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Zweimal Wismar: 1936-38 und 1945
Geschrieben von: Prof. Ehrhard Bahr   
Dienstag, den 25. August 2009 um 18:41 Uhr

Wismar, Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Alliierten Truppen stießen bis Wismar vor und besetzten die Stadt am 2. Mai 1945. Bild: Wismar-Kalender.de Wismar, Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Alliierten Truppen stießen bis Wismar vor und besetzten die Stadt am 2. Mai 1945. Bild: Wismar-Kalender.de

Zweimal zwischen 1936 und 1938 und im Frühjahr 1945 befand ich mich mit meinen Eltern und Geschwistern in Wismar. Als ich das erste Mal nach Wismar kam, war ich vier Jahre alt. Mein Vater war von der Marine zum Aufbau der Luftwaffe nach Wismar abkommandiert worden. Die Marine hatten einen mindestens zehnjährigen Vorsprung in der Flugabwehr: sowohl in der Bordflak als auch in der Küstenflak. Die Luftwaffe wollte von dieser Erfahrung profitieren, und so wurde mein Vater zum Aufbau einer Flakabteilung nach Wismar versetzt.

Wir wohnten zunächst auf der Lübschenstraße, bis meine Familie eine Neubauwohnung am Wendorfer Weg bezog. Im Zuge der Kriegsvorbereitungen der NS-Regierung entwickelte sich Wismar damals zur Militär- und Rüstungsstadt. In den Dornier-Werken wurden Kampfflugzeuge für die Luftwaffe montiert, und die Kaserne wurde zum Standort einer Flakabteilung. Die Neubauwohnungen am Wendorfer Weg waren wahrscheinlich für die Ingenieure der Dornier-Werke und die Offiziere der Luftwaffe geplant.

 

Davon hatte ich als Vierjähriger natürlich keine Ahnung. Für mich waren die zwei Jahre in Wismar mit Kindheitserlebnissen erfüllt, die wohl kaum etwas mit den zeitgeschichtlichen Ereignissen zu tun hatten. Mein erster Kinobesuch und mein erster Ganz zum Zahnarzt fielen in diese Zeit. Mein erster Film war “Der Wolf und die sieben Geißlein.” Vor Aufregung stand ich immer wieder von einem Sitz auf und fiel dann unsanft auf den Boden, weil die Klappsitze für mich eine neue Erfahrung waren. Und den Zahnarzt bat ich zu seinem Erstauen um eine Behandlung, bei dem ich den verhaßten Bohrer vermeiden konnte.

Bis heute erinnere ich mich an einen Autounfall bei Regenwetter auf der Lübschen Straße und an den Unfall eines Krümperwagens, eines militärischen Kutschwagens, auf dem Wendorfer Weg. Die Pferde waren durchgegangen, und der Kutscher wurde an den Zügeln über das Straßenpflaster geschleift. Natürlich war ich kein Augenzeuge, aber ich mischte mich voller Neugierde unter die Zuschauer, um zu erfahren, was vorgegangen war. Heute erzähle ich die Geschichte vom Krümperwagen meinen Enkeln, die sich nicht vorstellen können, dass ein großer Teil des Straßenverkehrs in den dreißiger Jahren noch aus Pferdefuhrwerken bestand. Der Milchmann kam mit dem Pferdewagen, und das Eis für den Kühlschrank wurde damit transportiert.

