); und Briefe, die Kafka an seine Geliebte Milena Yasenska, an Max Brod, an Felix Weltsch und andere schrieb.

Im Mai dieses Jahres, einige Monate nach Prozessbeginn in Sachen des Nachlasses, tauchten erneut Teile des Nachlasses Brods in Deutschland auf. So erzählte Ullrich von Bilb, der Leiter der deutschen Handschriftsabteilung eines deutschen Archivs der „Süddeutschen Zeitung“ in einem zu Anlaß des 125. Geburtstags Brods veröffentlichten Artikel, dass eine neue Sammlung ihn erreicht habe. Diese Sammlung enthalte Briefe, die Brod an eine Bekannte aus Kölln geschrieben hatte, einen Artikel, den er über Kafkas Krankheit geschrieben hatte sowie einen Nachruf auf Brod, von Esther Hoffe nach dessen Tod verfasst. In einem der erwähnten Briefe, die für den Artikel fotographiert wurden, kann man klar das Logo des Briefpapier Brods erkennen, mit der Aufschrift: „Tel-Aviv“. In einem weiteren Brief, den Brod im Dezember 1967, genau ein Jahr vor seinem Tod, verschickte, preiste er die Gedichte Esther Hoffes. „Wor haben die neuen Dokumente Max Brods letztes Jahr in einer Auktion in Deutschland gekauft“, beantwortete von Bilb die Anfrage der „Haaretz“, „Sie sind herzlich eingeladen, zu kommen und sie sich anzuschauen.“

Auf die Frage, ob die Verkäuferin Esther Hoffe aus Tel-Aviv gewesen war, ging von Bilb nicht ein.    


Das Erbe

Vor zwei Jahren verstarb Esther Hoffe. In ihrem Testament vermachte sie eine Reihe von Briefen und Büchern des Nachlasses ihren beiden Töchtern: Hava und die ältere Schwester, die Kosmetikerin Ruth Vilser. Sie [Esther Hoffe, BR] schrieb folgendes: „Die Entwürfe, Briefe und Zeichnungen Kafkas, die mir der verstorbene Max Brod geschenkt hatte, habe ich meinen Töchtern im Mai 1970 zu gleichen Teilen als Geschenk gegeben. Die Bücher Kafkas, von Brods Bücherei, bleiben im Besitz meiner beiden Töchter.“

Nachdem die Affaire von „Haaretz“ vor einem Jahr veröffentlicht wurde, hat die „National Jewish Library“, die Rechtsanwalt Meir Heller vertritt, diesen Einfrierungsprozess zu stoppen versucht. Heller hat in der Klage, die dem Familiengericht in letzter Minute, kurz vor dem Inkrafttreten des Testaments, eingereicht wurde, verlangt, dass den Töchtern der Nachlass Brods, der Teil des Nachlasses von Esther Hoffe ist, nicht weitergereicht würde. In der Zwischenzeit versteckt Hava Hoffe den Nachlass. In Gesprächen mit Bekannten hat sie erwähnt, dass sie vorhat, das was vom Nachlass übrig geblieben ist, an Archive in Deutschland zu verkaufen. „Das [diese Klage, BR] ist doch unfassbar! Der Nachlass meiner Mutter gehört ihnen [der Jewish National Library, BR] nicht. Sie werden ihn mir nicht wegnehmen“, sagt sie in privaten Gesprächen. Sie weigert sich zudem, mit Journalisten zu sprechen, zumindest während der Prozess noch läuft.

Während der letzten Lebensjahre von Esther Hoffe häuften sich Berichte darüber, dass der Nachlass Brods in unpassenden Bedingungen gehalten wurde. „Katzen streunen zwischen den Handschriften Kafkas“, so eine Schlagzeile der „Yedioth Acharonoth“ [israelische Tageszeitung, BR] im Juni 2006. Bei einem Besuch auf der Spinozah-Strasse in Tel-Aviv vor zwei Wochen schien die Wohnung verlassen zu sein. Ein unangenehmer Geruch lag in der Luft, und man konnte im Umfeld viele Katzen sehen. Allen Anschein nach kommt Hava Hoffe hier jeden Tag einige Male vorbei, um sich um die Katzen zu kümmern, die –so hat man den Eindruck- hier ihr Zuhause sehen.

