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Erich HoneckerIn den Beständen des ehemaligen SED- Bezirksparteiarchivs Schwerin (Jugend und Sport IVE-2/16/ 2 393) wird ein Dokument aufbewahrt, das einen umfassenden Blick hinter die Kulissen der damaligen Machtstrukturen erlaubt. Es handelt sich um den „Plan für die Begrüßung und Stadtbesichtigung des Generalsekretärs des ZK der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der SED, Genossen Erich Honecker, und des Mitgliedes des Politbüros und Sekretär des ZK der SED, Genossen Günter Mittag, am 20.5.1987“, um ein detailliertes Drehbuch, nach dem dieser Besuch abzulaufen hatte. Anlass war der XIII. Bauernkongress, der in Schwerin veranstaltet wurde.

Die erste Begrüßung fand vor der Gaststätte „Mueßer Bucht“ an der Schweriner Stadtgrenze statt und war umrahmt von etwa 4500 Bürgern aus der Stadt Schwerin, 750 Bürgern des Landkreises Schwerin, 150 Bürgern aus dem Kreis Parchim, 80 Bürgern aus dem Kreis Güstrow und 40 Bürgern aus dem Kreis Lübz. Weit über 5000 Bürger mussten sich also im Umkreis der Mueßer Bucht versammeln, ausgestattet mit „Bildern des Generalsekretärs, Blumen, Fähnchen und Winktüchern, Transparenten mit persönlichen Bekenntnissen zur Politik der Partei- und Staatsführung sowie ihrem persönlichen Beitrag zur allseitigen Stärkung des Sozialismus und zur Sicherung des Friedens.“ Zur optischen Huldigung kam die akustische: Hochrufe auf den Genossen Honecker und das Lied „Hoch soll er leben!“ Angeführt wurden diese Heerscharen vom 1.Sekretär der Bezirksleitung, Genosse Heinz Ziegner, Mitglied des ZK, und den weiteren Repräsentanten des Bezirkes und der Stadt – dem Genossen Erich Postler, Mitglied des ZK und 2.Sekretär der Bezirksleitung, dem Genossen Rudi Fleck, Mitglied des Sekretariats der Bezirksleitung und 1. Sekretär der Kreisleitung Schwerin Stadt, dem Genossen Helmut Oder, Mitglied des Sekretariats der Kreisleitung und Oberbürgermeister, dem „Freund“ OMR Dr. Fuchs, Vorsitzenden des Bezirksausschusses der Nationalen Front und dem „Freund“ OMR Dr. Müller, Vorsitzenden des Kreisausschusses der Nationalen Front. Als „Freunde“ wurden Mitglieder der Blockparteien und anderer, von der SED kontrollierter Organisationen bezeichnet.


Zwei FDJ-lerinnen überreichten Frühlingsblumensträuße an Genossen Erich Honecker und Genossen Günter Mittag, begleitet von den Klängen der Banzkower Blasmusik, die in Mecklenburger Trachten bekannte Mecklenburger Melodien spielten. Die Musiker trugen Mecklenburger Trachten. Das ist insofern bemerkenswert, als noch bis in die 70er Jahre mecklenburgisches Brauchtum als kleinbürgerlich und reaktionär gegolten hatte und verpönt war.

Erich Honecker, Erster Sekretär des ZK der SED, im Gespräch mit Deligierten des IX. Parlaments der FDJNach einer kurzen Einkehr in die Gaststätte fuhr die Autokolonne weiter. An der Ziolkowskistraße stand ein „kleines“ Spalier von 500 Bewohnern des Großen Dreeschs, dazu kamen die Schüler der anliegenden Schulen. An der Kinderkombination (Verbindung von Kindergarten und Kinderkrippe) Ziolkowskistraße wurde ein „lautes Treiben der Kinder im Freien“ veranstaltet, mit Fähnchen, Maigrün und Blumen winkte man den Gästen zu. Ähnliches wiederholte sich an der Kreuzung Kantstraße-Leninallee. Um Lenin zu ehren, fuhr man an seinem Denkmal besonders langsam vorbei. Am Berliner Platz musste Honecker um 14:50 Uhr aussteigen und sich von etwa 5000 Bürgern der Stadt Schwerin und 160 Bürgern aus Ludwigslust begrüßen lassen. „Sie werden so stehen, daß der Blick auf die den Platz bestimmenden Gebäude und Gestaltungselemente frei bleibt. Beim Gang über den Berliner Platz begrüßen Bauarbeiter des Bezirkes Schwerin die Gäste und rechnen ihre Verpflichtungen im sozialistischen Wettbewerb ab. Sie und ihre Familienangehörigen bedanken sich für die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik der Partei.“