Sehr früh machte ich Erfahrungen mit Geld. Von meinen Eltern bekam ich kein Taschengeld, da sie glaubten, dass ich kein Geld brauchte. Doch meine Spielgefährten hatten Geld, das zum Kauf von Brausepulver mit Himbeer-, Waldmeister- oder Zitronengeschmack diente. Sie schütteten das Brausepulver auf die Handfläche, spukten darauf, bis es aufschäumte, und leckten es dann mit der Zunge auf. Das Farbmittel hinterließ rosa, grüne oder gelbe Farbflecken auf der Hand. Günter Grass hat dem Brausepulver ein Extrakapitel in seinem Roman “Die Blechtrommel” gewidmet. Im Rückblick kann ich den Fetischismus des Helden Oskar Matzerath mit dem Brausepulver nur zu gut verstehen, wenn er mir auch keinerlei sexuelle Abenteuer verschaffte, sondern mich zum Diebstahl verleitete. Ich klaute das Milchgeld, das in der Küche für das Dienstmädchen bereitlag, um die tägliche Milch zu kaufen. Glücklicherweise verdächtigte man sie nicht, denn die Farbflecken auf der Hand überführten mich des Diebstahls in kürzester Zeit. Zur Strafe mußte ich Kartoffeln im Keller entkeimen. Jede Familie hatte damals einen Zentner Kartoffeln im Keller, die im Frühjahr entkeimt werden mußten, bevor sie zum Essen auf den Tisch kamen. Die neuen Kartoffeln im Juni, die angeblich aus Malta kamen, waren immer ein großes Fest. Die Arbeit im Keller verschaffte mir jedoch kein Geld, lediglich Entlassung aus der Strafe. Also versuchte ich mich als Unternehmer, indem ich Kamillenblüten sammelte und versuchte, sie in der Nachbarschaft als Kamillentee zu verkaufen. Tatsächlich bekam ich bei einer Gartenparty zur Erheiterung der versammelten Gesellschaft ungefähr fünfzig Pfennig, wobei ich zusehen mußte, dass meine Kamillenblüten im Mülleimer landeten. Natürlich wurden meine Geldgeschäfte meiner Mutter zugetragen. Das Resultat war, dass ich wiederum bestraft wurde und weiterhin kein Geld für Brausepulver hatte. So wurde früh in mir die Initiative zum Unternehmertum erstickt.

Das letzte Kindheitserlebenis, das in meiner Erinnerung mit Wismar verbunden ist, war die Geburt meiner Schwester, die meinem Bruder und mir zum 6. Dezember 1937 angekündigt war. Dieser Tag war Nikolaustag, und es erschien uns logisch, das wir zur Belohnung unseres guten Betragens eine Schwester bekommen würden. Doch die Schwester wurde erst am 8. Dezember geboren, und mein Bruder und ich mußten uns zwei Tage damit abfinden, dass wir uns schlecht betragen hatten und deshalb nicht auf eine Schwester hoffen konnten. Am 8. Dezember wurden wir schließlich erlöst und rechneten das freudige Ereignis unserem mustergültigen Betragen während der letzten zwei Tage zu.

Diese Erlebnisse fanden zufällig in Wismar statt und haben außer den Adressen wenig mit der Stadt zu tun. Mit Ausnahme eines Ausflugs nach Boltenhagen, wo das Seewasser so klar war, dass man den Grund sehen konnte, habe ich die Stadt damals als solche nicht wahrgenommen. Das sollte sich ändern, als wir uns 1945 auf der Flucht aus Swinemünde (heute: Swinoujście) für rund vier Monate in der Stadt aufhielten. Wir hatten Wismar 1938/39 verlassen, da mein Vater zum Aufbau des Westwalls in die Pfalz abkommandiert wurde und wir nach Kaiserslautern umzogen. Im folgenden Jahr gelang es meinem Vater, in die Marine zurückversetzt zu werden. Wir kehrten an die Ostsee zurück, dismal nach Swinemünde, wo wir bis zum Januar 1945 wohnten. Mit Ausnahme des Bombenangriffs auf Peenemünde im August 1943 waren die Inseln Usedom und Wollin bis dahin vom Krieg verschont geblieben. Wir sahen zwar die amerikanischen Flugzeuge wie Silberfische am Himmel, als sie über Swinemünde zum Angriff auf Berlin abdrehten, doch für uns fand der 2. Weltkrieg in der Ferne statt. Ab Januar 1945 konnten wir jedoch nicht länger die Augen verschließen, dass die Ardennenoffensive gescheitert war, keine Wunderwaffen mehr zum Einsatz kamen und die sowjetischen Armeen auf dem Vormarsch nach Berlin waren. Am Hafen in Swinemünde legten die Schiffe der Marine an, die Verwundete und Flüchtlinge aus Ostpreußen und Ostpommern zum Weitertransport nach Westen an Land brachten. Darunter waren auch viele der Trecks, die sich mit Pferd und Wagen auf die Flucht begeben hatten. Ich war inzwischen zwölf Jahre alt. Es gab keinen Schulunterricht mehr, und ich ging fast jeden Tag an den Hafen, um die Ausschiffung der Flüchtlinge zu beobachten. Von meiner Mutter hörte ich, dass wir uns auch bald dem Flüchtlingsstrom anschließen müßten. Doch die NS-Behörden erlaubten keine individuellen Reisebewegungen mehr. Durch-halte-Parolen gehörten zum Propaganda-Arsenal der Behörden. Die Bevölkerung mußte die offizielle Erlaubnis zur Flucht abwarten. Oft kam dieses Signal zu spät, so dass die Flüchtlingstrecks zwischen die Fronten gerieten und hohe Menschenverluste erlitten.