Die Nachbarn Hoffes haben sich schon einige Male bei der Stadtverwaltung über den unsanitären Zustand beschwert. Einmal kamen sogar Vertreter der Veterinärabteilung. Es ist aber eher unwahrscheinlich, dass sich der Nachlass von Brod dort noch immer befindet. Allen Berichten nach wird er in einem Bankschließfach in Tel-Aviv aufbewahrt, sowie wahrscheinlich auch in einer zusätzlichen Wohnung von Hava Hoffe, die sich in der Schweiz befindet. „Ich bin doch nicht dumm. Das Material befindet sich in einem Schließfach“, so Hoffe in einem Gespräch, dass sie vor einigen Monaten vor dem Gebäude ihrer Wohnung führte.

„Brod würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, was mit seinem Nachlass passiert“, sagt Nurit Pegi, die ihr Doktorat über Brod für die Haifa-Universität schreibt. „Es kann angenommen werden, dass er von der für den Nachlass verantwortlichen Person erwartet hätte, dass sie seine Werke veröffentliche, ebenso wie er mit großer Beharrlichkeit viele Jahre lang alles dransetzte, damit die Werke Kafkas veröffentlicht werden. Er hätte bestimmt nicht gewollt, dass all dies in einer Schublade oder einem Bankschließfach irgendwo verschlossen sein würde, und zu schimmeln anfangen würde.“

Die Frage, was sich im Nachlass von Max Brod, der im Besitz von Hava Hoffe übergegangen ist, befindet, hat schon seit vielen Jahren Forscher weltweit beschäftigt. Kafka-Fans mit blühender Phantasie gehen davon aus, dass bisher unveröffentlichte Geschichten Kafkas dort befinden, die Brod bis dato unter Verschluss gehalten hatte. Ein wahrscheinlicheres, jedoch ebenso spannendes, Szenarium besagt, dass sich im Nachlass hauptsächlich persönliches Material Brods befindet, das sich u.a. mit seinem guten Freund Kafka beschäftigt, und ein neues Licht auf Kafka werfen kann. Dabei geht es um die unzähligen Briefe, die Brod von seinen Freunden, Verwandten und weltweiten Kollegen der Literaturszene erhalten sowie verschickt hatte, und deren Nummer in die tausende geht. Forscher nehmen auch an, dass Brod einige Kritzeleien und Zeichnungen Kafkas aufgehoben hatte. Heute, nachdem Kafka schon seit einiger Zeit zu einem Symbol und Kulturhelden geworden ist, kann jeder Fetzen, jeder Schnipsel, der einen Hinweis auf sein Leben gibt, Anlass zu einer weitreichenden Entdeckung des genialen Schriftstellers geben.

Der wahre Grund der Geheimhaltung und Geheimnistuerei von Hava Hoffe ist wohl, neben wirtschaftlichen Gesichtspunkten, etwas sehr persönliches. Das wohl wichtigste und interessanteste Dokument des Nachlasses ist nämlich das persönliche Tagebuch Brods, das niemals veröffentlicht worden ist. Es hat das Potential, neues Licht auf Kafka zu werden, und zudem neue Seiten der Freundschaft der beiden zeigen, auch solche, die Brod verheimlichen wollte.

Bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten gab es den Plan, diese Tagebücher zu veröffentlichen. Das war 1988, einige Monate, bevor Esther Hoffe „den Process“ nach Deutschland verkaufte. Hoffe ging damals eine ungleich profitablere Abmachung ein, die beinhaltete, dass sie die Urheberrechte der Tagebücher Brods verkaufen würde. Eine fünfstellige Summe wurde vom renommierten  „Artemis & Winkler“-Verlag, mit Sitz in Zürich, an das Bankkonto von Hoffe überwiesen. Hoffe jedoch erfüllte ihren vertraglich festgehaltenen Teil der Abmachung nicht, auch dann nicht, als sie das Geld erhielt. Sie weigerte sich, die Tagebücher herauszurücken.

