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Aron Barenboym
Vor 70 Jahren begann mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen der II. Weltkrieg. Bis auf Schweden, die Schweiz, Portugal und m.E. Spanien waren alle größeren Staaten Europas davon betroffen. Die Völker der ehemaligen Sowjetunion, Polen, Juden und Deutsche hatten die größten Opfer zu beklagen. Die mit dem Krieg einsetzende systematische Vernichtung der europäischen Juden wird dabei für immer im Gedächtnis der Völker bleiben. 70 Jahre danach gibt es nur noch wenige Zeitzeugen dieser Ereignisse. Ich habe einen heute in Wismar lebenden Juden, den 89- jährigen Aron Barenboym, zu diesen Ereignissen befragt und möchte seine Antworten hier veröffentlichen.
Aron, wo und wie hast du den Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen erlebt?
Ich arbeitete damals als junger Lehrer in einer Dorfschule und besuchte Anfang September meine Eltern in Isjaslaw in der Ukraine. Durch die Leninstraße bewegten sich den ganzen Tag Reiterregimenter und Artillerie nach Westen zur polnischen Grenze. Ich war 19 Jahre alt und verstand wenig von den Ursachen dieser Ereignisse. Ich bemerkte nur, wie beunruhigt meine Eltern, Verwandte und ältere Leute waren und es verbreitete sich das Gerücht, viele westpolnische Juden wären auf die Seite der Roten Armee geflohen. Die sowjetische Propaganda erklärte, die Rote Armee befreie die Westukraine vom Joch des Kapitalismus. Ich selbst wusste damals bereits, dass ich im Oktober in die Rote Armee einberufen werde, um meinen Wehrdienst abzuleisten. Ich wusste auch von der Härte dieses Dienstes.
Hast du damals geglaubt, Hitler würde auch die Sowjetunion überfallen?
Nein, daran haben wir zu diesem Zeitpunkt nicht gedacht. Wir waren doch mit den Deutschen befreundet. Lange Güterzüge fuhren Getreide aus der Sowjetunion nach Deutschland und nach dem Sieg über Polen gab es eine gemeinsame Parade deutscher und sowjetischer Truppen. Viele ältere Menschen vertrauten dieser Freundschaft nicht und ahnten eine Veränderung der sowjetisch-deutschen Beziehungen. Doch wir jungen Burschen glaubten der Propaganda.
Wie hast du 1941 auf den deutschen Überfall reagiert?
Bei Kriegsbeginn diente ich in der Roten Armee in Mittelasien. Im Oktober wäre meine Dienstzeit beendet gewesen. Für uns kam der Überfall vollkommen unerwartet. Alle sowjetischen Menschen waren schockiert, auch wir Soldaten. Solchen Verrat hatte Stalin sich nicht vorstellen können und wie er reagierte, haben wir damals nicht gewusst. Wie sollten meine Kameraden und ich reagieren? Wir wussten, dass es unsere Pflicht war, das Vaterland mit allen Kräften zu verteidigen. Wir waren davon überzeugt, dass die Rote Armee den wortbrüchig gewordenen Feind schnell besiegen wird.
Du konntest dir also nicht vorstellen, dass die Wehrmacht so weit vorstoßen und der Krieg vier Jahre dauern würde?
Das konnte sich niemand vorstellen. Man hatte uns stets erklärt, dass jeder Angreifer auf seinem Territorium vernichtet werden würde. Doch nach zwei-drei Monaten wurde klar, dass die Rote Armee eine Niederlage erlitten hatte und der Krieg lange dauern würde. Doch vier Jahre, das konnte sich niemand vorstellen.
Wann hast du erfahren, dass man deine Familie und fast alle Juden deiner Heimatstadt ermordet hat?
Nachdem ich von der Befreiung meiner Heimatstadt Isjaslaw Kenntnis hatte, schrieb ich von der Front aus einen Brief an den Stadtrat, um das Schicksal meiner Familie zu erfragen. Die Antwort lautete: Ihre ganze Familie ist umgekommen.
Wer hat diese Menschen umgebracht?
Die so genannte „1.Aktion“ wurde von SS-Leuten mit Unterstützung von ukrainischen Polizisten durchgeführt. Die so genannte „2.Aktion“ haben ukrainische Polizisten allein durchgeführt.
Mit welchen Gedanken hast du während des Krieges und in den Nachkriegsjahren die Deutschen gesehen?