Meine Mutter bereitete uns mit Rucksäcken und Verpflegung auf die Flucht vor, aber ich glaubte immer noch nicht an den Ernst der Lage und ging zum Skilaufen auf einen Hügel in der Nähe unseres Hauses, wo wir uns eine Sprungschanze gebaut hatten und Skispringen übten. Doch eines Tags hörten wir von unseren Eltern, dass wir am späten Abend mit Feuerlöschwagen der Marine, die nach Westen verlegt wurden, zu Verwandten nach Wismar fahren würden. Wir durften niemand etwas davon erzählen und konnten uns von niemand verabschieden, denn die Nachbarschaft und die Behörden durften nichts von unserer Abreise erfahren. Als wir vier Kinder und meine Mutter am Abfahrtsort eintrafen, erfuhren wir, dass die Überführung der Feuerlöschwagen um einen Tag aufgeschoben war. Also ging es wieder zurück nach Hause und zurück in die Betten, um am folgenden Tag in der Frühe abzureisen. Ich hoffte vergeblich auf einen längeren Aufschub. Für mich war Swinemünde zu einem Heimatort geworden, und wir mußten wirklich alles, was nicht in die Rucksäcke paßte, zurücklassen. Selbst ich glaubte nicht mehr an eine Rückkehr. So kletterten wir auf die schmalen Bänke des Feuerlöschwagens und ließen die Stadt im Frühnebel hinter uns. Bei Zecherein überquerten wir die Peene-Brücke und befanden uns nun auf dem Festland. Die Fahrt nach Wismar dauerte zwei Tage. In der Nähe von Rostock übernachteten wir in einem Auffangslager der NS-Volkswohlfahrt, und am folgenden Tag trafen wir bei Neuschnee in Wismar ein. Da wir unsere Abreise geheim halten mußten, hatten wir unseren Verwandten in Wismar auch nichts mitgeteilt. Ich wurde vorausgeschickt, um ihnen unsere Ankunft mitzuteilen. Wir wurden freundlich aufgenommen, wie es im Krieg unter Verwandten üblich war.

Unsere Flucht aus Swinemünde war eine privilegierte Flucht. Aufgrund der Informationen meines Vaters erhielten wir die Mitfahrgelegenheit auf einem der Feuerlöschwagen der Marine, die nach Westen verlegt wurden. Die Behörden durften nichts von unserer Abreise erfahren. Meinem Vater wurde später Kriegsgericht angedroht, weil er die vorzeitige Abreise seiner Familie ermöglicht hatte, doch die Androhungen zerschlugen sich, zumal unsere Familie nicht die einizige war, die sich auf den Feuerlöschwagen nach Westen abgesetzt hatte. Für die damalige Mentalität war es typisch, dass meinem Vater nicht etwa vorgeworfen wurde, dass er aus der ihm zur Verfügung stehenden Information private Vorteile gezogen, sondern dass er mit unserer verfrühten Flucht zur Wehrkraftzersetzung beigetragen hätte. Wir entgingen damit nicht nur dem Chaos der überhasteten Flucht, sondern vor allem dem Bombenangriff auf Swinemünde vom 12. März 1945, bei dem über zwanzigtausend Menschen den Tod fanden. Sie wurden in Massengräbern am Golm, der höchsten Erhebung der Insel Usedom, beigesetzt.

