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Als wir in unserer kleinen Wohnung in Datteln von unserem Grundig-Radio die Stimme des israelischen Premierministers Ben-Gurions hörten, der auf hebräisch verkündete: „Eichmann ist in unseren Händen!“, da blieb uns der Atem stocken. Nachdem Eichmann gefasst wurde, wurde er nach Israel gebracht, wo ihm der Prozess gemacht wurde. Anklagepunkt: Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Eichmann saß, wie wir aus der Zeitung entnahmen, hinter einer Glaswand, damit er nicht während des Proßesses in Selbstjustiz von einem Holocaustüberlebenden erschossen werde. Das Radio, das bis dato zu 90% von meiner Mutter „beschlagnahmt“ worden war, um klassische Musik zu hören, war nun ausschließlich auf Eichmann eingestellt.

Der Eichmann-Prozess war ein wichtiger Wendepunkt, sowohl in Israel als auch in Deutschland: Es war dies das erste Mal, dass sowohl die Opfer als auch die Täter, und auch ihre Nachkommen, öffentlich über den Holocaust sprachen. Für viele war es auch das erste Mal, dass sie privat darüber sprachen. Die Emotionen lagen brach: So fiel ein Zeuge namens Yehiel Dinur, der sich „KZ-nik“ nannte, in Ohnmacht, als er im Zeugenstand den Horror, den er im Konzentrationslager erlebt hatte, noch einmal erzählen musste, und selbst wieder erlebte. Aufgrund der Sprachdifferenzen hatte Eichmann Dolmetscher. Jedoch war dies unnötig, denn die Anwälte und Richter sprachen alle deutsch – und einige so gut, dass sie Eichmanns Deutsch verbesserten.

Die renommierte Intellektuelle Hannah Arendt, die von dem Prozess berichtete, sollte später Eichmann als Verkörperung der „Banalität des Bösen“ beschreiben: Ein unscheinbarer Bürokrat, ein Schreibtischtäter, den man kaum zur Kenntnis nimmt, der aber mehr Blut an seinen Händen hat als der bis an die Zähne bewaffnete Söldner.

Zum Schluss wurde Eichmann zum Tode durch Hängen verurteilt, und seine Asche ins Meer gestreut. Es war die einzige Todesstrafe, die der Staat Israel jemals ausgeführt hat. Für die Opfer, Überlebende und für die zweite Generation war dies nur wenig Genugtuung für das Leiden, das die Nazis über uns gebracht hatte. Ich, der ich mein Leben lang Gegner der Todesstrafe war, und es immer noch bin, dachte damals – wie heute: Ein Mensch, der sovielen Menschen das Recht zum Leben genommen hat, verdient es nicht, seinen Atem mit der Welt zu teilen.

 

 

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