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mM: Lieber Erkan Grantlhuber, zwischen der Müritz und dem Chiemsee, also dem größten und zweitgrößten deutschen See, liegen 900 Kilometer. Was reizt Sie, uns M'burgern und V'pommern jetzt Ihre Kolumne zukommen zu lassen?

Erkan Grantlhuber: Die Korrektheit, dass Sie den Bodensee weggelassen haben. Den teilen wir uns mit den W'bergern, den Schweizern und den Österreichern, also ist er sowenig ein deutscher See wie der Kilimandscharo der höchste deutsche Berg. Obwohl ich in München einen Koreaner kenne, der ihn, den „Kili“ deswegen bestiegen hat, weil er es mal war, der höchste „deutsche“ Berg, aber das ist eine andere Geschichte aus der Geschichte. Fakt ist: die Müritz ist der größte deutsche See, der Chiemsee das größte Meer innerhalb der Grenzen unserer Republik, weil er das bayerische Meer ist. Ois easy, ha? (Übersetzung: Alles locker, wa?)

mM: Die Vorpommern feiern das Tonnenabschlagen zur Erinnerung an die Befreiung vom Schweden-Joch. Wer statt Thilo Sarrazins Rotbuch das Telefonbuch als Sachbuch liest, sieht an tausenden Namen, wie viel Völkerwanderung Norddeutschland geprägt hat. Ist Bayern anders? Traditioneller vielleicht?

Erkan Grantlhuber: ÜberhauptS nicht, muss ich sagen. Mit Betonung auf dem S am Schluss, das falsche S ist eine bayerische Marotte wie die doppelte Verneinung, die der Lenin von uns geklaut hat, als er in München seine Oktoberrevolution vorbereitet hat. Deswegen haben wir in Bayern seit 1918 gar nie keine Revolution mehr gemacht. Ich kenne ein Dutzend Geschichtsprofessoren, die sich drum streiten, aus wievielen Stämmen die Bajuwaren zusammengeschmolzen sind und aus wievielen Gegenden die kamen. Vom Ural bis zur Biskaya, von der Lombardei bis zum Öresund. Traditioneller? Wir tun nur so. Mit Erfolg. Sprechen Sie im September in München zehn Lederhosen-Träger an. Ich wette, acht sind Japaner, Amerikaner und Chinesen. Warum im September? Weil da das Oktoberfest ist, logisch, oder?

mM: Bayern strotzt vor Selbstbewusstsein, aus unserer Sicht jedenfalls. Von den 700 größten deutschen Firmen sind 120 in Bayern, in Mecklenburg keine einzige. War das immer so? Und: Was können wir tun, dass Investoren kommen?

Erkan Grantlhuber: Geizt mit Anreizen, kann ich nur sagen. Die Menschen müssen wollen, sie möchten nicht müssen. Wer muss oder soll, mag nicht. Was glauben Sie, wann die High-Tech-Firmen München zum Silicon-Valley an der Isar gemacht haben? Das war nicht zu der Zeit, als bayerische Fremdenverkehrsdirektoren in Deutschland unterwürfig um Inlandstouristen gebettelt haben, in den 1950-er und 1960-er Jahren. Das war erst nach 1972. Da waren plötzlich die Wohnungen im ganzen Raum München knapp und teuer. Weil viele dort hin wollten, wo die Sommer-Olympiade '72 war. Die hatte als Maskottchen einen gestreiften Dackel in pastelligen Regenbogenfarben, sowas Deppertes muss man erst hinkriegen. Die Infrastruktur für Olympia und vieles andere haben wir Bayern übrigens mit Zuschüssen aus dem Länder-Finanzausgleich gebaut. Als "armes Bayern", gefüttert von NRW, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen. Bis Franz Josef Strauß an vier Semmelnknödeln starb, die er vor seinem letzten Helikopterflug zu schnell geschluckt hatte und der Trick mit dem Attribut "arm" nicht mehr funktionierte.

mM: Hunderttausende aus Thüringen, Sachsen, Mecklenburg und so weiter arbeiten in Bayern, immer mehr bewerben sich. Und hören am Telefon Sprüche wie: "Wir akzeptieren keine Zeugnisse aus der Zone!" oder "Preißn stelln mer ned ein!" Was ist oder war da los?

Erkan Grantlhuber: Da ist unser König Ludwig der Erste schuld. Der hat vor der Lola Montez, über deren schöne Beine er 1848 stürzte, die "Nordlichter" geholt. Das war Entwicklungspolitik und hat Bayern aus dem Agrarstaat-Dasein geholt. Die Nordlichter waren Professoren aus dem ganzen deutschsprachigen Raum nördlich des Mains. Sie dominierten die bayerischen Universitäten viele Jahrzehnte - nachhaltig zum Wohl Bayerns; aber wer gibt schon gern zu, dass seine Intelligenz importiert ist? Und den Bismarck haben wir auch nicht vergessen. Der zwang Ludwigs Enkel, den Märchenkönig Ludwig II., mit einer Milliarden-Bestechung dazu, einen Preußen zum deutschen Kaiser zu machen -1871 in Versailles. Dafür verlor Bayern seine Autonomie und musste 1914 einem durchgeknallten Kaiser Wilhelm in den Ersten Weltkrieg folgen - mit den bekannten Folgen.

mM: Bayern und Mecklenburg-Vorpommern haben schon lang die Gold- und Silbermedaille beim Wettlauf um die meisten Touristen, manchmal tauschen sie sie. Was kann man in Bayern erleben, was wir nicht haben?

Erkan Grantlhuber: Vieles und nix. Bevor Sie mich jetzt Pythia nennen, sag ichs klarer: Sie haben alles: Landschaft, Natur, Seen, Meer, Städte. Was Sie nicht oder wenig haben, haben wir zu viel: Gewerbegebiete, McDonalds, Zersiedelung, Autobahnen, Bundesstraßen und Vorstädte, die so oder ähnlich auch in USA oder Australien sein könnten. Mein Orakel: Wenn Meck-Pomm es schafft, McDonalds, CocaCola und Co. im Zaum zu halten, kann es im Tourismus-Rennen irgendwann sagen: Servus Bayern, das Gold bleibt bei uns. Noch ein Orakel: Der Karl Theodor wird der dritte Bundeskanzler aus Bayern. Kennen Sie die anderen zwei?*)

*) Der oder die erste, die per Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! die richtige Antwort sendet, erhält den wundervollen 1. Roman von Carola Herbst "Weiße Geheimnisse".

 

Erkan Grantlhuber - Brief aus Bayern

- Brief I  Erste Kolumne

- Brief II Zweite Kolumne

- Brief III Dritte Kolumne

- Brief IV Vierte Kolumne

- Brief V Fünfte Kolumne

- Brief VI Sechste Kolumne

- Brief VII Siebte Kolumne

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