Meine Verwandten hatten eine große Villa in Wismar. Das Zimmer einer der Töchter, die als Krankenschwester im Einsatz war, wurde uns als Wohnzimmer eingeräumt, und zum Schlafen stand für uns vier Kinder ein Mansardenzimmer zur Verfügung. Mein Onkel war Chirurg und Leiter des Krankenhauses und gehörte zur privilegierten Hierarchie der Stadt. Ihm stand ein Auto zur Verfügung. Ich erinnere mich, dass ich ihm beim Autowaschen geholfen habe. Auch sonst lebte meine Verwandten opulenter als es Normalfamilien im 6. Kriegsjahr möglich war. Meiner Mutter gelang es ohne Schwierigkeiten, die uns zustehenden Lebensmittelkarten in Wismar zu erhalten. So versuchten wir, eine gewisse Normalität in unserem Leben herzustellen. Für uns Kinder bedeutete es, dass wir wieder auf die Schule geschickt wurden.

In meinem Fall bedeutete es, dass ich mich in das KLV-Lager der Wismarer Stadtschule in Hasenwinkel begeben mußte und nicht allzu viel vom Leben in Wismar mitbekam. Die Kinder-Land-Verschickung der NS-Behörden war eine Einrichtung, um die Evakuierung der Kinder aus bombengefährdeten Städten zu kaschieren. In der Weimar Republik diente die Kinderlandverschickung dazu, um Kinder aus den Großstädten aufs Land und an die See zu bringen. Im Krieg wurden ganze Schulklassen von Kindern im Alter von zehn bis vierzehn Jahren aufs Land verlegt, um sie vor dem Bombenkrieg zu bewahren. Die KLV-Lager unterstanden der Hitlerjugend und wurden von Führern der Hitlerjugend geleitet. Die Kinder waren internatsmäßig untergebracht und wurden von ihren Lehrern aus den evakuierten Städten unterrichtet, doch der Tagesablauf mit Flaggenappell und Exerzieren erfolgte nach Richtlinien der Hitlerjugend.

Das Schloß Hasenwinkel befand sich in der Nähe von Warin, wohin man mit der Bahn fuhr. Von dort aus war es ein Fußmarsch von ungefähr 5-km nach Hasenwinkel. Ich kann mich nicht daran erinnern, ob es eine Busverbindung gab. Das Schloß war im Barockstil um 1912 für einen deutsch-russischen Diplomaten gebaut worden. In den dreissiger Jahren war es von den Heinkel-Werken übernommen worden, doch die Familie Girardet hatte das Wohnrecht behalten. Die Tochter Girardet ging in meine KLV-Klasse, und ich bewunderte sie aus der Entfernung, denn Ko-education gab es damals nicht und das Privileg der Girardet-Tochter war ein Sonderfall.

Die Schüler waren militärisch in Doppelstockbetten in den Mansardenzimmern untergebracht. Um 6:30 Uhr war Wecken und Waschen. Ein Lehrer in Sporthose jagte uns mit dem Rohrstock aus den Betten. Um 7:30 war Frühstück in einem Esssaal im Paterre. Darauf folgte der Unterricht in einem Seitengebäude. Das Essen war spartanisch: Brote mit Kunsthonig und widerlich süße Brotsuppen oder Milchsuppen mit Mehlklumpen, dazu rohe Kohlrüben als Gemüse. Doch das Essen nahm ich hin und entwickelte sogar eine Vorliebe für Wruken, wie die Kohlrüben genannt wurden. Grausig waren dagegen die sanitären Anlagen: im Schloßpark war dafür ein Latrinengraben ausgehoben mit einem sogenannten Donnerbalken, auf den wir uns hocken mußten, was besonders bei Wintertemperaturen äußerst peinlich war.

