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Sie war 32 Jahre alt, seit 10 Jahren verheiratet, und hatte erst drei Knaben glücklich geboren, dann fünf Jahre nachher eine Fehlgeburt gemacht, vor welcher sie mit einem Speichelflusse behaftet gewesen war. Gleich nach der Fehlgeburt ward sie wieder schwanger. In der Mitte der Schwangerschaft fand sich abermals ein Speichelfluss ein, der die zweite Hälfte der Schwangerschaft fortdauerte. Zugleich litt sie gegen das Ende derselben an Unterleibsbeschwerden, Hämorrhoiden, Blasenkrämpfen, die sich dann aber ganz wieder verloren.

 

Außer einer hysterischen Disposition, die auch in ihrem unverheirateten Stande schon vorhanden war, in welchem sie vielen Kummer erlitten, hatte sie sich, wie es auch noch jetzt im Ganzen der Fall war, ziemlich wohl befunden. Zwar sah sie etwas angegriffen aus, aber Appetit, Schlaf usw. waren ohne Tadel. Übrigens hat ihr früherer Zustand des Unterleibes auf ein Leiden des Pancreas besonders schließen lassen, wohin man auch eine besondere Empfindlichkeit der Herzgrubengegend gegen einen äußern Druck bezogen hat. Damit hingen ohnstreitig auch viele Magensäure, der wiederholte Speichelfluss, Übelkeiten, Erbrechen, ein trüber sandiger Harn, Schärfe an den Augenliedern, mehr und weniger zusammen. Dieser Umstände wegen hat sie auch mehrmals Karlsbad besucht, wie sie sagt, mit gutem Erfolge. Die ganze Familie leidet übrigens an Gicht und Hämorrhoiden.

 

Diese Dame ist es, welche seit geraumer Zeit, namentlich ununterbrochen seit anderthalb Jahren, an einem unersättlichen Kohlenhunger litt. Zuerst äußerte er sich in ihrer dritten Schwangerschaft, nachdem sie gegen Magensäure und den gedachten Speichelfluss auf Verordnung ihres Arztes Kohlenpulver gebraucht hatte.

 

Die Kohlen genießt sie mit großem Wohlgefallen, wobei ihr, sonderbar genug, das vom Kauen derselben entstehende Geräusch auch besonders angenehm und behaglich ist. Merkwürdig ist der Einfluss des Kohlengenusses auf ihren Gemütszustand. Hatte sie Kummer, Unbehagen, Übelkeiten, dann beruhigte und erheiterte sie der Kohlengenuss. Je größer der Kummer, desto stärker war auch der Kohlenhunger. Wenn sie sich noch so satt gegessen hatte, konnte sie doch noch viele Kohlen genießen. Jeder üble Geschmack, so, wie Säure und Sodbrennen, verloren sich sogleich nach dem Kohlengenusse.

 

Wenn die monatliche Periode eintreten will, regt sich der Kohlentrieb besonders, so dass dieser jene ankündigt. Während derselben schmecken ihr die Kohlen auch am besten; die tägliche Menge, welche sie in der Regel verzehrt, beträgt, wie sie sagt, ungefähr eine Bonboniere voll, dergleichen sie daher immer bei sich trägt. Es müssen harte Holzkohlen sein. Der einzige Nachteil, den sie davon gespürt haben will, ist, nach ihrem Ausdrucke, Obstipation [Verstopfung].

 

Da der Grund dieser Pica teils in Unordnungen der Digestionsorgane, in einer widernatürlichen Beschaffenheit der gastrischen Säfte, teils im Gehirn und dem Nervensystem, worüber die Beziehung des Nervus vagus zum Gehirne einigen Aufschluss gibt, liegt, hat man nach vorhergegangenen Brunnenkuren zu Karlsbad, von einer Seebadekur in Doberan den vollen Zweck zu erreichen gesucht. Das ganze Befinden schien allerdings deutlich dadurch gewonnen zu haben; aber der Kohlenhunger hat unmittelbar dadurch keine Veränderung erlitten.

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