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Stralsunder Schicksalsstunden vom 13. bis 19. Jahrhundert

Stralsund - Hafenpartie Stralsund - Hafenpartie

Stralsund, alte und einst mächtige Hauptstadt von Neu-Vorpommern oder Schwedisch -Pommern, Sitz der Regierung des Stralsunder Regierungsbezirks, ganz von Wasser umgeben, an der hier etwas über eine halbe Stunde breiten Meerenge Gellen, welche die Insel Rügen vom Festlande trennt, ist im altertümlichen Stil erbaut und befestigt, und hatte 1862 24.214 Einwohner mit Einschluss von 2.278 Mann Militär, ein 1560 gegründetes Gymnasium mit Bibliothek und Münzkabinett, ein Rathaus mit ganz altertümlicher Fassade und Bibliothek, nebst Kunstmuseum, eine Schifffahrts- und eine Gewerbeschule, ein 1619 gestiftetes Waisenhaus, ein Jungfrauenstift, eine ständische Irrenanstalt, Taubstummeninstitut, Militärknaben-Erziehungsanstalt, eine Wasserkunst, welche die Stadt mit Hochwasser versieht, Fabriken in Tuch, Wollenzeugen, Leinwand, Spielkarten, Spiegel, Leder, Zucker, Stärke, Tabak, Bürsten etc., einen Hafen, worin etwa 330 Seeschiffe aus- und eben so viel einlaufen, Schiffsbau, Seehandel, besonders mit Getreide, Malz, Wolle, Mastvieh etc. Unter den hiesigen Kirchen zeichnen sich die Nicolai- und die Marienkirche durch ihre Größe und die Jacobikirche durch zwei berühmte Gemälde von Tischbein aus. In der Fährstraße ist noch die Stelle, wo Schill am 31. Mai 1809 fiel und die am 31. Mai 1835 durch einen Stein bezeichnet worden ist. Wenn auch die erste Urkunde über das Entstehen Stralsunds, der später so gebieterischen Hansestadt und des freiheitseifrigen, starken, trotzigen Bürgertums, nicht mehr vorhanden ist, so dürfen wir doch diesmal den Angaben der heimischen Forscher im 16. Jahrhundert, der Bewahrer alter Überlieferung, trauen, dass Stralsund, als Stadt von eingewanderten Fremden bevölkert, im Jahre 1209 oder 1210 seine ersten bescheidenen Anfänge nahm. Wahrscheinlich machte die Sache ohne Zutun der Fürsten sich von selbst. Am breiten Fahrwasser, dem ebnen, fruchtbaren Rügen gegenüber, geschützt vor der Gewalt der Westwinde und Nordostwinde, dort, wo die altbekannte Insel Strela, der jetzige Dähnholm (mit einem Marine-Etablissement), den Sund teilt und beherrscht, hatte die notwendige Verbindung der Nachbarinsel mit dem Festlande früh schon eine Fährstätte mit einem Dorfe und mit Fischerhütten hervorgerufen und an der so günstig gelegenen Uferstelle unter dem Fürsten von Rügen, Jarimar, sich eine gemischte Bevölkerung eingefunden. Jarimar, in der Freude des Schaffens, ein Größeres im Auge, begünstigte die städtischen Anfänge, welchen der praktische Verstand die sicherste Stelle anwies. Dort, wo im Süden und Westen Teiche süßen Wassers, natürlichen Schutz gewährend, einen festen Grund mit dem Meeresufer einschließen, zog sich die Bevölkerung, auf Ackerbau nicht gerichtet, enger zusammen, und dort soll schon 1209 eine feste Kirche hinter Wällen und Pfahlwerk gestanden haben. Der Name Stralsund, in den ersten Jahrhunderten in Stralesund, Stralessund, Stralowe und Sundis wechselnd, ergab sich von selbst aus der Lage am Sunde und dem nahen Strela; ein rechtlich geordnetes Bürgertum konnte so früh nicht heraustreten, aber das Gepräge deutscher Bildung, im Gegensatze zur slawischen Kastellanei-Verfassung, blickt durch, indem die Bewohner alsbald als Burgmannen, Burgenses erscheinen, und adliger Burgmannen, Castrenses, nicht gedacht wird. So gering dieser Anfangspunkt deutschen Bürgertum in Pommern sein mochte, so erregte doch schon das Unternehmen selbst, die Absicht des Gründers, mit Recht Unruhen, Eifersucht und Besorgnis der pommerschen Fürsten; schwinden musste jede Hoffnung, das entrissene Land, das sie als das ihrige betrachteten, je wieder zu gewinnen, erwuchs Stadt und Feste ja auf so unzugänglicher Stelle. Deshalb ist es denn glaublich, obgleich die Erzählung nur auf dem Berichte der Forscher des sechszehnten Jahrhunderts, ohne sonstiges