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Die beste Ehefrau von allen ist Malerin. Und manches von dem, was sie produziert, muss gelagert werden, bevor es einen Liebhaber findet und gerahmt wird. Deshalb hat sie sich einen neuen Schrank mit acht großen Schubfächern bestellt. „Sehr gut, da warten wir schon drauf.“ Grantlhuber bemüht sich um Schriftdeutsch. Verständigung kommt zustande. Es wird klar, dass der Anrufer nur wissen will, ob am nächsten Tag jemand zu Hause ist, um den „Kartohng“ in Empfang zu nehmen. Ja, sagt der Erkan, bei uns ist immer jemand da.

Nächster Tag, kurz vor Mittag. Diddeldidong, ein neuer Anruf. Derselbe Anrufer, nur diesmal hörbar vom Handy: „We kümm denn sou swischen dreizin unn virzin Uähr.“ Wie gesagt, der Sprech ist für Grantlhuber schwer niederzuschreiben. Aber er versteht diesmal sofort. „Ja prima, ich mach Ihnen das große Hoftor auf. Sie können rückwärts herfahren, dann tun Sie sich leichter beim Abladen.“ Diesmal bemüht er sich gleich um Hochdeutsch, der Grantlhuber, man will ja nicht aus Hinterhuglhapfing sein. Er geht raus, entriegelt die Einfahrt, öffnet den großen Torflügel und fixiert ihn weithin sichtbar mit einem rot-weißen Hütchen. Die Straße ist eine Sackgasse und das Grantlhuber-Haus liegt ganz am Ende. Den Verkehr wird das offene Tor nicht behindern, dafür sieht der Lieferfahrer gleich von weitem, wo er hin muss.

Kurz vor eins nochmal ein Anruf. Diesmal geht die Mary hin. Der Mann im Lastwagen möchte eine Anfahrtsbeschreibung. Die Grantlhuberin erklärt den Weg von der Ortseinfahrt bis… „Doäf ich se mol ünnerbräch’n, ich hob do alsou ´n Waldweeich, den Erlenweeich, den Tannenweeich, da widd tscha der Eichenweeich auch in der Nähe sein“, tönt es aus dem Telefon. Mary muss schlucken – wo sie seit 20 Jahren wohnt, braucht sie eigentlich nicht erklärt zu bekommen. Sie atmet tief durch, wiederholt ihre Anfahrtsbeschreibung und sagt, dass das Tor schon offen steht, nicht zu übersehen ist und dass er bitte rückwärts anfahren soll.

Eine halbe Stunde später ist ein ziemlich großer Lkw am offenen Tor vorbeigefahren bis zum kleinen Gartentürl. Da steht er nun davor, blockiert tatsächlich die ganze Straße und hat die Ladeklappe heruntergelassen. Erkan ist zur Stelle, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Palette wohl nicht durch das Gartentürl passt. Aber der Mann auf dem Lkw hat erst mal andere Sorgen. Die Palette ist vorn auf der Ladefläche eingebaut. Er braucht Hilfe beim Freiräumen. Jetzt ist er in seinem Element: Wortreich erklärt er dem Erkan, dass es nett wäre, wenn er ihm dabei helfen könnte. Ebenso wortreich, wie der auf die Ladefläche zu klettern habe. Der Lieferfahrer selbst ist mit der hydraulischen Ladeklappe hochgefahren. Gut, dass Erkan als Student mal selbst Möbel ausgeliefert hat, er schwingt sich hinauf und hilft. Und dann bekommt er noch eine Erklärung: dass der Mann, der die hydraulischen Hub-Ladeklappen erfunden hat, ein Segen für die Menschheit und bestimmt zu Recht Millionär geworden ist. Grantlhuber staunt ein bisserl, lässt sich aber gern auf das Gespräch ein. Er will ja auch was von dem Fahrer: dass der den Schrank nicht vor der Haustür abstellt, sondern bitte in den Flur fährt, so dreieinhalb Meter weit ins Haus.

Aber das ist das übernächste Problem. Erst einmal muss der Lastwagen weg, damit man mit dem Hubwagen in der kleinen Stichstraße bis zum großen Tor kommt, weil das Gartentürl wirklich zu schmal ist, wie sich nach einem Versuch herausstellt, an dessen Ende ein paar Splitter von der Palette das Pflaster zieren. Aber die grasbedeckte Einfahrt hinterm großen Tor ist dem Mann aus Mecklenburg nicht geheuer. „Das schaffen wir nie, das geht nicht.“ Jetzt bemühte sich der andere um Hochdeutsch. Erkan schiebt mit an, sagt: „Positiv denken, dann geht’s schon.“ Tatsächlich geht es problemlos. Aber nur bis zur Haustür.

„Ick dörf da nich‘ rinn, dat iss wejgen der Versichrung, da bin ich mein Job lous.“ Erkan meint, er übernehme die Verantwortung für die dreieinhalb Meter und es gebe auch eine Brotzeit. Das Wort Trinkgeld will er vermeiden, schließlich gilt es, den anderen zu respektieren. Nach einigem Hin und Her fährt der Hubwagen tatsächlich durch die Haustür und setzt die Ladung mit einem Rumms im Flur ab. Beim Hinausfahren schrammt er hart am Türstock entlang. Darauf überlegt Erkan, ob er die zehn Euro, die die Mary bereitgelegt hat, nicht auf fünf reduzieren soll. Der Hubwagen rattert laut übers Hofpflaster. Erkan holt den Schein vom Küchenbüffet. „Warten’s, Eahna Brotzeit.“ Auf der Straße ist nur eine blaue Dieselwolke zu sehen.
„Dann kriegst jetzt Du die Brotzeit“, tröstet Mary ihren Grantlhuber, der etwas traurig dreinschaut. Das bringt ihn zum Lachen. Aber dass wir manchmal noch ein Verständigungsproblem haben zwischen Bayern und Mecklenburg, das ist ihm jetzt klar,
dem Erkan Grantlhuber.

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