Seitdem wurde der Verlag von einem großen deutschen Verlag aufgekauft, der heutzutage kein Interesse hat, sich mit dieser Geschichte zu befassen. Jedoch gibt es jemanden, der sich bis ans kleinste Detail dieser Affaire erinnern kann: Eva Korlenik, eine der Besitzer der Agentur „Lippmann“, die Autoren repräsentiert. Korlenik hat damals zwischen Hoffe und dem Verlag vermittelt. Letzte Woche sagte sie in einem Telefongespräch von Paris: „Dies ist eine traurige Geschichte, die uns und unseren Klienten sehr aufgeregt hat. Wir haben sie [Hoffe, BR] jahrelang zu überzeugen versucht, ihren Teil des Vertrages einzuhalten, aber sie hat sich immer geweigert.“ Nach Meinung von Korlenik, „haben wir auf jeden möglichen Weg versucht, mit ihr Kontakt aufzunehmen – auf dem Postweg, über Rechtsanwälte...ich bin sogar persönlich nach Israel gekommen, aber sie hat sich geweigert, uns die Handschriften zu geben.“

Letztendlich, so Korlenik, „hat der Verlag sowohl das Geld verloren als auch die Möglichkeit, die Tagebücher zu veröffentlichen.“ Auf die Frage, warum sie nicht Klage gegen Hoffe eingereicht haben, antwortet Korlenik: „Was hätten wir tun können? Sie war eine alte Dame. Wir haben alles uns Mögliche getan, aber wenn sich jemand weigert, zu kooperieren – dann ist es unmöglich, ihn dazu zu zwingen.“ Nach Angaben von Hava Hoffe, die sie dem „Spiegel“ gegenüber im Jahr 1993 machte, würden „die veröffentlichten Tagebücher „etwas Schreckliches“ enthüllen“. Das Nachrichtenblatt deutete damals auf eine beschämende romantische Dreiecksbeziehung hin.


Die Briefe

Ein weiterer Verlag, der noch eine offene Rechnung mit der Hoffe-Familie hat, ist der Schocken-Verlag der Familie Schocken (in deren Besitz auch die „Haaretz“ fällt). Nach dem Tode Kafkas kaufte Zalman Schocken von Kafkas Eltern die Rechte auf die Veröffentlichung der Werke und Manuskripte Kafkas. Einige Jahre lang hatte der Schocken-Verlag Lizensgebühren vom weltweiten Verkauf der Bücher Kafkas erhalten. Die Original-Manuskripte jedoch, die Brod in sein Haus gebracht hatte, bekam Schocken nie zu Gesicht. Auch vom Verkauf einiger dieser Manuskripte an Archive erhielt er keinen Pfennig. Dem Verlag Nahestehende haben die oben dargebrachten Informationen bestätigt. Sie gaben an, dass, „wenn sich im Nachlass von Max Brod noch Manuskripte von Franz Kafka befinden sollte, diese der Schocken-Familie gehören, und nicht Brod.“
Der Nachlass enthällt auch 70 Briefe, die sich Brod und die letzte Liebe Kafkas, Dora Diamant im Verlauf von mehr als 20 Jahren gegenseitig geschrieben hatten. Nach Angaben von Kathi Diamant von der „University of San Diego, California“, Autorin einer Biographie Dora Diamants unter dem Titel „Kafka´s Last Love: The Mystery of Dora Diamant“ sind diese Briefe, die u.a. auch Bezug auf den gemeinsamen Nenner der beiden [Brod und Diamant, BR], also Kafka, nehmen, nie veröffentlicht worden, obwohl sie einen großen Wert für die Forschung haben. Ein sehr kleiner Abschnitt dieser Briefe, der vom wohlgehüteten Nachlass durchgesickert ist, zeigt, wie bedeutend sie sind. Er weist auf etwas Trauriges hin, das einen direkten Bezug zum verlorenen Nachlass von Kafka hat.

Dabei handelt es sich um einen verzweifelten Brief, den Dora Diamant 1933 an Brod schrieb. „Die Dokumente Kafkas sind verschwunden. Briefe, Seiten seines Tagebuchs und weitere Dinge, die ich hatte“, schrieb sie. Diamant, eine jüdische Kommunistin, ging in dem Brief auch auf den Einmarsch der GeStaPo in das Haus in Berlin, wo sie wohnte, ein, und wo sie 35 Briefe, die Kafka ihr geschrieben und 20 vollgeschriebene Hefte, die Kafka für sich selbst geschrieben hatte, aufbewahrte. All dies wurde nie veröffentlicht. Brod versuchte daraufhin seine Beziehungen spielen zu lassen: Er wandte sich an den tschechischen Kultur-Attaché der Botschaft in Berlin. Als dieser versuchte, herauszufinden, was das Schicksal der Dokumente Kafkas sei, teilte ihm die GeStaPo mit, dass in der Gegend eine große Menge an Papierkram aufgesammelt worden sei, und dass es daher ein Ding der Unmöglichkeit sei, aus dieser Masse die Dokumente von Kafka zu finden. In den 50er Jahren suchte Brod in verschiedenen europäischen Archiven nach diesen Dokumenten, jedoch ohne Erfolg. Bis zum heutigen Tage sucht das „Kafka-Projekt“ unter der Leitung von Kati Diamant nach den verlorenen Dokumenten in den Archiven Osteuropas.

