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Grantlhuber mag solche Sätze. Besonders wenn sie selbstironisch sind und klingen, als ob mit ihnen eine Geschichte anfangen könnte. „Nennt mich Ismael“ ist so ein Satz. Vor 160 Jahren hat damit Herman Melville seinen Moby Dick angefangen, den Roman vom weißen Wal. Besser geht’s nicht, denkt der Grantlhuber mit seinem Halbliteraten-Verstand. Oder doch? Kann man mit einem noch kürzeren Satz anfangen und dahinter ein Geheimnis… leuchten lassen?
Es geht, sagte genau 50 Jahre nach dem Amerikaner Melville ein Wahl-Münchner, 27 Jahre alt, angehender Schriftsteller. Sein erster Satz: „München leuchtete.“ Der Anfang der Erzählung „Gladius Die“.
Das Geheimnis dahinter: kein ganzer Ozean wie bei Melville, aber eine Welt voll feiner Ironie und Satire. Die Geschichte beschreibt, wie in der damaligen Kunststadt München Künstler, Kunsthändler und Kunstkritiker sich untereinander und ihr Geschäft so gut verstehen, dass im Publikum keiner merkt: es ist teils abgeschmackter Kitsch, was sie produzieren und verkaufen. Die Methode: Sie versichern sich gegenseitig, dess es Kunst ist, hohe Kunst, verehrungswürdige Kunst, schier unbezahlbare Kunst. Der eine malt, der andere redet und schreibt darüber, der dritte verkauft, alle sind zufrieden.

In diese Idylle fährt wie das Schwert Gottes – eben Gladius Dei – ein seltsamer Heiliger, ein überdrehter junger Mann, dem eine beim Kunsthändler ausgestellte Madonna zu sexy ist. „Verbrennen“ fordert er allen Ernstes vom Händler, „und die Asche verstreuen“.

Thomas Mann, so hieß der junge Schriftsteller, liebte München – und er beherrschte die Ironie, auch die Selbstironie. Die Typen aus seinem Gladius Dei waren Zeitgenossen, der Bilderstürmer ein aus der Zeit gefallener Savonarola. Genau 400 Jahre zuvor hatten den die Florentiner hingerichtet, nachdem er ihre Stadt mit seinen Wahnideen terrorisiert und unschätzbare Kunstwerke verbrannt hatte. Thomas Mann erkannte: die alten Geister sind nicht tot. Wo auf der einen Seite Selbstbetrug herrscht, haben auf der anderen die religiösen und politischen Eiferer ihre Chance. Sein Gegenmittel: Fein ätzende Satire, zartbittere Selbstironie. Schließlich war Mann gerade dabei, Mitglied dieser ehrenwerten Münchner Gesellschaft zu werden.
Bussi-Bussi-Gesellschaft nennen wir sie heute. Und alle heiligen Zeiten passiert es einmal, dass ihr einer den Spiegel vorhält. Thomas Mann 1902. Helmut Dietl und Patrick Süskind 1986. Deren Satire: „Kir Royal, aus dem Leben eines Klatschreporters“, eine Fernsehserie in sechs Teilen. Die Titelfigur Baby Schimmerlos, verkörpert von Franz Xaver Kroetz, wurde zur Legende.
„Beim Barte des Propheten“, schwor man früher in Arabien. „Beim Barte Hundhammers“, schwor man noch in den 1960-er Jahren in Bayern. Der Alois Hundhammer war mal Kultusminister in Bayern und setzte durch, dass die Lehrer ihre Schüler schlagen durften. Und unterm Barte Hundhammers beschwor man sich gegenseitig: „Mia san mia.“ Das heißt übersetzt: Wir sind die Besten, die Mehrheit, die G’scheidheit, uns kann nichts umhauen und wenn’s einer versucht, hauen wir drauf.

Manchmal hauen wir sogar schon drauf, wenn einer nicht einmal dran denkt, es zu versuchen. Wir hauen drauf, weils Spass macht. Wir – das sind immer noch dieselben Selbstvergewisserer in Kunst, Kultur und Medien, die schon Thomas Mann durch den Kakao zog. Beispiel Bayerischer Rundfunk. Da versuchte sich dieser Tage ein Rainer Volk in Satire. Im „Ende der Welt“, einer humoristischen Fünf-Minuten-Sendung, die täglich um 8.25 Uhr im Hörfunk kommt. Da haute der Volk auf die Landesbühnentage in Detmold und gleich auch noch auf die außerbayerische Provinz dermaßen ein, dass die Funken flogen:

„Der kulturbeflissene Mecklenburger, auch wenn das zunächst ein Widerspruch in sich sein mag, düst keineswegs rasch mal nach Hamburg oder Berlin… er ist auf das Landestheater Parchim zurückgeworfen“, verkündete er.

Und spannte einen weiten Bogen von Thomas Mann, wegen dessen ersten Satzes von Gladius Dei die bayerische Landeshauptstadt immer noch zum Leuchten verpflichtet sei, bis zu „Frau Müller muss weg“, dem Stück, das die aktuelle Bildungspolitik kritisiert und das Parchims Beitrag zu den Detmolder Landesbühnentagen ist.

Gemeint hat der Rainer Volk das selbstironisch, gegangen ist es in die Lederhose.
Früher sagte der Grantlhuber, wenn er sich über manche Zeitgenossen ärgerte: „Unser Herrgott hat einen reichhaltigen Tiergarten. Sein Freund Ludwig pflegte zu antworten: „Aber es ist sehr viel Hornvieh darunter.“ Das Ende der Welt im Bayerischen Rundfunk entlockt Erkan einen anderen Satz: „München hat viele Leuchten, aber es ist auch der eine oder andere Armleuchter darunter.“

Humoristen, hofft er, halten was aus, deshalb wird ihm keiner böse sein, denkt er,

der Erkan Grantlhuber.

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