An Hitlerjugendführer und Dienstveranstaltungen kann ich mich nicht erinnern. Vielleicht waren die Fünfzehn- bis Achtzehnjährigen bereits als Flakhelfer und Arbeitsdienstmänner eingezogen worden und standen nicht mehr zur Verfügung. Anstatt der Hitlerjugend-Disziplin gab es für uns die paramilitärischen Umgangsformen, die uns vom Lehrerkollegium auferlegt wurden. Unsere Mansardenzimmer waren nach Kriegshelden benannt—ich wohnte auf der Stube “Otto Weddiggen,” nach dem U-boot-Kommandanten aus dem 1. Weltkrieg—und bei meiner Ankunft erhielt ich die übliche “Stubentaufe,” die aus einer Tracht Prügel von der gesamten Belegschaft (wahrscheinlich mit ausdrücklicher Genehmigung des Lehrerkollegiums) bestand. Unsere Stuben wurden militärisch inspiziert. Kein Staub durfte sich auf den Schränken befinden, und beim “Bettenbau” durfte es keine Falten auf den Bettlaken und Decken geben. Es ist möglich, dass wir beim Frühstück oder Abendbrot mit Leitsätzen der NS-Propaganda traktiert wurden, aber sie scheinen keinen Eindruck auf mich gemacht zu haben. Nachrichten von den sich nähernden Kriegsfronten hielt man von uns fern. Man berichtete uns lediglich von einem Tieffliegerangriff auf eine marschierende Gruppe von Schülern in der Nähe von Bad Kleinen. Damit waren wir hinreichend vom Marschieren in Gruppen gewarnt, aber wir waren sowieso nicht darauf versessen.

Der Schulunterricht war rudimentär und ödete mich an. Nicht alle Fächer wurden unterrichtet, kein Englisch, dafür aber Erdkunde. Ich war es gewöhnt, zu den besten Schülern zu gehören, aber als Neuankömmling hatte ich es mit Hierarchien zu tun, die sich bereits vor meiner Ankunft etabliert hatten und keine neue Konkurrenz duldeten. So zog ich mich aufs Lesen der wenigen Bücher zurück, die sich in der Schulbibliothek befanden, darunter Charles Dickens in deutscher Übersetzung. An Namen der Lehrer kann ich mich nicht erinnern. Nachmittags spielten wir manchmal Fußball ohne Aufsicht der Lehrer auf einem Sportplatz an dem naheliegenden See.

Einige unserer Freizeitbeschäftigungen grenzten ans Subversive: anstelle von Kriegsheften lasen meine Stubenkameraden Kriminal- und Schundromane und spielten Hot Jazz, der verboten war. Es gab sogar ein Extra-Wort dafür: wir “hotteten,” wie wir es nannten. Wir schlugen den Rhythmus auf Tisch und Stühlen, die uns als Trommeln dienten, doch an Widerstand dachten wir dabei auf keinen Fall. Es war die Attraktion des Verbotenen, die uns reizte. Grammofon und Schallplatten hatten wir auf dem Dachboden versteckt, zu dem wir von unserem Masardenzimmer Zugang hatten.

