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Erkan Grantlhuber - Brief aus Bayern Nr. 12
Geschrieben von: Erkan Grantlhuber   
Mittwoch, den 27. April 2011 um 17:22 Uhr

Erkan Grantlhuber Erkan Grantlhuber

Das Dutzend ist voll und die Nase vom Grantluber auch -

Heute lässt unser Kolumnist Erkan Grantlhuber im zwölften Brief aus Bayern Dampf ab und läutet die Umdenk-Glocke


Schluss mit Qualm – Zeit für Wind und Sonne

Das war ein Ostern wie im Bilderbuch, denkt der Erkan. Sonne, Frühling, Sonntagsreden. Predigten von Tod und Auferstehung, von Verzweiflung und Hoffnung. Durch viele bayerische Kirchen zieht noch zwei Tage danach ein schwer katholischer Duft von Weihrauch. Für den alten Grantlhuber Anlass zum Grantln.
Erstens ist er gegen Rauch allergisch. Besonders gegen Rauch, der nicht sein muss, ob aus Zigaretten oder Kultkesseln. Zweitens mag er nicht, wenn was vernebelt wird: die Sicht, die Luft, das Denken.

 

Ja muaß denn dös sei? Fragt der Erkan. Muss es nicht, sagt er sich und zerknüllt die Zeitungsseiten mit dem Lamento der Stromindustrie. Die jammert, dass die Energiewende viele Milliarden kostet. Dass es nicht ohne große Opfer und Gefahren geht. Dass wir aufpassen müssen, dass Deutschland nicht Atomstrom importieren muss und am Ende vom Fortschritt abgehängt wird.
Solche Sachen stehen da.

Ja, Himmehergottsakkradienochamoinei, flucht er ganz unösterlich, der Grantlhuber. Gibt´s denn gar keinen, der diesem Blödsinn widerspricht?
Doch gibt´s. Fast hätt‘ er die Meldung überlesen: Bundesverband der Industrie (BDI) schätzt Mehrkosten für den Atomausstieg auf 1,4 Cent pro Kilowattstunde. Das ist ein Wort. Und dass der Ausstieg bis 2020 zu schaffen ist, ohne dass Deutschland in die Steinzeit zurückfällt, steht da auch.
So was.

Erkan rechnet nach: Wenn der Strompreis um 1,4 Cent auf rund 27 Cent pro Kilowattstunde steigt, ist das eine Teuerung von 5,5 Prozent. Das werden wir überleben. Vielleicht schaffen wir ein paar LED-Supersparleuchten mehr an und verzichten auf einen halben Tag Urlaub. Und schon sparen wir in unserem Haushalt 15 Prozent Strom. Der darf dann von ihm aus gern fünf Prozent teurer werden.
Sind zwar nur milchmäd-, nein: milchbübchenhafte Kopfrechnereien. Das gibt er zu, der Grantlhuber. Aber die Richtung könnte stimmen.

Und vielleicht sehen die Rechnungen der Industriebosse ähnlich einfach aus. Tschernobyl, das Atomkraftwerk, das vor 25 Jahren explodierte, hat direkte wirtschaftliche Schäden von mehr als 50 Milliarden Euro verursacht. Vielleicht auch das Doppelte oder Dreifache. Wer kann das bei der Umrechnung von Kommunisten-Rubel in Weltwirtschafts-Euro so genau sagen...

Und wie teuer es noch wird, weiß keiner. Nur, dass der neue Sarkophag für die Kraftwerksruine mindestens 1,4 Milliarden kosten wird, scheint sicher. Von den 100.000 oder 200.000 Menschen, die durch die Strahlenpest gestorben sind oder verkrüppelt wurden, reden die Politiker noch immer nicht. Die feiern in ihren Sonntagsreden nur die Helden, die damals beim Zukleistern der Reaktorruine verheizt wurden.

Fukushima wird wahrscheinlich teurer. Ein Gebiet mit einem Radius von 30 Kilometern auf Dauer unbewohnbar. Bei den Grundstückpreisen in Japan ist allein die Fläche mit 300 Milliarden Euro sicher nicht zu niedrig angesetzt.
Da ist es auch wirtschaftlich vernünftiger, die deutschen Atommeiler lieber früher als später abzuschalten und dafür Windräder und Solardächer zu bauen. Schafft auch viel mehr Arbeitsplätze, sinniert der Grantlhuber. Und das wird wohl beim BDI den Ausschlag geben: Von verbrannter Erde kann man nicht leben, auf verstrahlter Erde lässt sich nichts verdienen.

Aber Menschen, die Windräder bauen, die alle Welt will, die schaffen Mehrwert. Menschen, die Solarzellen herstellen, die 25 oder 30 Jahre Strom produzieren, ohne Schmutz und ohne Risiko, schaffen auch Mehrwert. Auf diese Weise sind in Deutschland in den vergangenen Jahren einige hunderttausend Arbeitsplätze entstanden – und könnten bis 2020 noch mehr entstehen, wenn die irre Rolle rückwärts, die im Sommer 2010 in Sachen Erneuerbare Energien in Deutschland von oben befohlen wurde, wieder umgedreht wird.

Es klingt zynisch, ist aber vielleicht so, denkt der Grantlhuber fast ein bisserl beschämt: Für uns ist Fukushima womöglich noch rechtzeitig gekommen. So kriegen wir vielleicht die Kurve ins Öko-Zeitalter wenigstens in Deutschland fast ohne Strahlenschäden.

Er selber hat jedenfalls schon ein paar kleine Schritte getan, der Erkan. Zusammen mit seiner Mary hat er das eigene Hausdach mit so viel Solarzellen bepflastert, dass die Jahresproduktion für den Jahresverbrauch von sechs Normalhaushalten reicht. Also für die Grantlhubers selber und für fünf andere Familien, die kein Solardach haben. Von denen gibt es in der Nachbarschaft noch einige. Deshalb braucht auch niemand eine neue Strom-Trasse bauen, um den Sonnenstrom der Grantlhubers zu verteilen.

Der wird im eigenen Dorf verbraucht. Und wenn an einem besonders sonnigen Tag einmal nicht zur Gänze, dann speichern die Grantlhubers den Überschuss demnächst im Batterietank ihres Elektroautos. Und hoffen, dass es ihnen möglichst viele nachmachen. Dann wird das vielleicht auch mit dem Sommersmog aus den Benzin- und Dieselkutschen irgendwann nachlassen. Den mag er nämlich noch weniger als Weih- und Zigarettenrauch,

der Erkan Grantlhuber

 
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