Dora Diamant gelang es, von Deutschland in die Sowjetunion zu flüchten, und von dort im Jahr 1939 nach Großbritannien. Dort verstarb sie 1953. Ihr Neffe, Zvi Diamant, der 62 Jahre alt ist, lebt in Holon, Israel. Er leitete vor einem Jahrzehnt eine Gruppe von Familienangehöriger Dora Diamants, deren Ziel es war, einen Denkstein auf ihrem  anonymen Grab in London zu errichten. In einer weiteren Ironie, wurde auch ihr letzter Wille –ebenso wie der Kafkas und Brods- nicht erfüllt: Sie hatte sich gewünscht, in Prag, neben Kafka, beerdigt zu werden. Ihr vollständiges Testament haben ihre Familienmitglieder nie zu Gesicht bekommen: Es befindet sich, zusammen mit an Brod addressierten Briefen, in dessen Nachlass, in den Händen von Hava Hoffe, und damit weit entfernt von den Augen der Öffentlichkeit.

Zvi Diamant hofft, mit Hoffe über diese Angelegenheit eine Übereinkunft zu treffen. Ein weiterer Israeli, der ungeduldig auf die Veröffentlichung des Nachlasses hofft, ist der Schauspieler Eli Gorenstein, der der Enkel von Felix Weltsch ist. Gorensteins Großvater hat ihn viele Dokumente vermacht, die sich im Nachlass befinden. „Aufgrund der Weigerung Hoffes, die Briefe, die mein Großvater an Brod geschrieben hat, zu veröffentlichen, werden der Öffentlichkeit wichtige Materialen vorenthalten, die ein neues Licht auf die interessante Freundschaft faszinierender Menschen werfen könnte“, so Gorenstein.

Der Prozess

„Mir ist die Verhaltensweise von Have Hoffe ein Rätsel. Ich habe keine Erklärung für diese sturre Geheimnishalterei, die sie schon seit Jahren um die Dokumente, die sich im Archiv Brods befinden, betreibt“, sagt Pegi zusammenfassend. „Wenn die Erinnerung an Brod ihr wirklich so wichtig wäre, hätte sie doch das Archiv für jeden, den es interessiert, geöffnet. Dann wäre sein Erbe in den unzähligen Artikeln und Forschungsprojekte, die geschrieben werden würden, verewigt worden.“ Ihrer Meinung nach „darf nicht vergessen werden, dass Brod eine Schlüsselfigur der deutsch-jüdischen Literatur bis zum Zweiten Weltkrieg war. Die Freigabe seiner Tagebücher, Briefe, die er von Literaten und Künstlern während dieses Zeitraums bekam sowie die Veröffentlichung von ihm verfasster Theaterstücke, Kurzgeschichten und Romane, die noch unveröffentlicht sind, aber deren Existenz im Archiv bekannt seit einigen Jahren bekannt ist, hätten die Erinnerung an ihn wieder aufleben lassen. Auch hätte das dazu beigetragen, dass er den zentralen Platz erhalten würde, den er verdient hat.“