Mitte April wurden wir in die Osterferien nach Wismar geschickt. Ob damit das KLV-Lager Hasenwinkel sein Ende fand, weiß ich nicht. Was mir an Hasenwinkel gefiel waren der Name und die landschaftliche Lage: fast ein Ort, wo sich Fuchs und Hase Gute-Nacht sagen. Heute ist das Schloß Hasenwinkel ein Luxushotel, in dem internationale Firmen und wissenschaftliche Gesellschaften ihre Konferenzen abhalten, Hochzeiten der Hautevolee stattfinden und Kammermusik-Konzerte ein kennerisches Publikum anziehen

So kehrte ich zu Ostern nach Wismar zurück. Es war ohnehin unsinnig, nur einen Teil der Kinder ins KLV-Lager zu schicken, während die übrigen Kindern, wie z. B. meine Geschwister, den Bomben ausgesetzt blieben. Tatsächlich erlebten sie in der Nacht vom 14./15. April einen der schwersten Luftangriffe auf Wismar, der mir in Hasenwinkel erspart blieb. Die britischen Flugzeuge warfen Luftminen ab, die nicht nur großen Schaden in der Innenstadt anrichtete, sondern durch den Luftdruck die Dächer der übrigen Häuser abdeckten. Meine Mutter mußte meine Geschwister aus dem Mansardenzimmer retten. Nach meiner Rückkehr nach Wismar mußte ich auch wieder mit Luftangriffen rechnen. Tatsächlich mußten wir mehrmals den Luftschutzkeller aufsuchen, aber in diesen Nächten erfolgte kein weiterer Angriff auf die Stadt.

So verbrachten wir den Aprilmonat, der außergewöhnlich warm war. Da ich nichts zu tun hatte, half ich meiner Kusine, die bei der NS-Wohlfahrt am Bahnhof arbeitete. Bei den durchreisenden Flüchtlingen, Verwundeten und Soldaten war Extrahilfe beim Austeilen von Kaffee und Broten willkommen. Ich war in der Innenstadt und sah die Zerstörung der Marienkirche. Am Ost-Ausgang der Stadt wurde, wie ich hörte, an einer Panzersperre gebaut. Doch sonst lebten die Menschen in einer Art Trance. Da sie sich nicht vorstellen konnten, dass der Krieg verloren war und harte Zeiten drohten, hielten sie daran fest, ihr Leben so normal wie möglich zu führen, und machten sich keine Gedanken über die Zukunft.

Bis zum Schluß gab es Denunziationen. Meine Mutter erzählte mir später, dass unser Milchmann in Wismar verhaftet wurde, weil er sich einen dummen Witz während der Milchverteilung erlaubt hatte. Als Präsident Roosevelts Tod gemeldet wurde, meinte er in Gegenwart seiner Kunden, dass nur noch drei mehr sterben müßten, bis wir Frieden bekämen. Zu den drei Überlebenden zählte man Hitler, und dieser Witz kam dem Milchmann schwer zu kosten. Man hat ihn nicht mehr zu sehen bekommen, und niemand wagte nach seinem Verbleib zu fragen.

Ende April kam mein Vater auf der Durchreise nach Schleswig-Holstein bei uns in Wismar vorbei. Bis dahin war er in der Verteidigung der Festung Swinemünde an der Dievenow-Front eingesetzt. In den letzten Wochen des Krieges wurde er zum Aufbau einer Marineflakschule in Heiligenhafen abkommandiert. Dieser Auftrag in den letzten Wochen des Krieges war völliger Irrsinn, aber es rettete meinen Vater von der russischen Kriegsgefangenschaft. Meine Mutter, die heimlich Radio Beromünster abhörte, was streng verboten war, drängte auf unsere weitere Flucht. Ich weiß nicht, ob sie etwas von den zukünftigen Besatzungszonen erfahren hatte. Auf jeden Fall gelang es meiner Mutter am 28. April, mit uns vier Kindern Sitzplätze auf einer Zugmaschine der Luftwaffe zu erhalten. Damit entgingen wir der sowjetischen Besatzung Wismars.