Den ersten Deutschen habe ich weit im Hinterland kennengelernt. Er war Starschina in einem Arbeitsbataillon, in dem neben anderen Sowjetbürgern auch Russland-Deutsche, Balten und Juden aus Polen dienten. Man hielt sie für unzuverlässig oder fürchtete, sie könnten mit den Deutschen kollaborieren. Anstatt an der Front zu kämpfen, sollten sie weit im Hinterland schwere Arbeiten verrichten. Da ich Lehrer und Komsomolze gewesen war, wurde ich als Politleiter eingesetzt. Der Starschina hieß Bauer und wir waren gute Freunde. Wir schliefen auf einer Pritsche und aßen aus einem Feldkessel. Später, an der Front, habe ich in einem Regimentsstab als Dolmetscher gedient und musste viele deutsche Gefangene verhören. Das waren zum größten Teil einfache Kerle, die sich nur wenig von den sowjetischen Soldaten unterschieden haben. Sie wollten ebenso wenig sterben wie wir. Mitunter gab es unter den deutschen Offizieren auch fanatische Nazis. Beim Anblick der deutschen Zivilbevölkerung verspürte ich keinerlei Hass. Das waren Frauen, Kinder und alte Männer. Obwohl ich selbst noch jung war, hatte ich schon viel Leid gesehen und wusste, was auch die deutsche Zivilbevölkerung ertragen musste. Ich spürte Mitleid. Es waren nicht die Mörder meiner Familie. Anfang der 90-er Jahre kamen oft Deutsche in die Ukraine. Sie brachten den Juden Kleidung und Nahrungsmittel. Wir saßen zusammen, aßen Borstsch und sprachen über den Krieg. Für uns waren diese Deutschen nette, wohlwollende und offenherzige Menschen. Es war schwer zu verstehen, dass einige ihrer Vorfahren so viel Kummer und Leid über uns Juden gebracht haben.
Was hast du bei deiner Rückkehr in die Ukraine erlebt?
Ich kam ohne Beutestücke im Rucksack zurück. Niemand empfing mich. In meinem Elternhaus lebten fremde Menschen. Meine Eltern und die drei Geschwister waren tot. Auf mich gestellt musste ich ein neues Leben beginnen. Dieser Anfang war sehr schwer, aber Gott hat mir geholfen. Ich lernte ein schönes Mädchen aus einer anständigen Familie kennen, die von ihrer Evakuierung zurückgekommen war, und heiratete sie. Sie war eine Diplom-Apothekerin und ich arbeitete als Deutschlehrer an einer Mittelschule.
Wie kam es, dass du Deutsch gelernt und gelehrt hast?
An der Front besuchte ich einen Dolmetscherkurs und verbesserte meine Deutschkenntnisse beim Umgang mit den Deutschen. Nach dem Krieg absolvierte ich, neben meiner Tätigkeit als Deutschlehrer, im Fernstudium die Kijewer Hochschule für Fremdsprachen.
Wie siehst du Deutschland und die Deutschen heute?
Heute ist Deutschland ein demokratisches Land, in dem jeder, der hier lebt, materiell mehr oder weniger versorgt ist. Das ist besonders für Einwanderer sehr wichtig, die noch keine Staatsangehörigen sind. Auch sie können in Deutschland ein menschenwürdiges Leben führen. Das Grundgesetz verteidigt die Würde aller Menschen. Die Deutschen haben sich als Nation vollkommen verändert. Statt Aggressivität Friedfertigkeit, Respekt vor anderen Völkern, Hilfsbereitschaft gegenüber armen Ländern. Das heißt nicht, dass in Deutschland alles in Ordnung ist. Wie unter allen Völkern gibt es auch in Deutschland Leute, die sich gegenüber „Fremden“ nicht gerade freundlich verhalten. Zu meinem Bedauern leben die Ideen der Nazis noch oder schon wieder in vielen Köpfen – leider auch in den Köpfen junger Menschen, die nicht mehr wissen, welch unermessliches Leid in den zwölf Jahren der Nazibarbarei über die europäischen Völker gekommen ist. Man muss sie besser darüber aufklären.
Glaubst du, Russen und Deutsche haben aus den bitteren Erfahrungen gelernt und werden nie wieder Krieg gegeneinander führen?
Ja, ich glaube es nicht nur, ich bin davon überzeugt. Die beiden Weltkriege haben Deutsche wie Russen davon überzeugt, dass Hass und Gewalt von einer Seite, Hass und Gewalt von der anderen Seite erzeugt. Heute wäre ein Krieg in Europa Selbstmord.
Was rätst du den jungen Menschen in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und in Deutschland, damit sie eine friedliche Zukunft erleben können?
Ich glaube, die meisten jungen Menschen wissen, was für sie gut und richtig ist. Auch als lebenserfahrener Mann könnte ich ihnen nur etwas sagen, das sie selbst wissen: In Frieden und Wohlstand kann man nur mit den anderen Völkern leben und nicht gegen sie. Auch wenn es auf beiden Seiten noch Menschen gibt, die einander misstrauisch und feindselig beobachten – ihre Zahl wird von Jahr zu Jahr kleiner werden. Wir werden einander brauchen.
Roland Linowski
August 2009, Roland Linowki befragte Aron Barenboym
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