Zeugnis beruht, dass Bogislaw und Kasimir, in unberatener Hitze, mit ihren Mannen vor Stralsund zogen, die Befestigungen erstürmten, das wehrhafte Volk und den Fürsten Jarimar selbst in die kastellähnliche Kirche drängten, und nach Niederbrechung angefangener Bauwerke, der Einreißung der Wälle, aus dem zerstörten Orte mit den gefangenen Wehrlosen heimkehrten. Einige Jahre nach diesem zerstörenden Angriff Stralsunds durch die Pommern hatte Fürst Witzlaf I., der Sohn Jarimars, in der unmittelbaren Umgebung der Stadt, nördlich von derselben eine Burg zur Beschützung der Fähre und des nächsten Landes angelegt, und sie nach ihrer Bestimmung Schadegard, d. h. Wartburg, genannt. Bei dem Zudrange deutscher Einwanderer und der Begünstigung des Fürsten erwuchs schnell eine neue Stadt, während zugleich um die stehengebliebene Kirche der Altstadt ein Teil der Bürger sich wieder versammelte und auf dem günstig gewählten Boden ihre Häuser wieder erbaute. 1240 erhielt Stralsund, das die Lübecker, neidisch auf seinen wachsenden Handel, 1238 überfallen und verwüstet haben sollen — eine Tradition, die ganz falsch ist — von Witzlaf nochmals das Lübische Recht, nämlich das, welches Heinrich Borwin II. seiner Stadt Rostock verliehen, die Insel Dänholm geschenkt, ausgedehntere Fischerei, Zollfreiheit etc. Unerwiesen ist wohl auch die Nachricht über einen zweiten Überfall Stralsunds durch die Lübecker unter ihrem Seehelden Alexander v. Soltwedel im Jahre 1249, wenigstens ältere Nachrichten schweigen von dieser Überrumpelung. 1281 brachen zwischen Stralsund und Greifswald Händel aus, die aber bald beigelegt wurden, und 1290 erhielten die Stralsunder, selbst die Lehnträger, von Witzlaf II. die Freiheit von der Heeresfolge außerhalb der Mauern, selbst wenn das Fürstentum Rügen angegriffen würde. In die Hansa eingetreten, spielte Stralsund in diesem Bündnis bald eine hervorragende Rolle und wurde von Witzlaf III. 1314 und zwei Jahre darauf bekriegt, wobei seine Bürger so glücklich waren, den Fürsten und seine Bundesgenossen zu schlagen und eine Belagerung standhaft auszuhalten. Wiederholt, so in den Jahren 1390, 1407, 1450, fanden Aufstände statt, in denen die Bürger in der Regel den Rat verjagten. Im dreißigjährigen Kriege wollte Stralsund keine kaiserliche Besatzung einnehmen und wurde deshalb 1628 von Wallenstein belagert, welcher (der Sage nach) prahlte, er müsse es haben, wenn es auch mit Ketten an den Himmel geschmiedet wäre, aber dennoch musste er am 24. Juli die Belagerung aufheben, weshalb der 24. Juli noch heute ein kirchlich gefeierter Denk- und Danktag in Stralsund ist. Im westfälischen Frieden ward Stralsund an Schweden abgetreten, 1678 musste es sich dem Kurfürsten von Brandenburg überliefern, nachdem es fast ganz in Grund geschossen, wurde indess 1679 im Frieden von St. Germain an Schweden zurückgegeben. 1715 belagerten es die Preußen, Dänen und Sachsen: Karl XII. von Schweden verteidigte es, sah sich aber endlich genötigt, die Stadt zu verlassen, worauf sie kapitulierte, in dem Frieden vom 1. Februar 1720 jedoch mit dem übrigen Vorpommern bis an die Peene wieder an Schweden fiel. 1807 vom Januar an durch die Franzosen belagert, machte die schwedische Besatzung von Stralsund im Monat April nach dem Abmarsch des französischen Corps von Mortier einen glücklichen Ausfall und drang bis Anklam und Demmin vor, wurde aber von dem umkehrenden Feinde den 10. bei Belling geschlagen und am 18. zum Waffenstillstand, so wie Kolberg und Danzig ihrem Schicksal zu überlassen, gezwungen. Denselben zu Hilfe landeten jedoch Blücher und Winning mit einem Corps zu Ende des Monats in Stralsund. Ihre Unternehmungen hemmte indes der Friede. 1809 rettete sich Schill, von den Franzosen in die Enge getrieben, nach Stralsund und fiel dort, während sein Corps größtenteils gefangen genommen wurde.


Staats- und Gesellschafts-Lexikon von Herrmann Wagner, 20. Band. Berlin 1865


 
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