Die Stadt wurde am 2. Mai zunächst von britischen und kanadischen Truppen besetzt, doch am 1. Juli 1945 an die sowjetischen Streitmächte übergeben. Mein Onkel war als Leiter des Krankenhauses von den britischen Besatzungstruppen verhaftet worden und in ein britisches Gefangenenlager gebracht worden. Meine Tante und ihre zwei Töchter hielten es nur wenige Monate unter der sowjetischen Besatzung aus, bis sie über die Zonengrenze, die damals noch als “grüne,” d.h. durchlässige Grenze galt, in den Westen flohen. Mein Onkel wurde später aus der Gefangenschaft entlassen, so dass die Familie später in Hannover wieder zusammengeführt wurde.

Am 28. April 1945 liefen wir mit unseren Rucksäcken bis zum Ost-Ausgang der Stadt, um dort auf die Zugmaschine für ein schweres Flakgeschütz zu klettern. Wir fuhren auf der Zugmaschine (ohne Flakgeschütz) bis Lübeck, wo wir die Nacht in einem Luftschutzbunker am Bahnhof verbrachten. Am nächsten Tag bestiegen wir einen Zug, der uns nach Neustadt in Holstein brachte. Am Abend waren wir mit unserem Vater in Heiligenhafen vereint. Am nächsten Tag erfuhren wir übers Radio, dass Hitler nach der NS-Sprachregelung “den Heldentod im Kampf um die Reichshauptstadt” gefunden hatte. Ich stellte mir damals den Führer in einem Schützengraben vor, wie er mit dem Gewehr in der Hand die Stadt Berlin verteidigte. Wann wir von seinem Selbstmord erfuhren, weiß ich nicht mehr.
Unsere Flucht war damit noch nicht zu Ende. Anfang Mai ging es auf Pferdewagen weiter, bis wir auf der Insel Fehmarn landeten. Dieser Teil der das mit Konzentrationslagerhäftlingen überfüllte Schiff Cap Arcona am 3. Mai 1945 von britischen Flugzeugen irrtümlich versenkt, wobei über viertausend Menschen ums Leben kamen. Doch als wir mit der Fähre nach Fehmarn übersetzten, zeigte sich kein Tiefflieger am Himmel. Am 9. Mai hörten wir übers Radio von der deutschen Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation. “Hurra, wir leben,” hätten wir ausrufen sollen, doch das war uns vielleicht zu dramatisch. Kein Mensch wußte, was man sich unter bedingungsloser Kapitulation vorstellen sollte, wenn wir überhaupt davon gehört hatten. Wir waren mit einer neuen Ungewißheit konfrontiert und verdrängten unsere Angst, indem wir das taten, worüber wir Kontrolle besaßen: wir feierten den Geburtstag meines Bruders.

Wir hatten das unwahrscheinliche Glück, mit unserem Vater auf Fehmarn vereint zu werden, wohin er als Kriegsgefangener gebracht worden war. Die englischen Besatzungstruppen überließen die Kriegsgefangenen auf der Insel der Selbstverwaltung. Mein Vater verbrachte die Kriegsgefangenschaft zusammen mit seiner Familie im Pfarrhaus von Landkirchen, wo wir einquartiert waren. Bis zum Herbst 1945 wurden die meisten der deutschen Kriegsgefangenen auf Fehmarn entlassen, einschließlich meines Vaters. Meine Eltern ließen sich in Soltau in der Lüneburger Heide nieder, wo sie über dreissig Jahre lebten. Meine Mutter und meine jüngste Schwester besuchten Wismar noch einmal nach der Wende, konnten sich jedoch mit Ausnahme der Innenstadt nur noch an weniges erinnern. Auch für mich sind lediglich die Internet-Fotos aus der Innenstadt eine Erinnerung an den zweiten Zeitabschnitt, den ich in Wismar als Zwischenstation auf der Flucht verbrachte. Das Foto vom Bahnhof weckte keine Erinnerungen, obwohl ich von dort nach Hasenwinkel abgefahren war und im April 1945 für die Wohlfahrt von Flüchtlingen und Soldaten gearbeitet hatte. Doch das Bild der Wismarer Wasserkunst ist mir bis heute vertraut geblieben.

 

Bilder aus Wismar unter: Wismar-Klender.de

 

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