In der Zwischenzeit findet in Ramat Gan in langsamen Tempo die Verhandlung um den Rest des Nachlasses statt. Die Anwälte der „Jewish National Library“, der Fiduziar und die Hoffe-Schwestern philosophieren über die Interpretation des Testaments – auf eine Weise, bei der jede Version die Basis einer Kurzgeschichte Kafkas sein könnte. Eine weitere Seite hat sich der Verhandlung hinzugefügt: Das deutsche Literaturarchiv von Marbach. Vertreter der wohlhabenden und respektablen Institution haben einen israelischen Anwalt eingestellt, der sie vertritt, mit dem Ziel, den Nachlass nach Marbach zu bringen, denn –so das Argument- der angemessene Platz des Nachlasses sei neben weiteren Manuskripten von Kafka und Brod, die sich bereits seit Jahren dort befinden und Forschern wie Besuchern zur Betrachtung bereit stehen. Bei meinem Besuch im Archiv vor zwei Jahren sah ich die Manuskripte unter exzellenten Bedingungen gehalten, die gleichzeitig der Öffentlichkeit vollen Zugang zu ihnen ermöglicht. Bei diesen Bedingungen kann die „Jewish National Library“ leider nicht mithalten, insbesonders, wenn sie sich weiterhin im derzeitigen, veralteten Gebäude befinden sollte.

Die „Jewish National Library“ hat dennoch keineswegs vor, aufzugeben: Sie bereitet sich auf einen langen juristischen und öffentlichen Kampf vor. „Die Weiterleitung eines Kulturschatzes aus Israel aufgrund einer ausländischen Kaufkraft ist ein unpassendes Phänomen, das der Forschung in Israel nur Schaden zufügt“, sagen sie dort. „Wir werden der Weiterleitung der Dokumente nach außerhalb der Grenzen Israels nicht zustimmen.“

Trotz vermehrter und wiederholter Anfragen der letzten Monaten, sowohl schriftlich als auch mündlich, haben sich Hava Hoffe und ihr Anwalt geweigert, ihren Standpunkt der Sachlage zu erklären. Letzte Woche legte Hoffe, in der Hoffnung, das Verfahren zu beschleunigen, vor dem Obersten Gerichtshof Israels Berufung ein. Dort klagte Hoffe auf die Vollstreckung des Testaments ihrer Mutter, und auf den Erhalt der dort erwähnten Geldsumme. „Im Nachlass meiner verstorbenen Mutter befindet sich ein Kapital in Höhe von einigen Millionen israelischen Shekel, dessen Erhalt von der Richterin mir grundlos verweigert wird“, schrieb Hoffe in ihrem Antrag. Weiter gab sie an, dass ihre Wirtschaftslage „sehr schlimm“ sei und dass sie „am Hungerstuch nage“.

Die „Jewish National Library“ gab an, dass sie „klagt, um den Nachlass in ihren Besitz zu kriegen, so wie Brod das in seinem Testament festgelegt hat. Frau (Esther) Hoffe hat zu ihren Lebenszeiten nicht die Funktion erfüllt, die Dr. Brod ihr auferlegt hatte, nämlich zu entscheiden, in welchem öffentlichen Archiv sein Nachlass aufbewehrt werden solle. Nach dem Tode Frau Hoffes konnten ihre Töchter nicht diese Funktion zu übernehmen, da Dr. Brod sie nicht ihnen gegeben hatte.“

Des weiteren gibt die „Jewish National Library“ an, dass Brod „den Auftrag gegeben hatte, seine Sammlung einem öffentlichen Archiv zu geben, wobei er die „Jewish National Library“ als erste und gegeignetste Stelle angab. Es ist hierbei klar, dass die Idee des Verkaufs der Sammlung gegen Geldsummen statt der Schenkung an ein öffentliches Archiv im Gegensatz zum Testament Dr. Brods steht. Daher geht die „Jewish National Library“ davon aus, dass sich das Gericht entscheiden muss, wie der letzte Wille Brods zu erfüllen sei, den er in seinem Testament ausgedrückt hat.“

Die „Jewish National Library“ weist den Vorwurf von sich, dass sie die in ihren Besitz befindlichen Bücher und Manuskripte nicht angemessen behandele, und daher nicht die  geeignete Institution für die Bewahrung des literarischen Nachlass Max Brods sei. In der Bücherei befinden sich bereits Dokumente und Archive von ca. 700 Personen, u.a. [Literaturnobelpreisträger, BR] Shai Agnon, Martin Buber, Achad HaAm und Albert Einstein. Die Bücherei wisse und könne die historischen Dokumente auf professionelle Weise bewahren, katalogisieren und der Welt der Forscher präsentieren. Sollte der Nachlass von Brod an die „Jewish National Library“ gelangen, werden sich professionellen Archivisten um ihn kümmern und Intellektuelle und Forscher könnten davon profitieren.

 

 

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