Um 15:05 stiegen Gäste und Repräsentanten des Bezirks Schwerin unter den Klängen eines FDJ-Orchesters in einen Bus und fuhren nach Schwerin-Süd in das Lederwaren-Kombinat, immer wieder begleitet von Hochrufen, Winkvorführungen und anderen Huldigungsbezeigungen. Auch sowjetische Bürger, die an der Ludwigsluster Chaussee wohnten, wurden zu den Jubelchören herangezogen.

Um 15:30 erwartete ein Spalier von 2000 Werktätigen von der Kreuzung Höhe Poliklinik bis zum Eingang des Lederwarenwerkes den Genossen Erich Honecker und seine Begleitung. „Drei junge Arbeiterinnen, Mitglieder der FDJ, überreichen Blumen an Genossen Honecker, Genossen Mittag und Genossen Ziegner“. Dann wurden die Gäste zu den Produktionsbändern geleitet und etliche Male begrüßt, sprachen mit Näherinnen, mussten sich in das Brigadebuch des Kollektivs „Käthe Kollwitz“ eintragen und die Wettbewerbstafel in der Montagehalle studieren. Als Geschenk erhielten die Gäste eine Kassette mit Darlegung der Entwicklung des Stammbetriebes und Verpflichtungen, dann durften sie durch ein Spalier von Werktätigen das Lederwarenwerk wieder verlassen, um ins Stadtzentrum aufzubrechen.

FDJler und KomsomolzenAn der Graf-Schack-Allee begann ein Spalier von 7000 Schweriner Bürgern, 160 Bürgern aus dem Kreis Hagenow, 180 Bürgern aus dem Kreis Gadebusch, 80 Bürgern aus dem Kreis Perleberg und 80 Bürgern aus dem Kreis Sternberg. „Die Bürger begrüßen mit Bildern des Generalsekretärs, Winktüchern, Maigrün und Blumen sowie mit selbstgefertigten Losungen mit persönlichen Bekenntnissen die Gäste.“ Um 16 Uhr hielt der Konvoi vor dem Haus der Bezirksleitung der SED in der Schlossstraße. 5000 Schweriner waren zur Begrüßung aufgeboten. Für eine kurze Zeit zogen sich die Gäste in das Arbeitszimmer des 1.Sekretärs der Bezirksleitung zurück, danach ging es ins Stadtzentrum, durch die Schlosstraße, Hermann-Matern-Straße (heute Mecklenburgstraße), Schmiedestraße auf den Markt und den Schlachtermarkt. Überall begegnete man Bürgern der Stadt, „Genossen aus Betrieben, von der BL (Bezirksleitung der SED), des Rates des Bezirkes, der Kreisleitung und vom Rat der Stadt, die die Gäste freundlich grüßen. Auf den 16 Plätzen der Mocca-Bar sitzen Mitarbeiter des Rates des Bezirkes – normale Bedienung. In der Maternstraße vor dem Kaufhaus 6 Stände. HO-Kaufhaus Magnet, 1 Stand Schallplatten. Das Sortiment ist so gewählt, daß keine Schlangen entstehen“. Im Rathaus erläuterte um 17:45 Uhr der Oberbürgermeister dem Genossen Honecker das Stadtmodell, und um 18:05 Uhr begrüßte die „Blumenfrau“ Hannlore Hinz (bekannt als Treckfiedel-Hanne) in Mecklenburger Tracht die Gäste an einem Blumenstand auf dem Schlachtermarkt. „Beim Passieren des Hauses des Bezirksschornsteinfegermeisters kommt es zu einer kurzen Begegnung mit dem Schornsteinfeger, der den Genossen der Partei- und Staatsführung weiterhin Glück und Gesundheit zum Wohl des Volkes wünscht.“

An der Ecke Großer Moor spendeten die hauptamtlichen Mitarbeiter der Kreisleitung den Gästen Beifall. Auf dem Großen Moor richtet schließlich noch ein Dachdeckermeister das Wort an seinen „Kollegen“ Erich Honecker. Dann wurden die Gäste mit einem Hochruf verabschiedet und brachen ins Gästehaus Frankenhorst auf.

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